2018-01-18

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Endnoten“

Morgendlicher Waldgang bei eisiger Bise; der abgedichtete tiefhängende katzgraue wehende Himmel ist gemustert vom schütteren Schnee, der in ganz unterschiedlich geformten, teils winzig kleinen, teils auffallend grossen Flocken schräg herabtanzt. Unterwegs eine Reihe gestürzter Bäume, schwer verwundet, krass zersplittert vom nächtlichen Sturm.
Vom Rücken (Osten) her kommt plötzlich matte Helle auf, das Waldgeviert ist unversehens durchwirkt von einem raren Schein, wie ich ihn bisher nur in der Kathedrale (Ste-Madeleine) von Vézelay wahrgenommen habe, ein namenloses Flair zwischen Rosa- und Rostrot, abgehoben von allem, was gegenständlich da ist, dennoch mit allem verschränkt.
Das unnennbar Schöne lebt sich aus in den desolaten Kulissen des sturmgebeutelten Bannwalds. Der schmale Pfad zur Quelle hin ist noch immer ausgelegt mit dem rottenden Herbstlaub, jetzt leicht geweisselt vom flockigen Niederschlag.
Wie immer, wenn ich hier vorbeikomme, mache ich kurz Halt auf dem Holzsteg über der aus dem moosigen Grund heraufdrängenden Quelle, schaue für ein paar Minuten senkrecht ins aufschäumende Wasser, bin auch diesmal frappiert von der unfassbaren Vielfalt der Spritzer und Wirbel und Strähnen und Schäume, die sich in glitzerndem Durcheinander wechselseitig durchdringen, sich verstärken, sich zerreissen, sich zu immer wieder andern Konstellationen fügen.
Und frage mich, mit welchem Mass, in welcher Sprache dieses alltägliche unentwegte Geschehen zu fassen wäre? Anderseits – wozu? Für wen?

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Es gibt vielerlei Gedichte wie auch prosaische Beschreibungen zum Faszinosum von Quellen und generell von bewegten Gewässern, und es gibt ebenso viele physikalische Messungen, Berechnungen, Theoriebildungen zu allen möglichen Strömungsphänomenen.
Zu allen? Da es davon doch beliebig viele gibt! Und wie sollten Dichter oder Physiker ausser den unzähligen möglichen Wasserbewegungen beziehungsweise der Bewegung von Wasser generell auch noch die ebenso zahlreichen realen, in ständiger Bewegung befindlichen Strömungen festhalten? Eine unproduktive, eine bloss rhetorische Frage! Auch wenn in der Mathematik − oder durch die Mathematik − sämtliche Strömungsvarianten vorgegeben (vorgezeichnet, modelliert) wären, der jeweilige Einzelfall, der ja immer auch schon vorbei und verflossen ist, wenn er wahrgenommen wird, lässt sich nur theoretisch, nie in der Praxis erfassen. Und allgemein hat zu gelten, dass keine noch so präzise Messung, keine noch so eingehende oder noch so poetische Beschreibung jemals mit ihrem Gegenstand übereinstimmen wird.
Da wie dort bleibt ein weder durch die Zahl noch durch das Wort fassbarer Rest, der mir als Betrachter voll bewusst ist und den ich − mit Blick hinauf in den fallenden Schnee, hinab in die schäumenden Wirbel − mit meinen Sinnen auch voll erschliessen kann. Womit er allerdings, versteht sich, einzig von mir und für mich erschlossen ist.
Dass meine sinnliche Erfahrung und Erkenntnis nicht über meinen beschränkten Wahrnehmungshorizont hinausreicht, ist kein Defizit; es ist, im Gegenteil, mein persönlicher, einzigartiger, deshalb unvergleichlicher Gewinn.

&

„Kurz, was ich heute suche“, notiert Michel Leiris im abschliessenden Buch seiner Spielregel, „ist das, was es ist, das ich suche.“

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

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„Suppe Lehm Antikes im Pelz tickte o Gott Lotte"

Gehirn

eine Hernie? aber geh! nie! hier? gern ein Reh!

Michel Leiris ・Felix Philipp Ingold

– Ein Glossar –

lies Sir Leiris leis

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