GERÜCHTE
laut neuester Forschung
hat es nie wie auch immer geartete Differenzen
zwischen Biochemikern und Waldensern gegeben
ist weder am 21. noch am 22. Mai 1921 auf dem
aaaaaGosausee
Kaiser Franz Joseph I. schlittschuhgelaufen
höchstwahrscheinlich
wird ein von der Hagia Sophia fallender Ziegel
nicht auf dem Petersplatz zerbrechen
werden nach dem Plädoyer
der Mörder und der Ermordete
einander noch nicht die Hände schütteln
vermutlich
wird der dritte Schluck Coca-Cola
doch wie Weihwasser schmecken
wird ein vom Birnbaum fallender Apfel
erst zwischen Baum und Erde eine Birne werden
vermutlich ist tot, wer gestorben ist
wahrscheinlich
wird heuer kein Hirschgeweih
gleichzeitig Rosen und Dornen tragen
reicht dem Papst in der nächsten Messe
eher ein Engel den Meßkelch als ich
hat Grillparzer schon im Mutterleib „zu spät!“ ausgerufen
meiner Meinung
wird Goethe nie mehr auch nur eine gute Zeile schreiben
heißt ein Gedicht schreiben Wörter streichen
menschlicher Voraussicht
ist das Gedicht zu (am) Ende
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Nachwort
Jutta Schutting, Jahrgang 1937, ausgezeichnet mit dem Förderungspreis zum österreichischen Staatspreis 1972, nennt ihren ersten Gedichtband in der Sprache der Inseln. Schon dieser Titel ist äußerst präzise. In einer Zeit, in der jeder eine Insel für sich ist und es das Wort als Kommunikationsmittel schwerer denn je hat, schreibt sie den Satz:
Ich liebe dich in der Sprache der Inseln… ich liebe dich inselselig.
Und vor einem werdenden Gedicht empfindet sie „die Aufforderung, auf der imaginären Meereskarte eine noch unentdeckte Insel einzutragen“. Allen ihren Gedichten eignet diese Bemühung um Präzision und Sachlichkeit auch gegenüber allem, das mehr als bloß rational gefaßt werden muß, denn sie weiß nur zu genau, wie oft ein Wort „eine Ausrede und ein fauler Zauber“ ist. Solcher Leichtfertigkeit setzt sie die Genauigkeit ihrer fast schon sprachphilosophischen Gedichte („Bäume“, „Tauben“) entgegen. Selten hat ein Autor das Ziel, das ihm vor Augen schwebt, so klar ausgesprochen wie Jutta Schutting in den „Vor dem Gedicht“ und „Gedichte“ überschriebenen Arbeiten, die man immer wieder Zeile für Zeile, Bild für Bild durchmeditieren sollte. Aber vielleicht erkennt man den Rang eines lyrischen Autors am deutlichsten an seinen Liebesgedichten. Jutta Schutting gelingt im zweiten Teil des Buches ein so zauberhaftes Gebilde wie das mit der Zeile „du bist alle Tulpen“ beginnende, das, nach der spielerischen Bildhaftigkeit fast mathematischer Formulierungen, in der überraschenden Zärtlichkeit der sich plötzlich distanzierenden Schlußzeile gipfelt. Oder das Gedicht „Rose, Gesicht an meinem“, in dem Musils ,anderer Zustand‘, gleichzeitig aktiv und passiv, als Versenktheit der Versenkung in sich selbst, spürbar wird, – wie Jutta Schutting überhaupt jene echten Gedichte schreibt, die das provozieren, was zum Erreichen des ,anderen Zustandes‘ führt.
Im letzten Abschnitt schließlich stehen hinter surrealen, absurden und ironisch-satirischen Einzelheiten die drohenden Fragen: „Wie lange noch?“ und „Was wird morgen sein?“ Auch Zeitkritisches – ohne Sturheit, aber voll Humor – findet man, etwa in „Tischgebet“ und „Park“. Und das Gedicht „Kinder spielen auf einer Wiese“ entwickelt seinen realen Sachverhalt bis zur Bitterkeit einer neuen anderen Wirklichkeit:
Als hätte einmal etwas, das man Kinder genannt hat, auf sogenannten Wiesen gespielt.
Wenn Jutta Schutting einmal gesagt hat: „Ein Gedicht ist ein erhalten gebliebenes Zeichen eines verlorenen Zustandes, es hat den Zauber des ,zufällig Erhalten-Gebliebenseins‘“, – dann hat sie damit Wirkung und Nutzen auch ihrer eigenen Gedichte beschrieben, die jenen ,anderen Zustand‘, der sonst Vielen für immer verloren wäre, zu erwecken, zu erinnern und für kostbare Augenblicke wachzuhalten vermögen.
Ernst Schönwiese, Nachwort
Zum 85. Geburtstag des Autors:
Trauer, Liebe und Kindheit: Julian Schutting wird 85
NÖN, 2.9.2022
Wolfgang Huber-Lang: Dichter und Wanderer: Julian Schutting erhält Artmann-Preis
Salzburger Nachrichten, 2.9.2022
Gerhard Zeilinger / Julian Schutting: „Drei Stunden gehen, drei Stunden schreiben“
Der Standart, 3.9.2022
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Bei Julian Schutting nachgefragt.








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