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Einen Sohn zu zeugen, ein Buch zu schreiben, in freier Rede eine Vorlesung zu halten … das war Amiels dreieiniges Lebensziel; nichts davon hat er verwirklicht. Aber er hat die Verwirklichung wohl gar nicht gewollt, er hat das Ziel so hoch gesteckt, daß es unerreichbar bleiben mußte; statt dessen ist er in sich gegangen … durch die kalvinistische Wüste … ins Ich. Um nirgends anzukommen. Um stets unfertig, nämlich unterwegs gewesen zu sein.
Nie ist Amiel in der Tat Vater, Autor, Lehrer geworden; er war ein Werdender stetig, er lebte von der Erwartung, für die Sehnsucht; und so schrieb er auch. Hätte er sein Ziel erreicht … sein Werk, seine Nachkommenschaft wäre längst vergessen, kassiert von der Zeit. Jedoch das Tagebuch, das er hinterlassen hat, jene vielen tausend Seiten, welche seinen Lebenstext ausmachen, sind weiterhin im Entstehen.
In dem Maß, wie ich ihn lese, mehrt sich Amiel.

 

aus: Felix Philipp Ingold: Freie Hand
Ein Vademecum durch kritische, poetische und private Wälder

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