PSALM
I. Fassung
Es ist ein Licht, das der Wind ausgelöscht hat.
Es ist ein Heidekrug, den am Nachmittag ein
aaaaaBetrunkener verläßt.
Es ist ein Weinberg verbrannt und schwarz mit
aaaaaLöchern voll Spinnen.
Es ist ein Raum, den sie mit Milch getüncht haben.
Der Wahnsinnige ist gestorben. Es ist eine Insel der
aaaaaSüdsee,
Den Sonnengott zu empfangen. Man rührt die Trommeln.
Die Männer führen kriegerische Tänze auf.
Die Frauen wiegen die Hüften in Schlinggewächsen und Feuerblumen,
Wenn das Meer singt. O! unser verlorenes Paradies.
Die Nymphen haben die goldenen Wälder verlassen.
Man begräbt den Fremden; dann hebt ein Flimmerregen an.
Der Sohn des Pan erscheint in Gestalt eines Erdarbeiters,
Der den Mittag am glühenden Asphalt verschläft.
Es sind kleine Mädchen in einem Hof mit Kleidchen voll herzzerreißender Armut.
Es sind Zimmer erfüllt von Akkorden und Sonaten.
Es sind Schatten, die sich vor einem erblindeten Spiegel umarmen.
An den Fenstern des Spitals wärmen sich Genesende.
Ein weißer Dampfer am Kanal trägt blutige Seuchen herauf.
Die fremde Schwester erscheint wieder in Jemands bösen Träumen.
Ruhend im Haselgebüsch spielt sie mit seinen Sternen.
Der Student, vielleicht ein Doppelgänger schaut ihr lange vom Fenster nach.
Hinter ihm steht sein toter Bruder. Im Dunkel des Zimmers mögen seltsame Dinge vor sich gehen.
In roten Hyazinthen verblaßt die Erscheinung der jungen Krankenwärterin.
Der Garten ist im Abend. Im Kreuzgang flattern die Fledermäuse umher.
Die Kinder des Hausmeisters hören zu spielen auf und suchen das Gold des Himmels.
Es ist eine Wolke die sich auflöst. In der Laube hat sich der Gärtner erhängt.
Im Glashaus verschwimmen braune und blaue Farben. Es ist der Untergang, dem wir zutreiben.
Wo die Toten von gestern lagen, trauern Engel mit weißen zerbrochenen Flügeln.
Unter Eichen irren Dämonen mit brennenden Stirnen.
Im Moorland schweigen vergangene Vegetationen.
Es ist ein Flüsterwind – Gott der traurige Stätten verläßt.
Die Kirchen sind verstorben, Würmer nisten sich in den Nischen ein.
Der Sommer hat das Korn verbrannt. Die Hirten sind fortgezogen.
Wo immer man geht rührt man ein früheres Leben.
Die Mühlen und Bäume gehen leer im Abendwind.
In der zerstörten Stadt richtet die Nacht schwarze Zelte auf.
Wie eitel ist alles!
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Nachbemerkung
Diese Leseausgabe bringt eine umfassende Auswahl von Dichtungen und Briefen Georg Trakls.
Die noch von Trakl selbst betreuten Sammlungen Gedichte („Der jüngste Tag“ 7/8; 1913) und Sebastian im Traum (1914) sowie die in der Zeitschrift Der Brenner posthum veröffentlichten Gedichte werden vollzählig wiedergegeben. Die Reihenfolge der Gedichttitel in beiden Bänden blieb gewahrt; die jeweils von Trakl für den Druck ausgewählte Fassung von Gedichtvarianten ist durch ein Sternchen kenntlich gemacht. Aus den übrigen Gedichten wurde eine Auswahl unter der Maßgabe getroffen, minder Gelungenes auszuschließen, aber in den Jugendgedichten dennoch die Entwicklung deutlich zu machen. Aus diesem Grund wurden auch die überlieferten Dramenfragmente vollzählig nachgedruckt. Auf eine Wiedergabe der frühen Prosa wurde verzichtet.
Von den Briefen Trakls geben wir eine Auswahl.
Für die Textgestaltung der in den Sammlungen Gedichte und Sebastian im Traum veröffentlichten Lyrik wurden die Druckfassungen zugrunde gelegt, wobei offensichtliche Fehler stillschweigend korrigiert wurden.
Die übrigen Texte folgen der historisch-kritischen Ausgabe der Dichtungen und Briefe Georg Trakls, besorgt von Walther Killy und Hans Szklenar (Otto Müller Verlag, Salzburg 1969 und 1970), der Herausgeber wie Verlag auch sonst dankbar verpflichtet sind.
Wo für einzelne Gedichte mehrere poetisch bedeutsame, relativ selbständige Textfassungen vorlagen, wurden sie in der Reihenfolge ihres Entstehens gebracht, um Einblick in die Arbeitsweise Trakls zu ermöglichen.
Die Absicht, auch wichtige und oftmals hinreißend schöne Varianten einzelner Zeilen oder Metaphern mitzuteilen, scheiterte an unüberwindlichen Auswahl- und Zuordnungsschwierigkeiten; sie hätte zu ihrer Realisierung eines weitgehenden Nachdrucks der historisch-kritischen Ausgabe bedurft.
Für kundige, geduldig-kritische Beratung danke ich meinem Kollegen und Lektor Hubert Witt in herzlicher Hochachtung.
Franz Fühmann, Nachwort, Juni 1980
Kalenderblatt für Georg Trakl
Kaum ausgeliefert, wurde die 1981 erschienene Trakl-Kassette sogleich in den Raritätenschrank gestellt. Das hatten der Herausgeber Franz Fühmann, der Reclam-Verlag und schon gar nicht Georg Trakl verdient. Die Kassette ist kein Schmuckstück, das mit Scheu aus Abstand betrachtet werden sollte. Die Edition bietet die einzigartige Gelegenheit, sich mit dem schmalen literarischen Werk des gebürtigen Salzburgers zu beschäftigen.
So kurz die Biographie des Georg Trakl (1887–1914) war, so konfliktreich war sie. Nicht mit der „Gabe des Redens“ ausgestattet, war der ausgebildete Pharmazeut ein begnadeter und besessener Poet. Die tiefe und schmerzlich empfundene Verschlossenheit, die Trakls Kontakte zu den Menschen so sehr erschwerten, wurde im Schreiben aufgehoben. Der Schmerz über die mangelhafte Mitteilsamkeit blieb die bittere Wahrheit der schwierigen Existenz des Dichters, den auch die Lyrik nicht linderte. Der Pharmazeut Georg Trakl hat schon gewußt, was er tat, als er sich einer übergroßen Dosis Kokain ausetzte, die sein Leben beendete. „Ich fühl mich schon jenseits der Welt”, schrieb der Gemütskranke eine Woche vor seinem Ableben aus dem Krakauer Garnisionsspital, in das er eingeliefert worden war. Die Melancholie hatte Macht über den Dichter gewonnen.
„Melancholie“, „Traum des Bösen“, „Delirium“ sind Titel von Gedichten, in denen „Dämmerung“ und „Abend“ häufig gewählte Worte sind. Um über die Wirklichkeit zur wesentlichen Wahrheit der Gedichte des Georg Trakl zu kommen, bedarf es der größten Achtsamkeit. Die Rigorosität des Dichters gegenüber sich selbst erfährt auch der Leser, denn der Verfasser hat selten einen Vers als etwas End-Gültiges betrachtet. Immer wieder schrieb er neue Fassungen, die oft sowohl formal wie inhaltlich erheblich verändert waren. Die unterschiedlichen Gedicht-Fassungen geben viel von den bedingungslosen Auseinandersetzungen wieder, denen sich Trakl ausgesetzt fühlte, die er annahm oder abwehrte. Es waren stets entschiedene Auseinandersetzungen eines Ichs, das nicht mehr mit der Außenwelt übereinstimmen konnte und wollte. Die Außenwelt machte sich der präzise Poet in einer strikt verdichteten Bilderwelt verständlich. In der bekamen die Gedanken und Gefühle eine Unantastbarkeit, die den Zugang zu der geistigen Wirklichkeit Trakls nicht erleichterte.
Eines aber wird jeder Leser spüren: die Verse sind voller Verzweiflung über den Zustand der Welt und voller Sehnsucht nach Schönheit. Die Tragik des Georg Trakl war, daß die Verzweiflung ihn zermürbte und ihm die Sehnsucht nicht genügend Stoff für seine Zukunft bot.
Bernd Heimberger, Neue Zeit, 8.11.1989
Fakten und Vermutungen zum Herausgeber + Filou + Instagram + KLG + IMDb + Kalliope + Archiv 1 & 2 + Internet Archive + IZA
Porträtgalerie: akg-images + Autorenarchiv Isolde Ohlbaum + deutsche FOTOTHEK + IMAGO + Keystone-SDA
Gedenkartikel: Uwe Wittstock, Max Walter Schulz, Christa Wolf, Ulrike Almut Sandig, Dietmar Riemann, Christian Klötzer, Wieland Förster, Ursula Püschel, Günter Deicke
„Dieser Text ist verschwunden.“
Interviews: mit LehrerInnen, mit Hans-Georg Soldat
FÜR GEORG TRAKL
Du, immer nur springende Erde,
weiße Menschen
und deine Schwester im Gesicht,
du bist mein gelblicher Atem,
meine blauen Zähne, meine violetten
Lippen, rudernden Augen,
meine singende Erde,
mein tödlichstes Licht.
Oliver Behnssen
TRAKL
Manchmal schwebt so’n Sterbegeruch
In den Abenden, die vorüberziehn
Und leuchten, und der Jahrtausendschweiß
Steht auf der Stirn den Dämmernden.
Aber: Was ich atme,
Ist das Fremde, und die Bäume
Sind zuckende Fäuste ins Schlafgemüt
Des Himmels. Der macht mir
Nichts vor: So schwarz,
Wie der ist, kann man gar nicht sehn.
Uwe Lummitsch
GEORG TRAKL
Es ist ein Tannenfeld, in das ein Wolf einfällt
es ist ein dunkles Loch unter einem bösen Baum
Es ist ein Zischelwind, der rote Socken umkreist,
Wie traurig mich diese Nachricht macht
am Morgen sechs vor acht.
Peter Wawerzinek
Klaus Mann: Ueber Georg Trakl in der Weltbühne vom 2.10.1924
Wilhelm Grashoff: Dichter der Schwermut und der Vergänglichkeit, Die Zeit, 12.1.1950
Eberhard Sauermann: LESEN oder meiden
Slata Roschal: Georg Trakl wiedergelesen – Ein melancholisches Entzücken
Ulrike Tanzer: Georg Trakls letzte Reise
Zum 50. Todestag des Autors:
Heinz Ludwig Arnold: Georg Trakl zum Gedächtnis
Die Tat, 30.10.1964
Zum 90. Todestag des Autors:
Hans Weichselbaum: Endstation Grodek
Die Furche: 18.11.2004
Zum 100. Geburtstag des Autors:
Adrien Finck: Trakl hier und heute
Hans Weichselbaum (Hrsg.): Trakl-Forum 1987, Otto Müller Verlag, 1988
Zum 100. Todestag des Autors:
Norbert Hummelt: Strassen der Verwesung
Neue Zürcher Zeitung, 21.7.2014
Gunnar Decker: Wahrheit ist Schmerz
Neues Deutschland, 3.11.2014
Arno Widmann: „So einsam war es in der Welt“
Frankfurter Rundschau, 2.11.2014
Beatrice von Matt: Blaue Stille, dunkle Gifte
Neue Zürcher Zeitung, 3.11.2014
Gerald Heidegger: „Wie weh ist die Welt…“
orf.at, 3.11.2014
Dieter Kaltwasser: Lasst ihn in seiner Einsamkeit
literaturkritik.de, 3.11.2014
Peter Paul Wiplinger: Trakl – eine Betrachtung
editionslabor.de, 3.11.2014
Eberhard Sauermann: Sinnsuche und -verweigerung
Die Furche, 30.10.2014
Jan Kuhlbrodt: Der erste Kontakt
signaturen-magazin.de
Andreas Puff-Trojan: Weißer Engel an verfallener Mauer
Hajo Jahn (Hrsg.): Der blaue Reiter ist gefallen. Peter Hammer Verlag, 2015
Fakten und Vermutungen zum Autor + Instagram 1 & 2 + IMDb + Touri-Website + ÖM + IZA + di-lemmata + Archiv 1 & 2 + Internet Archive + Kalliope
Porträtgalerie: Keystone-SDA
Trakl 1: Manuskripte. Virtuelle Führung durch den Georg-Trakl-Nachlass im Brenner Archiv.
Trakl 2: Probleme der Edition. Virtuelle Führung durch den Georg-Trakl-Nachlass im Brenner Archiv.
Trakl 3: Krieg und Testament. Virtuelle Führung durch den Georg-Trakl-Nachlass im Brenner Archiv.








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