Martin Straub: Zu Wolfgang Hilbigs Gedicht: barlach“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Wolfgang Hilbigs Gedicht „ barlach“ aus dem Band Wolfgang Hilbig: abwesenheit. –

 

 

 

 

WOLFGANG HILBIG

barlach

der leichte flug des leibes
flach und dicht über den boden hin
vom feinen schauer der halmspitzen gestreift
oder haltend getragen vom weichen
dunkel der nacht

die geträumte kühle und darin
der nördliche duft der erde
die manchmal zu blähen sich scheint
aber die wellen die sanft beweglichen
täler und hügel die erde das land
und endlich in liebe gleichen
sich an diesem gleiten

zum morgen dann
schräger anflug gegen die bäume –
erwachen endlich um nicht
zu stürzen

 

Eine poetische Ortserkundung

– Zu Wolfgang Hilbigs Gedicht barlach. –

I.
Wolfgang Hilbigs auf 1970 datiertes Gedicht aus dem Band abwesenheit (Werke I, 54) ist kein Porträtgedicht im üblichen Sinne, wie es der Titel vermuten lässt. Seine Eingangsstrophe assoziiert mit dem das Gesetz der Schwerkraft aufhebenden Eingangsvers „der leichte flug des leibes“ den schwebenden Engel Barlachs in einer innigen Verbindung mit der Landschaft seines Schöpfers, Künstler und Kunstwerk in einem.
Auffällig im „barlach“-Gedicht ist das klangmalerische Spiel mit den hellen Diphthongen und Vokalen in der Eingangsstrophe: das „ei“ in der ersten Strophe fünf Mal und das „i“ drei Mal geben den Eingangsversen eine Leichtigkeit. Die Nacht hat etwas Belebendes, nichts Beängstigendes oder gar Bedrohliches. In einer ersten Fassung des Gedichts fehlt in der ersten Strophe am Ende der zweiten Verszeile das hin. Hilbig hat es handschriftlich hinzugefügt und in den folgenden maschinengeschriebenen Abschriften übernommen. Den dunklen Diphthong in „schauer“ und den dunkeln Vokalen in „dunkel der nacht“ steht das helle „ei“ in „feinen und weichen“ voran. Die Zwillingsformel „flach und dicht“, das „haltend getragen vom weichen / dunkel der nacht“ erweckt diesen Eindruck des Schwebens. Die zweite Strophe zeichnet mit „wellen“, „täler“ und „hügel“ landschaftliche Konturen und fasst mit „der nördliche duft“ die Geographie des poetischen Ortes genauer.
Wie in nicht wenigen Gedichten des Bandes abwesenheit wird das Ganze durch zwei Pole konturiert: Nacht – Traum und Tages – Erwachen. Die ersten beiden Strophen geben ein stilles Traumbild mit harmonischen Bewegungen. Ein fließender Rhythmus, dem die Enjambements ein leises „Halt“ setzen, umfasst die zwei ersten Strophen. Man wird unwillkürlich an Gedichte der deutschen Romantik erinnert, etwa an Eichendorffs „Mondnacht“, wo das lyrische Ich in einer lebendigen Natur Ruhe und Erfüllung findet:

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus
Flog durch die stillen Lande
Als flöge sie nach Haus

Freilich in der zweiten Strophe mag sich mit dem Verb „blähen“ eine unheilvolle Geschichte, etwas Bedrohliches ankündigen, das unter der Oberfläche gärt und ans Licht will, aber es wird durch „manchmal“ und „scheint“ wie durch das adversative „aber“ vorerst aufgehoben.
Mit der dritten Strophe kommt ein Bruch in das Gedicht. Denn Hilbigs Schlussstrophe durchbricht diesen Traum harmonischer Bewegungsbilder mit dem Ineins von innerer und äußerer Wirklichkeit, dieses Bild einer unzerstörten Landschaft:

zum morgen dann
schräger anflug gegen die bäume –
erwachen endlich um nicht
zu stürzen.

Es ist, als solle mit dem Stakkato der vier elliptischen Verszeilen einer Sehnsucht, oder sollte man sagen, Illusion ein Ende gesetzt werden. Als sei nun mit dem Verharren in dieser „geträumte(n) kühle“ mit dem Gipfelsatz:

täler und hügel die erde das land
und endlich in liebe gleichen
sich an diesem gleiten

eine Gefährdung gegeben; der „schräge […] anflug gegen die bäume“ setzt der Grenzenlosigkeit des Traumes ein Ende.

 

II.
Der biographische Hintergrund des Gedichts sind, wie Gert Neumann mir erzählte, Wanderungen mit Wolfgang Hilbig im Mai 1970 um den Tollensesee bei Neubrandenburg. Neumann wollte dem Freund eine andere Landschaft zeigen als die um Meuselwitz. An den Zeitpunkt könne er sich genau erinnern, da er im Mai ein Telegramm von Heidemarie Härtl erhielt, in dem sie mitteilte, dass sie vom Literatur-Institut in Leipzig exmatrikuliert wurde. In einem Brief an mich vom 21. April 2013 schrieb er:

Wir wohnten im Anwesen Nonnenmühle nahe dem Ort Usadel. Wir arbeiteten als Schachtarbeiter für das sogenannte ,Messebüro‘ Neubrandenburg. Als ich wieder nach Leipzig zurückgekehrt war, arbeitete Wolfgang Hilbig für einige Zeit in der Schmiede Usadel. Später arbeitete er im Gasthaus Nonnenhof als Geschirrabräumer, wo er in einem Bungalow Wohnung gefunden hatte.

Für Hilbig und Neumann stand die Frage im Raum, wie künftig in der DDR zu leben und zu schreiben sei. Verbunden war das mit der Suche nach einer neuen Formensprache. Nach einer „Wort-Findung“, so Hilbig, „mit der wir einen Zustand zu beschreiben versuchten, dem wir uns als Schriftsteller – und besonders als nicht oder kaum akzeptierte Schriftsteller – im herrschenden System ausgesetzt sahen.“ So hat der Zugriff auf Romantik und Surrealismus auch in dieser Lebenssituation seinen Boden. Beide beschäftigten sich mit Novalis.
Das „zwischen Selbstaussage und Porträt schwankende“ (H. Uerlings) Gedicht „novalis“ ist gleichfalls 1970 entstanden. In der letzten Zeile des Gedichts lässt Hilbig mit „und unerschöpflich wird mein traum“ Novalis’ „Hymnen an die Nacht“ anklingen. Die erste Strophe des Sonetts lautet:

ich ging von ihren tischen voller speisen
hinaus und trank im saal der schatten
was abend in den garten warf mit matten
düften denn ich sah die nacht verwaisen

Beide Gedichte korrespondieren miteinander, indem sie einen Raum-Zeit-Gewinn, den Gewinn einer Landschaft, bestimmt durch das Dunkel, den Traum und die Nacht, ins Bild setzen.
Neumanns Hinweise auf den biographischen Hintergrund des Gedichts erhellen vor allem den ernüchternden Stimmungswechsel in der dritten Strophe des „barlach“-Gedichtes. Auf ihrer Wanderung seien beide auch durch den Ort Alt Rehse gekommen. Dessen Geschichte in der Zeit des Nationalsozialismus lässt Hilbig anders auf die Landschaft blicken. 1934 wurde in Alt Rehse die „Führerschule der deutschen Ärzteschaft“ gegründet. Sie diente der ideologischen Schulung des medizinischen Personals in nationalsozialistischer Gesundheitspolitik und „Rassenhygiene“. Der Ort war fest in nationalsozialistischer Hand. Bis auf die Kirche, die Schule und das Pfarrhaus wurde das Dorf abgerissen. Es entstanden niederdeutsch wirkende Fachwerkhäuser mit Schilfrohrdächern. Später nutzte die NVA diese Anlage. Die nationalsozialistische Geschichte wurde verdrängt; es blieben nur Gerüchte im Umlauf. Zudem gab es eine Torpedoversuchsanstalt am Tollensesee. „schräger anflug gegen die bäume“ heißt die erste Zeile der letzten Strophe. Gert Neumann sagte, ihnen war dieser Ort „unheimlich“. Das nimmt die Schlussstrophe des „barlach“-Gedichtes wohl auf. Das „die manchmal zu blähen sich scheint“ deutet nun in der zweiten Strophe auf Unerledigtes, Unabgegoltenes. Gert Neumann verweist darauf, dass im gleichen Jahr die Erzählung „Bungalows“ entstand. Auch sie geht auf den Aufenthalt am Tollensesee zurück. Hier lässt Hilbig eine ganz andere, eine nun herbstliche, ja bedrohliche Landschaft entstehen. Es heißt da:

Mit einem Kollegen, der meist nicht da ist, bewohne ich eine dieser Hütten, […] am Himmel gibt es nur wenige Sterne, irgendwo ist ein Mond zu ahnen, geradeaus kann ich nicht weit sehen, ein hoher unbeweglicher Nebel liegt riesenhaft auf dem reglosen schwarzen Wasser […]. Diese Gegend hier ist größtenteils unwegsam […] der Boden ist sumpfig, alles Sumpf, schwarzer Morast, große mattblinkende Wasserlachen überall […] und der Boden ist Sumpf, nasser, tiefer, schwarzer Sumpf. Es gibt keinen Weg durch diesen Wald, es gab noch nie einen.

Da ist von „Spuren einer unendlich weit zurückliegenden Zeit“ die Rede, von „Hunnen, wüste(n) Kriegerhorden“, die bedrohlich ins Bewusstsein des Erzählers vordringen. Die Erzählung schließt mit den Sätzen:

Vielleicht sind diese Geschichten wahr, und es gibt sie und sie kommen, ich weiß nicht.

Die Gaststätte Nonnenhof, wo Hilbig arbeitete, liegt gegenüber von Alt Rehse.
Was hier atmosphärisch ausgebreitet wird, deutet sich in „barlach“ an. Freilich nimmt das Gedicht im Band abwesenheit eine Sonderstellung ein. Nur wenige Gedichte, wie „erinnerung an einen apfel“ oder „saale-licht“, haben ihren Grund in einer unzerstörten Landschaft. Vorherrschend sind die gemarterte Natur, die devastierten Stadtlandschaften, die durch Albträume und schlimmes Erwachen ziehen, vor denen brüchige Behausungen keinen Schutz bieten. So heißt es etwa in dem Gedicht „warten“:

am fenster die dunkelheit
draußen drängt grausig ans glas.

Auffällig ist, dass dem „barlach“-Gedicht die für Hilbig eigene expressive Bildsprache einer „desolaten Welt“ und radikaler Hoffnungslosigkeit fehlt, von der Thomas Beckermann spricht und deren Vokabular er aufzählt: „schwarz“, „leer“, „allein“, „stumm“, „kahl“; „Regen“, „Schlamm“, „Müdigkeit“, „Schnee“, „Tod“. Zieht man etwa das Titelgedicht des Bandes abwesenheit und das 1970 entstandene Sonett „das ende der jugend“ hinzu, wird vollends deutlich, wie sehr sich das „barlach“-Gedicht im Kontext des Bandes abhebt.

 

III.
Zweifellos hat sich Wolfgang Hilbig für Barlach interessiert. In Hilbigs Bibliothek befinden sich Bände des dichterischen Werks und eine Postkarten-Mappe, mit Skulpturen des Künstlers, darunter auch der „Schwebende“, jener Engel im Güstrower Dom mit dem Gesicht der Käthe Kollwitz. Am 24. August 1937 wurde diese Skulptur vom Landesbischof von Mecklenburg der NSDAP übergeben. Barlach schreibt in dieser Situation:

Im Vaterland zu einer Art Emigrantendasein genötigt, bleibt mir nur die Wahl zwischen dem Vollzug der wirklichen Emigration oder dem Entschluß, koste es, was es wolle, mein volles Recht auf ungehemmte berufliche Bestätigung durchzusetzen. Ersteres habe ich niemals einer Erwägung gewürdigt, und so wird das Zweite für mich zu unabweisbarer Notwendigkeit. […] Ich erfahre somit eine Ausgestoßenheit, die der Preisgabe an Vernichtung gleichkommt.

Das Schicksal Barlachs wird Hilbig nahe gegangen sein. Parallelen drängen sich auf; schon der Titel des Lyrik-Bandes abwesenheit weist darauf hin. Franz Fühmann, Hilbigs entschiedener Förderer in der DDR, schreibt darüber in seiner berühmt gewordenen Rede „Praxis und Dialektik der Abwesenheit“.

Es ist eine Abwesenheit, die nach Anwesenheit schreit, freilich von Anfang an im Ahnen letztlichen Unerfüllbarseins. Anwesenheit hat ja manche Grade; der erste ist simples physisches Hier-Sein, der letzte wäre Identität und Selbstfindung durch das Wirken in einer Gesellschaft, darin nach einem Wort von Karl Marx „die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“. – Die Erfahrung, dass dies Ersehnte versagt bleibt, verweist auf einen Knäuel von Widersprüchen, meist vereinfacht als Widerspruch zwischen ,Ideal und Realität‘ eingeordnet und damit schon abgetan, als ob Benennung Bewältigung wäre.

Zu DDR-Zeiten war auch für mich der Dichter abwesend, eingebunden und sich einbinden lassend in ein dogmatisches System der Literaturvermittlung. Erst spät merkte ich, was mir da entgangen ist.
Hilbig ist wie Barlach ein Emigrant im eigenen Land, Er wusste sicher um die Barlach-Diskussionen in der Zeit der Formalismus-Debatten in den frühen fünfziger Jahren. Im Neuen Deutschland verunglimpfte man Barlach als „rückwärts gewandten Künstler“, der in den „Sumpf des Mystizismus geraten“ und „nicht in die Seele des unterdrückten Menschen gedrungen“ sei. „Fühmann, der NDPD-Funktionär, hatte zu dieser Zeit selbst von einer Kunst der ,Fäulnis‘ und ,Zersetzung‘ gesprochen.“ Bertolt Brecht verteidigte Barlach und verhinderte die Schließung einer Ausstellung in der Akademie der Künste. In seinen Notizen zur Barlach-Ausstellung schreibt er:

Ich halte Barlach für einen der größten Bildhauer, die wir Deutschen gehabt haben. Der Wurf, die Bedeutung der Aussage, das handwerkliche Ingenium, Schönheit ohne Beschönigung, Größe ohne Gerecktheit, Harmonie ohne Glätte, Lebenskraft ohne Brutalität machen Barlachs Plastiken zu Meisterwerken.

Für Fühmann indes wird die Niederschrift der Novelle „Barlach in Güstrow“ auch ein Akt der Selbstauseinandersetzung und Korrektur. Ihn drängt die Frage nach dem poetischen Ort, nach dem „inneren Bezirk des Ästhetischen“.
Es kann nicht gesagt werden, ob Hilbig Fühmanns Barlach-Novelle im zeitlichen Umfeld der Niederschrift des Gedichts gelesen oder deren Verfilmung von Ralf Kirsten gesehen hat. Der Film wurde im Zuge des berüchtigten 11. Plenums 1965 verboten und erst in veränderter Fassung 1971 in der DDR uraufgeführt. Wolfgang Hilbig hatte vor seiner persönlichen Bekanntschaft mit Fühmann dessen Werk wohl kaum oder nicht zur Kenntnis genommen. In dem Gespräch mit Harro Zimmermann betont er:

Ich hatte in der DDR niemals DDR-Literatur gelesen. Mit Ausnahme der Lyrik allerdings, an Gedichten habe ich alles gelesen, was mir in die Finger kam. […] Als mich 1980 Franz Fühmann zum ersten Mal zu sich einlud, fürchtete ich panisch, es könne sich die Situation ergeben, daß wir auf seine Bücher zu sprechen kämen […] was zum Glück nicht geschah.

Es ist allerdings erstaunlich, in welchem Maß das Vokabular und die Atmosphäre aus Fühmanns Novelle in Hilbigs Gedicht anklingen. Es sind Stellen, in denen Fühmann seinen Barlach in einer tagtraumhaften Überwachheit die Landschaft wahrnehmen lässt. Sie seien in der Folge angeführt:

[…] vom Salzhauch des nahen Meeres getränkten Norden, dessen mit den Wolken wandernde Seelen von Wiese, See, Hügel, Strauch, Weide und Maiwald er schon als Kind erfahren.

 

[…] wandern, nur wandern, wandern im Wind hin, Wolkenflaum wandernd im Wind über Wiesen und Hügel.

 

– Barlach, vom Wagen gewiegt und der Zeit schon entrückt und entronnen, sah wie ein Traumbild die Risse von Güstrow heraufziehen im Windwolkenzug.

 

[…] links hinter grünen Wellen schimmerte der Sumpfsee.

 

[…] Barlach ging im Wind […] und Barlach ging ein in die Weite der Weiden und Wiesen und ging ins Grün, das vom Wind gewellt war.

 

– Im ruhenden Farn zeichnete sich eine Welle ab, die sich hob und senkte; sie glitt langsam vorwärts.

Mit diesen ,Übereinstimmungen‘ wird freilich auch deutlich, dass das Wort Abwesenheit weit mehr meint als eine Polemik gegen Ausgrenzungen und Verbote, weil sich der Dichter nicht einem Kunstdiktat fügen will. Nicht einer „schrecklichen zufriedenheit“, dem „Genügen einer schlechten Anwesenheit“, wie Fühmann, Hilbig zitierend, es in seiner Rede nennt, als „Ausdruck eines Lebensgefühls, das seinen Durst verloren hat“, „einem Gesellschaftsgestocktsein, in das sich eine Verheißung verkehrt hat, aus diesem warmen klebrigen brei / der kaum noch durchsichtig ist / der mich festhält der mich so / festhält. Es ist das ,Sich-nicht-entfalten-Können‘ auch als Zustand der Gesellschaft.“ So entwirft das „barlach“-Gedicht eben im Sinne einer existenziellen Abwesenheit zugleich einen Ort der surrealen Entgrenzung und der Unabhängigkeit eines souveränen Ichs. Könnte man nicht sagen, Hilbig entwickele eine „Ästhetik des Widerstands“, „mißtrauisch gegenüber dem Bestimmten, dem Festgefügten, […] unter der Hülle von Gesetzmäßigkeiten die Manipulationen, an denen viele von uns zugrunde gingen.“ Insofern kann man bei Hilbig ein Unterwegs-Sein von der Romantik hin zu der surrealen „Allmacht des Traumes“, zu einem „zweckfreien Spiel des Denkens“ (Breton) finden, mit der er sich der „Sprachdiktatur“ eines verordneten Realismus entzieht.
In seinem Aufsatz anlässlich des 60. Geburtstages von Franz Fühmann „Der Mythos ist irdisch“ spricht Hilbig von der Romantik und ihrer „Verteidigung der Kunst, zu deren Hinwendung auf das Ungedachte, zur Annahme eines Unsagbaren, dessen Grenzen hinauszuschieben sind.“ All das prägt auch Hilbigs Gedicht „barlach“. Der „leib“, von dem das lyrische Subjekt spricht, ist dem „boden“ nicht unlösbar verhaftet, wohl aber „vom feinen schauer der halmspitzen gestreift“. Es ist ein stiller Traum. Freilich, in der dritten Strophe wird mit schräger anflug gegen die bäume der inneren und äußeren Bewegung ein Ende gesetzt. Hier bricht eine andere Geschichte ein, die den „Schwebenden“ in eine andere Wirklichkeit überführt.
Uwe Kolbe schreibt in seinem Nachwort zum ersten Band der Werkausgabe:

Um angemessen über Wolfgang Hilbig zu schreiben, muss man etwas nachvollziehen, das er vorgelebt hat: Sich zurückziehen auf ein Gebiet, das nur einem selbst gehört, sich abschließen von der Welt, als sei man ein Verächter derselben. […] Es ist ein Gebiet, auf dem nur Dichtung wohnt. Ein Raum, in dem es dämmert, in dem sich nichts regt jenseits eines unsichtbaren Fiebers. Vollkommene Verbundenheit mit der Welt in vollkommener Abgeschiedenheit von ihr.

In „barlach“ ist ein Sprechen im Schweigen zu hören, das sein eigenes Maß gefunden hat.

Mein Dank gilt Gert Neumann für seine wertvollen Auskünfte.

Martin Straub, aus Peter Braun und Stephan Pabst: Hilbigs Bilder. Essays und Aufsätze, Wallstein Verlag, 2013

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