Ilma Rakusas Gedicht „Das Brot ist angebrannt…“

ILMA RAKUSA

Das Brot ist angebrannt
der Bleistift zittert in der Hand
die Zunge hat den Krampf
die Augen weinen tränenlos
das Herz ist wie ein Kloß
der Kopfschmerz tost
die Schränke stehen leer
das Haus ist still er
kommt nicht mehr

1997

aus: Ilma Rakusa: Ein Strich durch alles. Neunzig Neunzeiler. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1997

 

Konnotation

Die wohl knappste Form zur lyrischen Beschwörung eines Liebesverlusts ist der „Neunzeiler“, den die in Budapest und Ljubljana aufgewachsene und in der Schweiz lebende Dichterin Ilma Rakusa (geb. 1946) in die deutsche Lyrik re-importiert hat. Bis ins 18. Jahrhundert wurden neunzeilige Strophen sehr häufig verwendet, z.B. in der „Spenser-Stanze“ der englischen Romantik. Danach gerieten sie ein wenig in Vergessenheit. Ihre neun Zeilen, so sagt ein Gedicht Rakusas, gleichen einem kunstvollen Notat, einem „Windstoß“ und einem „Stoßgebet“.
Ein Neunzeiler vom 31.1.1997 vergegenwärtigt die Schreckensstarre der verlassenen Geliebten. Die spielerische, freie Handhabung des Reims ist dem Gedicht nicht als formale Laxheit anzulasten, sondern erbringt einen Zugewinn an poetischer Beweglichkeit und Dynamik.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2009, Verlag Das Wunderhorn, 2008

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

0:00
0:00