FRIEDRICH HEBBEL
Nachtlied
Quellende, schwellende Nacht,
Voll von Lichtern und Sternen;
In den ewigen Fernen,
Sage, was ist da erwacht!
Herz in der Brust wird beengt,
Steigendes, neigendes Leben,
Riesenhaft fühle ichs weben,
Welches das meine verdrängt.
Schlaf, da nahst du dich leis,
Wie dem Kinde die Amme,
Und um die dürftige Flamme
Ziehst du den schützenden Kreis.
1842
Konnotation
Dem Dramatiker Friedrich Hebbel (1813–1863) hat man immer wieder eine Neigung zum Grüblerischen, Konstruierten und Unsinnlichen nachgesagt. Daraus resultierte eine gewaltige Unterschätzung des Dichters Hebbel, der mindestens ein halbes Dutzend jener „hinterlassungsfähigen Gebilde“ geschrieben hat, die Gottfried Benn (1886–1956) zum Kernbestand eines guten Dichters rechnet. Dort demonstriert der Autor seine Fähigkeit zu einer sinnlichen Bildfindung.
Das 1842 entstandene „Nachtlied“ vergegenwärtigt in großem Pathos drei Erscheinungsformen der Nacht – und drei Möglichkeiten einer dichterischen Aneignung von ihr. Da ist zunächst die Nacht als dunkler Urgrund, dessen „Schwellen“ elementare Erfahrungen zum Vorschein bringt. Dann verweist Hebbel auf die Nacht als Hort eines beklemmenden Netzwerks, das menschliches Leben „verdrängt“. Die letzte Strophe evoziert schließlich das romantische Bild einer trostspendenden Sphäre, in der man gegen die Zumutungen der Tagwelt geschützt ist.
Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2010, Verlag Das Wunderhorn, 2009








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