Iwan Goll: Poesiealbum 182

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Iwan Goll: Poesiealbum 182

Goll/Huniat-Poesiealbum 182

LIED DER UNBESIEGTEN

Schwarze Milch des Elends
Wir trinken dich
Auf dem Weg ins Schlachthaus
Milch der Finsternis

Man gibt uns Brot
Weh! Es ist aus Staub
Unser Schrei steigt rot
Aus dem Schlachthof auf

In unsrem Höllenwein
Aus der Reben Glut
Aus Schädeln und Bein
Gärt Luzifers Blut

Aus den Augen wächst Klee
Den Mord zu beweinen
Und der Ahnen Armee
Wacht unter den Steinen

Uhu der Dunkelheit
Wird den Racheruf schrein
Wölfe werden die Söhne sein
Reißende Grausamkeit

Schwarze Milch des Elends
Wir trinken dich
Auf dem Gang ins Schlachthaus
Milch der Finsternis

(1942)
Deutsche Fassung von Iwan Goll

 

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Iwan Goll

In den aufrüttelnden Schrei der expressionistischen Dichter stimmte der junge Iwan Goll ein. Er teilte ihre Sehnsucht nach menschheitserlösender Gemeinschaft, aber auch ihre Erfahrung der Zerrissenheit. Seinen rhythmisch geballten Versen verlieh er visionäre Kraft, bannte die Fülle des Geschauten in transparenten Metaphern und sinnfälligen Motiven. Er rang zeitlebens um eine humanistische Botschaft seiner Dichtung. War sie zunächst als Requiem für die Gefallenen Europas und als Widerhall der pulsierenden Großstädte aufgestiegen, ließ er sie nun aus dem Landohneleid herüberklingen und, trotz bitterer Erfahrungen während des zweiten Weltkrieges, als Echo von Seherstimmen aus den Höhle der Brust tönen.

Ankündigung in Hanns Cibulka: Poesiealbum 181, Verlag Neues Leben, 1982

Iwan Goll:

ein Gegner des Krieges, ein Mitstreiter verschiedener Kunst-Avantgarden, ein Jude aus dem Elsaß, der deutsch und französisch schrieb, voll Sehnsucht nach menschlicher Gemeinschaft und verzweifelt in der Einsamkeit. Er hielt fest an frühen Grundbildern von einem menschengemäßen Dasein, sah sie in der Realität zurückgewiesen, aber nicht widerlegt: das provozierte die schroffen Wendungen und Wandlungen in seiner Dichtungsart, nicht aber in seiner Suche nach Verteidigung des Humanen.

Silvia Schlenstedt, Verlag Neues Leben, Klappentext, 1982

 

 

Heimat im Gedicht

Yvan Goll, der Dichter „mit einem französischen Herzen, deutschem Geist, jüdischem Blut und einem amerikanischen Paß“, starb 1950 neunundfünfzigjährig in einem Pariser Spital. Frankreich gab ihm einen Ehrenplatz auf dem Friedhof Père Lachaise (mit der klassisch schönen bronzenen Grabplatte des befreundeten Chagall) gegenüber dem Grab Frédéric Chopins. Frankreich kennt und schätzt seine Lyrik. Französische Gedichtausgaben, Übersetzungen und zahlreiche Studien über Goll (in Amerika, Italien, Spanien, Brasilien, Japan, Griechenland) zeigen ein erstaunlich weltweites Interesse für diesen ungewöhnlichen Dichter, der 1891 im Vogesenstädtchen Saint-Dié geboren wurde.
Yvan Golls frühe Gedichte entstanden deutschsprachig. Kurt Pinthus nahm Goll 1920 in seine berühmte Anthologie Menschheitsdämmerung auf, und der Dichter stellte sich mit den Worten vor:

Yvan Goll hat keine Heimat: durch Schicksal Jude, durch Zufall in Frankreich geboren, durch ein Stempelpapier als Deutscher bezeichnet.

Doch in Deutschland, im Gegensatz zu Frankreich, ist Yvan Goll weithin unbekannt geblieben, obwohl nach seinem Tode nicht weniger als acht deutsche Gedichtausgaben erschienen sind, darunter die nahezu vollständige, von Claire Goll herausgegebene Sammlung der Dichtungen (Luchterhand Verlag 1960). Es mag sein, daß diese wie andere fahrlässig gemachten Herausgaben, voneinander oder von Golls Manuskripten abweichen, daß manche Änderungen, Ungereimtheiten, Fragwürdigkeiten der deutschen Fassungen Verwirrung stifteten. Aber auch eine offensichtlich auf Wiedergutmachung und Sorgfalt bedachte Sammlung wie die von René A. Strasser herausgegebenen Gedichte (Magica Verlag 1968) fand kaum Resonanz.
Yvan Goll ist einer der merkwürdigsten, interessantesten und zugleich verkanntesten Dichter der ersten Jahrhunderthälfte. 1912 schrieb er (einundzwanzigjährig) den von „Weltliebe“ und „Brüderschaft“ aller Menschen erfüllten Hymnus auf den „Panamakanal“ und reihte sich in die junge Garde des deutschen Expressionismus ein. Im Vorwort der 1959 neuaufgelegten Menschheitsdämmerung zählt Kurt Pinthus Goll neben Däubler, Lasker-Schüler, Heym, Benn, Trakl, Stadler und Werfel zu den „expressionistischen Klassikern“. Ebenso wird Yvan Goll in französischen Anthologien zitiert als einer der Anführer des französischen Surrealismus. Bereits 1920, vier Jahre vor Bretons surrealistischem Manifest, definierte Goll den Surrealismus auf seine Weise. 1924 gab er in Paris die Zeitschrift Surréalisme heraus.
Der gebürtige Elsaß-Lothringer hörte im Elternhaus die französische, in Schule und Universität (Straßburg, wo er 1913 zum Doktor der Rechte promovierte) die deutsche Sprache. Beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges flieht er als Pazifist in die Schweiz, lernt in Zürich Stefan Zweig, Ludwig Rubiner, Hans Arp kennen, ebenso James Joyce (und veranlaßt später die erste deutsche Übersetzung des Ulysses). Die Mehrzahl seiner Gedichte, vor allem seit 1933, schrieb Goll französisch. (Die englischen Gedichte, während der Emigration in den Vereinigten Staaten entstanden, sind weniger gewichtig.) Seit 1948, schon an der todbringenden Leukämie erkrankt, fand er im Spital von Straßburg zur deutschen Sprache zurück und schrieb in den letzten beiden Lebensjahren seine schönsten Verse.
Yvan Goll ist deutscher und französischer Dichter, „beheimatet in beiden Sprachen mehr als in ihren Ursprungsländern“ (Richard Exner). In einem frühen Gedicht heißt es:

Trostlos irre ich so durch Europa
Eine tote Schwalbe in meiner Rocktasche

Im Grunde war Yvan Goll selbst „Jean sans Terre“, wie sein größter Gedichtzyklus heißt, Johann Ohneland, der fähig ist, „die ganze Erde zu umarmen“, weil er selbst keine Heimat hat. Auch die zeitweilige und letzte Rast Golls in Paris konnte die tiefere Wahrheit nicht überdecken.

Wir hatten kein Haus wie die andern an sicherem Berghang.

Was anfangs romantisch empfunden war, der expressionistische Verbrüderungsgedanke, Welt- und Menschheitssehnsucht, hatte seinen realen Grund im Schicksal Yvan Golls und wurde schließlich zum Grundthema seiner gesamten Dichtung: die Heimatlosigkeit als Grunderfahrung des Menschen. Goll war „Hiob“, der Geschlagene („Verfallen ist die Kuppel Sodoms / Doch ihre verlorenen Vögel / Beginnen auf mir zu schlafen“), und er war „Orpheus / Musikant des Herbstes“. Zeitlebens suchte er Heimat, ohne sie je zu finden. Er beschwor Heimat im Gedicht und in nicht wenigen seiner Liebesgedichte im Du der einen Partnerin und Lebensgefährtin:

Du öffnest mir die Galerie der Sterne,
die zu den größeren Vätern führt.

In seinen gerühmten und vielübersetzten Malaiischen Liebesliedern (1932 bis 1934 entstanden) leiht Goll mit virtuoser Einfühlung einer jungen Malaiin seine lyrische Stimme, eine literarische Fiktion, so verblüffend nachempfunden, daß Kritiker eine Übernahme aus dem Malaiischen vermuteten. Eines dieser von einer exotischen Bildhaftigkeit und einer sinnlich vibrierenden Sprachbewegung getragenen Gedichte lautet:

Ich will nichts weiter sein
Als die Zeder vor deinem Haus
Als ein Ast dieser Zeder
Als ein Zweig dieses Astes
Als ein Blatt dieses Zweiges
Als ein Schatten dieses Blattes
Als ein Wehen dieses Schattens
Der eine Sekunde
Die Schläfe dir kühlt

Die in der Gesamtausgabe der Dichtungen (1960) aufgenommenen Prosatexte („Die Eurokokke“, „Der Goldbazillus“), die „Dramen“ und Szenen – zum Teil virtuos gebaut – können ihre Zeitbedingtheit, ihre Zugehörigkeit zum Expressionismus nicht verleugnen. In der Lyrik Golls sind die Übersteigerungen seines Expressionismus nicht vorhanden. Goll gehörte zur literarischen Avantgarde, in Zürich im Freundeskreis der Dadaisten, im Paris der zwanziger und dreißiger Jahre mit den befreundeten Kubisten und Surrealisten. Das heißt auch, daß seine Sensibilität für aktuelle und neue Formen geschärft war. Gemeinsam mit den Surrealisten liebte er märchenhafte, mythische, magische, kabbalistische Motive. Er übersetzte, verwandelte in seine Kunstsprache.
Yvan Golls Surrealismus will nicht nach dem üblichen Schema verstanden sein, etwa nach Bretons „Aufschrei des Geistes, der sich gegen sich selbst wendet“ oder als „écriture automatique“, als ein unkontrollierter, ungehemmter, aus dem Unterbewußtsein aufsteigender „automatischer“ Schreibprozeß. Goll war kein Zerstörer, Revoltierer um jeden Preis. Dafür stand ihm zu sehr der Mensch in seiner Menschlichkeit vor Augen. (So ist auch die Liebe in seinen Gedichten nie „enthumanisiert“.) Doch Goll verabscheute den reinen Realismus in der Literatur. Nach seinen Worten soll „das Kunstwerk die Realität überrealisieren. Das erst ist Poesie.“ Was er forderte, war ein „Überrealismus, nicht: Überhebung über das Irdische, aber tieferes Einleben in dieses, ganz Ergebung in das Seiende… Die Wirklichkeit des Scheins wird entlarvt zugunsten der Wahrheit des Seins.“ Ein ebenso eigenwilliges wie modernes Programm, das aber die Dinge und die Natur nicht deformiert.
Daß Yvan Goll aus einem schier unerschöpflichen Vorrat dem Urthema der Lyrik, der Liebe, ungeahnte und unverbrauchte Möglichkeiten erschloß, ist seine größte Leistung als Dichter. Er kann ganz einfach sagen: „In jeder Amsel / Hab ich dich geliebt“ oder mit metaphorischer Kühnheit und treffsicherer Imagination:

Durch dein Aug fällt die Zeit wie ein grüner Stern
Tochter des Mondes du beleuchtest für mich die Ruinen der Welt

Yvan Golls „große Chiffre“ hieß Claire, Neila, Liane, Lilith, auch Eurydike. Die in Golls Liebeslyrik stetig wiederkehrenden Namen galten der ein Jahr älteren Lyrikerin Claire Studer, die Yvan als Fünfundzwanzigjähriger in Genf kennenlernte und die er 1921 in Paris heiratete. Voraufgegangen war im Spätherbst 1918 in München eine kurze, aber leidenschaftliche Liaison Claires mit Rainer Maria Rilke, der – wie sie selbst mitteilt – „entsetzt“ reagierte, als sie von ihm ein Kind erwartete. „Ich mußte also abtreiben“, schreibt sie bündig. Und die beiden Dichter Rilke und Goll kamen nach Claires Worten überein, „alle Spuren zu verwischen und die gegenseitigen Briefe zu verbrennen“.
Die geliebte Lebensgefährtin Claire war dem Lyriker Yvan Goll eine durchaus ebenbürtige Partnerin, wie die von beiden wechselweise gedichteten Zyklen Zehntausend Morgenröten (1924/1925 und 1947 entstanden) und Die Antirose (1965 in Paris, 1967 deutsch im Limes Verlag) bezeugen. Beide steigerten ihre eigene Liebesbeziehung zu einem beispielhaften, in der Stetigkeit wie in der Intensität einzigartigen Wechselgesang der Liebe, den Paul Eluard als „Gipfel der Liebeslyrik“ bezeichnet hat. Noch Yvan Golls letzte Gedichte Traumkraut (Limes Verlag 1951), schon von der Gewißheit des nahen Todes erfüllt, sind ein einziger zärtlicher Anruf an die Geliebte:

In deinem Haupte streichle ich das Feuer das mich sengt.

Freilich, der Mythos des unzertrennlichen Liebespaares, in vielen Zeichnungen Chagalls und anderer Künstlerfreunde wie in Chagalls Grabplatte mit dem Doppelprofil der Golls gegenwärtig, erfuhr durch die im Alter vereinsamte und bitter gewordene Claire eine erhebliche Trübung. 1966 erschien ihr Briefwechsel mit Yvan Goll Meiner Seele Töne (1978 erweitert im Scherz Verlag), der sich noch zurückhaltend ausnimmt gegenüber den Enthüllungen, die Claire Goll als Fünfundachtzigjährige, ein Jahr vor ihrem Tode 1977, in Paris der Öffentlichkeit preisgab: Ich verzeihe keinem (deutsch im Scherz Verlag 1978).
In dieser „literarischen Chronique scandaleuse“, wie der Untertitel lautet, rechnet Claire Goll scharfzüngig, schonungslos böse demaskierend mit den Männern ab, die ihr begegnet sind, mit denen sie verkehrte, Berühmtheiten der Literatur und Kunst. Hier wie im Briefwechsel wird deutlich, wie sehr das Verhältnis des „Traumpaares“ von Krisen erschüttert war, wie ihre Beziehung unter der äußersten Spannung von Liebe und Haß, Treue und Untreue beider Partner, der Verzweiflung, auch dem Selbstmord nahe, aufrechterhalten wurde. Vielleicht ahnte Yvan Goll in seinen letzten Lebensmonaten, daß eine solche Enthüllung kommen würde. Das abschließende Gedicht aus seinem Traumkraut trägt den Titel „Der Staubbaum“ und endet mit vier Zeilen, die eine beschwörende Warnung des Dichters an seine Geliebte enthalten:

Die Sage unsrer Liebe laß ich in Quarz verwahren
Das Gold unsrer Träume in einer Wüste vergraben
Der Staubwald wird immer dunkler
Weh! Rühr diese Staubrose nicht an!

Eberhard Horst, aus Eberhard Horst: Geh ein Wort weiter. Aufsätze zur Literatur, claassen Verlag, 1983. Überarbeitet und erweitert nach der Erstfassung  in: Neue Deutsche Hefte, Heft 74, 1960, und: Rheinische Post, 27.4.1968

Wirst du im Grab mir endlich ganz gehören?

– Claire und Iwan Goll. –

Als Claire und Iwan Goll im Juni 1947 aus ihrem amerikanischen Exil nach Paris zurückkamen, bereitete ihnen die Stadt einen erbärmlichen Empfang. Sie mußten sich mit heruntergekommenen Hotels begnügen und ihren Lebensunterhalt von Golls geiziger Mutter erbetteln. Drei Jahre verfügten sie nur über einen einzigen Raum, und ihre unausgepackten Koffer stapelten sich im Flur. Als „blasse Vorkriegsgespenster“ bewegten sie sich in einem Milieu, in dem ihr früherer Ruhm nicht mehr zählte. Goll staunte, wie diejenigen, die in den zwanziger Jahren „jede politische Betätigung verachtet und sich dem reinen Dada-Spiel verschrieben“ hatten, Aragon, Eluard, Tzara, jetzt neben Sartre und Camus als „engagierte“ Literaten den Ton angaben. Er selbst, der sich mit seiner Dichtung schon damals in die Politik eingemischt hatte, war nicht mehr gefragt und zu müde, sich einen Platz zurückzuerobern.
Geschwächt durch seine schwere Krankheit – er litt seit einigen Jahren an Leukämie –, verfaßte er seinen letzten Gedichtzyklus Traumkraut. Seine Frau berichtet, daß nur diese Gedichte von ihm erhalten bleiben sollten, „alles, was ich sonst geschrieben habe, muß zerrissen werden“. Jean Sans Terre, Wanderer zwischen den Ländern und Sprachen, hat hier zur deutschen Sprache zurückgefunden, in der er lange nicht mehr gedichtet hatte. Eines der Themen dieses Zyklus ist seine tiefe Verbundenheit mit Claire. „Angsttänzerin“, „Tochter der Tiefe“ nennt er sie, die ihm oft Rettung war: „Wir hatten kein Haus wie die andern an sicherm Berghang / Wir mußten immer weiterwandern“, nur in einer „Aschenhütte“ fanden sie Zuflucht, „Und da geschah das Wunder: / Dein goldener Leib erstrahlte als nächtliche Sonne.“ In der über drei Jahrzehnte währenden, von Betrug und Verzweiflung überschatteten Lebensgemeinschaft ist jeder Zweifel beseitigt:

Zusammenströmend schweigen wir die Gegenwart.

Aus den Kämpfen hat sich die Gewißheit gerettet, für immer zusammenzugehören.

Es spricht sich die Sage herum
Daß deine Füße zum Fischschwanz werden
Wenn du nach Meeresfrüchten für mich tauchst

 

Die Kinder flüstern schon
Daß deine Arme Weidenzweige sind
In denen sich die Wolken verfangen
In denen du mich bettest

 

Es ist kein Geheimnis mehr
Daß deine Lippen bluten
Um mich in den Nächten des Sterbens
Vom schneeigen Hunger zu retten

 

Bald wird man wissen, daß dein Körper gehöhlt ist
Ein duftendes Grab
Für unseren Zwillingstod

Doch er verbietet ihr, mit ihm zu sterben, wie es einem Vertrag zwischen ihnen entspricht. Für sein Werk soll sie leben, hat er nach den Worten seiner Frau von ihr gefordert – also sollte doch nicht alles vernichtet werden? Manche Widersprüche belasten Claires berüchtigte Autobiografie mit dem für die deutsche Ausgabe reißerisch veränderten Titel Ich verzeihe keinem. Ungereimtheiten, Verfälschungen, Pathos, gehässige Ausfälle gegen berühmte Zeitgenossen – Claire Goll verweigert sich mit 85 Jahren vehement der Lesererwartung, die sich das Alter weise und versöhnlich wünscht, wie sie zeit ihres Lebens mit Lust und Tücke Skandale provoziert hatte. Als Golls Geschöpf, in seinem „Herzen geboren“, hat sie sich verstanden, das durch ihn begreifen lernte, was sich ohne ihn verschlossen hätte („Du schautest Gott, wo ich nur eine Wolke sah / Ich sah den Baum doch du die Wurzel / Durch die undurchdringliche Erde hindurch“), verlassen von ihm, bleibt ihr nur Leere:

Ja, du brachtest mich zur Welt
Hilf mir auch auswandern in den Himmel.

Die Rose, Sonne und Mond sind ihr für immer verloren, „Nie wieder werd ich die Freundin des Windes sein / Ich verwünsche ihn / Ob seines Moderduftes“.
Die Briefe zwischen den beiden Dichtern haben in all den langen Ehejahren einen Ton schmeichelnder Zärtlichkeit beibehalten, auch in Krisenzeiten reden sie einander mit Kosenamen an, sie ist sein liebstes Zouzoulein, sein lieber Susu, sein Kindchen, sein Herzlein, seine Liane, Liliane, sogar Lianste, während seiner Krankheit steigert er sich zu „Claire Chérie / Chère Clairie et Clairière“ – sie antwortet mit Geliebter, Ivanlein, Ivlein mein, mein großer kleiner Junge, etc. Sie öffnen sich einander kindlich zutraulich, Anteilnahme und Fürsorge sind nie durch äußere Umstände getrübt, einvernehmlich klären sie Fragen des Wohnens, der Finanzen, der Bücher, an denen sie arbeiten, berichten über ihre Krankheiten, Erfolge und Enttäuschungen, und sie beteuern einander ihre Sehnsucht, unabhängig davon, daß sie vielleicht gerade eine Zeit mit einem anderen Partner verbringen. Es scheint, als würden allein durch den Vorgang des Schreibens Kritik und Vorwürfe aussortiert, liebevolle Gefühle füreinander blühen neu auf, wenn sie die füreinander bestimmten Sätze formulieren, als könne in den innersten Bereich ihrer Zusammengehörigkeit niemals ein anderer Mensch eindringen. Das gilt für alle vorhandenen Briefe. Wieviel vom gesamten Briefwechsel Claire allerdings nach Iwans Tod vernichtet hat, um diese alle Anfechtungen überdauernde Liebe als Konstante dieser Beziehung zu präsentieren, bleibt Geheimnis. In den Alterserinnerungen Claires entsteht ein Bild dieser Ehe, in dem rasende Eifersucht die Farbskala beherrscht – als einzige Gewißheit können sich die beiden auf permanente Untreue des andern verlassen. Vor seinem Tod fragte Claire ihren Mann:

Warum haben wir uns je getrennt und gequält?

Worauf er ihr geantwortet haben soll:

Ah… wenn du nicht mit Rilke angefangen hättest…

Als Claire 1918 von Zürich nach München fuhr, wirkte sie in ihrer Mädchenzartheit schutzbedürftig und blutjung. Dabei war sie schon 28 Jahre alt und galt als gefährliche „Bolschewikin“. Obwohl sie aus einer wohlhabenden, kultivierten Familie stammte, verbrachte sie ihre Kindheit in ständiger Qual wegen der sadistischen Sparmaßnahmen und Mißhandlungen, die sich die Mutter für ihre Kinder ausdachte. Der Bruder entzog sich dem Grauen als Sechzehnjähriger durch Selbstmord. Aus Not und Trotz stürzte sich Claire in eine frühe Ehe, die nach Jahren der Demütigungen geschieden wurde, wobei Claire allerdings auf ihre Tochter verzichten mußte, weil sie gemeint hatte, sich neben den zahllosen Affären ihres Mannes auch Liebhaber leisten zu können. Da sie viele Künstler kannte, Schriftsteller und Verleger zu ihren Freunden zählte, ergab es sich wie von selbst, daß sie zu schreiben begann und Zustimmung fand. Nach dem Ehedebakel ging sie 1917 in die Schweiz und machte eine Blitzkarriere als Autorin flammend pazifistischer Zeitungsartikel. Vor allem die Frauen rief sie auf, sich dem Krieg zu widersetzen („Frauen, die ihr dazu berufen seid, Kinder zu erziehen oder zu zeugen, wehrt euch… Pflanzt in ihre Seelen den Haß gegen jeden Menschenhaß! Pflanzt in ihre Seelen den Ekel am Krieg ein!“), und widmete ihren Novellenband Frauen erwachen, der die Zerstörung des privaten Glücks durch den Wahnwitz des Krieges zum Thema hat, „Allen Schwestern“.
Der junge Elsässer Isaac Lang war, unter dem Pseudonym Iwan Goll, ebenfalls mit Manifesten und lyrischen Pamphleten „contre cette guerre“ hervorgetreten und hatte ein „Requiem für die Gefallenen von Europa“ verfaßt. Als er Claire kennenlernte, war er sofort davon überzeugt, sie sei die für ihn bestimmte Gefährtin, und gestand ihr, er habe sich vorher selbst „eines solch exuberant-impulsiven Aufbrausens nicht für fähig“ gehalten.
Doch sie wollte ihre Freiheit, für die sie mit dem Verlust ihres Kindes und ihrer materiellen Sicherheit gezahlt hatte, nicht so schnell wieder aufgeben und entzog sich seinem leidenschaftlichen Zugriff. Sie reiste nach München, wo sie ihre Jugend verbracht hatte, und wurde dort die Geliebte Rilkes. Nach dem „friedlichen Inselaufenthalt in Rainer Maria Rilkes gläserner Festung“ zog es sie ins Zentrum der Revolution nach Berlin, sie beteiligte sich an Demonstrationen und den Debatten der Berliner Intellektuellen und bekam von Rilke zu hören:

Hab ich denn so Helles in Dir angefacht? Solchen Herzbrand? Liebes Kind… Und bist jetzt bei Deiner unbegreiflich schönen Freundin [Elisabeth Bergner], schlägst in sie über, voll, wie Du bist, meiner. Mir ist’s wie ein heiliger Schrecken, daß ich dabei bin; sag ihr nur, ich mach mich leicht in Dir, um nur mit meinem Göttlichsten an sie zu rühren in Deiner Umarmung…

Das sphärische Wortgeklingel hob sich peinlich ab von dem Drama der scheiternden politischen Visionen, wie es Claire in Berlin erlebte – vor dem Blutbad, das den Spartakusaufstand erstickte, flüchtete sie entsetzt zurück nach München. Hier erwarteten sie leidenschaftliche Briefe Golls mit seinem Werben um ihre Rückkehr zu ihm, die politische Übereinstimmung mit ihm und die jugendliche Brisanz seiner Worte verglichen mit der müden Ästhetik Rilkes, der sich vor seinem eigenen Überschwang zu fürchten schien und sich bereits wieder zurückzog, gewannen den Kampf um ihre Liebe.
Iwan Goll, einige Monate jünger als sie, aus reichem jüdischen Haus, zweisprachig aufgewachsen, Kriegsgegner nicht nur deshalb, weil er sich dem deutschen Kriegsdienst durch Umzug in die Schweiz entziehen mußte, glühte im Nachhall seiner expressionistischen Phase. Er fand in Claire eine Gefährtin, die ihm in ihrer geistigen Wendigkeit und ihrer Bereitschaft, die bürgerlichen Konventionen ihrer Herkunft abzustreifen, verwandt war. Wie sie war er ein durch die Mutter geschädigter Mensch: hatte Claires Mutter ein raffiniertes System aus Angst, Mangel und Bestrafung wirken lassen, so hatte seine durch Verzärtelung seine Selbständigkeit untergraben. In den ersten Lebensjahren wurde er, als Mädchen verkleidet, Mignon gerufen, durch den frühen Tod des Vaters fehlte ein männliches Gegengewicht zur mütterlichen Dominanz. Rilke, sein Rivale um Claires Gunst, mußte ebenfalls bis zur Schulzeit Mädchenkleidung tragen, sein ganzes Leben lang erkämpfte er sich Distanz von der Mutter, die noch den Fünfzigjährigen in Briefen an Freundinnen „Bubi“ nannte. Sicher auch aus seiner Grundangst, von ihr vereinnahmt zu werden, resultierte seine Unfähigkeit, eine Liebesbeziehung länger als einige Monate zu ertragen, was Claire richtig erfaßte:

Eiligst verkroch er sich wieder in seinen Elfenbeinturm mit den Spitzendeckchen und erwartete ein neues Trugbild, an das er seine Träume hängen konnte.

Sie verglich seine eitle Empfindlichkeit gegenüber jeder auch nur im entferntesten kritischen Bemerkung mit der Großzügigkeit Golls, zu dem sie jederzeit sagen konnte:

Erlaubst du, daß ich das zerreiße? Du kannst es besser.

Das erotische Zwischenspiel mit Rilke bestärkte sie in ihrer Entscheidung für Iwan Goll, und niemals mehr hat sie die Gemeinschaft mit ihm über Bord geworfen:

… kein Mann konnte mir die innere Übereinstimmung geben, die ich bei Goll fand. Meine Liebschaften waren Abenteuer, Zerstreuung, nichts, was eine so tiefe Gemeinsamkeit ersetzen konnte.

Sie heirateten 1921 und beschworen ihre Verbundenheit. Claire:

Wir sind traumblumig
Vom selben Licht
Von gleicher Dämmerung
Aus Sternenasche
Schon vor unserer Geburt
Waren unsere Wesen eins
Und nach dem Tod
Werden wir uns wieder suchen.

Iwan: „Aus allen Poren strömt mir die Liebe / Meine Muskeln sind gespeist von deiner Liebe / Ich habe nur rote Blutkörperchen vor lauter Liebe“ – als Sterbender wird er den „Bluthund“ in seinem Fleisch auffordern:

Fang die Träume die mir entfliegen
Bell die weißen Geister an
Bring zurück zu ihrem Pferch
Alle meine Gazellen.

Ob tatsächlich die Affäre Claires mit Rilke die vielen Schmerzen auslösen sollte, die sie einander zufügen würden? Die Rosenbesessenheit Golls erinnert an eine unvergessene Kränkung („Wo hatte ich alle meine Rosen gelassen? / Die Rosen des Morgenrots / Die Rose von Jericho / Die Rose des Windes / Die Rosen von Saadi und Rilke…“). Eine wahrscheinlichere Ursache aber ist Golls schweifende Sexualität, mit der sich Claire abzufinden hatte. Sie berichtet in ihren Memoiren vom „entfesselten Aufruhr seines dreißigfachen Geschlechtstriebes“ und von seiner masochistischen Lust, sie in Beziehungen zu anderen Männern zu treiben („Ich weiß, du brauchst die Qual / Du liebst die Eifersucht / Und leihst mich darum / Fremden Armen aus“). Im Leiden an seiner Untreue stilisierte sie ihre Unterwerfung („Ohne dich wäre ich nie gewesen“) zum Dienst an seiner Dichtung:

Und wenn es gut ist für dein Werk
Töte mich jede Nacht
Ich habe dir nichts zu verzeihn.

1925 bis 1927 veröffentlichten beide zusammen in Paris, wo sie seit 1919 lebten, Gedichtbände über die Liebe, über die Eifersucht und etablierten sich damit als das Künstlerpaar schlechthin. Daß sie beide ein bekannt freizügiges Liebesleben führten, steigerte ihren Ruf der Modernität und Exzentrik. Sie waren einander so verbunden, daß die Beteuerungen Golls aus dieser Zeit glaubwürdig klingen, er habe so viele Frauen verführt, um in ihnen die Einmaligkeit Claires bestätigt zu finden. Für die „Frau mit den hundert Herzen“ sollte jeder seiner Siege ein Triumph sein:

In den vielfarbigen Wäldern von Haaren
Zähmte ich Kobras und Adler
Führte sie dir vor
Um dich neu zu erobern.

Doch in dem Gedichtzyklus Jean Sans Terre heißt es:

Don Juan, Juan ohne Land
und ohne Frau, der nichts,
auch keine Liebe hat,
du liebeskranker Mann.

Als alte Frau erinnert sich Claire, daß Goll, wie übrigens auch Rilke, sie zu einem Idol, „dem man sich nur mit Vorsicht nahte“, gemacht hatte:

Sie hatten mich entkörperlicht. Aus Angst, mich zu verlieren, wenn er unsere Gemeinsamkeit in erotischen Flammen auflodern ließ, hatte Goll die Liebe wie rasend anderswo gesucht.

Sie gibt den vielen Männern in ihrem Leben die Schuld, daß sie nie einen Orgasmus erlebt hatte (erst im Alter von 76 Jahren will sie diese Erfahrung gemacht haben!):

Ich hatte geglaubt… es sei Frauenlos, unbefriedigt zu bleiben.

Dennoch ist sie ihnen nicht böse, daß sie ihr „keinen Genuß verschafft haben“ – so wäre also erfüllte Sexualität lediglich das Ergebnis geschickter Anleitung? Claire wußte wohl sehr genau, welche Macht eine Frau über einen Mann ausübt, der sie nicht befriedigen kann. Sie hat stets ihre Schwäche, ihre Zerbrechlichkeit, ihre angegriffene Gesundheit eingesetzt, um Aufmerksamkeit und Fürsorge, auch Opfer zu fordern. Im Beschützerinstinkt Golls fand sie immer ihren stärksten Verbündeten („O du zarter Schmetterlingsflügel, der beim leisesten Atem erbebt, Zerbrechliches wie der Same der Butterblume: ich will gut zu Dir sein und Dich herzen und kosen und lieben“, schreibt er ihr im Januar 1939, während er seit April 1938 in Paris seine deutsche Geliebte vor ihr versteckt hält, die er mit der Warnung „Wir haben es mit einer Verrückten zu tun, du weißt es“ zu äußerster Vorsicht aufruft). Mehrere Monate des Jahres verbringt sie in Sanatorien, in zunehmendem Alter legen sich ihre diffusen Darm- und Magenleiden. Das rührende „Kindchen“ ist zäh und von nie versiegender Energie bei der Durchsetzung eigener Interessen und, nach Iwans Tod, bei der Verbreitung seines Werks. Ein einziges Mal während ihrer langen Ehe wäre sie einer Rivalin beinahe unterlegen, aber auch diesen Kampf wußte sie mit all ihrer taktischen Klugheit zu gewinnen.
In Paris verdiente Goll, der beruflich viel unterwegs war, den Lebensunterhalt mit der Arbeit für einen Verlag. Auf diesen Reisen bemühte er sich, seine Theaterstücke an verschiedenen Bühnen unterzubringen. In Berlin versuchte er Anschluß an Filmproduktionen zu finden, als Drehbuchautor hoffte er, seiner leidigen Finanzmisere beizukommen. Anfang 1931 lernte er in Berlin die Lyrikerin Paula Ludwig kennen und begann mit ihr eine Beziehung, deren Intensität ihn selbst überraschte. Am 22. Februar beschreibt er sie seiner Frau:

seltsames Bauernmädel, Tochter eines Sargtischlers, ziemlich holzschnitthafter Kopf, aber eine feine Seele. Sie entwickelt sich langsam zu einer christlichen Lasker. (…) Sie ist Dienstmädchen gewesen, Modell in München, Souffleuse.

Paula Ludwig ist 31 Jahre alt, hat einen unehelichen Sohn und lebt in äußerst bescheidenen Verhältnissen.
Um Claire für die Geliebte günstig zu stimmen, konnte nichts ungeschickter sein als der Hinweis auf Else Lasker-Schüler, auf die Claire immer eifersüchtig gewesen war – in Zürich hatte sie Iwan verführen wollen, behauptet Claire. Der jungen Konkurrentin gegenüber zeigt sich Claire souverän und stimmt den Sirenengesang der mitfühlenden Vertrauten an. Goll dankt:

Was für ein süßer Brief, Dein letzter. So reif und verständnisvoll. (…) Ja, ich bin jetzt bei Paula Ludwig sehr gut aufgehoben.

Der süße Brief Claires ist nicht erhalten, ebensowenig wie andere Briefe, in denen sie offenbar ankündigte, nach Berlin kommen zu wollen, was Goll mit all seiner Überredungskunst verhindert.
Statt nach Berlin begibt sie sich wieder einmal in ein Sanatorium, diesmal nach Bühl bei Baden-Baden. Goll besucht sie dort und sendet Paula Liebesbotschaften:

Glühpaula
Das Iwansfeuer, das du auf dem Hügel unserer Liebe anstecktest, schlug auf mich über und setzte mich in Lohe…

Claire hat sich nach Bühl auch ihren neuen Liebhaber bestellt, einen portugiesischen Marquis, den „schönsten Mann von Paris“. Auch er wird sie in kunterbunten Affären betrügen, hätte es aber auch bei größerer Treue nicht geschafft, Claire von ihrer Eifersucht auf Iwans Liaison zu heilen. Zwar wird Goll erst Anfang Januar 1932, also nach mehr als einem halben Jahr wieder nach Berlin fahren und diese Zeit mit Claire verbringen, von deren üblichem Kuraufenthalt abgesehen, aber Paula ist in diesem Zusammenleben aus der Ferne ständig gegenwärtig. Sie überschüttet den Geliebten mit Briefen und Gedichten – bis auf wenige Ausnahmen hat Claire dies alles vernichtet. Aber aus seinen Antworten spricht unüberhörbares Entzücken über die gleichgestimmte Dichterin:

meinen Mund fand ich wieder, den inzwischen verdorrten, neugeschwellt durch deine Liebe, durch deine Gedichte, die er formte und vor sich hersagte… Und danke dir, nur von deiner Sprache, nur von der Sprache mit dir konnte mein Mund frisch und rot bleiben. Genetzt von deinem Farbenwein.

Er will die neugewonnene Kraft seinem Schreiben widmen und verlangt von ihr:

Da du mir gern gehorchst, so will ich dich bitten, mich jetzt noch zu fliehen, statt mich zu suchen.

Für sie eine harte Belastungsprobe. Am 4. Juni hat er ihr geschrieben, dann am 10. Juli und wieder am 3. August – mußte sie nicht an der Ungewißheit um den Bestand ihrer Liebe verzweifeln? Er aber forderte von ihr, ihr Leid in Kunst umzusetzen.

Vielleicht beneide ich dich sogar um so heftigen Schmerz, denn ich kenne seinen Wert und seine Bedeutung. Ist es grausam, daß ich ihn dir nicht weg wünsche? Ich weiß, daß er der Humus ist, aus dem alle Kunst, wie eine rote Blüte steigt. Und diese Blüte wandelt sich langsam in Früchte, die schön und bitter sind.

Sie hält sich an seine Anweisungen und schickt ihm ihre neuen Gedichte mit der Bitte, er möge sie korrigieren. Darauf geht er sofort ein:

Du hast zweierlei Arten Gedichte: gedankliche und gefühlsreiche. In den ersten, die du in meiner Berliner Zeit schriebst, herrschte das Gefühl vor, und da liebte ich die Verhaltenheit, die japanische Knappheit, beinahe Schüchternheit…

Ihre neuen Gedichte aber, die um Gedanken kreisen, „müssen mehr durch die Form gestützt werden und gehalten und gefüllt“. Wieder gehorcht sie, wird ganz „der Poesie Dienerin“ und gewinnt seine Zusage:

Selbstverständlich bin ich bereit, dir bei der Ausfeilung und Vervollkommnung deiner Gedichte mit meinem ganzen Können beizustehen. Verfüge über mich.

Sie befolgt alle seine Ratschläge, vermeidet umfangreiche Texte, weil er ihr zu Straffung rät, pflegt ihren „ludwigischen“ Vers anstelle anderer Formen, läßt trotz seiner Zurückhaltung nicht locker:

Ach Paula, unsere wilde, alles umstürzende Korrespondenz muß verwundern: morgens und abends zucken ins stille Haus die Expressblitze deiner Ekstase.

Manchen Gedichten spendet er Lob – „das ist durch und durch erlitten“ –, andere tadelt er streng als „noch heiß vom Hauch der Inspiration, aber gänzlich ungefeilt“, manche schreibt er um und ehrt sie, die noch kein Wort Französisch kann, indem er zwei übersetzt und veröffentlichen läßt.
Er will sich aber vorrangig auf seine Arbeit konzentrieren, bittet um ihr Verständnis, daß er nicht sofort ihre „sehnsuchtsungeduldigen Briefe“ beantwortet, und erklärt:

Paula – ich bin Künstler, denk auch daran – nicht nur Liebender darf ich sein. Und deshalb darfst du nicht mehr drängen, nicht mich schwach machen, nicht schwach sein, du selber, Künstlerin, Gestalterin du selber. Die Kunst ist ein Hochamt, ist Mönchtum, erfordert Beichte und Fasten. Auch für dein Dichten gilt das, und die Einsamkeit war die kräftigste Speise deiner Seele.

Sie hat einen Gedichtband fertiggestellt und fragt ihn, ob er die Widmung annehme. Stolz sei er auf die Vaterschaft, läßt er sie wissen, erscheine das Buch doch genau neun Monate nach dem Beginn ihrer Liebe.
Die literarische Elternschaft ist ihr nun aber zu wenig, sie fährt zu ihm nach Paris, um sich selbst in Erinnerung zu bringen. Seine „tränen- und blitzdurchströmte“ Geliebte bietet ihm ihre vitale Leidenschaft als Kontrast zu seiner Ehe mit Claire, der femme fragile, dem Kindchen. Die ganz von ihm besessene fordernde Geliebte bestätigt seine Grandiosität, schmeichelt seiner Männlichkeit, die sich bisher nur in einer unüberschaubaren Menge schnellster Befriedigungen ausgetobt hatte, so als hätte er seiner Wirkung längere Dauer nicht zugetraut. Ihr Gedichtband Dem dunklen Gott ist ihre Vermählung mit ihm; von ihm befruchtet, hat sie das Werk ausgetragen „im Glutofen der stürzenden Sonne und des zerbrechlichsten Herzens gegen die Zeiten gefeit, definitiv und imperativ, in reiner Nacktheit, unerbittlich, himmelnah“. Sein Stolz auf das von ihm inspirierte Werk ist aber gekoppelt an die Angst, dem übersteigerten Bild nicht entsprechen zu können:

„Er war nur ein Mensch! Er ist nur ein Mann!“ – Wirst du mir das je verzeihen?

Der Gedichtzyklus ist ein einziger Taumel der Hingabe, er beginnt mit dem Zauber der Begegnung – fast ein biblisches „Erkennen“ –, dann folgen die Lieder der bitteren Erfahrung, allein zurückgeblieben zu sein, doch die Liebende gewinnt Kraft aus der Gewißheit:

Schrecklich wirst du mich vermissen
Gott
wenn ich nicht mehr bin
die Speise deines Herzens.

 

Umgraben wirst du die Äcker deines Fruchtlandes
nach mir allein
wirst du suchen.

Und Genugtuung empfindet sie:

O dein Mund
wenn er nach mir schreit
weh
ewigkeitenlang
umsonst.

Allmählich beginnt die Vorbereitung auf das Wiedersehen („Sieh her / alle Schmerzen die von dir kamen / sind zu Blumen geworden die mich schmücken“):

O leise rühre mich an
setze sanft meine Augen wieder ein.
Im Dunkel deines Odems
laß mich langsam zum Leben erwachen.

Goll ist vierzig Jahre alt. In diesem Buch sieht er den Anfang eines neuen Lebens, als habe die Geliebte sich ihn verdient.
Während er bei Paula in Berlin lebt, erholt sich Claire in Südfrankreich bei Kurt Wolff, dem Verleger des Expressionismus. Iwan schreibt sie auf französisch, das die Rivalin nicht versteht:

Verzeih (…), daß ich nur ein schwaches Weib bin, Deines, und daß ich mich wie ein armes, kleines, krankes Ding vor Sehnsucht nach Dir verzehre. Ach, mein Liebster, wenn Dir nur diese unsinnigen Sätze nicht zuviel Kummer bereiten!

Nie werde sie aufhören, ihm zu danken:

Aber versteh mich, bitte: trotz meiner Treulosigkeiten gehöre ich doch Dir, so wie ich keinem Menschen je gehört habe, mein Kleiner, mein Großer, mein Leben. Ich küsse heute und immer Deine Hände.

Goll schickt ihr ein Exemplar des Dunklen Gottes und will damit die Frage ihres letzten Briefes beantworten:

Wer kann Dich mir erklären?

Er antwortet „in Form eines Buchs. Ein Buch, das nicht ich schrieb, sondern das an mich geschrieben ist. Ein Buch, das nicht ich fühlte, aber das durch mich gefühlt wurde. (…) Der Mann, der in diesem Buch besungen und beschworen wird, er hat dafür nichts anderes getan, als er sein. Er ist nur ein Objekt dieser Liebe. Er ist der passive Teil. Viel Schmerz hat er der Erkorenen geschenkt, viel Schmerz und weiter nichts.“ Von diesem Schmerz aus, der „jeden entwaffnen“ muß, appelliert er an Claires Verständnis:

Nach einem ersten Aufbäumen wirst Du bald nur mein grenzenloses Mitleid fühlen mit der Geschlagenen, die sich hier verblutet hat und etwas schrie, das, wie eine ihrer Freundinnen sagte, als ihr Testament erscheint.

Claire reagiert auf die maßlose Eitelkeit dieser Worte ziemlich trivial: sie zitiert Freunde (beileibe nicht ihre eigene Meinung):

Mögen doch 2 miteinander schlafen und aneinander leiden, aber sie sollen es um Gottes Willen nicht der ganzen Welt mitteilen.

Und:

Ich finde die Distanzlosigkeit zu seinem eigenen Gefühl und dem Partner dieses Gefühls grauenhaft.

Diese „Kritik zweier Menschen, die zur Kunst immerhin ein klares Verhältnis haben“, hat er nun zu schlucken. Sie selbst meint dazu:

Dir aber wünsche ich Lächeln, Liebesglück, bejahendes Erlebnis. Auch Freude an den Gedichten; Männer sind so stolz, wenn sie der Befruchter, der Auslöser waren. Und wer hat so viel Maß und Abstand um sich nicht schließlich für einen König oder Gott zu halten, wenn er als solcher angehimmelt wird?

Sie hat sich eine Strategie zurechtgelegt, mit der sie ihn umgarnt und letztlich die Nebenbuhlerin auch besiegen wird: nie attackiert sie die Geliebte offen (erst in ihren Memoiren läßt sie ihrem Haß freien Lauf: „Goll kehrte dann zu seiner Paula zurück, die ebenfalls zu dichten begonnen hatte oder vielmehr mit der Unbefangenheit einer Dilettantin Wörter aneinanderreihte“), nie macht sie dem Treulosen direkt Vorwürfe, sie zeigt sich mit wundem Herzen, sehr sehr traurig, hilflos ohne ihn, sie wird immer kränker, hinfälliger, versucht aber dennoch, mit letzten Kräften für sich selbst aufzukommen, rührt ihn mit ihrer Selbstlosigkeit und Opferbereitschaft, führt ihre Zerbrechlichkeit ins Feld, stimuliert aber auch seine Eifersucht, indem sie ihm etwa die Liebesbriefe des Dichters Jacques Audiberti schickt, der sie anbetet und mit seinem Begehren bedrängt, ohne von ihr erhört zu werden, weil er sie körperlich abstößt. Goll bleibt also ihr Vertrauter, und sie beschwört immer seine künstlerische Überlegenheit, mit der sie es nie wagen würde, sich zu messen. Sie weiß aber, womit sie ihn packen kann, die in der literarischen Welt etablierte Gemeinschaft mit ihr nicht aufzugeben: sie schreibt einen Roman – um ihn zurückzugewinnen und um schließlich auch ihre Miete bezahlen zu können. Arsenik ist die Geschichte einer jungen Frau in der lähmenden Öde eines französischen Provinzstädtchens (die französische Ausgabe hieß Un crime en province), die, verlassen von ihrem Geliebten, sich immer mehr in den Wahn steigert, sie könne sich durch ein Verbrechen von den Schmerzen des Verlusts befreien, und die schließlich einen sorgfältig geplanten Mord begeht und darin die „Erlösung“ findet.
Claire hatte Iwan von ihrem Lebensüberdruß geschrieben, von den Durchfällen und Darmkrämpfen mit Erbrechen, die sie den Tod herbeisehnen ließen. Mit der wahnhaften Selbstzerstörung ihrer Romanfigur verdoppelt sie ihre Sehnsuchtsbotschaft an Goll:

Konnte Otto dem Anprall einer Liebe widerstehen, die zu allem bereit war? Für ihn zu sterben, für ihn zu töten?

Doch Goll will keinen privaten Bezug erkennen, nur auf die künstlerische Qualität des Romans geht er ein:

Ein ganz ganz großes Buch!
Soviel menschliches Material, aus der Tiefe des Fleisches an die Sonne gehoben, soviel Weltwissen, Seelenkenntnis, Ausdruckskraft, Augenschärfe und Ohrenfeinheit…
(…) Man kann Dich nur bewundern! Bewundern, unheimliches Geschöpf!

Er stelle das Buch „über alles, was in den letzten Jahren in Frankreich geschrieben worden ist“.

Zwar kommt er im März zu Claire nach Paris, verbringt aber Juli und August mit Paula in Ehrwald in Tirol, den September wieder mit Claire auf Mallorca, den Oktober mit ihr in Paris, im November fährt er zu Paula nach Berlin… Obwohl er seiner Frau bei der Abreise wie immer eine Nachricht unter ihrer Daunendecke gelassen hatte – „Glaube an mich / Warte auf mich / Ich liebe Dich / Iwan“ –, war in der Beziehung zu Paula Ludwig eine entscheidende Wende geschehen: er redet Paula mit „Geliebter“ an, beschwört die „süße Metamorphose im Zwie-Ich“ und erlebt sich selbst „Halb noch und halb. Halb schon Mignon, halb noch Iwan“. „Ich stärke dich!“ hatte sie ihm versprochen, und er, unfähig zu Entscheidungen („Hinsinken ist der Trieb meines Wesens“), fleht um ihre Hilfe:

meine Befreiung schält sich langsam aus fünfzehn Jahren Verschüttetsein.

Verwandelt habe sie ihn: „Du kannst mich in meinem neuen Wesen nicht allein aussetzen; ich muß fühlen, daß meine Schöpferin über mich wacht. – Die alten Hüllen fallen nur ruckweise ab.“ – Seine Mutter habe ihn auf einem Foto nicht erkannt und gerufen: „Ach ich dachte, das wäre ein Mädchen!“ – was für eine Verwandlung ist eingetreten? Die Geliebte gestattet ihm, die seit der Kindheit tief ersehnte weibliche Rolle zu leben, der Mann mutiert zum Mädchen, zur Hingabe und Unterwerfung und gibt sich der Lust am Geschlechtertausch rückhaltlos hin.
Nun eignen sich die erotischen Rollenspiele eines Paares nicht zur öffentlichen Präsentation (und den publizierten Briefwechsel verfolgt der Leser nur mit Unbehagen), doch die literarische Ausbeute muß interessieren: In den Monaten der Trennung von Paula verfaßt Goll zwischen 1932 und 1934 die Malaiischen Liebeslieder, zuerst in seiner eigenen Übersetzung auf französisch, veröffentlicht als Chansons Malaises; Chansons de Manyana, Jeune Fille Malaise (1934). Diese Rollengedichte wären ohne die besondere Art der Erfahrung, die der Dichter mit seiner latenten Weiblichkeit machen durfte, nicht entstanden. Nur wenig geschützt hinter der exotischen Maske der Malayin, wagt er, aus der Verbindung von Wunsch und Angst die sexuelle Gespaltenheit seines Wesens zu benennen:

Du sagtest nur, ich sei
Deine kleine rote Feldbeere
Und aßest mich
Mein Duft entschwand auf deiner Zunge
Doch hab ich dich vielleicht genährt
Mit solchem Über-Mut
Dass du den Leoparden leicht bezwangst

In diesen Liedern zeigt sich aber auch die Gefahr für die reale Beziehung zu Paula: die Frau wird geliebt als „Häuptling“, der Liebende duckt sich lustvoll unter seinem Zorn: „Je mehr du mich vernichtest / Um so mehr bin ich da“, fordert die Widerspiegelung des eigenen Wertes im Genuß des Gegenüber („Erschüttere mich mit meiner eigenen Süße“) und verspricht dem/der Geliebten, ihn/sie zu schützen, wenn das grandiose Bild sich als Täuschung erweist („Ich hielt dich für den strahlenden König / dem kein Sterblicher sich naht“). Keine Rede aber davon, daß Paula Ludwig sich auch in Wirklichkeit darauf verlassen könnte, aufgefangen zu werden, wenn sie der Anstrengung ihres Rollenparts nicht gewachsen ist:

Die letzten Photos zeigten mir ein so blasses, abgehärmtes, mageres Paulchen, daß ich erschrak! Du mußt ruhiger werden. Dich in einer tiefen Arbeit erhitzen und erholen.

Reißt sie sich aber aus ihrem Kummer und der bedrückenden Realität ihrer Geldsorgen, Eifersucht und Verzagtheit hoch auf die Ebene der kühnen Fiktion, lohnt er es ihr: „Als Sklavin dränge ich mich unter dich.“ – Das Muster hat sich verfestigt: Iwan ist schwach und von der Schwäche Claires vereinnahmt, die Stärke Paulas wird seine Rettung und so lange eingefordert, bis sich die Stärke verbraucht und zusammenbricht. Dann wendet er sich wieder zu Claire, denn das Spiel der Schwäche beherrscht sie besser als die Rivalin, die sich darin nie gefallen durfte. Hat sich aber Paula, um ihn nicht zu verlieren, wieder auf die Höhe eines „Prinzen der Welt“, seines „Traumherrschers“ emporgequält, stürzt ihr der „zwischen Mädchen und Mann“ Gespaltene zu Füßen und entzieht sich Claire, die vergeblich an ihn als ihren männlichen Beschützer appelliert.
Das Drama wird sich hinziehen und allmählich alle Beteiligten zermürben. Nach Jahren der Beteuerungen seiner unverbrüchlichen Liebe an beide Frauen, nach Besuchen Paulas in Paris, wenn Claire abwesend ist, nach Reisen mit Claire, die vor Paula als Reisen mit der Mutter ausgegeben werden, nach einem Urlaub in Nizza, als Paula vor der nichtsahnenden Claire versteckt gehalten wurde, nach Monaten in Italien, als die eine Frau einen Tag nach der Abreise der anderen ankam, führte der beinahe gelungene Selbstmordversuch Claires im Juli 1938 die Entscheidung herbei: Goll gab den Gedanken an eine gemeinsame Zukunft mit Paula auf (zudem wohnte er, trotz Paulas Anwesenheit in Paris, längst bei einer jungen Freundin, was weder die Ehefrau noch die Geliebte wußten) und bereitete mit Claire die Emigration vor. Seit 1933 war ihm vom Hitler-Reich die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt worden. Seit 1934 lebte Paula Ludwig, wohl hauptsächlich um ihre Liebe vor den Nazis zu schützen, in Tirol, seit dem Anschluß Österreichs in Paris. Knapp eine Woche vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs fliehen Claire und Iwan Goll aus Frankreich nach New York, Paula Ludwig gelingt erst im Dezember 1940 die Flucht nach Brasilien. Sie hat Goll nie mehr gesehen, nichts mehr von ihm gehört und erst 1953, nach ihrer Rückkehr aus der Emigration, von seinem Tod erfahren.
In der Fremde kamen Claire und Iwan einander wieder sehr nahe. Zwar hatte er sich nicht geändert, so berichtet Claire über den kurzen Aufenthalt auf Kuba: „für fünf Cents bekam ich dort schon einen Korb Mangofrüchte und Goll die hübscheste Negerin. – Er eilte von einer zur anderen…“, doch ihre Toleranz band ihn nur enger an sie, noch mehr allerdings ab 1945 seine Krankheit.

Durch tausend Straßen ohne Ende ohne Schlaf bin ich gegangen
Bevor die Spuren meiner Füße auf ewig
Zusammenschmolzen mit den deinen

Außer den ungezählten flüchtigen Affären („Bitte räume etwas auf: d.h. laß weder die Brosche von Andrée noch das Nachthemd von Gaby herumliegen… Ordnung erspart Schmerz“) galt Golls Liebe nur Claire und Paula, den beiden Dichterinnen. Das gemeinsame Schreiben prägte die ersten etwa acht Jahre des Zusammenlebens mit Claire, die Gedichte beider entstanden als eine Art lyrischer Wechselgesang. Ende der zwanziger Jahre verfaßte Goll seine zeitkritischen Romane und befand sich ab 1929 in einer Phase fast völliger Unproduktivität. Die Bekanntschaft mit der Lyrikerin Ludwig stimulierte seine poetische Kraft, allerdings litt er auch noch bis zum Entstehen der Malaischen Liebeslieder und des Zyklus Jean Sans Terre unter der Angst, seine Kreativität eingebüßt zu haben. Die Geliebte war ihm als literarische Partnerin wichtig:

Ich habe das Gefühl, ich kann nicht mehr schreiben, wenn Du nicht neben mir bist und mir das Herz hältst.

Sie schicken sich gegenseitig zur Korrektur ihre Texte, er vertraut ihrem Urteil, verwertet die Klugheit ihrer Einwände und gefällt sich zugleich in der Position ihres Mentors:

Gestalten ist immer Schmelzen, Gießen, Hämmern und Sieben. Das meistmögliche mit den wenigsten Worten aussagen. Oder vielmehr: nie sagen, sondern dichten, verdichten. Auf den letzten Nenner bringen. Jeden Relativsatz vermeiden, jeden Nebensatz überhaupt. Jedes Wort soll goldhaltig sein.

Schreibt er auf französisch, bittet er Claire um Kritik. Aber am Höhepunkt ihrer Ehekrise, als er sie als „liebes Schwesterlein“ anredet, verweigert sie sich dieser Aufgabe: „Du gehst zu wenig auf die Verse ein. Interessieren sie Dich nicht? Oder willst Du mich nicht enttäuschen?“ – „Bitte gib Dir Mühe und unterziehe das Ganze einer ernsthaften Aussprache.“ Doch sogar auf ihrer beider Fachgebiet kam keine ergiebige Kommunikation zustande.
Gemeinsam in Amerika, als Goll begann, auch auf englisch zu schreiben, und es beiden gelang, bei amerikanischen Verlagen zu publizieren, entstand zwischen ihnen von neuem das Vertrauen, mit dem sie die schweren Jahre meisterten und das bis zu Golls Tod nicht mehr gefährdet wurde.
Claire verstand sich als die Verwalterin seines Werks und der Legende ihrer Ehe. Was ihr Bild störte, ließ sie unbeachtet wie Golls Romane aus den zwanziger Jahren oder vernichtete es wie einen Teil des Briefwechsels. Sie übertrug die Malaischen Liebeslieder ins Deutsche, wußte sie doch nicht, daß es davon deutsche Originale gab. Sie kämpfte sogar mit fragwürdigen Mitteln für den Nachruhm ihres Mannes, so z.B. als sie Paul Celan des Plagiats beschuldigte. Zwar kümmerte sie sich auch um die Neuauflage ihrer Romane, aber im Vordergrund ihres Interesses stand das mit Goll gemeinsam Geschaffene.

Ich bin nie auf die Idee gekommen, mit Goll zu konkurrieren. Ich habe mich immer eine Etage tiefer gefühlt.

Das trifft zu für die Qualität der Romane der beiden, die zeitkritische Schärfe Golls und seinen Ausdruck verblüffender Verknappungen hat sie nie erreicht. Ob für die Gedichte gilt, was sie selbst darüber sagt – „Wenn ich Goll dichterisch antworten konnte, hat er mich dazu erzogen, mir Talent abgegeben“ –, sei dahingestellt.
Wie vielleicht einmalig bei einem Großen der Literatur verstellen die Briefe Golls den Weg zur Wertschätzung. Ihr unerträgliches Pathos, der hochtrabende Gestus auch einfacher Mitteilungen, die unverblümte Eitelkeit des Verfassers, das schwülstige Zelebrieren von Erotik in den Briefen an Paula Ludwig und vor allem der völlige Mangel an Humor unterscheiden sie von seinen nicht privaten Texten. Sogar die Zärtlichkeit wirkt gekünstelt, Anteilnahme unglaubwürdig. Claire dagegen gewinnt in ihren Briefen, sie ist direkt, frech, verspielt, selbstironisch und boshaft, die verlogen verständnisvollen oder bemüht demütigen Passagen sind deutlich nur taktische Manöver. Nie hat sie die Loyalität verletzt, wenn er sich abwandte; der unzertrennliche Bund ist mehr ihr Verdienst als seines, der schließlich zugeben konnte:

Wie schwach sind körperliche Reize. Aber ewig sind unsere seelischen Liebesbande.

Auf dem Père Lachaise in ihrem „Doppelbett aus Stein“ wird sie nichts mehr entzweien.

Gerda Marko, aus Gerda Marko: Schreibende Paare. Liebe, Freundschaft, Konkurrenz, Artemis & Winkler, 1995

 

 

Fakten und Vermutungen zum Poesiealbum + wiederentdeckt + Interview + Hinweis
50 Jahre 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6

 

 

YVAN GOLL

Da ist immer etwas
für die Abendunterhaltung:
wenn du vor deiner Jagd
durch die nächtlichen Straßen
Claire die Füße warmriebst –
Sie hatte ein scharfes Gedächtnis,
bewahrte Namen und Einzelheiten
sorgfältig wie seltene Andenken auf.

Eine Unmöglichkeit,
sich mit ihr
durch die Zeiten zu lächeln,
wenn sie zu Rilke fuhr,
in seiner Sprache ertrank
und dich dennoch
mit großer Zähigkeit
durch ihre Briefe festhielt.

Da ist immer etwas
für die Abendunterhaltung –
niemand braucht zwischen den Zeilen
das Geheimnis
wie die Stecknadel im Heuhaufen
zu suchen.

Sie hat die Nadel,
für jedermann sichtbar
zum Wurfspeer verwandelt,
herausgeschleudert aus Paris,
daß er landete als Ausrufezeichen
in den Klatschspalten der großen Zeitungen.

Als die selbstmörderische Zeit
ihrer Arsenikphantasien kam,
ihr Abschiedsbrief eintraf,
der das Unvermögen der Trennung
hinter den Schreien ahnen ließ,
denn „es weinte die alte Liebe
sich die Seele aus“,
kehrtest du zurück in das Chaos,
hoffend, du könntest mit ihr zusammen
noch einmal friedlich
„auf einem Platz von Waffen“ leben.

Charlotte Grasnick

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + Instagram + Archiv + Internet Archive 1, 2 & 3 + IZA + Kalliope
Porträtgalerie: akg-images + Keystone-SDA
Nachruf auf Yvan Goll: Die Zeit

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