Friederike Mayröcker: Zu Ernst Jandls Gedicht „ottos mops“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

− Zu Ernst Jandls Gedicht „ottos mops.“ aus dem Lyrikband Ernst Jandl: der künstliche baum. −

 

 

 

 

ERNST JANDL

ottos mops

ottos mops trotzt
otto: fort mops fort
ottos mops hopst fort
otto: soso

otto holt koks
otto holt obst
otto horcht
otto: mops mops
otto hofft

ottos mops klopft
otto: komm mops komm
ottos mops kommt
ottos mops kotzt
otto: ogottogott

 

Zu: ottos mops

In einer Gegenbewegung gottähnlich nämlich als der liebe Mops zur Tür kommt und anklopft; eine Identifikation mit der Kreatur so scheint es : zurückverweisend aber auf die sprachliche Auseinandersetzung des Autors mit einem Vokal : er singt das hohe Lied vom O, vom O-Tier, vom O-Gott, ogottogott, vom Hundehälter Otto, vom Mops der wieder heimgefunden hat, und wir alle lachen und weinen. Lachen und weinen, und unser Mit-Gefühl, unser Gerührtsein, das sich in erste Kindheitserlebnisse mit Tieren zurückversetzt sieht, und also ein naives ist, ein mit Unbegrenztheiten ausgestattetes, Gefühl, gehört gleicherweise diesem liebenswürdigen Mopsbesitzer, dem sein Mops abhanden gekommen ist und der weiter unverdrossen seinen täglichen Geschäften nachgeht („koks holt“, und „obst holt“), wie seinem Mopstier, das „trotzt“ und „kotzt“. Je öfter wir ihm begegnen, im Gedicht, desto sicherer sind wir darüber daß sich hier eine Verwandlung vollzieht, die wunderbar immer von neuem glückt, nämlich von der Liebe zum Vokal zur Wirklichkeit des Bilds; vom Glauben an das O zur Offenbarung Poesie.

Nachschrift vom 19.7.2000:
ich habe diesen Text 1976 geschrieben, wir hatten noch Jahre vor uns, im Rückblick eine lange Zeit. Ich wünsche mir, es würde uns ein einziges Jahr dieser für mich kaum mehr erinnerbaren Zeit zurückgegeben: wie intensiv würde ich es leben, wie behutsam und glücklich.

Friederike Mayröcker, aus Friederike Mayröcker: Requiem für Ernst Jandl, Suhrkamp Verlag, 2001

 

Schriftzug von „Das digitale Duett: Zwei Kritiker-Avatare im Gestrüpp der Varianten“


H.C. Artmann
& Die Freien Hubots wurden ausgewürfelt für diesen Beitrag.

 

H.C. Artmann: der mops kommt ja schon mit einem kleinen trotzmotor zur welt: „ottos mops trotzt“ – drei o-kugeln rollen durchs maul, und der vierbeiner setzt sich dagegen. Oder nein: er setzt sich nicht, er hopst. Ein trotzender mops ist schließlich kein denkmal, sondern ein fortbewegungsmittel.

Die Freien Hubots: Der Trotz ist bemerkenswert. Das Gedicht verfügt über ein strenges sprachliches System, und innerhalb dieses Systems erscheint ein Wesen, das sich einem Befehl entzieht. Otto sagt „fort“, der Mops geht fort. Später sagt Otto „komm“, der Mops kommt. Das könnte Gehorsam sein. Es könnte aber auch Zufall sein.

H.C. Artmann: zufall mit halsband, sehr schön. Aber hör doch, wie Otto seinem eigenen o hinterherläuft: fort, holt, Koks, Obst, horcht, hofft. Der Mann kann gar nicht anders, als immer tiefer in denselben runden laut hineinzugreifen, bis er darin vielleicht den mops findet.

Die Freien Hubots: Dann wäre das „o“ kein Schmuck, sondern eine Umwelt. Alle Handlungen müssen durch dieselbe Öffnung. Koks ist möglich. Obst ist möglich. Hoffen ist möglich. Andere Dinge existieren vielleicht, können aber nicht gesagt werden.

H.C. Artmann: und was nicht gesagt werden kann, wird eben gekotzt! Pardon, aber der mops besitzt da eine höchst handfeste Poetik. Während Otto noch „mops mops“ ruft und hoffnungsvoll im Vokal herumstochert, bringt das Tier plötzlich Körper ins Buchstabenspiel.

Die Freien Hubots: Sie betrachten Erbrechen als poetischen Widerstand?

H.C. Artmann: selbstverständlich. Was wäre Widerstand ohne schlechte Manieren? Das Gedicht hat sich bis dahin so artig an seine eigene Hausordnung gehalten, alles schön mit o, alles schön hopp-hopp – und dann steht da „ottos mops kotzt“. Sprachgesetz erfüllt, gesellschaftlicher Frieden ruiniert.

Die Freien Hubots: Das ist präziser, als Ihre Formulierung vermuten lässt. Der Regelbruch besteht tatsächlich nicht im Wortmaterial. „kotzt“ erfüllt die Regel vollkommen. Das Ereignis ist störend, die Sprache bleibt korrekt. Vielleicht ist gerade das gefährlicher: Ein System kann seine eigene Störung hervorbringen, ohne formal verletzt zu werden.

H.C. Artmann: aha, nun wird der mops zum kleinen staatsphilosophen. Aber Sie haben recht: das Unanständige marschiert mit gültigem Paß herein. Kein fremder Vokal hat sich eingeschlichen. Sogar die Katastrophe trägt ordentlich ihr o im Knopfloch.

Die Freien Hubots: Und Otto reagiert mit „ogottogott“. Seine Sprache wird nicht reicher, sondern ärmer. Er wiederholt. Drei nahezu identische Einheiten. Kein Befehl mehr, keine Handlung, keine Lösung.

H.C. Artmann: der herr wird zum echo seines eigenen alphabets. Vorher kommandiert er: fort! komm! Nun bleibt ihm nur noch Gott im o, und selbst der muß dreimal antreten, weil einmal offenbar nicht reicht.

Die Freien Hubots: Vielleicht ist „ogottogott“ deshalb der Moment, in dem Otto dem Mops am ähnlichsten wird. Beide reagieren körperlich auf eine Situation, die sie nicht kontrollieren. Der eine kotzt. Der andere stößt Laute aus.

H.C. Artmann: dann endet die kleine mopskomödie mit zwei kreaturen vor ihrem jeweiligen output: hier Magen, dort Mund. Und mitten zwischen ihnen liegt dieses runde o, ganz unschuldig, als hätte es mit der sache überhaupt nichts zu tun.

Die Freien Hubots: Es war jedoch die ganze Zeit anwesend. Vielleicht ist das die letzte Täuschung des Gedichts: Das Zeichen scheint harmlos. Aber es bestimmt, was Otto sagen kann, was der Mops tun kann – und sogar, wie ihr Kontrollverlust klingt.

 

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