Peter Härtlings Gedicht „Sätze vor dem Gedicht“

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PETER HÄRTLING

Sätze vor dem Gedicht

Ich rufe die Wörter
zusammen,
sie haben
kein Fell, kein Gefieder,
sie haben, wenn
sie sich im Rudel drängen
und auf mich warten,
nur eine dünne Haut,
die reißt und sie
bloßstellt,
sobald ich ungeduldig werde
und sie nicht streichle
mit meiner Stimme.

1970er Jahre

aus: Peter Härtling: Gedichte 1953–1987. Luchterhand Literaturverlag, München 1989

 

Konnotation

In einer der vielen, aus dem Rückblick oft deutlich zeitgebundenen Debatten über die Möglichkeiten des Schreibens wandte sich der 1933 geborene Peter Härtling kritisch gegen seinen apokalyptisch gestimmten Kollegen Wolfgang Hildesheimer, den er 1984 fragte: „Können Wörter nicht wärmen und Sätze nicht Welt entwerfen?“ Härtling gehört zu den vielseitigsten Autoren seiner Generation. Sein umfangreiches Werk umfasst Romane, Erzählungen, Dramen, Kinderbücher, Essays und Gedichte. Die Auseinandersetzung mit dem Vorgang des Schreibens findet sich bei Härtling nicht nur in seinen Poetik-Vorlesungen.
„Sätze vor dem Gedicht“: In einem einzigen lang hingestreckten Satz beschreibt das lyrische Ich, was dem Schreiben vorausgeht. Die Wörter werden in den Stand von Lebewesen erhoben. Sie sind nicht aggressiv, sie reißen nicht, sondern sie sind schreckhafte, sensible, leicht verletzbare Existenzen, die man geduldig und behutsam anlocken muss. Ein sanftmütiges Gedicht, in dem das Ich wie ein freundlicher Hirte auftaucht.

Sabine Peters (Gedichtkommentar) Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2011, Verlag Das Wunderhorn, 2010

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