FRÜHER IST MORGEN UND HEUTE SCHEINT WEG
Ich kann mit der Stille einer Wohnung spielen,
sortiere die Geheimnisse der Blätterstapel neu.
Ich kann mit meinem Rücken knacken, er verrät
Botschaften über den Zustand der Wirbelsäule.
Jenseits des Fensters ein Stummfilm, das Summen
einer Welt, die ihre Laute nicht verschleudert.
Ich kann was ich kann: ein Geheimnis behalten,
für mich. Bis es allmählich der Körper vergisst.
Jemand bewegt sich
als Dichter durch Innen- und Außenwelten. Er baut ein Labyrinth aus lauter Ausgängen. Das in einem Buch als Gesamtkunstwerk.
Einhundertelf Gedichte mit 10 Holzschnitten von Katja Zwirnmann.
Verlag Ralf Liebe, Klappentext, 2024
Ein etwas verspäteter neuer Rathenow
Manchmal kommen Gedichtbände etwas später, als es sich der Verleger gedacht hat. 2008 erschien im von Ralf Liebe betreuten Verlag Landpresse Lutz Rathenows Gedichtband Gelächter sortiert. Dem sollte eigentlich schon bald ein weiterer folgen. Doch dann wurde Lutz Rathenow 2010 Sächsischer Landesbeauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Da blieb für Gedichte nicht mehr viel Zeit. Im zweifachen Sinn. Denn wer so einen Job ausfüllt, hat auch selten die Zeit, in poetische Stimmung zu kommen. Dichter brauchen ein Umfeld, das Besinnung und Sinnen möglich macht.
Und so wurde der jetzt von Ralf Liebe liebevoll zusammengestellte Band eher ein Resümee der zurückliegenden 50 Jahre. Und daher auch ein Band für Entdeckungen für alle, die den frühen Lutz Rathenow, der der Stasi so viel Ärger machte, noch nicht kennen. Ganz einfach, weil er damals Gedichte schrieb, wie ihm der Schnabel gewachsen war, um es einmal ganz nüchtern auszudrücken.
Denn was die Herren mit der grauen Fasson überhaupt nicht mochten, waren literarische Texte, die das kleine Land mit den drei Buchstaben einfach so zeigten, wie es war. Es ist das alte Des-Kaisers-neue-Kleider-Problem. Und Rathenow und etliche weitere Mitstreiter im von ihm 1972 gegründeten Jenaer „Arbeitskreis Literatur und Lyrik“ fühlten sich sehr wohl wie das Kind in Andersens berühmten Märchen: Sie hatten eine nur zu verständliche Freude daran, die Dinge beim Namen zu nennen.
Und das Erstaunliche an dieser Art der Welt-Benennung ist ja: Das wird fast automatisch zum Gedicht. Verdichtet die Wirklichkeit auf einprägsame Zeilen und Bilder. Und die Zuhörenden und Lesenden sind überrascht und freuen sich selbst wie die Kinder, weil sie ihre Welt und Wirklichkeit darin wiedererkennen. Dichten ist – wenn es gelingt – Welt-Komprimierung. Deswegen standen Autoren und Autorinnen in der DDR stets unter besonderer staatlicher Aufsicht.
Und die frei Schreibenden sowieso. Weshalb der Arbeitskreis natürlich verboten wurde und ein Lutz Rathenow im Osten gar nicht erst nach Veröffentlichungsmöglichkeiten fragen musste. Seine Gedichte erschienen dann im Westen. Er selbst blieb aber da. Trotzig und ganz und gar nicht geneigt, sich ins unbefreundete Ausland abschieben zu lassen.
Und nun hat er – da hat Ralf Liebe bestimmt ein wenig gedrängt – seine alten Lose-Zettel-Sammlungen durchstöbert und auch etliche Texte gefunden, die seinerzeit in keinen Gedichtband fanden. Manchmal, weil sie einfach nicht passten. Manchmal, weil sie für den Dichter noch unfertig aussahen. Was natürlich passieren kann. Da fällt einem dann manchmal nach Jahrzehnten erst auf und ein, wie es weitergehen könnte, wohin der Text eigentlich drängt. Dazu braucht man an oft einfach noch ein bisschen Erfahrung mit der Welt.
Aber den skeptischen Blick auf die Mitmenschen hat Rathenow dabei nie verloren. Manchmal klingt es so leicht hingetuscht, wenn er – wie im „Einheitsjahr“ 1990 – schreibt: „Entherzte Wahrheiten nerven die Menschen…“ („Rauchsignale einer Stadt“). Vor den politischen Ereignissen, die ihm begegneten, hatte er nie Angst, auch nicht davor, sie in Gedichte zu packen.
Damit sie wahrgenommen werden. So ein typisches Gedicht aus den 1970er Jahren ist „Falttag“, in dem er einfach beschreibt, wie man als einfacher Staatsbewohner damals zum Wählen ging: Falten und ab in die Urne mit dem Zettel. Fertig. Die Gedanken aber sind frei.
Diese Fundstücke aus seinem Zettelarchiv hat Lutz Rathenow zwischen Texte gestreut, die tatsächlich erst in den letzten Jahren entstanden sind, als er wieder Freiraum zum Schauen hatte und sich selbst wieder wahrnahm als Menschen in einer Welt, die an Seltsamkeit nichts verloren hat.
Erst recht nicht Berlin, wo er lebt. Und sich erstaunlich irdische Gedanken macht, wenn er S-Bahn fährt oder die Treppen hinauf ans Tageslicht steigt.
Ich ärgere mich noch über den Regen, ich weiß schon, wir brauchen ihn, aus vielen guten und besseren Gründen.
Es ist ein Text, in dem er sichtbar macht, wie es uns allen in den Köpfen rumort, wie wir Kluges und moralisch Richtiges denken und gleichzeitig voller Vorurteile sind und uns inwendig am Zügel nehmen müssen, um nicht zu platzen.
Geändert hat er sich nicht. Ein Gedicht über den „Spätherbst“ lässt er in einem geradezu herausfordernden Satz enden:
Ich fordere auf, mir zu mißtrauen.
Und gleichzeitig freut er sich wieder (oder immer noch) über die Dinge um uns wie ein Kind, über Sonne und Neuschnee (der den Schmutz der Stadt für einen Moment verdeckt). Er radelt durch die Stadt und sucht einen echten Flipperautomaten, schreibt ein Gedicht von 1987 fort:
In die Zukunft segeln.
Und feiert in „Ins Offene“ die innige Freude am Laufen.
Da erinnert nur der Titel an ein Hölderlin-Gedicht. Und trotzdem ist Hölderlin präsent. Wie so manch anderer Dichter, der als Zitat aufscheint. Aber klar ist auch: So wie Hölderlin bekommt man unsere Gegenwart nicht mehr zu fassen. Das Hymnische wäre völlig fehl am Platz. Wir sind lakonisch geworden in unseren Gefühlen. Verstecken uns hinter Worten, die eigentlich in keinem Gedicht funktionieren – einige hat Rathenow in einem „Placebogedicht“ platziert. Man merkt: Er ist noch genauso widerständig wie einst, wenn es um Phrasen und Hülsen geht. Aber statt sie zu meiden, spießt er sie auf.
Sarkastisch tut er das – wie in „Umweltbeglückt“, wo er uns allen unsere verlogene Sicht auf die zu schützende Natur unter die Nase reibt. Denn geschützt wird sie ja eigentlich nur, „damit / sie länger stirbt“. Denn wir sind nicht wie die Kinder. Wir funktionieren und „zermailen“ unsere Tage.
Haben kein Gespür mehr und „keine Zeit“ für die vielen kleinen Sensationen unseres Lebens – das Berühren von Haut, den Kuss, den Tag im Sand am Strand. Und die Narreteien des frühen Jahres 2025 nimmt er in „Selbsttäuschungslabyrinth“ schon mal vorweg:
Don Quichotte verbarrikadiert sich
im letzten Atomkraftwerk. So viele Pferde
hat keiner, gegen alle Mühlen anzureiten.
Was wohl eine Menge damit zu tun hat, dass so viele Menschen gar nicht richtig da sind. Immer schon weg. Selbst beim „ersten Kaffetrinken im Freien“, wo sie mit dem Cappuccino auch gleich die Rechnung haben wollen. „Und bitte gleich.“ Menschen, die nicht da sind, wenn sie da sind. Und damit auch nicht bei sich. Schon gar nicht so intensiv wie der Dichter, der sich damit – leider – eben doch die Stimmung verderben lässt. Denn diese Hektischen und Wichtigen machen Lärm und zerstören jeden stillen Moment.
Auch weil sie ihn ganz offensichtlich nicht genießen können. In „Irgendetwas stört“ versucht Rathenow, diesen Missmut zu erfassen, der irgendwie zur Volkskrankheit geworden ist:
Es stört das Gerede,
aufdringliche Stille. Katzen, Marmeladengläser
ohne Marmelade. Die Mücken. Die Abwesenheit
des Elefanten…
Man merkt: Er hadert noch mit seiner Mitwelt. Oder wieder. Und genießt es, obwohl es ihn aus seinen Gedanken und Versunkenheiten reißt. Denn die Situationen, in denen der Missmut mal daußen bleibt, genießt er:
Ich kann mit der Stille einer Wohnung spielen,
sortiere die Geheimnisse der Blätterstapel neu…
Und manchmal packt er die Geheimnisse dann eben doch wieder in einen neuen Gedichtband, den Ralf Liebe von der Leipziger Grafikerin Katja Zwirnmann illustrieren ließ mit richtigen Holzschnitten. Man riecht es.
Der Band ist auch ein Genuss für die Nase. Und trotzdem so kalkuliert, dass ihn sich auch sparsame Lyrikliebhaber leisten können. Und vielleicht auch alle, sie sich zu Weihnachten nichts geschenkt haben, aber nun ein Gefühl teilen, das Rathenow beim Namen nennt:
Frühlingsauferstehungslust.
Wieder so ein verkapptes Zitat, das beiläufig daran erinnert, dass unsere Klassiker gar nicht so langweilig sind, wie sie in der Schule meist verkauft werden.
Erst recht, wenn man die Kunst gelernt hat, mit ihren Texten zu spielen und sie in eine Zeit zu holen, in der nur noch wenig so selbstverständlich ist wie zu Fausts Zeiten:
Der Winter, kaum Winter
noch, schmilzt zu einem langen langen Herbst.
Da sind wir gerade. Manche warten auf den ersten Sonnentag im Freisitz. Und manche holen sich einen neuen Gedichtband aus der Buchhandlung, um ihn mit festlichen Augen lesen.
Und um vielleicht an ein paar Zeilen von 1973 hängenzubleiben:
Hab Acht vor dem Feuer – es knistert so schön.
Ralf Julke, Leipziger Zeitung, 17.1.2025
Eine Höhle mit Wänden aus Glas
– Geheimtipp Manche erinnern sich noch an den DDR-Bürgerrechtler Lutz Rathenow, den Lyriker gilt es immer noch zu entdecken, Früher ist morgen versammelt 111 Gedichte. –
Bis zur friedlichen Revolution war er eine der profiliertesten Stimmen der Oppositionsbewegung in der DDR. Aber das sind Lorbeeren für den kritischen Geist von einst. Für den Schriftsteller, mit dem alles anfing, sind sie ausgeblieben. Dabei kann Lutz Rathenow auf eine stolze Veröffentlichungsliste von rund 30 Büchern verweisen, vor allem Lyrikbände, aber auch Kinderbücher, Prosa und Texte in Bildbänden des Fotografen Harald Hauswald.
In seinem neuen Lyrikband Früher ist morgen nutzt Rathenow das vierte Kapitel, um seine Biografie mit Gedichten vorzustellen. Darin auch das wohl früheste Gedicht. Es stammt vom damals 19-Jährigen und beschreibt die Erfahrung als Arbeiter beim Vorzeigebetrieb Carl Zeiss Jena:
dann Ende
der Schicht. Für heute entlassen
sitzt du dann vor dir:
die Maschine
Die gespürte Entfremdung bleibt sprachlich Teil des Erlebnisses. Es findet keine Kommentierung statt, vielleicht naiv, vielleicht schon bewusst bleibt die Poesie gewahrt. Es sind die ersten Bewegungen in Richtung Poesie, 1973 im Arbeitskreis Literatur und Lyrik in Jena. Gleichwohl las die Stasi in solchen Texten einen politischen doppelten Boden und sorgte bald für das Verbot des Arbeitskreises.
Der neue Gedichtband des 72-Jährigen erscheint wieder einmal in einem Kleinverlag. Was heißt schon Kleinverlag, wenn es sich um den Verlag Ralf Liebe in Weilerswist, ganz im Südwesten von Nordrhein-Westfalen, handelt. Bei ihm ist Rathenow zum xten Mal gut aufgehoben. Die Gedichte begleiten zehn gedanklich weiträumige Holzschnitte von Katja Zwirnmann. Die Stiftung Buchkunst hat den Band jetzt sogar auf ihre Shortlist für das schönste Buch gesetzt.
Nie sage ein Dichter unbedacht, der Verlag sei ihm zu klein. Trotzdem scheint es, als würde der Ruhm des Dichters Rathenow nach drei Dutzend Büchern in einem Dutzend Kleinverlagen und dem zehnjährigen Engagement von 2011 bis 2021 als Sächsischer Landesbeauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur auf der Stelle treten.
Debüts können nichts weiter als ein erstes Buch sein – oder die Eröffnung eines Werks. Schaut man auf Rathenows Debüt Mit dem Schlimmsten wurde schon gerechnet aus dem Jahr 1980, dann findet sich ein vielversprechender Anfang. Doch das Buch des vom Veröffentlichungsverbot betroffenen Debütanten erschien im West-Berliner Ullstein-Verlag und ging an der Mehrheit der DDR-Leser vorbei. Dabei hätte es ein nachwirkender Aufschlag sein können, denn es handelte sich um beste schwarze Prosa à la Daniil Charms. Rathenow schloss an die grotesken Szenen der damals bei Studententheatern in der DDR angesagten polnischen Dramatiker Tadeusz Różewicz und Slawomir Mrożek an. Deren Technik der grotesk bis absurd eingefärbten Parabel faszinierte ihn und sie findet sich bisweilen auch in seinen Gedichten.
Den Dichter erspürt man in anderen Texten des Bandes, die sich poetisch hinter Chiffren aus Widersinn verstecken. Liebesgedichte, die den „Duft dieser Haut“ verströmen, Gedichte vom Dichter-Sein, in denen Sätze schweben und leben und eine „Höhle mit Wänden aus Glas“ bilden. Und es gibt Gedichte, die ein Spielplatz für Worte sind: regellos, offen, freizügig.
Ein 72-Jähriger sollte auch vom Alter sprechen. Rathenow lässt in Früher ist morgen den Tod in seine Gedichte eintreten und gibt zu, dass er ihm langsam entgegenlebe. Durch die immer noch spürbare Freude für das Absurde schwingt jetzt eine Endgültigkeit. Manche der Gedichte sind aus alten Zeiten und der Dichter hat sie sich noch einmal vorgenommen, andere sind nur aus alten Zeiten, aber das meiste ist neu. Diese Vielfalt macht es, dass am Ende der Lektüre der 111 Gedichte ein Werk erscheint, das vom Kritiker zu würdigen ist und vom Leser zu entdecken.
Michael Hametner, der Freitag, 10.7.2025, auch in literaturland-thueringen.de
Texte mit Zähnen
– Lutz Rathenows Gedichte in einem bibliophilen Band. –
Zur Sprache finden – das geht im Wortsinn natürlich nur, wenn es auch Organe zum Sprechen gibt, einen Mund, Zunge, Zähne. Sind letztere allzu reparaturbedürftig, ist es manchmal nichts mit dem Sprechen. Aber wozu gibt es Zahnärztinnen und -ärzte oder gar Implantologen. Einem Mann dieses Fachs, Joachim Hoffmann heißt er, ist in Lutz Rathenows neuem Gedichtband ein Text gewidmet. Dieser Joachim Hoffmann hatte offenbar einiges zu tun:
Wieder einsetzen Zahn für Zahn!
Damit der Mund ein Mund ist.
Und die Sprache ihr Werkzeug hat.
So wird unter der Hand ein Text über Zahnimplantate zu einem über Sprache, über das Sprechen, über Lyrik.
Das ist Lutz Rathenows Spezialität: Alltäglichkeiten bilden in seinen Gedichten häufig den Anstoß, der das sprechende Ich unter Umständen woandershin bringt, in den Himmel, oder auch unter die Erde. Letztlich geht es immer um alles in den Gedichten des Autors aus Jena, selbst wenn er beim Hundekot auf dem Gehweg beginnt, er landet im All. Auch sprachlich wechselt er virtuos die Register. Mal spricht er trockenes Umgangsdeutsch, in Versen.
Der Band Früher ist morgen versammelt 111 Gedichte seit den 1970er Jahren, die der Dichter teils aufgefunden, teils auch noch weiterverarbeitet hat. Er beginnt mit einer poetischen Betrachtung des Himmels:
Gerade ziehen wieder Wolken vorbei,
Formationen, ordnungsfrei.
Eine Flotte, die ihr Wasser wegträgt.
Und verschenkt.
Es folgen konkrete Beobachtungen im Hier und Jetzt, in Berlin, in Ausstellungen, bei Begegnungen (mit dem Soundtrack „Highway to Hell“). Einer der Abschnitte trägt den Untertitel „Gedichte als Biografie“. In ihnen steigt er tief hinab in die Kindheit (geboren 1952), imaginiert seine Geburt, die Ernährung durch gesammelte Milch:
So trank ich von vielen Müttern. Darauf führe ich,
so die eigene, sein widerspenstiges Wesen zurück.
Ist diese Widerspenstigkeit auch ein poetisches Prinzip? Die vielen Überarbeitungen eigener Werke deuten bei Rathenow darauf hin, dass Sprache offen bleibt, ein Text nie wirklich abgeschlossen sein kann. So ist ein „wirklicher Dichter“ einer, der weniger schreibt, mehr fühlt:
Er würde vertreiben sein Gedicht,
wenn er mit dem Text begänne.
Ironie schwingt allerdings immer mit.
Das kompakte Büchlein mit Leineneinband ist ausgestattet mit Grafiken der Leipziger Künstlerin Katja Zwirnmann. Sie nimmt Szenerien aus den Texten auf und übersetzt sie in Bilder, die zwar dominiert sind von strengen geometrischen Formen, die aber wie schwebend wirken durch Farbflächen und schwungvolle Linien, die die Kargheit durchkreuzen. Veröffentlicht wurde das Buch von Drucker und Verleger Ralf Liebe aus Weilerswist. Es ist ein bibliophiles Schmuckstück geworden.
Matthias Schümann, Lesart, 4/2024
Bratwürste und zermailte Tage
– Lutz Rathenow rechnet in seinem neuen Gedichtband Früher ist morgen immer noch mit dem Schlimmsten. –
Schon seine Geburt sei ein „operativer Eingriff“ gewesen, schreibt Lutz Rathenow schelmisch in einem seiner neuen Gedichte. Schmerzlindernde Spritzen für die Mutter habe es nur gegen Westgeld gegeben. Bereits als er 1973 in Jena den Arbeitskreis Literatur und Lyrik gründete, hatte die Stasi ihn auf dem Radar. Nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann kam er 1976 zum ersten Mal in U-Haft. Drei Monate vor dem Examen dann wurde er exmatrikuliert. Die Funktionäre warfen ihm „Zweifel an Grundpositionen, Objektivismus und Intellektualisieren der Probleme“ vor. Sie verhängten ein Reiseverbot, verhinderten Buchveröffentlichungen und inhaftierten ihn 1980 erneut, nachdem im Westen sein Prosaband Mit dem Schlimmsten wurde schon gerechnet erschienen war.
Der 1952 in Jena geborene Rathenow zählt zu den bekanntesten Oppositionellen der DDR. Mehr als 15.000 Seiten umfasst seine Opferakte, in der ein von der Stasi bestellter Literaturexperte urteilte:
Als Rathenow-Leser kommen vor allem in Betracht anarchistische, intellektuell bürgerliche, aber auch asoziale und deklassierte Jugendliche aus anderen Gesellschaftsschichten. Wir sollten den potentiellen Leserkreis nicht für zu begrenzt halten. Die literarische Wirksamkeit könnte im Sinne der Schockwirkung beträchtlich sein.
Auch nach seinem Umzug nach Ost- Berlin Ende der 1970er-Jahre konnte der Schriftsteller seine Texte nur bei Wohnungslesungen und in Kirchen vortragen. Die DDR zu verlassen, kam für ihn trotzdem nie infrage.
Die DDR ist Geschichte und Rathenow mittlerweile 72 Jahre alt. Mit dem Schlimmsten aber rechnet er immer noch, wie die 111 Gedichte seines Buches Früher ist morgen belegen. Der Galgenhumor ist ihm geblieben. Egal, ob er zurückschaut auf die DDR, in der ihm der Volkspolizist bei der Passkontrolle einst vorhielt, er habe sich seit dem Passbild verändert, was strafbar sei. Oder ob er die absurde Gegenwart betrachtet. In „Selbst-Mord“ schreibt er über seinen „zermailten Tag“ und wie er vor dem Computer auf „die Rückkehr der Welt“ wartet.
Ein schöner Satz.
Stimmt er auch? In Wahrheit hat er ja das Gefühl, sich vom Leben
zu trennen, wenn er das Netz verlässt.
Wenn im Zug das WLAN ausfällt, er so mit dem Sitznachbarn ins Gespräch kommt und eine Flasche Wein leert, „bastelt“ das ein Lächeln auf dessen Gesicht. Als das Netz dann plötzlich wieder da ist, verstummt jeder und verschwindet in seinen Mails. Das Leben ist ein anderes geworden. Die Menschen reden nicht mehr miteinander und isolieren sich. So wie der im Gedicht „Verstörte Klarheiten“, der alle Platzkarten um sich herum aufkauft, um keine „unangenehmen Nachbarn“ zu haben, und sich am Ende dann wundert, dass er im ziemlich großen Stadion ganz alleine sitzt. Auch seine Heimat Thüringen und dessen „Bratwurstluft“ liebt Rathenow erst „Ab einer gewissen Entfernung“, wie er im gleichnamigen Gedicht schreibt.
Ein Volk geknetet und fröhlich
beißend, auch hier verdrängt
Ketchup allmählich den Senf.
Fast wie Prosatexte lesen sich die Gedichte. Manchmal überschreiten sie die Grenze zum Kalauer. Nicht zornig oder verhärmt blickt Rathenow auf die Welt um sich herum. Hat er in der DDR doch gelernt, dass Humor die einzige Art ist, mit den Verhältnissen umzugehen. Auf grotesk-satirische Weise schaut er auch heute auf die Krisen und den Klimawandel. Wie die Menschen ihre Häuser neu dämmen, um Energie zu sparen und die Natur zu schützen:
Damit
sie länger stirbt.
Da verbarrikadiert sich wegen der vielen Windräder Don Quichotte dann schon mal im letzten Atomkraftwerk:
So viele Pferde
hat keiner, gegen alle Mühlen anzureiten.
Welf Grombacher, Märkische Allgemeine Zeitung, 31.7.2025
Unter „Lutz Rathenow zeigt Humor in düsteren Zeiten: in der DDR und heute“ im Nordkurier am 7.9.2025 noch einmal erschienen
Verspieltes
„Dieser Mann mag kein Gedicht. Denn ein Gedicht das mag er nicht.“
Doch dieser Mann schreibt Gedicht um Gedicht, dunkel und düster, heiter und licht. Ein Lebensernstler und Wortspieler. 111 Gedichte aus Jahrzehnten. Stichproben? 1975:
Ich stimme für die Regierung, damit
keiner merkt wie sehr ich gegen sie bin.
1989:
Ganz ohne Knall – der Mauerfall.
Aber auch:
Ich möchte Dich durchblättern
wie eine lang erwartete Stasi-Akte
aus lauter abgefangenen Liebesbriefen.
Oder dies:
Die Liebe ist ein helles Loch: Das alle Angst verschwinden lasst.
Erhard Schütz, Das Magazin, Februar 2025
Gibt es das denn noch,
dass ein Band mit Gedichten und Prosatexten so liebevoll und würdig gedruckt und gebunden wird wie Lutz Rathenows Früher ist morgen? Katja Zwirnmann entwarf eigens dafür zehn mehrfarbige Holzschnitte. Der Band ist fadengeheftet und fest eingebunden, und jedes Detail ist sorgfältig bedacht und behandelt worden. Jeder Buchliebhaber wird mit Freuden auf diese neue Erscheinung zurückgreifen wollen, ein bibliophiles Exemplar sondergleichen, mit alten Buchdruckmaschinen geschaffen. Lutz Rathenow, Jahrgang 1952, war lange Zeit ein Dorn in der Seite der SED, aber man konnte ihn nicht aus der DDR vertreiben, aus welchen Gründen auch immer. Seit der Wiedervereinigung 1990 gelang ihm ab etwa 2000 der literarische Durchbruch, und er hat über die Jahre hinweg viele Bücher veröffentlicht und literarische Preise gewonnen, zuletzt den Preis für Prosa vergeben von Trans-Lit2 (2024).
Zu besprechen gilt, wenn es auch etwas schwierig sein mag, seine letzte Publikation, Früher ist morgen. Der Buchtitel ist schon einmal interessant gestaltet, „Früher ist“ nach rechts neigend, „morgen“ nach links neigend gedruckt. Damit deutet sich wohl an, dass hier der normalen Logik und rationalen Syntax Widerstand geleistet werden soll, was sich tatsächlich überall in seinen Texten zu erkennen gibt. Es handelt sich sowohl um Gedichte als auch um Prosa, aber manchmal kann man nicht so eindeutig den Unterschied bestimmen, denn selbst das Druckbild macht es recht schwierig, obwohl es im Untertitel heißt, dass der Band einhundertelf Gedichte umfasse.
Es gibt verschiedene thematische Gruppen, die mit „Die Zeit berühren“ beginnen, was erstaunliche Assoziationen hervorruft, denn wie sollte man denn das vollbringen, wenn nicht mit Worten. So setzt der Dichter mit Reflexionen über seine Kindheit ein, die hier in Gedankensplittern aufscheint. Zum Abschluss lautet es: „Die Welt bellt mich an“, was verschiedene Vorstellungen miteinander verbindet, ohne dass ganz klar werden würde, wer hier denn bellt und warum. Ganz besonders schön finde ich Rathenows Wolkengedicht, das mit diesen Versen endet:
Eine Flotte, die ihr Wasser wegträgt.
Und verschenkt
(S. 8).
Der Dichter befindet sich offenbar in Berlin und stellt so manche Wetterbeobachtungen durch das Gewirr der Hochhäuser an. Trotz der Großstadt macht sich der Winter sehr deutlich dort bemerkbar, was Rathenow eindringlich poetisch zu umschreiben vermag. Aber „Der 24. November 2023“ ist eindeutig Prosa, die sich ebenfalls mit dem Winter beschäftigt. Einige andere Texte gehören ebenso zu dieser Gattung, was aber nichts an ihrer poetischen Qualität verändert, so wenn es in „Spätherbst“ lautet: „Nicht nur das Laub lässt sich fallen. Es wird fallen gelassen“ (S. 14), wobei sich deutlich die Frage ergibt, wer oder was denn hinter all den Naturerscheinungen stehen mag. Leider münden dann die Reflexionen in weniger aussagekräftigen Aussagen über das Gendern, womit die spirituelle Dimension etwas verloren zu gehen droht.
Bei späteren Gedichten fragt man sich, ob es sich nur darum handelt, eine Reimwirkung zu erzielen, so bei „Natur. Natur?“:
Willst Du sie wirklich?
Wirklich pur?
Natürlich stur.
Dann finden sich politische Gedanken über den Beton, gegen den das Gedicht vorgehen könnte. Der Titel von „In die Zukunft segeln“ erinnert uns wieder daran, dass Rathenow gerne mit der Zeitvorstellung spielt, was dann in etwas seltsame Verse mündet:
ich vergesse, worauf ich trinken wollte
Oder, zwei Zeilen später:
Gesang enthusiasmierender Tonbandgeräte
Soll hier die Moderne mythisiert oder dekonstruiert werden? Oder spielt der Dichter schlicht mit Worten, die fast beliebig aneinander gefügt werden, bis sich dann vielleicht doch ein Sinn daraus ergibt. Aber will er das wirklich, poetischen Sinn schaffen? Ich vermute, es handelt sich mehr um lyrische Spielereien, die auf die Verfügbarkeit der Sprache hinweisen sollen, was also unsere Suche nach einer logischen Rationalität etwas unsinnig macht, denn es geht nicht um Sinn:
Horizonte zerbröseln, suppengrün,
zeitungsgrau
Ist der Dichter nun religiös geworden („Ich glaube“), oder experimentiert er mit religiöser Bildlichkeit, die dann auch den Gedankensprung hin zu „mein blödes männliches Rollenverständnis“ erlaubt. Sogar vom „Schöpfer“ spricht Rathenow, macht aber zugleich deutlich, dass er sich auf verschiedenen Zeitebenen bewegt, die paradox wirken:
Ich war nie das Kind,
das ich sein werde. Später.
Vergangenheit und Zukunft bewegen sich also aufeinander zu, aber ob sie sich berühren, bleibt ungewiss.
Es wäre nicht möglich, jeden einzelnen Text zu besprechen, denn der Dichter wendet sich in viele verschiedene Richtungen, geht auf seine Eltern ein, die Umwelt, den Computer, Zugfahrten, Rockmusik der 60er Jahre, Religion, Marxismus oder Deutschland. So manches Sinnloses steht neben sehr Sinnvollem. So formuliert der Dichter am Ende von „Revolution Number 10 Number 10“: „Deutschland, wir weben dein Hoffnungstuch“ (S. 35), was fast an Heine erinnern könnte. Aber in „Placebogedicht“ steht einleitend, etwas absurd: „Oh / Wer / Wo“, was dann schließt mit „Es wäre Licht“. Denkt Rathenow hier an Goethes letzte Worte, „Mehr Licht“?
Im zweiten Abschnitt, „Tauschen wir die Geheimnisse wie früher die kleinen Bilder“, steigert sich die Reflexionsstufe, denn Rathenow überlegt sich z.B., ob ein wahrer Dichter wirklich schreibt, oder nicht eher nur fühlt und dann weint. Soll dies ein romantischer Ausflug sein, eine Selbstironie, eine ernstzunehmende Aussage oder die Suche nach einer spirituellen Ebene? In „Black is beautiful“ bedenkt der Dichter das Problem mit Rassismus, endet aber mit einem Bezug auf Schwarze Löcher im All, was mir doch etwas unangemessen vorkommt und die Rassismusdebatte ins Lächerliche zieht. Dann aber geht es um den Tod, die Erinnerung an die Mutter, den Friedhof, alles eigentlich in Prosa. Es gibt auch einen autobiographischen Bericht (erneut: nicht ein Gedicht!), dann hören wir von einer Reise in die Schweiz („Lesereise“), wo mir zwei Zeilen ungemein gut gefallen: „Zerwehtes / Wolkengeröll“, während ich mit dem Rest nicht so viel anfangen kann. Es finden sich auch Liebesgedichte, politische Kommentare über die Stasi, Erinnerungen an Brecht, Meinungen über den Strand, einen Militärflieger (seltsam: „Was weg ist könnte weg sein“), ein etwas mysteriöser dramatisierter Text („Der 1. Mai 20132“), und immer wieder Gedankenfragmente, die manchmal faszinierend klingen, mich manchmal aber etwas befremden („Das Abendmahl als Transfusion“). In einem Gedicht über die Fussballweltmeisterschaft heißt es z.B.:
Jedes gute Gedicht über den Ball endet mit –
einem Tor.
Und in „Amok-Prävention“ lesen wir etwa:
Die Krise gruselt sich
vom Fleck.
Wer mag hier das Agens sein? Die etwas unreine Alliteration von Krise und gruselt hat etwas Unheimliches an sich.
Jeder einzelne Text müsste genau abgeklopft werden; manchmal mit Erfolg, manchmal aber auch nicht. Ich schließe mit einem Zitat von „Eine Postkarte erinnert“:
Das Licht wiegt den Himmel,
der Himmel das Licht.
Die Treppe nach oben:
das Runde zum Weiten, der Blick vergisst sich nicht.
Die gewählten Bilder sind sehr ansprechend, ja, sie bewegen geradezu, aber dann wird es unbegreiflich, wenn auch nicht ganz befremdend. Grammatisch werden wir durch das Transitiv „vergisst sich nicht“ fast verstört, denn die Frage bleibt im Raum stehen, wessen Blick es denn sein mag.
Im dritten Abschnitt geht es um „die Welt als Spielplatz“, wo einige Texte erscheinen, die Rathenow selbst erst hatte wieder finden müssen. Manchmal lautet das Prinzip: ‚Reim dich oder ich fress dich‘, was mir nicht gut gefällt (z.B.: Nase/Vase), besonders bei dem absurden Gedicht „Höchstens Infarkt”. Zum Mauerfall sagt Rathenow ganz schlicht:
Ganz ohne Knall –
der Mauerfall
Was fangen wir damit wohl an? Oder:
Die Krise als Chance begreifen
Die Chance als Krise begreifen.
Das Begreifen als Greifen erkennen
Geht es um Bedeutung, um Klang- und Wortspiel, um sprachliche Experimente? Schwer zu sagen.
Auch im 4. Abschnitt begegnen wir den gleichen poetischen Strategien, wobei hier der Schwerpunkt auf geographischen Aspekten ruht (Thüringen). Zuletzt handelt es sich im 5. Abschnitt um „Die Texte laufen in verschiedene Richtungen davon und treffen sich plötzlich wieder“, was ich aber aus Platzmangel nicht weiter kommentieren kann. Aber ein letztes Zitat sei mir erlaubt:
Ich kann mit der Stille einer Wohnung spielen,
sortiere die Geheimnisse der Blätterstapel neu
Ist dies nun tiefgründig oder Wortgeplänkel? Der Leser sieht sich durchaus motiviert, dieser Frage genauer nachzugehen, was man sowohl als Lob wie auch als Kritik auffassen könnte.
Albrecht Classen, TRANS-LIT2
Auf eine Weise
ist diese Besprechung von Lutz Rathenows neuem Lyrikband eine Antwort auf eine Kritik (von Albrecht Classen s.o., die Redaktion) in TRANS-LIT2 XXXI/1, 2025. Nach wiederholtem Lesen der Gedichte sowie deren Rezension scheint mir jene Kritik allzu streng. Sie rügt das Fehlen der „normalen Logik und rationalen Syntax.“ In der Lyrik?, will man da fragen.
An Lutz Rathenows Lyrik scheiden sich die Geister. Schon vor etwa einem Dutzend Jahren hatte ich über seine Publikationen einen Austausch mit dem Dichter Dieter M. Gräf, der mir in einer langen, leider unauffindbaren Mail erklärte, was sein Missfallen an Rathenows Werk ausmacht. Ich denke, was an-eckt und kontrovers bleibt, ist wertvoll und läuft nicht nur so dahin, versickert nicht im Sand, ins Vergessen gefallen. Rathenow präsentiert seinen neuen, wunderschön gebundenen Band in fünf Teilen mit fantasievollen, neugierig machenden Überschriften: „Die Zeit berühren“, „Tauschen wir die Geheimnisse wie früher die kleinen Bilder“, „Erwachsen genug, Kind zu sein…?“, „Gezwitscher, Getöse, Gelächter: wie Thüringen ist Jena…“ und „Die Texte laufen in verschiedene Richtungen davon und treffen sich plötzlich wieder“ – unverkennbare Rathenow-Sprache.
Wer schon im ersten Gedicht die Eingangs-Idee „Die Welt / bellt mich an“ (S. 7) nicht versteht, dem fehlt es womöglich an Fantasie. Ebenso ein paar Seiten weiter: „… Es wird / fallen gelassen“ ist klar; es fehlt hier kein Wer oder Was. Viele Beispiele irritieren den Rezensenten, weil ihm Klarheit oder Logik in ihnen fehlen, obwohl sie doch ein Fenster für eigene Fantasie öffnen. Das ist es, was den Leser an diesen Gedichten fasziniert, der offen an sie herangeht oder gewillt ist, mitzuspielen, offen für Fragen, Sprachversuche, Wortspiele, Sinn, Sinnsuche und selbst Unsinn. Auch absurde Gedichte sind Gedichte. „Ich glaube“ ist ein philosophisches Gebilde, während ihm gegenüber „Ins Offene“ pure Spielerei ist. (S. 24–25) Auf solche Weise unterhält uns der Dichter Seite für Seite, mit einer Mischung aus ernst und dem, was auf den ersten Blick albern scheinen mag. Das ist Rathenow-Kunst. Ihm gelingt auch ein Gedicht zur Natur, „Umweltbeglückt“, das, trotz allem Baum-Grün-Lob am Ende bissig und bitterernst zugreift. (S. 30) Auch politisches Klima finden wir vor: Vier Leute „lesen in derselben Wochenzeitung / den gleichen Artikel. Zwei lächeln nicht.“ (S. 33)
Teil II beginnt mit einer philosophischen Überlegung, was ein wirklicher Dichter ist – man lese es selbst nach. Ein ausnehmend gutes Gedicht über Ende und Tod folgt; „Eine Frau“ ist einfach schön, „Eine“ etwas gewagt; „Lesevergnügen“ bedichtet, was eine Mischung aus Stasiakten und Liebesbriefen ergeben kann; die folgenden kleinen Liebesgedichte sind hübsch, „Plagiatserschleichung“ (S. 59) clever. Ein treffendes Berlin-Bild – Demo natürlich – ergibt sich im Langgedicht „Der 1. Mai 2001“ (S. 62). Seinem Mitautor Harald Hauswald widmet Rathenow „Die Liebe zum Bild“ (S. 67). Mit dem Fofografen gab LR vor Jahren einen höchst erfolgreichen und vielmals aufgelegten Band Ost-Berlin. Leben vor dem Mauerfall heraus. Eine Postkarte erinnert den Dichter an Glasskulpturen unter Himmel und Licht, in einer Wiederholung von Worten in umgekehrter Folge (Epanodos), einer Stilform, deren sich Rathenow häufig bedient.
Teil III erweist sich als Spielwiese. Witzig und spritzig geht es hier zu, immer wieder in origineller Rathenow-Sprache, gereimt oder ungereimt: Als Erwachsener Kind spielen. Aberwitziges, Unlogisches, Absurdes ist erlaubt und verlangt Humor. Und dann ein höchst hintergründiges Gedicht, „Wütend sein und schunkeln“ (S. 81), eines der besten in der Sammlung. Faszinierend auch ein weiteres Epanodos-Gedicht über Krise und Chance (S. 83); es zwingt zum zwei, drei Mal lesen und zum Nachdenken.
Die IV. Sektion enthält mehrere wiederentdeckte Gedichte aus den 70er und 80er Jahren – vielleicht überarbeitet –, die so viel später sehr gut dastehen. Auffallend bei LR ist allgemein das Auf und Nieder der Qualität oder Ernsthaftigkeit der Gedichte; oft stehen sie Seite an Seite und tragen zum generellen Eindruck des Inkongruenten, Nicht-Zusammenpassenden bei, das manchen Leser stören mag. Für andere ist es die Einladung zum Überdenken dessen, was Lyrik kann und darf. Das Auschwitz-Gedicht – folgend auf „Falttag“, das zur Aktion einlädt – zeigt, dass Stillsein und Schweigen nicht dasselbe sind, und welche Art wo und wann nötig ist (S. 100, 101). Gegen Ende des Teiles stellen die Einträge immer lebhafter Jugend und Thüringen dar. Der Dichter der 70er Jahre zeigt hier die einstmalige DDR eindrucksvoll und dunkel.
Teil V schließlich beginnt wieder mit anscheinend widersprüchlichen Zusammensetzungen: schnell/langsam, salzig/süß, verschieden/identisch – eine von LRs idiosynkratischen, charakteristischen Stilmitteln, außer der Intertextualität (z.B. der Grass-Subtext der rasenden Schnecke). In „Selbsttäuschungslabyrinth“ (S. 121) wird wegen der Windmühlen Don Quixote bemüht. „Das Leuchten…“ (S. 123) kann Metapher für Sterne sein – oder umgekehrt. „Der Tod“ und „Der Tod schon wieder“ (S. 124, 126) als Zwillingspaar stellen diesen super-realistisch dar, das erste Mal witzig, das zweite Mal ernst. Den Goethe-Gedichtanfang „Edel sei der Mensch…“ (S. 127) haben Dichter zahlreich verwendet. „Sprache zerredet / sich in Realitäten“ (S. 128) – Beispiel typischer LR- Sprache. Die ,Widersprüchlichkeitsgedichte‘ laufen weiter. „Hölderlin und der Wolf“ (S. 133) verknüpft die klirrenden Fahnen mit der Zukunft. „Weihnachten ist immer“ (S. 135) ist eine Satire über die Jahreszeiten und unsere (in uns) festgeschriebenen Feste. „Utopie“(S. 138) verführt clever, einige Fragen neu zu überdenken.Wetter, Klima und Jahreszeiten erfahren in der LR-Lyrik allgemein große Wichtigkeit – mit ihnen leben wir. Der Buchtitel wird am Ende erweitert:
früher ist morgen und heute ist weg
(S. 140).
Dieses Spiel mit der Zeit scheint geheimnisvoll, und insgesamt darf summiert werden: Die wirklichen Geheimnisse behält der Dichter für sich. Aber er deutet sie zwingend zum Weiterdenken an.
Lutz Rathenows Gedichte sind geheimnisvoll, oft rätselhaft, laut oder leise, albern oder todernst, verspielt oder tiefsinnig. Es wechselt. Es lädt ein zum Mitspielen, auch, wenn etwas sperrt und der Zugang manchmal schwer sein will. Die eigene Fantasie darf und soll mitsprechen. Ja, da ist Spiel mit Worten. Lautmalerei und vielerlei Stilmittel sind erlaubt. Das Buch ist ein Geschenk, weil es etwas fordert: Rathenow lesen verlangt Offenheit, Humor und Fantasie, um genau die Lücken auszufüllen, die ein Gedicht „unlogisch“ scheinen lassen. Gedichte sollen und dürfen befremden, sogar verstören. Außerdem: Wer sagte doch, ein Gedicht muss nicht logisch sein – ? Rathenow bringt es uns erneut bei.
Irmgard Hunt, Auslands-PEN-Newsletter, 2025
Vom Sisyphos-Mythos
– Lutz Rathenow legt mit Früher ist morgen einen neuen Lyrikband vor. –
Lutz Rathenow war einer der wichtigsten Dissidenten der DDR, der diese nie verlassen hat. Er gründete und leitete bis zu seiner Auflösung in Jena den Arbeitskreis Literatur und Lyrik, wurde zu dem Zeitpunkt schon von der Stasi überwacht. Als Wolf Biermann ausgebürgert wurde, kam er erstmals in Haft. Nach der Veröffentlichung seines viel beachteten ersten Prosabandes Mit dem Schlimmsten wurde schon gerechnet, einer Sammlung von Kurzgeschichten, 1980 im Westen, wurde er erneut verhaftet.
In der DDR konnte kaum etwas von ihm erscheinen, abgesehen von dem Kinderbuch Ein seltsamer Zoo, von ein paar Gedichten in dem alle zwei Jahre herausgegebenen Band Auswahl und einem Stück für ein Puppenspiel. Lesungen fanden in Privaträumen und in Kirchen statt, in Dresden beispielsweise Anfang der achtziger Jahre in der Heilig-Geist-Kirche, die brechend voll war. Das Publikum drängte sich in den Gängen bis zum Ausgang. Seine zahlreichen Bücher, die ihn als äußerst vielseitigen Autor ausweisen, durften lediglich im Westen verlegt werden. Die erfolgreichsten Bände sind Ostberlin – die andere Seite einer Stadt mit Fotos von dem aus Radebeul stammenden Harald Hauswald, der wie er in Berlin lebt, Sterben will gelernt sein. Lyrische Prosa. Prosaische Lyrik und natürlich der 1982 bei Piper publizierte Gedichtband Zangengeburt, der erfreulicherweise im nächsten Jahr wieder aufgelegt wird.
Heute muss der Dichter Rathenow nicht mehr entdeckt werden, er meldet sich mit seinem neuen Band lediglich wieder zu Wort, nachdem er als Sächsischer Landesbeauftragter für die Aufarbeitung der SED-Diktatur zehn Jahre in Dresden gearbeitet hat. Nicht zuletzt deshalb ist er dieser Stadt aufs Engste verbunden, aber auch, weil er schon vor der Wende Kontakt zur nicht offiziellen hiesigen Literaturszene pflegte, natürlich argwöhnisch beäugt durch die Stasi.
Wer als unerfahrener Rathenow-Leser in seinem Buch aber vordergründige politische Statements erwartet, wird enttäuscht. Sein Stilmittel ist das Absurde, das dem Leser aus jeder Zeile entgegentritt. Im Gedicht „Spätherbst“ heißt es, dass nicht nur das Laub sich fallen lässt, sondern es fallen gelassen wird:
Am Baum lockt seine Befreiung.
In Umweltbeglückt, dessen Titel allein schon mit satirischem Impetus daherkommt, treten Bäume im nicht zu sanften Wind auf, dahinter neu gedämmte Hochhäuser. Es endet mit der ernüchternden Feststellung:
Spart Energie und schützt die Natur. Damit sie länger stirbt.
In einem anderen Gedicht fordert er, alles Unrecht dieser Welt in Beton zu gießen, es in einen Stollen zu schieben, damit es von der Welt verschwinde. Jede Mauer erinnerte an das Unrecht: Natürlich dürfen hier Assoziationen zum „antifaschistischen Schutzwall“ entstehen. Bewegend und in dieser Form nicht erwartet, beginnt er in seinem Abschiedsgedicht vom Vater mit dem Vers:
So werde ich ihn nie wiedersehen.
Der Vater, aus der Klinik entlassen, auf dem Weg zu den vertrauten Ärzten daheim, winkt dem Sohn auf dem Bahnsteig aus dem Zugfenster zu. Vater und Sohn hören sich nicht, verstehen sich dennoch: „Jetzt erst beginne ich meinen Vater zu lieben“, heißt es lakonisch, und der Leser hält den Atem an.
Die Gedichte, an Prosagedichten geschult, erinnern in ihrer Diktion an den Essay Der Mythos von Sisyphos von Albert Camus, der die Figur des Königs von Korinth zur Galionsfigur der Philosophie des Absurden macht, die sich mit dem Sinn des Lebens beschäftigt. Der König überlistet mehrfach den Tod und wird von den Göttern zur Strafe verurteilt, einen Felsbrocken den Berg hinaufzurollen, nur damit er kurz vor dem Gipfel jedes Mal ins Tal stürzt, und das immer wieder: auf ewig.
Rathenow, der einem Erzählband nicht von ungefähr den Titel Sisyphos gab, gewinnt mit seinen neuen Gedichten dieser in vielerlei Hinsicht aus den Fugen geratenen Zeit das Absurde ab – nicht zornig, nicht verzweifelt, doch immer wieder auf Hoffnung hin.
Michael G. Fritz, Dresdener Neueste Nachrichten, 18.9.2025
Weitere Beiträge zu diesem Buch:
Axel Reitel: Mein Name sein BIN
tabularasamagazin.de, 7.7.2025
Grit Warnat: Neue Gedichte von Lutz Rathenow
Volksstimme, 1.12.2025
Interview: Lutz Rathenow vor seiner Lesung in Sellin
Thorsten Büker: Interview mit Lutz Rathenow: Jena ist anders, Jena ist besser
Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an
Cornelia Geißler: Autor und Zeitzeuge Lutz Rathenow: „Jetzt kann ich mir alles erlauben“
Lutz Rathenow im Gespräch mit Thomas Bimesdörfer: Das Saarbrücker Gespräch – Eine Brücke in den Westen
Palmbaum-Lesung und Gespräch mit Wulf Kirsten und Lutz Rathenow zum Titelthema „Zensur“ von Heft 1/2021 der Zeitschrift Palmbaum – literarisches Journal aus Thüringen. Lutz Rathenow liest u.a. aus seinem neuen Gedichtband Maskierungszärtlichkeit. Dresdner Gedichte, der bei SchumacherGebler 2021 in Dresden erschien.
DIE FÜNF. Fragen an Lutz Rathenow
Zum 70. Geburtstag des Autors:
Michael Hametner/Lutz Rathenow: Trotzig lächeln und das Weltall streicheln: Lutz Rathenow wird 70
der Freitag, 22.9.2022
Andreas Platthaus: Standhafter Autor
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.9.2022
Michael Ernst: Schriftsteller Lutz Rathenow wird 70 und schenkt sich ein Buch
mdr.de, 22.9.2022
Ulrike Merkel: Der trotzig Lächelnde
Thüringische Landeszeitung, 22.9.2022
Matthias Buth: Dissident und Dichter
faustkultur.de, 28.11.2022
Fakten und Vermutungen zum Autor + Instagram + IZA + KLG + Kalliope
Porträtgalerie: akg-images + Autorenarchiv Isolde Ohlbaum + Brigitte Friedrich Autorenfotos + deutsche FOTOTHEK + IMAGO + Keystone-SDA
shi 詩 yan 言 kou 口
Lutz Rathenow: Berufswunsch: Verbotener Schriftsteller.








0 Kommentare