Jutta Schutting: Lichtungen

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Jutta Schutting: Lichtungen

Schutting-Lichtungen

MONDBILDER

und so malte er
dreihundert klare und dreihundert bewölkte Nächte
aaaaalang
den Mond,
um herauszufinden (ohne freilich die Frage schon zu
aaaaaahnen),
ob er in einer klaren oder in einer bewölkten Nacht
sich einmal eine Kugel in den Kopf jagen würde

und so malte er dreißig Jahre lang
in einem fensterlosen Haus
den Mond der ersten und letzten Nacht mit seiner Geliebten,
um sich am Ende einer stürmischen, aber klaren Nacht,
als sein der Geliebten gewidmeter Mond
etwas früher als der Mond am Himmel verblaßte,
mit verbundenen Augen eine Kugel in die Schläfe zu schießen

und in seiner zweiten Phase, die die Jahre 1980 bis 1990 umfaßt,
verfeinerte er die Darstellung des Mondes
auf der stürmischen Mondlandschaft seiner ersten Phase
und trug das Bild, als es vollendet war
(vollendet, weil sein Mond zugleich mit dem Mond über ihm aus den Wolken trat),
in die stille Mondnacht hinaus,
um sich, ohne mit den Wimpern zu zucken,
zwischen die auf den Himmel gerichteten Augen eine Kugel zu schießen
(aber nach dem Abschied der Geliebten
malt er nur mehr den Mond, und diesen nur noch als Sichel,
ehe er in einer Neumondnacht
zuerst auf das Bild, dann auf sein Herz die Pistole richtet)

und in seiner dritten Phase
malte er immer den gleichen leicht bewölkten Mond
auf die jeden Morgen gereinigte Leinwand,
und als der Mond endlich in den Wolken verschwinden wollte,
rannte er ihm in einer Panik das Messer ins Herz
und rannte dann selbst mit dem Kopf so lange gegen die Leinwand,
bis der Mond an ihm und er am Mond zerschellte

und als er den Zenit seiner Kunst zu erreichen im Begriffe war,
wanderte er mit seinem ,Vollmondnacht‘ genannten Bild
durch alle europäischen Vollmondnächte,
diese der seinen zu vergleichen,
ehe er, als Mond und Mond
während einer Mondesfinsternis identisch wurden,
die Pistole auf den Mond richtete,
um mit der Kugel sich ins Herz zu treffen

und so wartete er in seiner vierten und letzten Periode
dreißig Mondjahre auf die Mondesfinsternis,
diese in dreißig Sonnenjahren auf der Leinwand festzuhalten,
aber als, wie er als Greis, es mit den Augen der Geliebten zu betrachten,
von dem Bild Abstand nahm,
auch der Mond aus dem Erdschatten trat,
schleuderte er dem Bild das Messer ins Herz,
ohne freilich zu ahnen,
er würde in der nächsten Vollmondnacht
sich beide Augen durchstochen haben

 

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Zum 85. Geburtstag der Autorin:

Trauer, Liebe und Kindheit: Julian Schutting wird 85
NÖN, 2.9.2022

Wolfgang Huber-Lang: Dichter und Wanderer: Julian Schutting erhält Artmann-Preis
Salzburger Nachrichten, 2.9.2022

Gerhard Zeilinger / Julian Schutting: „Drei Stunden gehen, drei Stunden schreiben“
Der Standart, 3.9.2022

 

Fakten und Vermutungen zur Autorin + InstagramKLGÖM + IZA + Archiv 1 & 2Kalliope
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Bei Julian Schutting nachgefragt.

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