Felix Philipp Ingolds Skorpioversa – Appell und Verweigerung (Teil 3)

Appell und Verweigerung
Die Leere, die Weiße, das Schweigen als Thema der Poesie

Teil 2 siehe hier

Das Gedicht, der Text ist zunächst einfach das, was Schwarz auf Weiß dasteht; genauer: das, was sich schwarz vom weißen Grund abhebt. Der weiße Grund wiederum verhilft der Schrift überhaupt erst zur Sichtbarkeit. Weiße wird mit Leere, Reinheit, Offenheit assoziiert, Schwärze mit Fülle und Opazität. Im Text – in jedem Text – ist beides untrennbar vereint. Doch was Schwarz auf Weiß gegeben ist – die Schrift als Zeichensatz – wird beim Lesen kaum noch bewusst wahrgenommen, es wird gewöhnlich (quer oder diagonal) «überflogen» und dabei quasi automatisch eingescannt. Man registriert nicht die einzelnen Schriftzeichen, sondern verstreute Wörter oder auch Wortgruppen, sogar Sätze, die als Bedeutungsträger erwartungsgemäß «Sinn machen».
Solch automatisierter Lektüre bleibt Lyrik weitgehend entzogen. Allein durch die unterschiedliche, ständig wechselnde Zeilenlänge und die Häufigkeit der Zeilensprünge im Gedicht wird die Aufmerksamkeit erhöht. Allfällige End- und Binnenreime sowie Wortspiele aller Art zwingen beim Lesen immer wieder zum Einhalten oder Rückkommen. Die Lektüre als solche wird dadurch ständig bewusst gehalten und fokussiert sich vermehrt auf optische und akustische Textqualitäten. Die fluktuierende Weiße, die den Gedichttext umgibt, wird bald als Leere (optisch), bald als «Schweigen» (akustisch) aufgefasst und regt dementsprechend auf Leserseite zu interpretativer Ergänzung an.
Wohl wurde das Verhältnis – das Wechselspiel – zwischen Textkörper (schwarz) und Schriftträger (weiß) bereits in althergebrachten Figurengedichten vereinzelt gepflegt, doch erst im Vorfeld des literarischen Modernismus, an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, gewann es für die Poesie wie für die Poetik nachhaltiges Interesse. Als Pionier positionierte sich in diesem Zusammenhang namentlich Stéphane Mallarmé, der die Weiße (le blanc), die Leere (le vide), die Jungfräulichkeit (le vierge) des Schreibpapiers in vielen seiner Aufsätze und Briefe zum vorrangigen Thema machte. Für die kommende Dichtkunst sah er eine neuartige typographische Disposition vor, bei der Schwarz und Weiß in stetiger wechselnder Beziehung zueinander stehen sollten. Die Linearität des Textverlaufs sollte aufgebrochen, der Text selbst fragmentiert und in Teilstücken unterschiedlicher Schriftgröße auf den Druckseiten verschoben werden, getrennt durch immer wieder andere Abstände (Leerstellen) in horizontaler wie in vertikaler Richtung.
Eine erste (zugleich die einzige) Umsetzung dieses epochalen Projekts realisierte Mallarmé mit der Drucklegung seines letzten Dichtwerks, das 1897, kurz vor seinem Tod, unter dem Titel Un coup de dés jamais n’abolira le hasard (Niemals wird ein Würfelwurf den Zufall tilgen) in einer großformatigen Zeitschrift erschien. Die erhaltenen handschriftlichen Entwürfe und die Satzanweisungen lassen erkennen, wie skrupulös er sowohl die disparate Textarchitektur als auch Form und Umfang der Leerstellen auf den Papierbögen geplant hat. Allerdings ist dieses anspruchsvollste Projekt Mallarmés trotz diversen nachträglichen Gestaltungsversuchen bis heute nicht in der von ihm gewünschten Druckfassung umgesetzt worden.
Nur ein paar wenige Wörter finden sich auf den einzelnen Schriftseiten, meist locker gruppiert, zusammengerückt und treppenartig angeordnet, sei’s in einer Ecke, in der Mitte oder am unteren Rand.

Stéphane Mallarmé, Doppelseite aus dem Dichtwerk „Jamais un coup de dés n’abolira le hasard“ (Niemals wird ein Würfelwurf den Zufall tilgen) 1897, Druckfassung 1914

Stéphane Mallarmé, Doppelseite aus dem Dichtwerk „Jamais un coup de dés n’abolira le hasard“ (Niemals wird ein Würfelwurf den Zufall tilgen) 1897, Druckfassung 1914

 

Durch die Reduktion und Auflockerung des Drucktexts wird der weiße Schriftgrund merklich erweitert, auf reguläre Marginalien und Durchschüsse verzichtet Mallarmé zugunsten unregelmäßig proportionierter Spazien, die als variable weiße Flecken in die typographische Komposition eingelassen sind – statt von Komposition spricht er freilich lieber (und zutreffender) von «Konstellation»: Damit nimmt er einen zentralen Begriff der späteren «konkreten» Poesie vorweg, wie sie etwa von Garnier, Finlay, da Campos, Gomringer, Gappmayr u.a.m. praktiziert wurde – sie alle erkannten in Stéphane Mallarmé ihren maßgeblichen Vordenker und Präzeptor.

… Fortsetzung am 28.7.2026 …

Erstveröffentlichung in VOLLTEXT 1/2026

© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik

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(wo war in Kabul die lokale Bar?). – Kabel vor Okular. – In Kuba war klar: Volk buk Kola.

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– Ein Glossar –

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