Provinzielle Nachbarschaften (VII)

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Endnoten“

Ignacy Szpiwak war nur vorübergehend − für knapp einen Monat − mein Nachbar hier vor Ort, wo er im Hospiz der Kirchgemeinde ein schlichtes Zimmer mit Blick auf den ehemaligen Klosterfriedhof (Trauerweide über senkrecht stehenden Grabsteinen) bewohnte.
Szpiwak war mir schon bald nach seiner Ankunft im Städtchen aufgefallen − ein schwerer, auffallend hochgewachsener Mann mit stark gerötetem Gesicht und breitkrempigem, tief in die Stirn gezogenem Hut. Ein paarmal traf ich ihn in der Bäckerei beim Frühstück. Stets hatte er ein aufgeschlagenes Buch neben seinem Teller. Mit gesenktem Kopf, den schwarzen Filzhut leicht nach hinten geschoben, dabei hörbar kauend, schien er sich auf die Lektüre zu konzentrieren.
Bei der zweiten, dritten Begegnung sprach ich den Unbekannten an, erfuhr seinen Namen und eine Kurzfassung seiner Lebensgeschichte. − Szpiwak war in den frühen 1930er Jahren in Warschau geboren, kam nach der Besetzung Polens durch die Wehrmacht und dem Tod seiner Eltern im Partisanenkampf als Flüchtlingskind in die Schweiz. Während des Kriegs lebte er bei einer jüdischen Gastfamilie in Yverdon, danach − seit 1949 − in Israel, wohin ihn eine Kinderhilfsorganisation als Vollwaisen verbracht hatte.
In Jerusalem schloss Szpiwak seine Schulausbildung ab, studierte in der Folge Medizin, wurde Militärarzt, arbeitete als Feldchirurg, spezialisierte sich dann aber − autodidaktisch − auf Traumatologie, Schmerzbehandlung und Psychiatrie. Usf. Bis er in den 1970er, 1980er Jahren von der israelischen Armee als Experte für „hoffnungslose Fälle“ (hopeless cases), das heisst als Betreuer schwerverletzter Kriegs- und Terroropfer zum Einsatz kam. Bei einem jener Sondereinsätze wurde er selbst von einem Granatsplitter am Kopf getroffen und galt nun seinerseits als ein „hoffnungsloser Fall“.
An dieser Stelle setzte Szpiwak erstmals seinen Hut ab und liess mich die monströse Narbe auf seinem kahlen Scheitel sehen − da fehlte ein handtellergrosses Stück vom Schädelknochen, unter der vernarbten Haut pochte und pulste das Gehirn.

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Ignacy Szpiwak ist also kein „hoffnungsloser Fall“ geblieben. Dennoch entliess man ihn vorzeitig aus der Armee. Den sogenannten Lebensabend wollte er in der Schweiz verbringen, am liebsten in Yverdon, wo er nach eigenem Bekunden seine „éducation sentimentale“ erfahren hatte, die für sein weiteres Leben bestimmend geworden sei.
Das Hospiz von Romainmôtier sollte für ihn bloss eine Übergangslösung sein. Hier in der Gegend hoffte er schon bald eine Bleibe zu finden; hier wollte er seine Autobiographie − Arbeitstitel: „Risks, Hopes, Certainties“ − niederschreiben. Erst zweieinhalb Wochen waren seit seiner Ankunft vergangen, unsre morgendlichen Gespräche waren zur schönen Gewohnheit geworden und hatten eine kollegiale Freundschaft entstehen lassen, als er bei einem Waldspaziergang über seinen eigenen Gehstock stolperte, wuchtig hinfiel und liegenblieb. Er soll − Herzschlag! − sofort tot gewesen sein.
Ignacy Szpiwak hat auf dem hiesigen Friedhof im ungepflegten Gemeinschaftsgrab der Namenlosen einen Platz gefunden − den seinen?

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

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