Guillaume Apollinaire: Dichtungen

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Guillaume Apollinaire: Dichtungen

Apollinaire-Dichtungen

ZONE

Zuletzt bist du müde dieser alten Welt

Hirte o Eiffelturm die Herde der Brücken blökt diesen Morgen

Genug hast du davon zu leben im griechischen Altertum und im römischen

Hier sehen selbst die Automobile aus als ob sie alt wären
Die Religion allein ist ganz neu geblieben die Religion
Ist einfach geblieben wie die Hangars des Flughafens

Einzig du in Europa bist nicht altertümlich o Christentum
Der modernste Europäer seid Ihr Papst Pius X.
Und du den die Fenster beäugen die Scham hält dich zurück
In eine Kirche einzutreten und zu beichten heute morgen
Du liest die Prospekte die Kataloge die Plakate die mit lauter Stimme singen
Das ist die Poesie diesen Morgen und für die Prosa gibt es die Tageszeitungen
Es gibt die Fortsetzungsheftchen zu 25 Centimes voll von Polizeiabenteuern
Porträts der großen Männer und tausend verschiedenartige Titel

Ich habe heute morgen eine hübsche Straße gesehen deren Namen ich vergaß
Neu und sauber von Sonne war sie ein Trompetenstoß
Die Direktoren die Arbeiter und die schönen Stenotypistinnen
Gehen von Montagmorgen bis zum Samstagabend viermal täglich dort hindurch
Am Morgen heult dort dreimal die Sirene auf
Eine wütende Glocke bellt gegen Mittag
Die Inschriften der Firmenschilder und der Mauern
Die Anschläge die Wegweiser kreischen nach Art der Papageien
Ich liebe die Anmut dieser Industriestraße
Die in Paris zwischen der Rue Aumont-Thiéville und der Avenue des Ternes verläuft
Das ist die jugendliche Straße und du bist noch ein kleines Kind
Deine Mutter kleidet dich nur in Blau und Weiß
Du bist sehr fromm und mit dem ältesten deiner Kameraden René Dalize
Liebt ihr nichts so sehr wie den Kirchenprunk
Es ist neun Uhr das Gas ist heruntergeschraubt ganz blau ihr schleicht heimlich aus dem Schlafsaal
Ihr betet die ganze Nacht in der Kapelle der Schule
Während ewige und anbetungswürdige amethystene Tiefe
Unaufhörlich kreist die flammende Glorie Christi
Das ist die schöne Lilie die wir alle pflegen
Das ist die Fackel mit rotem Haar die der Wind nicht auslöscht
Das ist der bleiche und purpurblutige Sohn der schmerzensreichen Mutter
Das ist der Baum immer dicht bewachsen mit allen Gebeten
Das ist die zwiefache Stütze der Ehre und Ewigkeit
Das ist der sechsstrahlige Stern
Das ist der Gott der am Freitag stirbt und am Sonntag wieder aufersteht
Das ist Christus der zum Himmel aufsteigt besser als die Aviatiker
Er erringt den Welthöhenrekord
Pupille Christus des Auges
Zwanzigste Pupille der Jahrhunderte er weiß damit umzugehen
Und in einen Vogel verwandelt steigt dieses Jahrhundert wie Jesus in die Luft
Die Teufel in den Abgründen heben den Kopf um ihm nachzusehen
Sie sagen daß er Simon Magus in Judäa nachahme
Sie schreien wenn er zu fliegen verstehe nenne man ihn einen Windigen
Die Engel flattern um den hübschen Flatterer
Ikarus Enoch Elias Apollonius von Tyana
Schweben um den ersten Aeroplan
Sie machen manchmal Platz um die hindurchzulassen welche die Heilige Eucharistie trägt
Jene Priester die ewig hinaufsteigen die Hostie hebend empor
Das Flugzeug landet zuletzt ohne die Flügel wieder zu schließen
Der Himmel füllt sich darauf mit Millionen Schwalben
Pfeilschnell kommen die Raben die Falken die Eulen
Von Afrika treffen die Ibis ein und die Flamingos die Marabus
Der Vogel Rok gefeiert von den Märchenerzählern und den Dichtern
Schwebt herbei in den Krallen haltend den Schädel Adams den ersten Kopf
Der Adler taucht am Horizont empor einen lauten Schrei ausstoßend
Und von Amerika kommt der kleine Kolibri
Von China sind die Pihis gekommen lang und schmiegsam
Die nur einen Flügel haben und zu Paaren fliegen
Dann sieh da die Taube den unbefleckten Geist
Den der Leiervogel und der augengeschmückte Pfau geleiten
Der Phönix dieser Scheiterhaufen der sich selbst neu gebärt
Verschleiert einen Augenblick alles mit seiner glühenden Asche
Die Sirenen die gefahrvollen Meerengen verlassend
Treffen ein mit bezauberndem Gesange alle drei
Und alle Adler Phönix und Pihis aus China
Verbrüdern sich mit der fliegenden Maschine

Jetzt wanderst du durch Paris ganz allein in der Menge
Herden von heulenden Autobussen rollen nahe an dir vorüber
Die Angst der Liebe würgt dir die Kehle
Als ob du niemals mehr geliebt sein solltest
Wenn du in der alten Zeit lebtest trätest du in ein Kloster ein
Ihr schämt euch wenn ihr euch dabei überrascht daß ihr ein Gebet sagt
Du machst dich über dich selber lustig und wie das Höllenfeuer prasselt dein Gelächter
Die Funken deines Lachens vergolden den Grund deines Lebens
Dies ist ein Bild aufgehängt in einem düsteren Museum
Und manchmal gehst du hin es aus der Nähe zu betrachten

Heute wanderst du durch Paris die Frauen sind blutigrot
Dies geschah und ich möchte mich dessen nicht erinnern dies geschah im Abstieg der Schönheit

Von inbrünstigen Flammen umgeben sah Notre-Dame mich an zu Chartres
Das Blut von eurem Sacré-Cœur überschwoll mich in Montmartre
Ich bin krank die glückbringenden Worte zu hören
Die Liebe an der ich leide ist eine schmachvolle Krankheit
Und das Bild das dich in seiner Gewalt hat läßt dich am Leben bleiben in Schlaflosigkeit und Beklemmung
Immer ist es bei dir dieses Bild das flieht

Jetzt bist du am Ufer des Mittelmeeres
Unter den Zitronenbäumen die das ganze Jahr in Blüte stehen
Mit deinen Freunden fährst du in der Barke
Der eine ist aus Nizza einer von Mentone und zwei sind Turbiasken
Wir betrachten mit Entsetzen die Polypen der Tiefe
Und zwischen den Algen schwimmen die Fische Bilder des Heilands
Du bist in dem Garten eines Gasthofs in der Umgebung von Prag
Du fühlst dich ganz glücklich eine Rose steht auf dem Tisch
Und du beobachtest anstatt an deinem Prosagedicht zu schreiben
Den Goldkäfer der in dem Herzen der Rose schläft

Voll Schrecken siehst du dich gezeichnet in den Achaten von Sankt-Veit
Du warst auf den Tod traurig am Tage als du dich dort sahst
Du gleichst dem Lazarus der durch das Tageslicht verwirrt ist
Die Zeiger der Uhr im Judenviertel gehen rückwärts
Und auch du gehst langsam in dein Leben zurück
Während du zum Hradschin hinaufsteigst und abends mitzuhörst
Wie man in den Schenken tschechische Volkslieder singt

Nun bist du in Marseille inmitten der Wassermelonen

Nun bist du in Koblenz im Hotel zum Riesen

Nun bist du in Rom und sitzest unter einem japanischen Mistelbaum

Nun bist du in Amsterdam mit einem jungen Mädchen das du schön findest und das häßlich ist

Sie soll sich verheiraten mit einem Studenten aus Leyden
Dort vermietet man die Zimmer auf lateinisch Cubicula locanda
Ich entsinne mich dessen ich habe dort drei Tage zugebracht und ebensoviele in Gouda

Du bist in Paris bei dem Untersuchungsrichter
Wie einen Verbrecher nimmt man dich in Haft
Du hast leidvolle und heitere Reisen gemacht
Bevor du Lüge und Alter gewahrtest
Du hast an der Liebe gelitten mit zwanzig und mit dreißig Jahren
Ich habe gelebt wie ein Verrückter und ich habe meine Zeit vergeudet
Du wagst deine Hände nicht mehr anzusehen und in jedem Augenblick möchte ich in Schluchzen ausbrechen
Über dich über die die ich liebe über alles was dich erschreckt hat

Du betrachtest mit Augen voll Tränen diese armenFlüchtlinge
Sie glauben an Gott sie beten die Frauen stillen Kinder
Sie erfüllen mit ihrem Geruch die Bahnhofshalle von Saint-Lazare
Sie haben Vertrauen in ihren Stern wie die Heiligen Drei Könige
Sie hoffen Geld zu verdienen in Argentinien
Und in ihre Heimat zurückzukehren mit einem erworbenen Vermögen

Eine Familie trägt ein rotes Daunenbett mit sich wie ihr euer Herz mit euch tragt
Dieses Daunenbett und unsere Träume sind gleichermaßen unwirklich
Einige dieser Flüchtlinge bleiben hier und mieten sich ein
Rue des Rosiers oder Rue des Ecouffes in Spelunken
Ich habe sie oft gesehen abends schöpfen sie Luft in der Straße
Und wechseln selten ihre Plätze wie die Figuren im Schachspiel
Besonders Juden gibt es ihre Frauen tragen eine Perücke
Und bleiben sitzen blutlos im Hintergrund der Kaufläden

Du stehst aufrecht vor dem Zinktisch einer wüsten Bar
Du nimmst einen Kaffee zu zwei Sous unter den Unglücklichen

Du bist zur Nacht in einem großen Restaurant

Diese Frauen sind nicht böse sie haben Sorgen indessen
Alle selbst die Häßlichste hat ihren Liebhaber leiden lassen
Sie ist die Tochter eines Stadtpolizisten von Jersey

Ihre Hände die ich nicht gesehen hatte sind hart und aufgesprungen
Ich habe ein unendliches Mitleid für die Schnitte an ihrem Leib
Ich erniedrige jetzt einem armen Mädchen mit schrecklichem Lachen zuliebe meinen Mund

Du bist allein der Morgen bricht an
Die Milchmänner lassen ihre Kannen in den Straßen klingen

Die Nacht entfernt sich wie eine schöne Mestizin
Es ist Ferdine die falsche oder Lea die aufmerksame

Und du trinkst diesen Alkohol der brennt wie dein Leben
Dein Leben das du trinkst wie einen Schnaps

Du marschierst nach Auteuil zu du willst zu Fuß nach Hause gehen
Schlafen unter deinen Fetischen von Ozeanien und von Guinea
Sie sind Christusgestalten einer anderen Form und eines anderen Glaubens
Es sind die Heilande einer niederen Welt der dunklen Hoffnungen

Leb wohl leb wohl

Sonne Hals durchhackt

Deutsch von Fritz Usinger

 

Trennzeichen 25 pixel

 

Apollinaire, der Dichter Guillaume Apollinaire

nimmt mit einem einzigen Flügelschlag die Höhe, die jedem anderen versagt ist, und zeichnet die neue Sternenstraße zwischen dem Glück, dem Geist und der Freiheit, dem Dreigestirn im Exil am Himmel der Poesie unseres tragischen Zeitalters.
Jeden Tag fährt Guillaume Apollinaire fort, für uns, unerschöpfbar, in dem hermetischen Block, der Paris ist, königliche Straßen zu brechen, wo die Frauen und die Männer Frauen und Männer mit transparentem Herzen sind.

René Char, 16. März 1953, Geleitwort

Vorwort

Wenn Guillaume Apollinaire in seinem programmatischen Aufsatz „L’esprit nouveau et les Poètes“ (Mercure de France, 1er déc. 1918) schreibt: „Les Francais portent la poésie à tous les peuples“, so wird von diesen anderen Völkern dagegen mancher Einspruch erhoben werden. Und dennoch ist es so, daß Frankreich im 19. und 20. Jahrhundert der europäischen Literatur eine Reihe von Klassikern der Moderne geschenkt hat, und zwar von Lyrikern neuer und großer Art, ohne die diese europäische Literatur kaum mehr vorstellbar ist. Es sind Verlaine, Baudelaire, Mallarmé, Rimbaud und Apollinaire. Verlaine hat noch deutliche Beziehungen zur Romantik, Baudelaire bringt eine neue Materie und eine neue Psychologie in die Dichtung, Mallarmé verändert die lyrische Kunst völlig vom Wort und von der Syntax her, von innen her, behält aber die traditionelle Form der Reimstrophe bei, Rimbaud durchbricht als erster (1872/73) in seinen „Illuminations“ und der „Saison en Enfer’“ die alten Formen und stößt zu ganz unbekannten Möglichkeiten des Gedichts vor, Apollinaire (1880–1918) macht diese Eroberungen, die bei Rimbaud noch von Zügen des Leidens, ja einer höllischen Qual gezeichnet sind, zu einem natürlichen und selbstverständlichen Besitz, den er an die kühnen methodischen Umformungen der bildenden Kunst seiner Zeit anschließt. So ist an diesen paar großen Namen die ganze Entwicklung der modernen Dichtung ablesbar.

Der Einfluß und die Geltung dieser Dichter in Deutschland sind sehr verschieden. Verlaine ließ sich leicht an gewisse musikalische und gefühlsmäßige Elemente der deutschen Dichtung anschließen, aber um dieser Ähnlichkeit willen übte er keine um- und neuformende Wirkung. Baudelaire wurde durch eine Fülle der Übersetzungen, an deren Spitze die Stefan Georges stand, fast populär. Mallarmé wirkte nur mittelbar, indem er durch seinen persönlichen und dichterischen Eindruck Werk und Leben Stefan Georges formen half, unmittelbar durch seine Dichtung trat er erst sehr spät, nach dem zweiten Weltkriege nämlich, in Erscheinung, wo plötzlich eine ganze Welle von Übertragungen seiner Gedichte hervortrat, ohne allerdings auf den Entwicklungsgang der zeitgenössischen deutschen Literatur irgendwie einzuwirken. Noch nicht einmal eine kritische Diskussion des Phänomens Mallarmé kam zustande. Rimbaud wurde nur in der ersten, traditionalistischen Hälfte seines Werks in Deutschland aufgenommen, ja, sein „Trunkenes Schiff“ errang einen gewissen Ruhm, während die „Illuminations“ und „Une Saison en Enfer“, trotz der verdienstvollen zweisprachigen Ausgabe von Walther Küchler, keinerlei Spuren hinterließen. Guillaume Apollinaire schließlich ist in Deutschland völlig unbekannt. Selbst der Name drang kaum über die Grenzen herüber.
Wenn man einen Grund für diese Verborgenheit Apollinaires angeben will, so muß man ihn wohl in dem Entwicklungsstand der zeitgenössischen deutschen Lyrik suchen. Jahrzehntelang war hier der Einfluß Rilkes beherrschend, und die Ausstrahlung seiner Duineser Elegien wirkt bis in unsere Tage fort und findet nun einen gewissen Anschluß an den elegienartigen Gedichten Eliots. Während die französische Dramatik bei uns das Feld beherrscht, blieb dagegen die französische Lyrik, mit Ausnahme der von Rilke übersetzten Gedichte Valérys, ausgeschlossen und kam noch nicht einmal zu Ansätzen irgendeiner Einwirkung. Während der französische Existentialismus zu einem erfolgreichen Publikumsthema in Deutschland wurde, gewann der Surrealismus nur in der Malerei Boden, wurde aber für die Literatur nicht fruchtbar. Alles, was die französische Lyrik seit Apollinaire an neuen Ausdrucksmöglichkeiten gewann, ist in Deutschland noch keiner Prüfung unter  zogen und noch nicht verarbeitet worden.
Hier scheint sich nun eine Wandlung vorzubereiten. Die junge Generation gewinnt auf einmal ein sprachliches Gefühl für jene neuen Sageweisen, für die Frische der Metaphorik, für die Notwendigkeit des Ungewohnten, für das Auftauchen eines neuen Geheimniszaubers und nicht zuletzt für jene Freiheit von Schablone und Klischee, die ungemessene Räume eröffnet. Und nun offenbart sich auch, daß diese neue Dichtung bei uns in einigen großen Vorläufern vorbereitet ist: in dem Phantasus von Arno Holz, dem Charontischen Mythus von Otto zur Linde, dem Nordlicht Theodor Däublers und dem gewaltigen Lebenswerke Alfred Momberts.
Die Kenntnis der beiden großen Gedichtwerke Apollinaires, der Alcools (1913) und der Calligrammes (1918), ist wichtig, weil sie in einem entscheidenden Entwicklungsstadium der europäischen Literatur und bildenden Kunst entstanden und in sich selbst den Durchbruch der neuen Prinzipien beispielhaft darstellen. Das Mitreißende und Wunderbare in dem Werke Apollinaires ist nun, daß sich dieser Durchbruch nicht in der Form einer qualvollen Problematik, sondern mit der gesunden Kraft eines neuen Lebensgefühls vollzieht. Was man seit jeher als das Neue in der Kunst Apollinaires bezeichnete und auch heute, nach 30 Jahren, immer noch als solches empfindet, ist nicht ein mehr oder weniger kühnes literarisches Experiment, sondern die natürliche Frische und die sinnenhafte Gesundheit, mit der er die neuen Welt-Eindrücke aufnahm und im Wort wiedergab. Das war es ja auch, was ihn mit den wagemutigsten Malern seiner Epoche verband: diese neue Sinnenhaftigkeit vor der Realität. Er sog mit tiefen Zügen einer unerschöpflichen Aufnahmefähigkeit die Welt ein und atmete sie in den hymnischen Wortstürzen sei  ner Gedichte ebenso gewaltig aus. Das Ganze war bei ihm primär ein menschlicher und nicht ein ästhetischer Vorgang. Das gibt seinen Gedichten ihre eigenste Lebenskraft und auch die geschichtliche Vollmacht, stellvertretend für ihre Epoche aufzutreten. Es mag gewiß nicht ohne Bedeutung gewesen sein, daß er von seiner Mutter, Alexandrine Angélique Kostrowicka, her einem polnisch-litauischen Geschlechte zugehörte und von seinem Vater, Francesco Flugi d’Aspermont, her dazu noch italienisches Blut in den Adern hatte (seine Eltern waren nicht durch eine Ehe verbunden, er selbst hieß nach dem Familiennamen seiner Mutter de Kostrowicki). Entscheidend ist, wie dieser Nicht-Franzose im Laufe seines Lebens völlig zum Franzosen wird, künstlerisch und menschlich, bis zur Hingabe seines Lebens im ersten Weltkrieg: er meldet sich freiwillig zum Heeresdienst, zuerst zur Artillerie, dann zur Infanterie, wird durch einen Granatsplitter am Kopfe schwer verletzt und fällt, bei seinen geschwächten Kräften, im Jahre 1918 der damals in ganz Europa epidemisch auftretenden Grippe zum Opfer.
„Pardonnez-moi de ne plus connaître l’ancien jeu des vers“, heißt es in Alcools. Dazu ist ergänzend zu sagen, daß Apollinaire auch das „alte Spiel der Verse“ bis zur Virtuosität beherrschte, aber daß er im Laufe seines Lebens immer weiter über dessen Grenzen hinausrückte, die ihm nicht mehr dazu taugten, die neuen großen ihm zuwachsenden Lebensräume der Dichtung in sich aufzunehmen und zu umfassen. Seine künstlerischen Eroberungen wurden ihm aber nicht zuteil durch radikale Umstellungen in der formalen Methode, wie dies z.B. bei der von ihm so geliebten kubistischen Malerei der Fall war, sondern durch eine stoffliche und gehaltliche Erweiterung des Gedichts, das dann von sich aus die Schranken des Metrums und der Reim-Bindung durchbrach. Seine Gedichte sind durchaus nicht, in einem aufs Literarische übertragenen Sinne, kubistisch. Auch das Weglassen aller Interpunktion seit den Alcools und der in den Calligrammes unternommene Versuch, das Druckbild der Buchseite figurativ umzugestalten, sind nicht in einem solchen Sinne auszulegen. Seine eigentlichen Neuerungen sind anderer Art. Was er entdeckte, sind weder unerhört neue Welten der Form, noch solche des Stoffs oder der den Stoff überflügelnden Phantasie. Es sind vielmehr neue Ordnungen, Umordnungen oder gar Unordnungen des ihn umgebenden, alltäglichen, realen Weltstoffs. Apollinaire besitzt eine großartige Frische des Schauens, eine überraschende optische Kraft, die Dinge in ihrer Eigenexistenz wahrzunehmen. Das mag es auch gewesen sein, was ihn so leidenschaftlich den großen Malern seiner Zeit verband. Aber dabei läßt er es nicht bewenden. Er verwendet diese Schaubilder mit einer souveränen Freiheit der Assoziation, wobei seine Ausdrucksskala vom Humor bis zur tragischen Trostlosigkeit reicht. Er fügt die Bildelemente in ganz ungewohnte Verbindungen oder er löst sie aus allen Zusammenhängen und läßt sie inselhaft-einsam nebeneinander stehen. André Billy (Guillaume Apollinaire, Paris 1947) sieht darin mit Recht das Ende der „alten diskursiven Poesie“. Die logische Folge wird abgelöst von einer neuen emotionalen Ordnung, deren Zusammenhänge natürlich viel schwieriger zu überblicken sind. Diese Alogik in der Fügung und Gliederung der Gedichtelemente ist nichts anderes als die natürliche Entsprechung zu der Alogik des Weltbildes unserer Zeit. Und noch etwas anderes gehört zu dem Charakter dieser Gedichte: der Versuch, die Gleichzeitigkeit mehrerer Vorgänge zu geben. Das Gedicht soll dadurch nicht nur eine gewisse Vielschichtigkeit gewinnen, sondern es soll auch ein echtes Abbild des wirklichen Weltgeschehens mit seiner unendlichen Bündelung von Geschehnisabläufen sein. Man könnte also geradezu behaupten, daß es die dichterische Absicht Apollinaire’s ist, immer näher an den menschlich erfahrbaren und erfahrenen Weltzustand heranzukommen. Er ist kein Weltflüchtling, trotz aller üppigen Phantasie kein Phantast, er ist kein Skeptiker und kein Existentialist. Er bedarf keiner Hölle, wie Rimbaud, oder gar „eines ganzen Konzerts von Höllen“. Für ihn gilt das andere Wort Rimbaud’s: „La terreur n’est pas française“, der Schrecken ist unfranzösisch. Apollinaire hat sich niemals gefürchtet, auch nicht vor dem Krieg, dem Schützengraben und dem Trommelfeuer.
Wenn sein dichterisches Werk wie eine Apotheose des künstlerischen Prinzips der Überraschung anmutet und er selbst zu dieser Auffassung manches Theoretische beigetragen hat, so hat es etwas Rührendes an sich, wenn dieser Mann der mächtigen und turbulenten Vitalität feierlich verkündet

… l’ordre et le devoir sont les grandes qualités classiques par quoi se manifeste le plus hautement l’esprit français.

Zu der Ordnung und der Zucht fügt er als drittes Prinzip noch das der Freiheit, und damit glaubt er die umfassendste Formel gewonnen zu haben für eine Dichtung, wie er sie viel  leicht noch nicht schuf, aber wie sie ihm vorschwebte. Manche Kenner behaupten, wenn Apollinaire länger gelebt hätte, so wäre er ein Klassiker geworden. Es scheint aber, daß er nach seinem tiefsten Wesen und seinen geheimsten Absichten schon einer war, nur ein radikaler Klassiker, wie man ihn vorher noch nicht gekannt hatte, der radikalste Klassiker wohl der französischen Literatur. Es gibt eine Handzeichnung Apollinaire’s, einen geflügelten Drachen darstellend, in die der Dichter die Worte eingeschrieben hat:

Adieu!… à peine la nécessité… l’oeillet… la rose.

Es ist eine Art Kennwort für die Dichtung Apollinaire’s, das besagt: Auch hier triumphiert, über alles Drachenhafte und allen Zwang hinaus, das Schöne, die Nelke, die Rose.

Fritz Usinger, Vorwort

 

 

Richard Schroetter: Impressario der Moderne, Deutschlandfunk Kultur, 2.12.2025

 

Zum 100. Todestag des Autors:

Nico Bleutge: Die Strassen von Paris las Guillaume Apollinaire als wären es Bücher
Neue Zürcher Zeitung, 9.11.2018

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + Instagram + IMDbPennsoundInternet ArchiveKalliope
Porträtgalerie: akg-images + gettyimages + Keystone-SDA
Nachruf auf Guillaume Apollinaire: Tumba

 

Guillaume Apollinaire: „Un siècle d’écrivains“, Nummer 175, ausgestrahlt am 18. November 1998 in Frankreich unter der Regie von Jean-Claude Bringuier.

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

„Suppe Lehm Antikes im Pelz tickte o Gott Lotte"

Pythia

atypischer Hit: Pia blüht auf.

Michel Leiris ・Felix Philipp Ingold

– Ein Glossar –

lies Sir Leiris leis

Würfeln Sie später noch einmal!

Lyrikkalender reloaded

Luchterhand Loseblatt Lyrik

Planeten-News

Planet Lyrik an Erde

Tagesberichte zur Jetztzeit

Tagesberichte zur Jetztzeit

Freie Hand

Haupts Werk

Gegengabe

0:00
0:00