Eine alte Künstleranekdote, neu gelesen
Noch einmal denn nun die oft erzählte, vielfach abgewandelte und kontrovers interpretierte Anekdote vom Wettbewerb zweier Künstler um den Vorrang im Rating ihrer Genialität: Apelles besucht Protogenes, seinen ihm an Berühmtheit dichtauf sitzenden Konkurrenten, in dessen Haus auf Rhodos, trifft ihn aber dort nicht an. Um seinen Besuch zu bezeugen, zieht er über die auf der Staffelei stehende Maltafel (tabula amplae magnitudinis in machina) eine Linie von höchster Feinheit und unbestimmter Farbe (lineam ex colore duxit summae tenuitatis per tabulam). Daran erkennt Protogenes bei seiner Rückkehr sofort die Hand, der allein ein solches Meisterstück zuzutrauen ist.
Doch zieht er nun selbst in diese Linie mit andrer Farbe eine eigene, noch feinere hinein und entfernt sich wieder. Bald darauf schaut Apelles erneut bei seinem Künstlerkollegen vorbei, der auch diesmal abwesend ist, dessen Provokation ihm aber natürlich nicht entgeht. Also durchzieht er ein weiteres Mal die beiden vereinten Linien mit einem zusätzlichen Strich (et vinci erubescens tertio colore lineas secuit) und schliesst damit jede weitere Verfeinerung aus (nullum relinquens amplius subtilitati locum). Apelles entfernt sich, der Malerkollege kehrt zurück und muss sich angesichts des nunmehr vollendeten Werks geschlagen geben.
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Der prosaische, auf den ältern Plinius (Naturgeschichte XXXV, 80–83) zurückgehende, danach vielfach variierte und mit zusätzlichen Details angereicherte Bericht über ein Duell, das in Abwesenheit des jeweiligen Gegners ausgetragen wird, vergegenwärtigt nach gängiger Lesart die Urszene künstlerischen Konkurrenz- und Vorrangstrebens, impliziert mithin negative Charaktereigenschaften wie Neid, Arroganz, Ruhmsucht usf., verweist jedoch nachdrücklich darauf, dass Protogenes die Überlegenheit des Apelles akzeptiert (victum se confessus) und danach Freundschaft mit ihm geschlossen habe; und mehr als dies: Die einstigen Widersacher sollen übereingekommen sein, ihre von Hand gezogenen Linien als eine Linie, als ein gemeinsames Werk bestehen zu lassen.
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Die harmlose, eher unterhaltsame denn erhellende, letztlich dann aber doch auch abgründige Anekdote bringt wohl das Künstlerduell anschaulich auf den Punkt, mit dem naheliegenden Fazit, wonach Vorrangstreben zur Qualitätssteigerung und sogar zu erhöhter Kollegialität beitrage. Doch bleiben, den zahlreich überlieferten Deutungsversuchen zum Trotz, manche Fragen offen. Solche Fragen überhaupt erst zu stellen, dürfte ergiebiger sein, als nach einer − und nur einer − Erklärung für das seltsame Geschehen zu suchen.
Seltsam ist zunächst, dass die Besuche des Herausforderers Apelles unangemeldet und ohne festgestellten Grund erfolgen − ein Wettstreit zwischen ihnen ist nicht angekündigt, wird schon gar nicht gefordert. Denn die Konkurrenz besteht bereits, und sei’s auch bloss deshalb, weil beide Künstler als die grössten ihrer Zeit belobigt werden; seltsam auch, dass sie einander jedesmal verpassen und deshalb kein persönliches Kräftemessen, nicht einmal ein Gespräch zustandekommt; seltsam schliesslich, dass Protogenes sein Atelier bei Abwesenheit nicht geschlossen hält, es lediglich von einer alten Frau hüten lässt. Letztlich bleibt unklar, weshalb und wodurch die Kollegen sich zu dem künstlerischen Fernduell überhaupt provozieren lassen.
Noch weniger plausibel ist die berichtete Tatsache, dass die malerische Meisterschaft beziehungsweise Überlegenheit lediglich durch einen Strich (der gleichzeitig ein diskreter, dabei unverkennbarer „Handstreich“ sein sollte) und nicht durch ein ausgearbeitetes Gemälde bezeugt wird. Von Hand einen Strich (linea) zu ziehen und diesen im Wettbewerb immer noch vollkommener zu gestalten, bietet ein schwerlich lösbares Grundproblem. Denn die Steigerung beziehungsweise Vervollkommnung lässt sich nicht an der Länge der Linie ermessen, da diese definitionsgemäss ebenso unendlich ist wie ihre Feinheit, die − unterm Gesichtspunkt ihrer platonischen Idealität − als unendlich gering, nämlich ausdehnungslos angenommen werden muss. Eine in diesem Verständnis ideale Linie ist in der realen Welt weder vorzufinden noch herstellbar, es sei denn, man anerkenne eine ausdehnungslose, mithin unsichtbare Kontur als eine „Linie“.
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Wenn sich die beiden Maler gleichwohl auf den Wettbewerb einlassen, so geschieht dies unter pragmatisch durchaus nachvollziehbaren Bedingungen. Nicht um die Visualisierung der perfekten Linie geht es, vielmehr darum, mit einem Pinselzug (penicillo) auf normalem, naturgemäss immer etwas unebenem Malgrund (Holz, Textil o.ä.) einen möglichst feinen Strich zu applizieren. Ob es sich dabei um einen geraden, gebogenen, gewellten, gewinkelten Strich handelt, lässt Plinius offen. Der lateinische Begriff der „linea“ ist für diese ganz unterschiedlichen Erscheinungsformen gleichermassen einsetzbar, er kann auch eine in sich geschlossene Linie, also einen Umriss bezeichnen. Es wäre somit durchaus in Betracht zu ziehen, dass Apelles eine Silhouette hinterlassen hat, die als Vorzeichnung für eine gegenständliche beziehungsweise figurative Darstellung hätte dienen können.
Da Länge und Farbe des Strichs als Kriterium ausgeschlossen sind und deshalb ausser Konkurrenz bleiben, kommt als Vergleichsgrösse einzig seine Feinheit in Frage, und diese kann nur dadurch forciert und sichtbar gemacht werden, dass − der Anekdote gemäss − beim zweiten Besuch des Apelles in den vorgegebenen feinen Strich ein noch feinerer, der feinstmögliche eingebracht wird.
Insgesamt müssten demnach auf der Tafel des Protogenes fünf parallel laufende Linien zu erkennen sein: Die Überzeichnung der ersten Linie des Apelles erbringt zunächst vier Linien aus zwei Strichen, nämlich dem neuen Strich des Protogenes (Strich im vorgegebenen Strich) und die beidseits sichtbar bleibenden Strichreste des ersten und des zweiten Strichs. Man sollte demnach unterscheiden die (gemalten, bezeichneten) Striche als solche und die zwar sichtbaren, nicht aber vorhandenen Linien, von denen die Striche links und rechts begrenzt sind.
Wenn nun Apelles den noch feineren Strich seines Konkurrenten ein weiteres Mal mit einem nochmals feineren übermalt, entsteht daraus die definitive fünffache Linie, die jedoch insgesamt die Breite des ersten Strichs behält, da alle spätern Striche innerhalb der ursprünglichen Vorgabe gezogen werden. Von daher ist es sicherlich angezeigt, Strich und Linie auseinander zu halten, den Strich in seiner unabdingbaren Materialität und seiner (wenn auch noch so minimalen) Ausdehnung zu begreifen, die Linie indes als eine imaginäre, rein ideale, absolut ausdehnungslose Grösse (wie in der Geometrie).
Hält man sich die Linie als Strich vor Augen, drängt sich zusätzlich die Überlegung auf, ob und inwiefern die (immateriellen, nicht gezeichneten, aber durch die Zeichnung entstandenen) Ränder des Strichs als Linien betrachtet werden könnten. Akzeptierte man dies, ergäbe die Synthetisierung der insgesamt drei übereinander beziehungsweise ineinander liegenden Striche sechs Linien, die mit den Konturen der Striche identisch wären.
Der spielerische Streit zwischen Apelles und Protogenes bestünde also darin, den von Hand gezogenen Strich mehr und mehr der idealen Linie anzunähern. Das Spiel wird freilich bald schon eingestellt − Apelles besiegt seinen Konkurrenten jedoch nicht deshalb, weil er die definitive (die definitiv unsichtbare) Linie gesetzt hätte, es genügt ihm, den von Hand feinstmöglichen Strich gezogen zu haben. Damit wird − von Plinius! − demonstrativ die Idealität der platonischen Welt dargetan, die in ihrer Perfektion niemals mit der sogenannten Wirklichkeit in Übereinstimmung gebracht werden kann: Ein weitreichendes Fazit, das jeglichen Realismus (und damit auch, generell, die darstellenden Künste) desavouiert.
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Mithin stellt sich die übergeordnete Frage, ob und inwieweit ein blosser Strich als „Werk“, gar als das grösste aller „Kunstwerke“ gelten kann; oder ob der Wettbewerb auf Rhodos nicht einfach auf handwerkliche Präzision angelegt ist und auch auf handwerklicher Ebene ausgetragen wird? Denn eben die Repräsentation als eine Grundfunktion aller Bildkunst spielt in diesem Fall keine Rolle. Die beiden herausragenden Meister darstellender Malerei (verbürgt sind, für Protogenes wie für Apelles, Historienbilder, Portraits) messen sich gerade nicht in der Kunst, reale Gegenständlichkeiten wirklichkeitsgerecht abzubilden, sondern einzig in ihrer Geschicklichkeit und Finesse bei der Strichziehung.
Das Malen, die Malerei wird bei diesem Wettstreit auf einen nicht mehr zu unterbietenden Minimalismus abgedimmt. Dass es sich dabei überhaupt noch um „Malerei“ handelt, könnte lediglich daraus abgeleitet werden, dass der Strich farbig ausgeführt wird. Die Anekdote liefert dazu keine Erklärung, die Farben werden nicht genannt, der Malakt bleibt auf seine zeichnerische Qualität reduziert und ist einzig durch die „Feinheit“ der von Hand gezogenen Linien dokumentiert.
Womöglich geht es beim Wettbewerb um die Annäherung an die platonische Idealvorstellung einer Linie ohne messbare Ausdehnung (weder Dicke noch Länge) und die folglich unsichtbar wäre. Unter diesem Aspekt hätte die Malerei ihre Vollkommenheit dann erreicht, wenn sie nichts mehr darstellt, nichts mehr darzustellen vorgibt, sich selbst aufhebt, um einzig die Realpräsenz der ausserkünstlerischen Welt zur Geltung kommen zu lassen.
Bei Plinius wird eine solche Erklärung nicht erwogen. Die gemeinsam von Apelles und seinem Malerkollegen bewerkstelligte bunte Dreifachbeziehungsweise Fünffachlinie ist das Äusserste und Höchste, was Malerei positiv, also grade noch im Bereich des Sichtbaren zu schaffen vermag. Dass diese Schöpfung nicht mehr nur von einem Künstler, sondern von zweien im produktiven Wettstreit realisiert und schliesslich der Anonymität über- lassen wird, nimmt sich aus wie eine Vorwegnahme der „gegenstandslosen Welt“, die im frühen 20. Jahrhundert so nachhaltig für die geometrisierende, vorzugsweise im Kollektiv praktizierte Kunst des Suprematismus und des Konstruktivismus gefordert werden sollte. Ob allerdings der Strich des Apelles ursprünglich auf diese Art von bildnerischer Ungegenständlichkeit angelegt gewesen sein könnte, bleibt fraglich.
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Vom historisch beglaubigten Künstler Apelles ist kein einziges Werk erhalten, auch keine Kopie überliefert; bekannt ist nur, dass er als Hofmaler für Alexander den Grossen gearbeitet und als erster Maler überhaupt ein Selbstbildnis verfertigt habe. Auch gilt er als Urheber der noch heute hin und wieder zitierten (ebenfalls von Plinius rapportierten) Losung: „Kein Tag ohne Linie.“ Unklar ist, ob damit konkret ein Pinsel-, ein Reissbleistrich gemeint ist oder eine Schriftzeile.
Tatsächlich wird das Diktum vorzugsweise von Literaten, kaum aber von Bildkünstlern verwendet. Den Strich als Ur- oder Idealform des Schreibens zu begreifen, wäre ebenso plausibel wie die von Plinius initiierte Auffassung, es handle sich dabei um die Elementargeste der Malkunst. Womöglich verdanken sich die Geste des Malens und die des Schreibens einem gemeinsamen Grundimpuls.
An dieser Stelle sei an den Strich (oder die Linie) des russischen Dichters Wassilisk Gnedow erinnert, der 1913 bei einer angekündigten Lesung − statt Verse zu deklamieren − mit der Hand eine horizontale, mehrfach wiederholte Bewegung in der Luft machte, um wortlos die Geste des Schreibens und des Lesens sichtbar zu machen, mithin eine Linie (oder einen Strich) ins Leere zu „malen“, um solcherart zu zeigen, was konkret nicht zu sehen ist, nun aber wahrnehmbar gemacht wird. Dass Gnedow seine Performance unterm Motto „Der Kunst den Tod“ vorgeführt hat, ist als programmatische Vergegenwärtigung des Abstrakten in der Kunst zu verstehen, das heisst: der Kunst (des Malens wie des Schreibens) als Abstraktion, als Abzug von der realen Welt.
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Letztlich liesse sich die „Linie des Apelles“ als eine Art Signatur auffassen, als ein einzigartiges, unverkennbares, abstrakt-konkretes visuelles Zeichen, das sich nicht nur zu sehen, sondern auch zu lesen gibt. Gegenüber der Hausmagd des Protogenes beteuert Apelles, sein Strich gebe unmissverständlich Aufschluss über seine Person.
Diese Betrachtungsweise eröffnet einen neuen hermeneutischen Zugang zur althergebrachten Künstleranekdote. Plinius selbst scheint eben dies andeuten zu wollen, wenn er (in Buch XXXV, 5) als erste beziehungsweise früheste Geste der Malerei die Konturierung des menschlichen Schattens „mit Linien“ ausweist. Die Linie, der Strich des Apelles könnte von daher gesehen werden als Silhouette seiner selbst (Körper- oder Kopfprofil), gleichzeitig aber auch gelesen werden als seine Signatur − doppelte Beglaubigung seiner künstlerischen Individualität.
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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