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Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Gegengabe“

Nach Simone Weil ist das Verlangen, verstanden zu werden, ein Vergehen (crimen?), solang man keine Klarheit habe über sich selbst; und aber das ebenso starke Verlangen andere, anderes zu verstehn? Ist da die Gebrochenheit nicht noch radikaler?

Abram Terz in einem Brief aus dem Arbeitslager: «Man spricht von Charakter. Ich weiss nicht, was Charakter ist. Auch in mir selbst spüre ich nicht so sehr mich selbst als vielmehr meinen Vater, meine Mutter, dich, Jegor, Puschkin, Gogol. Eine ganze Horde.»

Wenn für Kafka der Weltmeister im Schwimmen der ist, der das Schwimmen am perfektesten verlernt hat, wäre wohl anderseits der, der das Sprechen überwunden und das Schweigen gelernt hat, der eigentlich Meister der Sprache.

Kierkegaard: «Wer schweigt, hat nicht einmal eine Ahnung davon, wer er nicht ist.»

Bei Clarice Lispector lese und unterstreiche ich: «Ich kann mich nur mit dem verbinden, was ich nicht kenne.» Also mit mir selbst! denke ich: Mit meinem intimsten Feind.

In seiner Polemik gegen August Graf von Platen geht Heine über sein eignes dichterisches Wollen und Vermögen hinaus, wenn er poetologisch postuliert, «dass das Wort nur bei dem Rhetor eine Tat ist, bei dem wahren Dichter aber ein Ereignis».
Und weiter: «Ungleich dem wahren Dichter, ist die Sprache nie Meister geworden in ihm, er ist dagegen Meister geworden in der Sprache oder vielmehr auf der Sprache, wie ein Virtuose auf seinem Instrumente.»

«Glücklicherweise geht es nicht darum, zu sagen, was noch nicht gesagt worden ist», schreibt Beckett in seinem kleinen Essay über Das Gleiche nochmal anders, «sondern nochmals zu sagen, so oft wie möglich, auf möglichst engem Raum, was schon gesagt wurde.» (Maler der Verhinderung)

«Poesie und das System des Geldumlaufs zusammen sind die allergenaueste Widerspiegelung der Gesetze menschlicher Psyche und der Beziehungen zwischen den Menschen.» Ein Satz – ein Vers – aus den von Melamid und Komar gemeinsam verfassten Gedichten über den Tod.

«Die Farbe des Todes ist die Farbe der weissen Haut. Die Todesfarbe, die ich in einem kleinen Loch meiner Jeans sah.» (ebenda)

Hymne auf das Hymen.

 

aus: Felix Philipp Ingold: Gegengabe
zusammengetragen aus kritischen, poetischen und privaten Feldern

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