Peter Huchel: Die neunte Stunde

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Peter Huchel: Die neunte Stunde

Huchel-Die neunte Stunde

TODTMOOS

In Todtmoos
sah ich in weißer leuchtender Schneeluft
schneepflückende Wesen fliegen.
Ich griff in den Flockenfall
und fing nur Kälte.

Schneenarben an den Felsen,
Wegzeichen wohin? Schriftzeichen,
nicht zu entziffern

 

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Keiner weiß das Geheimnis

Der mehrmals angekündigte und mehrmals zurückgezogene Gedichtband Die neunte Stunde von Peter Huchel ist nun endlich erschienen; es ist die vierte Gedichtbuchveröffentlichung dieses 1903 geborenen Lyrikers, ein schmaler Band, ungefähr vierzig Gedichte aus den Jahren 1972 bis 1979 enthaltend. Vor sieben Jahren kam der letzte Band heraus: Gezählte Tage. Schon dieser Titel artikulierte Huchels Verhältnis zur Zeit: daß sie bemessen ist, die Tage gezählt sind – die eigene Lebenszeit wird von Peter Huchel emphatisch erlebt, schon in dem Band Chausseen, Chausseen hatte es geheißen „nicht zähle die Jahre, zähle die Stunden“.
Was aber hat es mit der „Neunten Stunde“ auf sich? Man erinnert sich, daß um diese Stunde Jesus am Kreuz schrie und die Worte sprach: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Diese biblische Erinnerung liegt zweifellos jenem Gedichte zugrunde, das Huchel „Die neunte Stunde“ überschrieben hat:

Die Hitze sticht in den Stein
das Wort des Propheten.
Ein Mann steigt mühsam
den Hügel hinauf.
In seiner Hirtentasche
die neunte Stunde,
den Nagel und den Hammer.
Der trockene Glanz der Ziegenherde
reißt in der Luft
und fällt als Zunder hinter den Horizont.

 

 

Der Tod steht also bevor, verbürgt durch das Wort des Propheten. Und der Tod ist an vielen Stellen dieser Gedichte zu spüren – „alles geht ins Schweigen hinüber“ – „mein ist alles, sagt der Staub“ „den Tod erwartend, / der auf vereisten Flößen wohnt“ ! – „Der Tod, der mürrische Maultiertreiber, / ich sah ihn gestern abend am Stall, / umschwirrt von Bremsen, / er weiß den Weg.“
War schon in den Gezählten Tagen der Glanz der Welt weithin erloschen, so dominieren nun in dem neuen Band die Öde, der eisige Winter, und das Bewußtsein des Todes fällt fast überall als Schatten auf die immer noch gewußte und nur manchmal noch empfundene Herrlichkeit der Welt: „Der Geruch des Todes macht mich blind.“ Wobei – das Gedicht „Die neunte Stunde“ könnte in die Irre führen – der Tod nicht christlich gedeutet wird, das Schweigen nach dem Tod ist für Peter Huchel wohl die einzige Wahrheit. Was in den Gedichten dieses Bandes dagegen zu sprechen scheint, ist allenfalls die Wahrheit einer fingierten oder historischen Figur, so, wenn eines der Gedichte des kleinen Zyklus „Der Ketzer aus Padua“ mit den ergreifenden Versen schließt:

Herr, Dein Geheimnis ist groß
und eingeriegelt in die Stille der Felsen,
ich bin nur Staub,
der lockere Ziegel in der Mauer.

Solche Ergebung in den Willen eines Höheren ist kaum von der Person, die im Gedicht spricht, auf den Autor zurückzuprojizieren. Daß, wie es in dem kleinen Gedicht „Todtmoos“ heißt, die „Schriftzeichen / nicht zu entziffern“ sind, daß keiner, wie es in dem vorausgehenden Gedicht heißt, das Geheimnis weiß – das dürfte die Wahrheit Peter Huchels sein, wie sie sich auch in dem Gedicht „Der Ammoniter“ ausspricht:

Überdrüssig der Götter und ihrer Feuer
lebte ich ohne Gesetz
in der Senke des Tales Hinnom.
mich verließen die alten Begleiter,
das Gleichgewicht von Erde und Himmel.

Ist es ein Zufall, daß bei all jenen Lyrikern, die wie Huchel, Eich oder auch Krolow das Dasein wesentlich im Horizont der Natur auslegten – um das ominöse Wort „Naturlyriker“ zu vermeiden −, am Ende sei es Verdrossenheit; sei es Verzweiflung wenn auch gebändigte, steht? Wohl kaum – das kreatürliche Leben ist traurig, wie jeder Blick ins Auge eines Tieres verrät; auch wußte Huchel schon früh – in seinem „Verona“-Gedicht, daß „inmitten der Dinge die Trauer“ herrscht. All diese Lyriker verschmähen so etwas wie religiösen Trost und Jenseitsgewißheit, das Irdische ist das Ganze – darüber hinaus ist Schweigen, Leere, Verstummen. Bei Huchel kam von Anfang an ein schwerer, brütender Ernst hinzu, der Wille das Leben ohne Beschönigung zu sehen und zu gestalten; dazu ein Pessimismus angesichts des Geschichtsverlaufs, den man abgründig nennen darf. (Im vorletzten Band hieß es: „Die Öde wird Geschichte, Termiten schreiben sie / mit ihren Zangen / in de Sand.“)
Darf man bei Peter Huchel – und den andere „Naturlyrikern“ – von einem gewissen Mangel an Spiritualität sprechen? Nur zögernd versucht man auf diese Frage eine Antwort. Gewiß, Huchel gestaltet die irdischen Dinge, aber indem er sie gestaltet und sie im immateriellen Wort wiedererstehen läßt, ist er Künstler und hat teil an der Sphäre des Geistes. Aufschlußreich dennoch, daß es in dem bereits erwähnten Gedicht „Der Ammoniter“ heißt: „brannte Urnen jeden Tag / die ich abends vor der Sonne / am Felsen zerschlug“ – daß also für das künstlerische Schaffen das Tun eines Töpfers steht. Darin verrät sich ein tiefes Verlangen nach Konkretheit: auch das Werk des Künstlers soll konkret sein bis hin zum Material, das er gestaltet. Umgekehrt wird von Huchel das Irdische vergeistigt; so, wenn er früher vom „Geist der Steine“ gesprochen und die Erde den „Leib des Herrn“ genannt hat. Was aber bei diesem Dichter völlig zu fehlen scheint, ihn wohl auch nicht interessiert, ist die Sphäre des freischwebenden, auch des spielerischen Geistes. Sein Gedicht – das war schon anläßlich seines vorletzten Bandes zu sagen – war immer dinglich wie die Erde selber, aber zuweilen hat man doch den Eindruck, als sei diese Dinglichkeit im Gedicht etwas gerade noch Mögliches, abgewonnen dem Schweigen – und abgetrotzt einer Welt, die immer unsinnlicher wird:

Ich, der Nachzügler,
der einst
Geschmeide wie Ähren auflas…

Es mag damit auch zusammenhängen, daß Peter Huchel seit langem gerne mythische Muster und Motive wählt, antike Figuren, durch die er spricht: also eine Frühe des Geistes bevorzugt, da Abstraktes noch nicht die Gestalt verdrängt und ersetzt hat. Auch sein langes Festhalten an das in der Kindheit erfahrene Land hat hier seinen Grund – in der Kindheit sprechen noch die Dinge, und die Welt ist dicht mit ihnen angefüllt. Auch in dem neuen Band kehrt Huchel in einigen Gedichten noch einmal ins heimatliche Land zurück: Aber es ist nicht mehr dieselbe Welt – bezeichnenderweise ist eines dieser Gedichte „Entzauberung“ überschrieben: Der verfemte König der Zigeuner lebt nur noch im Gedächtnis, „in Wahrheit / zog Itau, der Zigeuner, / im hellen Juli / durchs Bischofslila der Disteln / für immer fort“.
„Entzauberung“ könnte wie über diesem Gedicht über vielen Arbeiten dieses Bandes stehen. Die Herrlichkeit der Welt ist verschwunden und ist nur als gewußte, als verschollene gegenwärtig, „Das Einhorn ging fort / und ruht im Gedächtnis der Wälder“.
Völlig verschwunden ist übrigens in diesem Band auch der Reim, den jedenfalls der frühere Huchel noch liebte. Jetzt findet sich nur noch ein einziger, und in diesen Versen wird bezeichnenderweise die „Stimmigkeit“ dementiert: „Gerechtigkeit und Nachsicht / gab es auf dieser Erde nicht“ (heißt es im ersten Gedicht des Zyklus „Der Ketzer aus Padua“, und man darf annehmen, daß diese Feststellung auch Peter Huchel unterschreibt).
Verzweifelte, bittere und düstere vom Tod umwitterte Gedichte also, gewiß. Aber auch und dennoch männlich kraftvolle Verse, magistrale Arbeiten eines großen Dichters – man spürt fast hinter jedem Vers den geballten Ernst einer dichterischen Existenz, die sich immer aller nur artistischen Spielerei und jeder Versbastelei verweigert hat. Eine „Botschaft“ hat Peter Huchel für den Leser nicht, auch kein politisches Programm – verglichen mit dem vorletzten Band Gezählte Tage, in dem noch von den Tagen der Verfemung in der DDR die Rede war, fehlt jetzt die politisch-gesellschaftliche Sphäre fast völlig. Es herrscht „Friede“ – so der Titel eines kleinen Gedichts −, aber es ist wesentlich ein Friede der Natur, nachdem die Schlachten geschlagen sind und die Ernte eingebracht ist:

Zugzeiten der Vögel
in den stachligen
Grannen gedroschener Ähren
wohnt noch die milde Leere des Sommers
in den Schießscharten des Wasserturms
wuchert das Gras.

Rudolf Hartung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.11.1979

Peter Huchel: Die neunte Stunde

Sieben Jahre nach dem Gedichtband Gezählte Tage, in dessen Titel das Thema des Altwerdens und Abschiednehmens schon anklingt, legt der jetzt siebenundsiebzigjährige Lyriker einen Band mit einem nicht weniger programmatischen Titel vor. Die Trauer aber scheint überwunden zu sein, die zuendegehende eigene Existenz eingebettet in den breiten Strom des Lebens, der in den Tod mündet. In 37 Gedichten, in sechs Abteilungen eingeteilt, schweift der visionäre, zugleich aber nüchtern bleibende Blick vom Gilgameschepos über die mythischen Gestalten der Alten und das Mittelalter zu der eigenen Zeit, wo manchmal der „Friede“ einkehrt:

Zugzeiten der Vögel.
In den stachligen
Grannen gedroschener Ähren
wohnt noch die milde Lehre des Sommers.
In den Schießscharten des Wasserturms
wuchert das Gras.

Es sind die kurzen Gedichte, die in diesem Band am meisten überzeugen, ohne daß damit über ein vier Seiten umfassendes Gedicht wie „Im Kun-Lun-Gebirge“, das allein die fünfte Abteilung füllt, ein abschätziges Urteil ausgesprochen würde. So weiß Huchel in einigen wenigen Zeilen in der Gestalt der „Persephone“ das Problem von Leben und Tod zu konzentrieren, das ihn sehr beschäftigen muß, das aber in der unterkühlten Distanz, in der es gehalten wurde, umso mehr Strahlungskraft besitzt:

Die Abgründige kam,
stieg aus der Erde,
aufgleißend im Mondlicht.
Sie trug die alte Scherbe im Haar,
die Hüfte an die Nacht gelehnt.

 

Kein Opferrauch, das Universum
zog in den Duft der Rose ein.

Persönlicher mit vibrierender Schwermut, aber nicht weniger verhalten ist „In memoriam Günter Eich“:

Hinfließen wird der Himmel,
aber wir werden dem Schnee,
der ins schwarze Wasser sinkt,
kein Tedeum mehr sprechen.

 

Ein verwüstetes Haus zwischen Himmel und Erde.
Im Torweg die Kröte,
noch immer
die goldene Krone auf dem Kopf.

Johannes Maassen, Deutsche Bücher, Heft 1, 1981

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Joachim Günther: Peter Huchel: Die neunte Stunde
Neue Deutsche Hefte, Heft 4, 1979

K(arl) C(orino): Der Tod gestern am Stall
Stuttgarter Zeitung, 9.10.1979

Barbara Bondy: Tiefer ins Schweigen
Süddeutsche Zeitung, 10.10.1979

Inge Meidinger-Geise: Weiden und Worte
Frankfurter Hefte, Heft 12, 1979

Wolfgang Heidenreich: Jahreszeiten, Mißgeschicke, Nekrologe
Badische Zeitung, 5.4.1980

Elsbeth Pulver: Das brüchige Gold der Toten
Neue Zürcher Zeitung, 11.7.1980

Bruno Bolliger: Die neunte Stunde. Gedichte aus den Jahren 1972–1979
Schweizer Monatshefte, Heft 10, 1980

 

Lebensbibliothek

Ich erinnere mich, dass wir zunächst etwas ratlos und verlegen dastanden mit unseren leeren Umzugskisten im Staufener Arbeitszimmer Peter Huchels und auf die Bücherregale schauten. Monica Huchel hatte begonnen, bibliophile Kostbarkeiten hervorzuziehen und diskutierte – mal mit uns, mal mit sich selbst –, welche Stücke aus der Bibliothek des Dichters zurückkehren sollten in ihr Haus nach Wilhelmshorst. Dabei wusste sie, was sie uns mitzugeben hatte, aber sie verabschiedete die Bücher auf ihre Weise, mit ein paar Sätzen, die ihnen gebührten und uns etwas erzählten von der Geschichte ihres Lesers. Was wir am Ende in den Händen hielten, war das, was man die Lebensbibliothek eines Dichters nennen könnte, allesamt Titel, denen Huchel über Jahrzehnte verbunden gewesen war, voller Zettel, Briefe, Notizen, Anstreichungen und Gedichtentwürfe.
Zur Auswahl gehörten: die grünen, zerschlissenen Bände des Forst- und Jagdarchivs von und für Preußen, die Huchel als Kind neben Schrotflinten und handgeschriebenen Kuhbeschwörungen im Gewehrschrank seines Großvaters gefunden hatte und die er später das erste entscheidende Leseabenteuer seines Lebens nannte. Bis zuletzt hatte Huchel in diesen schon in Auflösung begriffenen Bänden der Jahre 1816 bis 1819 gelesen. Ein als Lesezeichen eingelegter Briefumschlag ist adressiert an „Mr. Peter Huchel c/o Embassy House Hotel London“, abgestempelt im Oktober 1974. Huchel reiste damals über England nach Irland. An der markierten Stelle im ersten Heft des Jahrgangs 1816 beginnt ein Beitrag „Über Strich-, Zug- und Standvögel“. Ein anderer Beitrag handelt „Über die Vergiftung der Wölfe durch Krähenaugen“. Auf dem Innendeckel: winzige, mit Bleistift verstreute Zahlenkolonnen, waldwirtschaftliche Berechnungen. Ebenfalls aus dem Besitz seines Großvaters stammen zwei dunkelgrün marmorierte, auf Notizbuchgröße gebundene Exemplare der Volksschriften zur Umwälzung der Geister mit ketzerischen Interpretationen zur Schöpfungsgeschichte und Feuerbach-Thesen, die Schriften einer freireligiösen Gemeinde. „Bildung macht frei!“ heißt das Titelmotto zu Meyers Groschen-Bibliothek der Deutschen Klassiker für alle Stände, der 55. Band enthält „Bürgers beste Gedichte“ und „Gellerts Fabeln“. Denen folgen: Polybios’ Geschichte, Blaise Pascals Über die Religion und Huchels Ausgabe der Heiligen Schrift mit Einrahmungen bei Jesaja und Lesezeichen bei den Psalmen 19, 39 und 104. Ein Fetzen Zeitungspapier im Buch Hiob 6-8: „Hiob trostlos“. Überall verstreut, mit Bleistift unterstrichen: kleine Gruppen von Worten („denn sie hat“ oder „darum, dass“), die für sich genommen nichts, aber als Einfügung, als syntaktisches Gelenk für die Bewegungsarten im Gedicht, für Verlangsamungen, Beschleunigungen und Neueinsätze, viel bedeuten konnten, wenn es darum ging, das Bildmaterial in die lebendige, poetische Rede zu bringen.
In einer kleinen Pause gibt es Kaffee und Erläuterungen zu den Katzen, von denen immer neue Exemplare aufkreuzen, um uns zu besichtigen. In unseren Kisten verschwinden: Thomas von Aquino, die Schriften Jakob Böhmes und eine Abhandlung über Marsilius von Padua, Quelle für Huchels letzten Gedichtzyklus „Der Ketzer aus Padua“. Bei Thomas von Aquino („75. Untersuchung: Der Mensch, die Zusammensetzung aus geistigem und körperlichem Wesensbestand“) sind zwei Fragen markiert: „Ist die menschliche Seele aus Wesungsstoff und Wesungsform zusammengesetzt?“ und „Ist die menschliche Seele unzerfällig?“. Jakob Böhmes Vom Aufgang der Morgenröte nannte Huchel bei Gelegenheit sein Lieblingsbuch und „das Schönste, worauf die deutsche Sprache zurückblicken kann“. Mit farbigen Anstreichungen und Randnotizen übersät: JU-TAO-FO – Die religiösen und philosophischen Systeme Ostasiens von F.E.A. Krause. Ein verblasster, zum Teil ausradierter Entwurf für ein Gedicht steht im Vorsatzpapier zu Universismus. Die Grundlagen der Religion und Ethik, des Staatswesens und der Wissenschaft Chinas von J.J.M. de Groot:

Die Knochen modern, der Atem der
erhebt sich in der Asche und
wird zu Licht…

Im Gedicht „Wei Dun und die alten Meister“ macht Huchel daraus einmal folgende, in den fünfziger Jahren durch etliche Fassungen gegangene Schlussstrophe:

Die Knochen modern in der Tiefe.
Der Atem aber steigt in die Höhe
Und fließt als Licht, durch das ihr einst,
o alte Meister, in großer Ruhe geschritten.

Zur chinesischen Vorstellung vom Dualismus der menschlichen Seele und ihrer nahen Beziehung zum Weltall führt de Groot ein Konfuzius-Zitat an, das den Ursprung für Huchels Vers abbildet:

Der Atem stellt die Fülle des Šen dar, und das Po’ die Fülle des Kwei; die Vereinigung von Kwei und Šen ist das höchste Ergebnis der Lehre. Alle lebenden Wesen müssen sterben, und das, was beim Tode zur Erde zurückkehren muß, heißt Kwei; Knochen und Fleisch modern in der Tiefe und werden unmerklich Staub; der Atem (K’i) aber erhebt sich in die Höhe und wird zu strahlendem Licht.

Noch einmal kehren wir ins Kaminzimmer zurück. Über den von Krallen bearbeiteten Sesseln liegen Felle. Wir erfahren, dass wir auf den Schlafplätzen der Katzen sitzen. Der Kamin, den Monica Huchel während einer Lesereise ihres Mannes hatte einbauen lassen, ist unbenutzt. Unter dem Fenster stapeln sich Zeitungen und Briefe. Ein paar ausgeschnittene Artikel, die sie an Freunde oder Bekannte verschickt. In ihrer gleichbleibend selbstbewußten, bei Gelegenheit auch harschen Art führt sie das Gespräch über Hermlin, Huchelforscher, Verlage, Katzen und ihren Gesundheitszustand. Ihr Urteil ist sicher und kurz. Sie hält sich für „über die Zeit“ und die Vorstellung, den „Wirbel“ zu Huchels 100. Geburtstag zu erleben, ist ihr ein Grauen. Sie sagt „der Huchel hat…“ oder „der Huchel wollte…“, nie spricht sie von „ihrem“ Mann:

Ich wollte kein Anhängsel sein und in der Öffentlichkeit gibt es keinen Raum neben einem solchen Mann. Trotzdem habe ich mich Huchel in einem Maße untergeordnet, dass mich nur mein fast schon übersteigertes Selbstbewusstsein davor geschützt hat, mich dabei zu verlieren. Ich weiß keine Antwort darauf, warum ich es tat. Ich weiß nur, dass ich es für keinen anderen Menschen getan hätte.

Bis zuletzt tut sie das, was sie immer getan hat an Huchels Seite – sie kümmert sich um die Dinge, die anstehen: Unter ihrer Anleitung wird das Haus in Wilhelmshorst umgebaut, bevor die Familie dort einzieht. In den fünfziger Jahren lernt sie innerhalb kurzer Zeit Russisch, weil niemand in der Redaktion von Sinn und Form die Sprache beherrscht. Sie besticht die Kohlenträger, damit winters genug Heizmaterial vorrätig ist. Sie übersetzt für die Zeitschrift Texte von Fedin bis Scholochow; nach Huchels Absetzung als Chefredakteur besorgt sie mit Übersetzungsarbeiten den Unterhalt der Familie. Sie regelt die Formalitäten um Huchels Ausreise in den Westen und erreicht, dass jene 500 Bücher, vor denen wir jetzt sitzen, zum Gepäck gehören. Über lange Zeit pflegt sie den schwer kranken Huchel, der 1981 stirbt. In den gut zwanzig Jahren danach und bis zuletzt sorgt sie für sein Werk und den Nachlass mit einer Bestimmtheit und Großzügigkeit, wie sie „Dichterwitwen“ angeblich nicht eigen sein soll.
„Ja, Kinder, was könnte ich Euch denn noch mitgeben…“ – als hätte sie das Gespräch mit den Büchern nicht unterbrochen, zieht Monica Huchel einen 600-Seiten-Band aus dem Regal, und eine Postkarte fällt auf den Boden: „Ein bißchen Astronomie für meinen sehr lieben Nachbarn…“ ist dort zu lesen, Von Augustinus bis Galilei von A.C. Crombie war ein Geschenk Kiepenheuers, die rückseitig beschriebene Ansicht von Florenz ist datiert auf Huchels 70. Geburtstag. Ein abgerissenes Billet mit der Kontrollnummer 53 zur „Dichterlesung Peter Huchel / Grosser Redoutensaal Passau / 26. Juli 1973“ markiert eine Stelle bei den Gedankensystemen des 13. Jahrhunderts:

Empedokles glaubt an den Ursprung des Lebens durch spontane Zeugung aus der Erde: Zuerst erschienen die Pflanzen, und dann Teile von Tieren (einschließlich des Menschen), Köpfe, Arme, Augen usw., die sich vereinigten, wie es der Zufall wollte, und Gestalten aller Art hervorbrachten, mißgebildete und richtig zusammengesetzte. Die richtigen Gestalten vertilgten die Mißgeburten. (…)

Schließlich ist ihre Besprechung des Bücherregals bei Huchels „Leseexemplaren“ angekommen, Ausgaben eigener Gedichtbände, wie sie ihn auf Lesereisen, zuletzt durch Italien, begleitet hatten. In Gezählte Tage (1972) ist dem Gedicht „Hahnekämme“ ein Zettel beigeheftet, der den Text in seiner spontanen, ersten Niederschrift zeigt, datiert auf „Rom, den 16. Oktober 71, 14.10 Uhr“. Die minutengenaue Angabe verrät eine gewisse Euphorie. Spontangedichte verfasste Huchel im Grunde nie, zumal solche, die wie hier – fast unverändert in den Druck gehen konnten. Bei Macbeth auf Seite 46 finden wir den Brief eines englischen Übersetzers namens Bill Reed aus Northwood, der freundliche Vorschläge zur Übertragung ins Englische macht. Ein in regelmäßige Streifen zerrissener Werbeprospekt zum „Beaujolais Nouveau 77“ ergab das Lesezeichen-Material für die Gedichtauswahl zur letzten Lesereise. Ende 1977, in Hamburg, erleidet Huchel einen Hirninfarkt. Die Jahre danach verbringt er in Staufen.
Sicher ist, dass nicht alle Titel, die zu einer „Lebensbibliothek“ Huchels gezählt werden müssten, an diesem Nachmittag zum Vorschein kamen. Die Bibliothek zeigt Huchels Bemühen um einen Brückenschlag zu den Texten der „Alten“, zu einer „Kindheit der Mythen“. Doch die Alten sind nicht nur Medium für die „Beschwörung eines mythischen Archetypus“ (Walter Jens) oder die Herstellung einer „Privatmythologie“ (Axel Vieregg). Im Rahmen der poetischen Werkstatt boten deren Texte nicht selten das konkrete sprachliche Material und Bild-Vorlagen für Gedichte. Huchel übernahm und verwandelte Textstellen aus dem Gilgamesch, aus Jakob Böhme, Aquino, Bachofen, Polybios und aus der chinesischen Philosophie für das eigene Gedicht; er wusch „Gold aus chinesischen Schatzkammern“, wie Christoph Meckel in seinem Gedicht für Peter Huchel schrieb. Duktus, Rhythmus, Bildwelt und „die große Ruhe“ der Alten grundieren den geschichtlichen Raum für die eigene Stimme.
Am Ende wandert Huchels in Halbjahresbänden gebundene Ausgabe von Sinn und Form in unsere Kisten. Jetzt, ein Vierteljahrhundert nachdem diese Bücher die Ausreise Huchels aus der DDR in den Westen begleitet hatten, sollen sie mit United Parcel Service zurückkehren an den Ort, wo einige von ihnen schon einmal konfisziert, auf Lastwagen geworfen und dem Verfall preisgegeben worden waren. Die wertvollsten Stücke seines verschleppten Archivs rettete Huchel damals selbst, als er Monate später erfuhr, wo man sie abgekippt hatte. In einem feuchten Gemüseschuppen lagerten Bücher und Korrespondenzen aus der Sinn und Form-Redaktion unter dem Hausrat eines Verstorbenen. Nicht nur die Sinn und Form-Bände waren auszugraben, Huchel musste, Archäologe seines eigenen Werks, auch die Briefe Blochs, Brechts, Döblins und Thomas Manns, soweit sie noch zu retten waren, Stück für Stück aus dem schimmeligen Nachlass wieder ans Tageslicht holen.
Rasch wird unsere Abreise ins Auge gefaßt und ein Taxi bestellt. Kein Besuch dauert länger als drei Stunden, dass muß genügen. „Ach schaut mal Kinder, hier hab ich noch was“ – wir stehen zum Abschied bereit, als Monica Huchel ein kleines kompaktes Buch hervorzieht, in schwarzes Leinen gebunden und beschriftet mit dem Etikett „Notizen“. Es handelte sich um das Notizbuch Huchels, allerdings um keine gewöhnliche Sammlung poetischer Notizen, sondern um ein nach Hieroglyphen geordnetes und nach Doppelseiten vornummeriertes Metaphernregister, eine Art Registratur für die spontanen Bildeinfälle, die zugleich als geordneter, abrufbereiter Katalog für die laufende Gedichtproduktion fungierte. Die untereinander auf der linken Einbandseite aufgelisteten Zeichen, deren Bedeutung aus dem Thema der Notizen geschlossen werden kann, ergeben das Inhaltsverzeichnis. Das erste Zeichen, ein nach unten geöffneter Halbkreis, steht für den Metaphernkreis des Winters, des Eises, des Schnees; unter dem zweiten, dritten und vierten Zeichen sind die poetischen Notizen zu Frühling, Sommer und Herbst aufbewahrt; mit Notizbuchseite 32 folgt das Bergwelt-Zeichen, darunter Hügel-Metaphern, aber auch das Bild der Ackerfurche und des Bahndamms in verschiedenen Varianten; dem folgt die Sammlung von Vogel-, Flug- und Himmelsmetaphern; die beiden parallelen Wellenlinien ab Seite 48 meinen nichts anderes als die Sammelstelle für alles Maritime im poetischen Einfallsbereich, also Wasser- und Fischnotizen, auch ein Leuchtturm kommt vor. Das Strichtier ab Seite 54 steht für die Poesie des Lamms, des Rinds, der Schafe, der Spinne, der Hunde, der Stute und der Büffel, zu diesen finden sich Notizen; danach ein etwas kryptischeres Zeichen, nach Art der Notizen ist es das der Frucht beziehungsweise der Blüte. Bei dem ab Seite 70 vorherrschenden Zeichen handelt es sich wahrscheinlich um das eines Pflugs, dort konzentriert Huchel eine Vielzahl von Notizen zum bäuerlichen Wirtschaften, zum Pflügen, zur Aussaat im historischen Umfeld von Krieg und Nachkrieg. Dem folgt der Kreis als Chiffre für die ab Seite 75 notierten Mond-, All- und Erdmetaphern. Der Blitz ab Seite 80 meint das Element des Feuers in der poetischen Notiz; dem folgt die Sichel, unter der Huchel noch einmal fünf linierte Doppelseiten für Landwirtschaftliches vorgesehen hat. Beschlossen wird das Ganze vom Zeichen des Hauses: vom Stall Bethlehems bis in die „Totenkammern aus Schnee“ (später Schlussbild im Gedicht „Dezember 1942“) hat Huchel dort seine Ideen zum Bildkreis des Häuslichen versammelt.
„Signatur“ nennt Jakob Böhme die Gesamtheit der sinnlich wahrnehmbaren Qualitäten eines Dings. Bekanntlich orientierte sich Huchel stark an der Mystik Böhmes und an dessen Überzeugung, dass bei Mensch, Tier und Pflanze die äußere Erscheinung der „inneren Gestaltniß“ entspricht. Huchels Registratur der Natur-Erscheinungen, wie sie sich in seinem Notizbuch wiederfindet, kann ohne weiteres als ein System solcher „Signaturen“ gelesen werden, nach denen er es unternahm, seine poetische Welt zu bestimmen. Signatur für Signatur versuchte der Dichter seine Landschaft und mit ihr das Wesen der Dinge aufzunehmen, um es in Sprache, in „äußere Gestaltniß“ zu verwandeln. Vierzehn Signaturen für das Ritual des Gehens im Symbolkreis der Natur, jenem

nicht zu Ende
geschlagenen Kreis
aus Nadeln und Nässe, über dem
der Zirkel zerbrach

Wir fuhren zum Bahnhof. Der Fahrer unseres Taxis dozierte über die Vorzüge der Gegend: schönste Landschaft, bestes Wetter, auch statistisch, die Sonnenstunden und so weiter – das alles in jenem Dresdner Sächsisch, mit dem er 1990 in dieses Paradies gekommen war. Noch öfter planten wir einen Besuch bei Monica Huchel, doch es blieb das letzte Mal, dass wir sie trafen.

Lutz Seiler, in: TEXT+KRITIK: Peter Huchel – Heft 157, edition text + kritik, Januar 2003

Peter Huchel

Wir waren gleichzeitig Betroffene. Nach der scheinbaren Liberalisierung in Sachen Kunst Anfang der sechziger Jahre erfolgte der massive Rückschlag. Der heute zu recht vergessene Nikita Chrustschow, einer aus der Reihe geistfeindlicher russischer Autokraten, läutete mit einer Rede den Pogrom gegen die Künstler ein, indem er durch Raupenschlepper eine Freilichtausstellung bildender Künstler in Moskau niederwalzen ließ. Weil, wie er erklärte, die Bilder mit dem Eselsschwanz gemalt seien. Das wurde bei allen Funktionären so verstanden, wie es gemeint war: als Signal zur Jagd auf unbequeme Intellektuelle innerhalb des gesamten Ostblocks.
Da man bekanntlich in Ostberlin Grippe bekam, wenn in Moskau einer nieste, erwiesen sich Ulbricht und Co. als besonders eifrige und willige Erfüllungsgehilfen. Die Inquisition tagte öffentlich und nannte sich 6. Parteitag. Unter den namentlich Angeklagten befanden sich Peter Huchel und ich. Huchel verlor seinen Chefredakteursposten von Sinn und Form, der Literaturzeitschrift, in der er kurze Zeit vorher Gedichte von mir gedruckt hatte. Damit war es vorbei, sowohl mit dem Abdrucken wie mit dem Abgedrucktwerden.
Wir sahen uns in Wilhelmshorst wieder, wo Huchel in einer Art alter Villa hauste, drinnen wie draußen diverse Katzen, Monika Huchel, mit nimmerverlöschender Zigarette in der Hand, versorgte die Gäste. Jedesmal berichtete Peter Huchel die neuesten, gegen ihn gerichteten Schikanen und Infamien, so den Besuch Alfred Kurellas, des Kulturpapstes der DDR, der Huchels Existenz zunichte zu machen drohte. Nicht vergessen sei auch der Lehrer von Huchels Sohn, ein Pädagoge, der während des Unterrichts den Schülern mitteilte, Peter Huchel sei ein „Nuttendichter“. Nach solchen Präliminarien aber begann Huchel zu erzählen, und es ist tatsächlich bedauerlich, daß die Staatssicherheit es verabsäumt hat, durch ihre Abhöranlagen diese autobiographischen Geschichten aufzuzeichnen, Anekdotisches in Sachen Deutsche Literatur. Wie etwa Huchels Kabinettstück über Hans Henny Jahnns Begräbnis, an dem Huchel und Willy Bredel als Abgesandte der Ostberliner Akademie teilnahmen und einen Kranz überbrachten. Vermutlich hat es nie wieder ein derart komisches Begräbnis gegeben, bei dem es zuging wie in einer Slapstickkomödie. Wir kamen aus dem Lachen nicht heraus.
Diese Seite Huchels, eben sein Humor, seine ihn selber amüsierende, witzige Eloquenz werden, da ohne schriftlichen Niederschlag, wenn die sich heute Erinnernden nicht mehr sind, eines Tages vergessen sein.
Als wir uns das letzte Mal sahen, 1972 in der Villa Massimo in Rom, wo wir ihn aufsuchten, war von dieser Heiterkeit kaum mehr etwas zu spüren.
Das Jahrzehnt in der unfreiwilligen Isolation, abgeschnitten von der Welt und unter dem Druck von Verhältnissen, an deren nachträglichen verbessernden Korrekturen auch Huchels ehemalige Akademie-Kollegen teilhaben – dieses Jahrzehnt hat wohl ausgereicht, einem das Lachen vergehen zu lassen.

Günter Kunert, aus: Günter Kunert: Das letzte Wort hat keiner, Wallstein Verlag, 2009

Peter Huchel

Im 20. Jahrhundert hat die deutsche Geschichte getan, was sie konnte, um die deutsche Lyrik unbedeutend erscheinen zu lassen. Die Morde machten Schlagzeilen, und wenn ausländische Truppen in ein Land einmarschieren, regt das nicht dazu an, ihre Sänger und Klassiker zu lesen, es sei denn, man arbeitet für den Geheimdienst. Das Interesse wird auch durch die Niederlage der Truppen nicht gefördert. Noch fast fünfzig Jahre nach den Gemetzeln des 2. Weltkriegs sind uns die Namen der Führer des Dritten Reichs vertrauter als die von Else Lasker-Schüler, Gottfried Benn, Günter Eich, Karl Krolow, Ingeborg Bachmann oder Peter Huchel. Offensichtlich hat sich der Staub noch nicht gelegt.
Höchstwahrscheinlich wird er dies auch niemals tun, was allein schon ausreicht, um ihn zu einer Existenzform werden zu lassen. Es stellt sich heraus, daß der Staub, neben anderen Eigenschaften, auch eine Stimme besitzt.

Gedenke meiner,
Flüstert der Staub.

Das ist, was der Staub sagt, Peter Huchel zufolge, einem der besten deutschen Lyriker dieses Jahrhunderts. Huchel wurde 1903 geboren und starb 1981. Er wuchs auf einem Bauernhof im östlichen Teil Deutschlands auf, in Preußen, und studierte in Berlin, Freiburg und Wien. Zwischen den Kriegen reiste er viel in Ungarn, Rumänien, der Türkei und Frankreich. Das war eine magere Zeit für die meisten Deutschen, und oft bezahlte er für seine Aufenthalte in diesen Gegenden mit der einzigen verwertbaren Fertigkeit, die er in seiner Jugend erworben hatte: mit Feldarbeit.
Huchels Gedichte erschienen zuerst in den 20er Jahren in verschiedenen Periodika. In den 30er Jahren verlegte er sich, wie viele Lyriker zu dieser Zeit, auf das Schreiben von Hörspielen in Versen, mit denen er beachtliche Erfolge erzielte. 1933 allerdings zog er seine erste Gedichtsammlung kurz vor der Publikation zurück, weil er nicht mit einer Gruppe von Lyrikern, die die Nazis unterstützten, in Verbindung gebracht werden wollte. Der Krieg fand ihn ziemlich spät, offensichtlich nach einigem Suchen, auf dem Bauernhof der Familie bei Potsdam, und er wurde 1941 in die Wehrmacht eingezogen. Zu dieser Zeit war er 38 Jahr alt.
Die mit ihm im Schützengraben lagen, erinnern sich an einen Mann, der in sein Notizbuch kritzelte, während er ab und an einen Blick durch die Schießscharte warf. 1945, kurz vor Ende des Krieges, lief er zu den Russen über und wurde interniert.
Er wurde aber bald freigelassen – zum Teil wegen seines als antifaschistisch eingeschätzten Gedichtzyklus „Zwölf Nächte“, den er während des Krieges geschrieben hatte, zum Teil wegen der sozialistischen Sympathien seiner Jugend –, und begann, in Ost-Berlin für das staatlich Radio zu arbeiten. 1949 wurde er Herausgeber einer sehr einflußreichen Zeitschrift namens Sinn und Form.
Diese Arbeit machte er die nächsten 13 Jahre, in deren Verlauf er auch mehrere Sammlungen seiner Gedichte veröffentlichte und verschiedene Preise in der Deutschen Demokratischen Republik erhielt. Wegen seiner unabhängigen editorischen Politik wurde er jedoch 1962 entlassen und unter Hausarrest gestellt. Vermutlich aufgrund seiner Bekanntheit in der DDR-Kulturszene wurde nichts weiter unternommen. Als Ergebnis einiger Appelle des Internationalen PEN wurde ihm 1971 erlaubt, das Land zu verlassen. Er ließ sich in Westdeutschland nieder, wo er zehn Jahre später starb. Er war zweimal verheiratet und hatte zwei Kinder.
Gemessen an den Maßstäben der Zeit und vor allem des Ortes, war das Leben dieses Lyrikers eher ereignislos. Noch schwerer wiegt, daß seine Gedichte sehr wenige Anspielungen auf seine tatsächlichen Verhältnisse enthalten. Die Vorstellungen eines Mannes sind immer komplexer als seine Wirklichkeit, zudem hielt der Lyriker es vermutlich für geschmacklos, sich auf eine so gewöhnliche Biographie zu beziehen. Er war einfach ein komplizierter Mann, der sich mit einer sehr primitiven Geschichte auf dem Schoß vorfand, oder, um es genauer zu sagen, der sich in den Klauen dieser Geschichte wiederfand. Die eigenen Erfahrungen in Versen auszubeuten, wäre auf eine Verbeugung des Verstandes vor dem Instinkt hinausgelaufen. Das hatte nichts zu tun mit Eskapismus oder mit dem Geist des Privaten, der in der deutschen Lyrik die meiste Zeit des Jahrhunderts vorherrschend war. Es hatte damit zu tun, daß der Mann seine Würde bewahrte: indem er der Geschichte zeigte, wohin sie gehörte.
Peter Huchel ist oft als Naturlyriker bezeichnet worden. Definitionen sind immer reduktionistisch, im Falle von Huchel allerdings ist die Einordnung so irreführend wie bei Robert Frost. Sie haben tatsächlich einiges gemeinsam, sieht man davon ab, daß für Frost die Natur ein Spiegel des negativen Potentials der Menschen ist, im Gegensatz zu Huchel, dessen Werk von einem sehr starken christlichen Ethos durchdrungen ist, und der die Natur als heiliges Sakrament betrachtet. Diese Ansicht war bei Huchel so stark ausgeprägt, daß er zeitweilig die Kollektivierung der Landwirtschaft in der DDR als längst fällige Erfüllung der Naturgesetze ansah.
Huchels Lyrik ist in der Tat geprägt durch ein instinktives Verlassen auf die natürliche Umgebung, aber das Etikett will nicht halten. Was seine Gedichte von der Natur bekommen, ist etwas mehr, als die Natur überhaupt zu bieten hat.
Als ernsthafteste und elegischste Stimme der deutschen Lyrik seiner Zeit beschreibt Huchel die Landschaften gar nicht so sehr, er liest vielmehr heraus, was den „irdischen Dingen“ eingearbeitet wurde von einem Stift, härter geführt und objektiver als sein eigener. Um es ganz einfach zu sagen: Die Natur ist für ihn eine Seite, bedeckt von einer sehr dunklen Schrift.
Die Gedichte, die hier zu finden sind, stammen vom späten Huchel, dem der Nachkriegszeit. Die letzten Worte eines Menschen sind oft von größerer Konsequenz als seine frühen, das läßt sich auch von Lyrikern sagen. Wie ein aufmerksamer Kritiker Huchels bemerkt hat, begann er mit Hymnen und endete mit Psalmen. Das ist eine gute Beschreibung der Entwicklung dieses Lyrikers. In seiner späten Dichtung spielt die Natur eine geringere Rolle, weil sie ihm nicht länger ein Zuhause ist oder ein Trost. Aber es ist derselbe unversöhnliche, immanente Stift, der langsam auf einem irdischen Ding schreibt, dieses Mal auf dem Herzen des Poeten: auf einer schwindenden Seite, die sich zunehmend ihrer eigenen Endlichkeit bewußt ist. Hier kommt die Geschichte ins Spiel, nicht vornehmlich die Deutschlands, sondern die seines ganzen Lebens und damit die der Zivilisation, der er angehört und die zu verlassen er im Begriff steht. Das ist, was zählt, für die Überschneidung dieses einen Lebens mit der Zivilisation und für die lange Sicht des Gedichts. Die Perspektiven wandeln sich, aber diese ist ziemlich universal.
Wie kann man nach Auschwitz Gedichte schreiben“, fragte Theodor Adorno. Darauf muß, offensichtlich, ein deutscher Lyriker eine Antwort geben.

Joseph Brodsky, Akzente, Heft 5, Oktober 2004
(Aus dem Englischen von Holger Helbig)

Hier wird Gold gewaschen

– Erinnerungen an Peter Huchel. –

– in me dolora
un airone morto

– in mir schmerzt
ein toter Reiher
(Salvatore Quasimodo)

 

Le soileil volait bas, aussi bas que l’oiseau. La nuit
les étaignit tous deux. Je les aimais.

Die Sonne flog tief, so tief wie der Vogel. Die Nacht
hat beide ausgelöscht. Ich liebte sie.
(René Char)

HINTER DEN ZIEGELÖFEN

 

Erhabene Helle,
Noch zu finden im fauligen Licht
Gestauter Wasser. Hinter den Ziegelöfen,
Gleisentlang,
Die leichte Dünung der Gräser.
Biege das weiße Schilf zurück,
Du stehst vor der Furt des Mittags.
Hier wird Gold gewaschen
Und auf zerbrochene Ziegel geschüttet.

Peter Huchels Grab auf dem Friedhof in Staufen – es ist auch das Grab seines Sohnes und seiner Frau – ist eine eng gefasste, blumentopfähnliche Insel im sauberen leblosen Totenpark der Provinzstadt, die ihm fremd blieb, zu Poesie nicht herausforderte, obwohl er Schwarzwald und Oberrhein aus seiner Studentenzeit in Freiburg kannte. Auf dem trostlosen Fleck stehen Stein, Namenstafeln und Pflanzwerk bedrückend dicht, ohne freien Raum beieinander. Hier wird die Aura des lebenden und des toten Dichters zu nichts.

Ihm hätte ein Grab in der Mark gehört, nicht weit vom Stromland der Havel, die sein Fluss war – wie ein paar Luftlinien weiter im Osten die Oder der Strom Günter Eichs war –, vielleicht am Rand eines Dorfs, hinter Apfelgärten und Scheunen den Hang hinunter, in Sichtweite fliegender Reiher, schnell strömenden Wassers, das die Wurzelkeller der Uferweiden ausschwemmt zur Zeit seiner Geburt und spät im Herbst, wenn Regen aus dem fahlen Himmel flutet und der Fluss in das Land fließt. Im grauen und schwarzen Sand der Mark, die er liebte und in Staufen vermisste, dass ein Sprechen davon ihn beschwingen, betören und zu lautlosem Schluchzen hinreißen konnte, wäre ein Platz für ihn selbstverständlich gewesen – nicht Grabhaus, Gruft, Monument –, eine einfache Platte aus Stein, aus Schiefer, mit Namen und Jahr von Geburt und Tod: Peter Huchel 1903–1981.

Oder er wäre beigesetzt auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof im Osten Berlins, den Brecht von den Fenstern seiner Wohnung aus sah, auf dem Parnass der DDR, die ihn zu vernichten entschlossen war, eine Urnenstelle am schmalen, baumbestandenen Grabweg, in der Nähe Bert Brechts, Heinrich Manns, Erich Arendts, die wie er ihr Gesicht behielten, Selbstähnlichkeit des Menschen, lebendige Maske; eine Maske besaß Peter Huchel nicht, er lebte mit seinem Gesicht.

In mehreren Sommern der Dreißigerjahre, zuletzt im Juni 1939, verbrachten Peter Huchel, mein Vater und Günter Eich ein paar Wochen in Poberow an der Ostsee, in einem Bungalow, der Günter Eich gehörte, Typ eines Sommer- oder Ferienhauses, nicht bewohnbar im Winter, ein auf Betonfundament errichteter, barackenartiger Holzbau mit Kabinen und einer Diele. In diesen Wochen wurde Ringtennis gespielt und gearbeitet. An den Abenden zeigte man das am Tag Geschriebene und sprach die Arbeiten für den Rundfunk durch. Peter Huchel lehnte ab, seine Verse zu sprechen, und man kam überein, die Gedichte zu zeigen, nicht laut zu lesen. Günter Eich und mein Vater verdienten das meiste Geld – nicht immer gutes Geld für gute Texte – am Berliner Funk, der seit 1933 den nationalsozialistischen Richtlinien folgte. Günter Eich schrieb Hörspiele und Hörfolgen, mein Vater Feuilletons und Rezensionen über Autoren der NS-Zeit, Busse, Burte, Kolbenheyer. Peter Huchel schrieb Hörspiele und Funkbearbeitungen märkischer und preußischer Stoffe, er hatte mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun. Günter Eich galt als undurchsichtig, kleinbürgerlicher Chinese, und war wie mein Vater durch die Landschaft seiner Herkunft geprägt – die östlichen Ebenen, der Oderbruch. Peter Huchel hatte in diesen Jahren etwas von einem aufgeklärten märkischen Heimatdichter. Gärtnereien, Ziegelöfen, Heide und Sand der Mark, Flusswasser und Kiefernforst waren gemeinsame Motive Huchels und Eichs.

Die Freundschaften stimmten überein, man war am Zeitgeschehen kaum orientiert und die gegenseitige Kritik hielt sich in Grenzen. Keine Debatten über Politik. Peter Huchel war der von den Freunden anerkannte Dichter mit dem fertigen Gedicht und dem starken eigenen Ton. Sein Bereich, auf Landschaften, Ortschaften, Geschichte und Menschen der Mark gegründet, war fest umrissen, frühes Eigentum. Westliche Kritik versuchte später, ihn auf Naturlyrik festzulegen, auf Oskar Loerke und Wilhelm Lehmann, und die östliche unterbot ihn mit ideologisch-humorlosen Atemkontrollen – umsonst. Er war der nicht bürgerliche Einzelne, der Unabhängige von Anfang an, und er war der überzeugte, von Gefühl und Erfahrung bestimmte Linke, der einzige unter den Freunden der Dreißigerjahre (zu denen auch Martin Raschke und Horst Lange gehörten), und später der einzige, der eine literarisch-politische Position einnahm. Es ist denkbar, dass ohne sie und die für ihn verheerenden Folgen, die ihn zum öffentlichen Fall machten, sein Gedicht heute nicht mehr wahrgenommen würde.

Andere Lyriker verfügten über Vokabular, Peter Huchel war im Besitz eines Wortschatzes, der sich später erweiterte, doch ungewöhnlich fest und intensiv an seinem Grundbestand festhielt. Mit seinen Wörtern Reuse, Eis, Nebel, Brache, Öde, Schnee und Wasser, die an Dichte und Zauber nie verloren, unerschöpflich blieben, magisch erschienen, baute er die Haupträume seines Welthauses bis zuletzt.
Sein einziger Gedichtband in zwei Jahrzehnten – Gedichte –, 1948 im Aufbau-Verlag erschienen, stand in der Bibliothek meines Vaters in Freiburg neben frühen Veröffentlichungen von Stomps, Eich, Süskind, Raschke, Lehmann, Lange und Britting mit der Widmung Für Eberhard Meckel, Ihr ergebener Peter Huchel und war für mich ein Schatzkasten der Nachkriegszeit und ein Buch, das ich gewissenlos an mich nahm, das erste und einzige Buch, das ich stahl (bräunlicher Pappband, holzhaltiges dunkles Papier der russischen Zone). Ich liebte Peter Huchels ländliche Welt und glaubte die Verse wie kein anderer zu kennen. Sie gehörten mir. Ihr Ton erschien mir rein und reich, vor allem echt (was ich in den Versen meines Vaters vermisste). Ich verschwand in die nahe, dichte Intimität ihres Klangs, warm wie Laubmulde oder Schober, betörend wie nirgends sonst in der Lyrik der Zeit. Die Reime waren einfach, genau und fest gefügt wie Dachbalken, wie Fachwerk, oder beiläufig zusammengekommen wie im Winter abgefallene Zweige des Nussbaums. Alt waren die Gegenstände in dieser Musik, Häuser und Bäume, Wege und Wasser, Tisch und Kessel. Die Tonart der Gedichte erschien selbstverständlich, als sei sie schon immer vorhanden gewesen, und selbstverständlich in ihr war die Wärme des Sommers, Luft und Licht heißer Tage im Flussland. Im Vers keines anderen war der Frost so kalt, und der Nebel rauchend über See und Ried, und kein Himmel so öde wie der Himmel der Mark in diesem lyrischen Raum. Die Temperaturen, Farben, Zustände der Natur und der Jahrzeit, Gold des Herbstes und November der Seele, waren unmittelbar in Klang und Strophe verwandelt und im Zyklus „Der Rückzug“ gestaltet aus dem, was mir aus der Kindheit unheilbar vertraut war: Zerstörung durch Krieg. Das Haus, der Wald, der Weg war verletzt, die Luft und der Mensch. Peter Huchels Kriegsgedichte (und wenig später jene von Günter Eich) waren für mich die ersten Signale – ich war vierzehn Jahre alt –, dass das Entsetzen gestaltet werden konnte, von Peter Huchel gestaltet worden war.

O Nacht der Trauer; Nacht April,
die ich im Feuerdunst durchschwamm,
umweht vom schwarzen Wassergras.
als schwankte Haar auf trübem Schlamm,
mit Pfählen treibend und mit Brettern,
mit Knäuln von Ästen und mit Aas,
versengtem Schilf, vereisten Blättern,
flussabwärts mit den Toten still.

Ich stellte mir vor, dass Peter Huchel, um sich zu retten, mit Trümmern und Toten durch schwarzes Winterwasser geschwommen und unter kahlen Weiden an Land gegangen war.

Die Freundschaften begannen in Berlin, zu Beginn der Dreißigerjahre. Man besuchte Peter Huchel in Michendorf, fuhr im DKW meines Vaters (Günter Eich besaß dasselbe Modell) durch die Mark in den Spreewald, nach Wiepersdorf, an die Oder und traf sich regelmäßig in Kneipen am Alexanderplatz. Die Autofahrten zu Martin Raschke nach Zinnwald, durch Sachsen, Mainfranken und in den Schwarzwald wurden später – tempi passati! – zur Erinnerung an die letzten guten Jahre und den Rest der Jugend. Ideologie war weiter kein Grund zur Auseinandersetzung, sie beunruhigte nicht. Man empfand einander – nach einem Wort Günter Eichs – als selbstverständliche Menschen. Ein paar Jahre bewohnten Peter Huchel und mein Vater nebeneinander liegende Wohnungen am Laubenheimer Platz, der als Künstlerkolonie zur Legende wurde (die Razzien der Kristallnacht begannen in diesem Bezirk). Dort hatten Tucholsky und Hannah Arendt gewohnt, dort lebten Wolfgang Weyrauch und Martin Kessel. Peter Huchel hatte kein Geld, war oft verschuldet, liebenswürdig, zu Trägheit neigend und laisser faire (was manchen in der Illusion bestärkte, mit ihm befreundet zu sein), ein Bohemien, der die Tür seiner Wohnung nur auf Klingelzeichen hin öffnete.

Die Freundschaft rettete einmal Günter Eich. Das war 1937, man traf sich wie gewohnt in einer Berliner Kneipe und Günter Eich erschien dort mit dem Parteiabzeichen sichtbar an der Jacke. Peter Huchel und mein Vater lachten ihn aus (beide erzählten gleichlautend dasselbe), sie lachten ihn einfach aus, und Günter Eich soll das Abzeichen an die Partei zurückgegeben haben.
Ich fand es eigenartig, dass diese Dreißigjährigen – die Frauen hatten an der Freundschaft teil – an einem förmlichen Sie festhielten, einander Huchel, Eich und Meckel nannten, ihre Vornamen nie gebrauchten. War das Zurückhaltung? Förmlichkeit aus Konvention? Ausdruck von Wertschätzung? Bescheidene Aufwertung, die man als Autoren beanspruchen wollte? Als Peter Huchel, dreißig Jahre älter als ich, mir das Du vorschlug, war das keine Überraschung, weil Sie zum Hindernis geworden war.

Nach dem Weltkrieg wurden die Freundschaften nicht erneuert und nicht fortgeführt. Die Verbindungen blieben erhalten, man traf sich zweimal in sieben Jahren, begegnete einander in München, Freiburg und Ostberlin, hatte aber in der politischen und literarischen Gegenwart, in BRD und DDR, nicht viel miteinander zu tun. Zwischen Günter Eich und Peter Huchel kam es, auf einer Tagung der Gruppe 47, zu vehementen Zerwürfnissen über der Frage, was Sprache der Literatur in Staat und Gesellschaft zu sein oder nicht zu sein habe. Nach Jahren versöhnte man sich und widmete Gedichte.

Peter Huchel:

Wir werden dem Schnee,
der ins schwarze Wasser sinkt,
kein Tedeum mehr sprechen.

Günter Eich:

Vor soviel Zuversicht
bleibt unsere Trauer windig,
mit Regen vermischt,
deckt die Dächer ab,
fällt über jedes Lächeln,
nicht heilbar.

Immer freute mich, zu erfahren, dass Peter Huchel ein großzügiger Mensch war, in den Zwängen der DDR kam das selten zum Vorschein. Er verzieh meinem Vater manches Missverständnis und verhalf ihm zu Veröffentlichungen, die ohne Huchels Befürwortung nicht zustande gekommen wären.

In memoriam Hans A. Joachim lautet eine Widmung in Peter Huchels erstem Buch Gedichte von 1948. Die Widmung fiel auf, sie war die einzige im Buch. Wer Joachim gewesen war, konnte mir niemand sagen. Jahrzehntelang blieb Joachim in der Öffentlichkeit unbekannt. Dann fragte ich Huchel, und er sprach von ihm.

Er war ein Jugendfreund Huchels, ein Jahr älter, kam aus Freiburg, studierte Philologie, wurde Schriftsteller – vor allem Essays und Hörspiele sind erhalten –, floh vor den Nazis nach Frankreich, wurde 1940 dort aufgegriffen und vermutlich in Auschwitz umgebracht. Die Familie stammte aus Polen, der Anfangsbuchstabe seines zweiten Vornamens – A. – bedeutete ursprünglich Aaron. Als Peter Huchel nach dem Weltkrieg ein paar Jahre lang maßgeblicher Redakteur am Berliner Rundfunk war, sorgte er dafür, dass die Hörspiele seines Freundes gesendet wurden.
Dieser Freund hatte wie kein anderer die Anfänge Huchels mitbestimmt, ein Intellektueller mit genauem Gehör für gestaltete Sprache und Gedicht. Huchel konnte sich darauf verlassen, dass Joachim jede Nuance eines Fehlers im Vers, in Satzbau und Tonart entdeckte und ihm auf gehörige Weise mitteilte. Er, der Subversive, Schweifende, Träumende, scheint unter der kritischen Einwirkung Joachims gestöhnt und rebelliert zu haben, verstand aber, dass er diesen Freund brauchte, um weiterzukommen. Die kritische Arbeit an Huchel und seinen Gedichten war hell, unerbittlich, anhaltend und fair, die große Sympathie hielt allen Prellungen stand. Wenn Peter Huchel von ihm sprach, war seine Stimme belegt. Ähnlich, wenn Theodor Fontane erwähnt wurde –

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit
Und die Birnen leuchteten weit und breit,
Da stopfte, wenn’s Mittag vom Turme scholl,
Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,
Und kam in Pantinen ein Junge daher,
So rief er: „Junge, wiste ne Beer?“
Und kam ein Mädel, so rief er: „Lütt Dirn,
Kumm man röver, ick hebb ne Birn.“

Das Gedicht war ein Ausgangspunkt und unerschöpflich für ihn, unantastbar, herrlich. Es öffnete den Raum und gab die Richtung an.

Früher mal konnte man aus der Literatur erfahren, dass Reime geschmiedet werden. Und weiter –
Sie klappern, krachen, knallen und brettern – Klapphorn; sie reiben, kitzeln, stoßen sich, ohrfeigen einander mit Klatsch und Schall, kokettieren, poussieren mit erlesenen Silben. Sie sind Opfer sprachlicher Willkür und Wackelkontakte, klatschen platt und lautstark aufeinander – ein Universum der Reimkunst und des Kunsthandwerks.
Rilke hat den Reim zum Duften gebracht, zum akrobatischen Gleiten, Schmiegen, Tasten, Selbstherrlichkeit von Geschmack überladen, von Schönklang krank; Bert Brecht hat ihn kunstvoll zu Bruch gehn lassen, souverän repariert, nach alten Mustern ganz neu zusammengeführt; es gibt schematische Schläger-Kräfte des Reimens, die Prellbock-Zusammenstöße zu Gehör bringen; und es gibt alte, erschöpfte Zwillingslaute, die sich treu und gefügig zusammenschließen; es gibt einen angestrengten, Poesie sein sollenden Schlagabtausch der Zeilenenden (bei Hermann Melville), der regelrecht stakt und willensstark stiefelt und das Versgebilde nicht froh sein lässt.
Und Peter Huchels Reime in der auf Jahrhunderte weit verteilten Überfülle solider Techniken, zaubrischer Machenschaften, unmerksamer Wunder.
Er konnte reimen. Bert Brecht hat es erkannt und dazu bemerkt, Peter Huchel habe das Volkslied zum Bevölkerungslied gemacht. Das wäre furchtbar. Bevölkerungslied ist ein Wort und wäre eine Tatsache, wovon ich mich in Eile absetzen würde. Ich ließe Reim und Verskunst fallen, bliebe prosaisch stumm und käme nicht wieder.
In Peter Huchels letzten gereimten Gedichten ist von Regel, Schema, Mechanik und Triebwerk nichts mehr zu hören. Ihr Wohllaut, ihr Charme sind einzig, unverbraucht, frisch wie bei Mörike, Burns, Else Lasker-Schüler. Ihr Klang ist Silbengeläut, es scheint von weit her zu kommen, aus vollkommener Stille, und kann wie Anflug und Abflug eines Singvogels geschehen sein. Seine Reime sind weit und melodisch reich in die Schwebe des Wortlauts verteilt, unauffällig in ihm festgemacht ohne Blinklicht und Senkblei, vollkommene Coda einer Versbewegung, dass sie im Gedicht vergessen werden, dann wieder auftauchen, als geschähe das im Flug und aus eigener Kraft. Peter Huchels Meisterschaft ist nicht Artistik, sondern Magie. Sein Reim erscheint selbstverständlich wie Luft und Atem, und bleibt ein Zauber.

DER GARTEN DES THEOPHRAST
Meinem Sohn

 

Wenn mittags das weiße Feuer
Der Verse über den Urnen tanzt,
Gedenke, mein Sohn. Gedenke derer,
Die einst Gespräche wie Bäume gepflanzt.
Tot ist der Garten, mein Atem wird schwerer,
Bewahre die Stunde, hier ging Theophrast,
Mit Eichenlohe zu düngen den Boden,
Die wunde Rinde zu binden mit Bast.
Ein Ölbaum spaltet das mürbe Gemäuer
Und ist noch Stimme im heißen Staub.
Sie gaben Befehl, die Wurzel zu roden.
Es sinkt dein Licht, schutzloses Laub.

Die Folge der Reime: Feuer 1 / tanzt 2 / derer 3 / gepflanzt 2 / schwerer 3 / Theophrast 4 / Boden 5 / Bast 4 / Gemäuer 1 / Staub 6 / roden 5 / Laub 6.

Einfluss – der Begriff wird, scheint mir, wenig reflektiert, kaum bezweifelt oder differenziert, nicht oft in Frage gestellt und offenbar nie zurückgewiesen. Er wird immer weiter angewandt, als Versatzstück, als Fertigteil hingestempelt, dem Autor vorgehalten als Chiffre seiner Unfertigkeit. Heilige Inkompetenz! Ignoranz von Fachleuten, die ihr Urteil bereithalten wie einen Pfeifenstopfer. Einfluss, eine Unterstellung.

Peter Huchel wurde nachgesagt, von Oskar Loerke und Wilhelm Lehmann beeinflusst zu sein. Es wurde ihm jahrzehntelang nachgeworfen. Alles Quatsch und Sherry Brandy (Mandelstam). Er reagierte gelassen, mit stiller Ironie, wehrte den Anwurf mit leichter Bemerkung ab, ließ Einfluss aber nicht auf sich beruhen, nicht auf sich und seinen Gedichten lagern, und konnte kopfschüttelnd wiederholen: Da hat einer Loerke nicht gelesen, oder er kennt meine Sachen nicht, oder beides.

Er schien Oskar Loerke gekannt zu haben, in den Dreißigerjahren getroffen zu haben, kannte aber von ihm nicht viel mehr als die großen Gedichte der Anthologien – Pansmusik, Die Vogelstraßen, Das Grab des Dichters – und hatte seine Essays nicht gelesen. Er sagte: Mit Rilke und Loerke will ich mich nicht vergleichen. Ein paar Gedichte genügten ihm, die Grundstrom-Kräfte eines Verfassers von Gedichten zu erkennen und zu durchschauen. Hatte der Betreffende etwas hinter sich, war sein Dasein eine Verlustgeschichte – Krieg, Lager, Verfolgung –, verhielt sich Huchel sehr rücksichtsvoll, blieb aber unbestechlich und stellte klar, dass Gedicht und Biografie Verschiedenes sind. Er war der Verantwortliche für Sinn und Form.

Naturlyrik – auch so ein Begriff, ein Gewahrsam, eine Reuse, ein Reservat. Was hatte er damit zu tun. Der Begriff war vorhanden und war beglaubigt, warum auch nicht, wurde aber vorschnell herumgestempelt, mit ihm wurden ganze Werke versiegelt, sie wurden unbesehen falsch geortet, unerkannt sich selbst überlassen. Das nur einmal mögliche, große Gedicht setzt jede Kategorie außer Kraft. Es gab nichts zu erklären und nichts zu verhandeln, das war sein Handwerk, seine Taktik, seine Gewissheit.

Einfluss, Beeinflussen, Beeinflusstwerden – das betrifft abhängige Charaktere, oder Sechszehnjährige, die Atem noch nicht als Lebenskraft erfahren und auf Umwegen über die Fertigkeit anderer sich selbst näherkommen. Es gibt in der Dichtung, wie in jeder Kunst, Verwandtschaften en passant und de profundis. Es gibt Wahlverwandtschaften, Geschwisterleben, symbiotische Nähe der Lebenden zu den Toten, das geht durch Jahrtausende und hat keine Wahl. Oder es hat eine Wahl, nimmt sie wahr und beschafft seine Trainer, wie Hemingway mit Turgenjew trainierte, Hugo Wolf sich aus Mörikes Versen Gewissheit verschaffte. Es gibt Anklänge – woher, Gleichklänge – warum, Übereinstimmungen, die nicht epigonal, aber nachweisbar sind und rätselhaft bleiben. Es gibt Prüderie und Humorlosigkeit akademischer Sprachpolizianten, und es gibt den Satz:

Shakespeare stahl wie eine Elster.

Wer? Shakespeare. Beklaute die Literatur wie eine Elster, die der Antike und die seiner Zeitgenossen, und die seiner Zeitgenossen aus vielen Zeiten. Man kann das beweisen, und es bedeutet nichts. Heiliger Merkur, Schutzherr der Diebe, es ist eine Frage der Qualität. Es gibt den Diebstahl der Dichter, des einen am anderen, dezent gemeistert, grobweg usurpiert, souverän bemäntelt, als Luftgeschäft souverän an ein Glöckchen gehängt, halbgöttisch lachende Anarchie. Unbedenkliches Spielvergnügen des créateurs mit den Spielzeugen anderer; die Enteignung anderer ohne Kriegserklärung, literarische Gauner-Erfolge mit Witz und fortune – er nimmt, was er braucht, und was er brauchen kann, ist das Ferne und ihm Verborgene, für ihn nicht Erfahrbare, Unbekannte. Aus großer Entfernung nimmt er, was er kriegen und tragen kann, verwandelt es selbstlos und langsam im eigenen Abgrund, aber er begründet Verwandlung nicht – gerechte Ganovenschaft der Spiegler und Spieler – das braucht Charakter – und wie Jewgenij Baratynski schrieb, in der Zeit eines Zaren, der das Leben in Russland zerpresste: dass Literatur die gemeinsame Aufgabe sei.

Er schien Menschen ungern zu kritisieren, schaute sie an und dachte nach. Seine Kritik in Literatur, Sprache, Poesie war nicht leicht zu bestreiten und einfach und gern in konkrete Bilder gefasst. Als ein junger Dichter der DDR in der westlichen Presse als Standbild aufgestellt wurde, sagte Peter Huchel: Er steckt in einem amerikanischen Mantel.
Was war ein amerikanischer Mantel.
Der Mantel war stark gepolstert, schwer und lang, die Schulterpartie gehoben, der Gürtel breit. Der Mann in ihm imponierte durch Körperumfang und Körperkraft, erschien unangreifbar und machtvoll – so traten die Gangster in Chicago auf –, man ließ sich mit ihnen nicht ein, das bewirkte der Mantel.
Imponiergehabe – Substanz oder Absicht literarischen Stils? Peter Huchel mochte Majakowski nicht, und nicht dessen Schüler und Kompagnons.
Der amerikanische Mantel war eine genaue kritische Formel für diesen Literaten und seinem Werk. Peter Huchel erlebte nichts mehr von dessen späterer Statur. Es gelang ihm, den Mantel auszuziehn, in natürlicher Größe zu erscheinen.

Am Ende seines Daseins in Wilhelmshorst – enttäuscht, geschlagen, weggespuckt, gab es für Huchel nur noch Spitzel und Schweine, und noch ein paar Unbenannte, Freunde genug.

Wenn in den Jahren der Mauer ein Autor nach Westberlin kam, wurde er von Aufmerksamkeit getragen, an Bahnhof oder Flughafen abgeholt, in ein gutes Hotel gebracht, von dort zu seinem Auftritt gefahren und spät in der Nacht, nach dem Bier in der Kneipe, sich selbst überlassen. Am nächsten Morgen stand er allein da. Falls er den Tag in Berlin verbrachte, traf man ihn allein auf dem Kurfürstendamm, und im KDW, wenn er aus dem Osten kam. Das Kaufhaus des Westens, die Überfülle der Waren, obszönes Massengefunkel von gut & teuer, war für Leute aus Bukarest oder Warschau der erste, vielleicht einzige Anziehungspunkt, die private Verabredung wurde dorthin verlegt, ich beriet manchen Freund aus dem Osten bei seinem Einkauf – für die Familie, die Kinder, die Geliebten – und lud ihn zum Sekt in die sechste Etage ein. In seinen Blicken stauten sich Gier und Abscheu. Ich sah: es war nötig, dass er sich erholte.

Spät in der Nacht vor einer Kreuzberger Kneipe standen Peter Huchel und ich allein herum, übrig geblieben und nicht berauscht genug, das Übrigsein im Nachtwind vergessen zu können. Peter Huchel war aus Rom gekommen, wohnte für ein paar Tage weit draußen am Wannsee, und während wir ein Taxi für ihn suchten, überlegte er seinen Flug am nächsten Morgen, Flughafen Tempelhof, wie kam er dort hin. Ich schlug vor, ihn im Wagen abzuholen, und war erstaunt, erschrocken, zuletzt beschämt von der stillen, warmen, langen Dankbarkeit, seine Erleichterung schien grenzenlos.

Im Flughafen blieb eine Stunde Zeit, wir standen und saßen an der Bar und er sprach von Versen, zitierte Gedichte aus vielen Zeiten – Huchel liebte die alten Chinesen –, wir konnten uns aufeinander verlassen. Mit kaum einem anderen war das Sprechen von Versen und der Wortlaut dazu und das Erzählen – Sprechen darüber gab es für Huchel nicht – so selbstverständlich, beiläufig leicht und frei. Ich hielt ihn in seinem Sprechen fest, weil ich wusste, es tat ihm gut, er vergaß den Moment, er war an der Stelle, die ihn schwerelos machte. Poesie rückt die Welt und den Menschen an die richtige Stelle. Satz eines alten Weisen, er gab Peter Huchel in allem recht.
Er hörte mir zu, gelassen, genau, wenn ich von seinen Gedichten sprach. Seine Antwort, die sich oft wiederholte: Es ist schön, dass du das sagst.
Während wir sprachen, fuhr Peter Huchel jäh in die Höhe, Entsetzen im aufgerissenen Gesicht, und fiel schwer in sich selbst zurück, der Barhocker schwankte. Neben, ihm stand ein schmaler Mann, alles an ihm erschien schwarz, Haar, Augen und Mantel. Er war von hinten an Huchel herangetreten, hielt seinen Mantelärmel gepackt, die unklare, aber schneidende Stimme sagte: Er sei von drüben, ob der Herr im Ledermantel ihm etwas Westgeld überlassen wolle – vielleicht fünf Mark? Peter Huchel starrte den Menschen an, er konnte nicht sprechen. Ich sagte: Der Herr kommt auch von drüben.
Der dunkle Mensch fuhr zusammen, ließ den Mantelärmel los und verschwand aus der Bar. Peter Huchel, kaum hörbar, wiederholte: Ich komme von drüben.
Es war vorbei mit dem schönen Erzählen. Der Schock hielt an. Die gestaute Angst gab Huchel nur langsam frei. Er stand und lief erschöpft halb hinter mir, schien sich ohne Willen zu bewegen, folgte mir egal wohin, und deutlicher als je zuvor begriff ich etwas von seinem Gefangenenleben in der DDR, und dass er gezeichnet war.

GEDICHT FÜR PETER HUCHEL

Erde, zugewiesen auf Zeit und Unzeit
damit er sie unterbringt in seinem Gedächtnis
das die Schöpfung bewahrt
aaaaaaaaaaaaaaaafür einen Tag des Erinnerns
an den Ruf der Mandelkrähe
das Rollen des Meers und der Steine.

 

Erde, ausgeschlachtet, nachdem die Götter
abgetreten sind und Welt für Welt
in Eisen gegossen tost und schrottet; er hört
den Abruf des Meers
aaaaaaaaaaaaaaund das Schweigen der Steine
immer mehr unbewohnbar, in dem letzten
Traum die Rufe der Mandelkrähe.

1963

Dass uns das Brot nicht feind sei, das wir essen.

 

Oskar Loerke

Im Winter 1962–63 wurde Peter Huchel von Partei und Kulturapparat auf den Punkt gebracht, und das hieß: als Herausgeber und Redakteur der Zeitschrift Sinn und Form entlassen. Einer der auf ihn angesetzten Betreiber war Alfred Kurella. Seit dem Bau der Mauer 1961 war Huchel immer defensiver in die Drehschraube der Parteibürokratie geraten, die Überhäufung durch Vorwurf, Nachweis, Beschuldigung, Verdächtigung und Befeindung war so massiv und dauerte so lange, dass der Mensch Peter Huchel und seine Lyrik fast restlos darunter verschwanden. Es folgten die Jahre der Ächtung, des Ausgeschlossenseins, der Isolation. Huchels Existenz war nach dem Willen des Staates wertlos, er lebte wie ein Pferd in der Abdeckerei. Sein Fall war dauerndes Thema der westdeutschen und der ostdeutschen Presse, in verschärften Tonarten zwischen Protest und Totschlag.
Peter Huchel zu besuchen, telefonisch zu erreichen, war von Westberlin aus nicht möglich, und Post von dort hätte ihn nicht erreicht. An einem Nachmittag in Friedrichshagen, bei Johannes Bobrowski, fragte ich, ob ich Huchel anrufen könne. Bobrowski sagte kein Ja und kein Nein und verließ sein Zimmer. Huchel war am Telefon und ich sagte ihm – versuchte zu sagen oder auszudrücken –, wie sehr seine Lage mich beschäftige und bedrücke, dass seine Ohnmacht und auch die eigene schwer hinzunehmen sei, dass herzlich, fest und in alter Überzeugung an ihn gedacht werde, undsoweiter. Unter solchen Umständen wurden Sätze dieser Art – unbeholfene, notwendige, bescheidene –, als menschlich nobles Wort bezeichnet, von Peter Huchel erhofft, erwartet, in manchen Fällen gefordert.

Er freute sich, sprach offen, einfach und ohne Maulkorb von sich, seiner Frau, seinem Sohn – uns beiden war klar, dass mitgehört wurde –, fragte, von wo aus ich anrufe und ob er mit Bobrowski sprechen könne. Ich suchte Bobrowski, er war weg. Er war nirgends in der Wohnung und nicht im Garten und nicht auf der Straße. Unauffindbarer Freund. Ich musste Peter Huchel sagen, dass Bobrowski unauffindbar sei. Nichtbegreifen, Enttäuschung bei ihm und bei mir. Er sagte, dass Post aller Art und Herkunft ihn immer seltener erreiche, die Willkür seiner Absperrung bedrohlicher werde. Das Gespräch ging bald zu Ende. Nach zwanzig Minuten erschien Johannes Bobrowski in seinem Zimmer, sagte nichts, setzte sich wie oft ans Spinett und spielte lange, leise und für sich selbst. Ich saß in seiner Nähe und hörte zu. Huchel hatte mir keinen Gruß an ihn mitgegeben.
Er hatte Johannes Bobrowski als Erster wahrgenommen, mit Nachdruck und selbstlos begrüßt, in Sinn und Form gedruckt, im Osten und Westen auf ihn hingewiesen, sein entstehendes Werk zu vermitteln versucht. Bobrowski schien ihm dafür zu danken, berief sich auf ihn in Statement und Interview, fühlte sich mit ihm, seinem Werk, seiner Gestaltung von Natur und Landschaft der Mark verbunden.
Seit Huchel geächtet war, ging er ihm aus dem Weg, vermied es, in der Öffentlichkeit an seiner Seite gesehen zu werden, neben ihm Platz zu nehmen, nannte seinen Namen nirgends und nie. Das menschlich noble Wort blieb aus, Peter Huchel war enttäuscht und nannte ihn Schwein. Ich widersprach: er sei kein Schwein, ihm fehle Privatcourage, er habe Angst. Und Huchel wiederholte Bobrowski, das Schwein. Das setzte sich, von Monica Huchel mitbetont, im gleichen Wortlaut durch die Jahre fort. Nichts zu machen.

Bobrowski, in einem Brief an Ludvík Kundera

Ich muss eben doch mal aus der Reserve heraus. Bei Huchel habe ich das versäumt, es wird mir ewig leid tun. Obwohl ich ja nichts geändert hätte.

Obwohl ich ja nichts geändert hätte.

Dieser Satz bleibt mir unverständlich.

Drei Literaten aus Westberlin hatten sich bei Peter Huchel angekündigt, dann für den kommenden Abend angesagt. Peter Huchel erwartete sie, wie jeden Besuch aus dem Westen, mit Ungeduld. Man befand sich in der Luftlinie zehn Kilometer vom Haus Peter Huchels entfernt, in einer Villa für Kulturschaffende am Schwielowsee. Zweimal im Jahr trafen sich dort Autoren aus Ost und West, das war zu Beginn der Sechzigerjahre, nach dem Bau der Mauer. Wer aus Westberlin kam, hatte ein Visum für drei Tage. Es war vom Schriftstellerverband der DDR beantragt und am Grenzübergang Bahnhof Friedrichstraße hinterlegt worden. Das Programm der Lesungen, Diskussionen, Infiltrationen durch politische Vorträge, die notwendigen Entlastungen – Spaziergänge, Witze erzählen, befreiende Albernheiten und Wiedersehen mit Freunden – hörten am Abend auf, und in den Clubräumen ging das Besäufnis los. Für diesen Augenblick erwarteten die drei Westberliner ein Taxi, das sie zu Peter Huchel bringen sollte. Der Hausmeister der Einrichtung war gebeten worden, das Taxi zu bestellen.
Die Literaten warteten mit ihren Taschen voller Bücher und Geschenke für Huchel in Sofaecken hinter der Haustür, aber das Taxi kam nicht. Da man nicht wusste, wie viel Zeit das Warten auf ein Taxi im Hinterland der DDR in Anspruch nahm, wartete man gutgläubig, zunächst noch unverdrossen, wartete weiter in der Nähe der Tür, aber ein Taxi kam nicht. Man wartete weiter, immer noch weiter, aber irgendetwas stimmte nicht, das Taxi blieb aus, der Hausmeister war verschwunden, die Küche mit dem Telefon verschlossen. Den westlichen Literaten wurde langsam klar, dass sie nicht länger zu warten brauchten. Sie erfuhren später von Peter Huchel, dass ein von der Villa bestelltes Taxi zu dieser Villa kommen konnte, wenn Adresse und Namen des Adressaten genannt worden waren. Und sie erfuhren, dass der Hausmeister angewiesen worden war, ein Taxi keinesfalls kommen zu lassen, wenn der Name Huchel damit zusammenhing. Der Hausmeister hatte kein Taxi bestellt, die Küche abgeschlossen und sich zurückgezogen.

Einer der drei war schon mal zu einer Tagung in der Villa gewesen und wusste, dass zwanzig Minuten entfernt, an der Straße nach Werder, ein Landlokal war. Er lief hin durch die Nacht im Hinterland ohne Licht und Laternen, und obwohl man ihn als den aus dem Westen erkannte, wurde ihm zu telefonieren erlaubt, er hatte vom Zwangsumtausch Ostgeld genug in der Tasche.

Nach zwanzig Minuten kam ein Taxi, der Chauffeur war erfreut, denn er konnte Westgeld kassieren. Man fuhr zur Villa, holte die wartenden Literaten ab und wurde nach Wilhelmshorst zu Huchels Haus gebracht. Das Taxi hielt gegenüber der Staatslimousine, die stockschwarz ohne Licht im Dunkel der leeren Straße stand. Es war gegen Mitternacht, als an der Haustür geläutet wurde und Peter Huchel in elegantem Bademantel vor seinen Gästen erschien.

Sein Eingeschlossensein, der Staatsarrest, war seit ein paar Wochen in Gang, und es war kaum vorauszusehn und nicht zu ahnen, dass Isolierung als endgültiges Fußeisen für Peter Huchel vorgesehn war. Er war bestürzt, bedrängt, aufgewühlt, schien aber ohne Angst, rauchte ununterbrochen, lief ruhelos im Zimmer hin und her, als führe er vor seinen Gästen ein unverständliches Theaterstück auf, und ich begriff, dass dies der alltäglich-allnächtliche Zustand seines gegenwärtigen Lebens war. Monica Huchel erschien wie immer gefasst, gesprächiger als sonst, in harter Contenance. Die nicht mehr überzeugte Kommunistin sprach gegen den Staat und ihr Personal, das Huchels Lage herbeigeführt und zu verantworten hatte, mit frostiger Schärfe, die für die Literaten aus dem Westen so erschreckend wie befreiend war. Nach vielem Reden war Peter Huchel müde und etwas ruhiger geworden. Es war das einzige Mal, dass mit ihm im Raum nicht von Dichtung die Rede war.

Mit dem Taxichauffeur war eine Rückfahrt zur Villa verabredet worden (Westgeld). Das Taxi wartete gegen Morgen im Dunkeln, nicht weit von der Staatslimousine, die nach fünf Stunden vielleicht eine andere war.

In dieser Nacht bei Peter Huchel hatte eine Freundschaft begonnen.

Die Berlin umgebende Landschaft, Mark Brandenburg, vor allem ihre südliche Hälfte und die Gegenden um Potsdam, sind Peter Huchels Bereich und Eigentum, im Dorf Langerwisch hat er lang in der Kindheit gelebt. In dieser Landschaft lebte er, unterbrochen vom Zweiten Weltkrieg, bis zu seiner Ausreise in den Westen, April 1971.

Es ist eine Landschaft östlicher Ebenen, Seen und Flüsse, Wassertiefland zwischen Uferweiden, Birken, Pappeln und Schilf unter hohem Himmel. In dichten Gürteln teilt Röhricht Wasser von Land. Darin die Plätze der Wasservögel, die Pfade und Kuhlen des Wildschweins. Reste von Mauerwerk und Reusen, hölzernen Stegen, Fischgewässern und Anlegestellen. Weideland hinter Buschwerk, Koppeln ziehn in die Ebene fort, Draht und Stacheldraht an Betonpfählen, darin ein paar Pferde. Kreisende Bussarde, Schreie in der Luft. Storchnester auf den Türmen der Backsteinkirchen, die in Jahrzehnten der DDR verfielen, die Dächer stürzten ein, das Gebälk verfaulte, die Fenster zerscherbten in Steinwurf und Anprall von Vogelflug, wurden nicht repariert, sich selbst überlassen, im Kirchenraum geisterten Raben und Elstern. Die Mark ist von Kanälen und Wassergräben durchzogen, die Havel strömt in Uferhöhe vorbei, Überschwemmungen fließen weit ins Land und bleiben auf Sand und Weideflächen stehn. Die Schleppkähne wummern. Aus solchen Motiven und ihrem Wortschatz ist Peter Huchels Landschaft im Gedicht gebaut.

Sein lebenslanger Besitz an Wörtern, mit denen er sein Universum gestaltete, immergleich alt und ganz neu erfüllte, warm, fest und verhalten, sind Wasser, Kalk, Nebel, Wind, Fuchs und Vogel, Feuer und Rauch, Baum und Wurzel, Schnee und Himmel, aber auch Säbelkorb, Rost und Eisen, Draht und Kugel, Treck und Leiche und weitere mehr. Kein anderer hat zur Fülle seiner Sprache so wenige Wörter gebraucht.

Uferwege in Regen und Nebel, Sandwege, ausgefahren um tiefe Krater, Katzenkopfpflaster, alt auseinandergefallen, nie repariert, von Teerklumpen bucklig, von Rändern aus Wegsand eingefasst, die im Winter Schlamm, im Sommer Pulver sind. Vertrauenskassen vor den Höfen, Obst der Gärten, Kartoffeln und Konfitüren. Die Gutshöfe seiner Kindheit existieren nicht mehr, sind aber als Bauwerke noch vorhanden, Kleinbetriebe, Pferdezucht, Reitstall, Gärtnerei und Gasthaus. Die Wohnhäuser, zweihundert Jahre alt, wurden nach 1990 restauriert, helle Fassaden des ländlichen Biedermeier, die Wirtschaftsgebäude im alten Zustand erhalten.

Wer zur Zeit der DDR und danach durch die Mark fuhr, sah die Ränder der Chausseen unter Abfall begraben, Matratzen lagen zwischen den Pappeln, verbrannt, auseinandergerissen, in stinkenden Haufen, geplatzte Säcke voll Küchenabfall, Fuchs- und Wildschweinfutter, kaputte Möbel. Im Land verstreut, unter Buschwerk und Riedgras verborgen, im Schilf und in Tümpeln unter der Entengrütze lagen rostige Teile von Fahrzeugen, Waffen, Sätteln, Brillen und Uniformen, Zahnrädern, Sägen. Alte Panzerlöcher voll junger Birken in vermoosten Gehölzen. An abgelegener Stelle am Golzer See fand ich das Grab eines jungen Von Ribbeck, Offizier, gefallen im Feindesland Frankreich, im ersten Monat des Ersten Weltkriegs, eine Stelle unerwartet im Unterholz, nicht auffindbar für den, der Spaziergänge macht, von Pilzesammlern aus Zufall entdeckt. Erdwälle, Panzerschneisen, Kahlschlagpisten – Reste sowjetischer und deutscher Manöver. Areale des Sozialistischen Staats, als Naturgebiete erscheinend, sind weiterhin vermint, Betreten bei Strafe verboten. Auf den Glauer Bergen im Süden Berlins sind die Löcher der Flakabwehr genau zu erkennen. Dort wurde Berlin gegen Luftangriffe verteidigt, die Invasion der Sowjetarmee ging drüber hinweg. Die Einschläge werden hörbar, die Toten sichtbar für den, der dort oben zwischen den Laufgräben hin und her geht.

Die Mark, in weiten Bezirken rund um Berlin, und Berlin selbst sind zeitgeschichtlicher Palimpsest, politische Landschaft, Ensemble durchscheinender Schichten der deutschen und europäischen Geschichte, ihrer Untergänge, Tode, Morde, ihres Wechsels von Krieg, Nichtkrieg und Frieden. Merkmal-Architektur der Epochen, übrig aus den Jahrhunderten, abrupt durcheinander erscheinend, nach wie viel Vernichtung und Wiederaufbau in Rückständen da – Backsteinkirchen, verödete Kirchhöfe, klassizistische Sommerhäuser im Flachen Land, am Gartenrand der Dörfer und Weiler, an See- und Flussufern, pompöse Wohnmanifeste des Kaiserreichs, Winterwege alter Chausseen und Landbahnhöfe an wenig befahrenen Strecken; brüchige Katen an zugewilderten Gärten, Gewächshäuser und Ziegeleien; Klitschen, die Schlösser des preußischen Landadels, auf die sich die Junker nach Militärkarriere zurückzogen, unwillig oder erleichtert. Garnisonen des Neunzehnten Jahrhunderts, der Weimarer Zeit, des Dritten Reichs, gesprengte Bunker und Straßensperren, alte Fabrikgelände, in Trümmern, verfallen, durch Aufbau umfunktioniert, dem Holundergestrüpp und sich selbst überlassen. Ausflugslokale an Seeufern und Chausseen Chausseen, kleine Flugplätze im Hinterland; danach die Plattenbauten der DDR, Umbau der Schlösser zu parteiinternen Zweckbauten, Altersheimen, Erholungszentren für Kulturschaffende und Belegschaften aus Jugendarbeit, Sport, Bürokratie. Produktionsgenossenschaften, LPG-Barackenareale, uniform, sinister, wo der Landmensch von einst zu Arbeitsvieh herabgewirtschaftet wurde, Lageranlagen der Vierzigerjahre furchtbar ähnlich. Nach dem Ende der DDR die Importe des Westens – Industrie und Konsum der westeuropäischen Norm, Parkings, Recyclings, Müllhalden und McDonald’s, nette Familienhäuser in sauberen Reihen, Siedlungsblöcke auf verseuchten Abrissflächen der LPGs, Grandhotels mit Golf- und Tennisplätzen, sozialpädagogische Fortbildungsstätten, gefällig restaurierte Dorfanger, hellauf neu geschminkte Fassaden der Wohngebäude, Ausbau der Chausseen Chausseen zu Schnellstraßen neben unverändert alten Schlagloch-Pisten, Katzenkopfsteinen, Unkraut und Sand.

DIE WASSERAMSEL

 

Könnte ich stürzen
heller hinab
ins fließende Dunkel

 

um mir ein Wort zu fischen,

 

wie diese Wasseramsel
durch Erlenzweige,
die ihre Nahrung

 

vom steinigen Grund des Flusses holt.

 

Goldwäscher, Fischer,
stellt eure Geräte fort.
Der scheue Vogel

 

will seine Arbeit lautlos verrichten.

Was hätte Peter Huchels Existenz sein können ohne die geballten und fortgesetzten Zwänge durch Ideologie, ohne die absurden Unfreiheiten, die die DDR für ihn bereithielt, an seinem Fall demonstrierte. Monica Huchel war überzeugt, dass dieser Staat und seine Chargen es geschafft hatten, Peter Huchels Kräfte, seine Lebensgeister zu ruinieren – jedenfalls wurde dort sein Lebensgefühl so schwer verletzt, dass – sie nahm eine Zigarette, ich hielt ihr ein brennendes Streichholz hin.

Unabhängig, unspektakulär, unverfälscht – das wären Wortkennzeichen eines ungefähr gewöhnlichen Lebens nach dem Zweiten Weltkrieg, selbst für einen Deutschen, der Literatur macht und verantwortet in Ost oder West, infolgedessen mit Öffentlichkeit zu tun hat. Stattdessen erfuhr er Abhängigkeit und Verfälschung, perfide gegen ihn organisiert, und Lärmen, Dröhnen, Schrillen von Ideologie, Politik und Ruhm im Westen. Er war immer häufiger und oft ohne Anlass erschreckt und erschrocken, bitter, unfroh, erschöpft, und reduzierte die Menschenbilder der DDR-Gesellschaft zu Spitzeln, Schweinen undsoweiter, und nichts und niemand konnte ihn veranlassen, sich zu korrigieren. Er hätte uneingeschränkte Zeit gebraucht – Zeithaben ohne Bedingung, von Missbrauch frei – für das langsame, stete Zusammenträumen seiner Gedichte, die er so spät wie möglich der Schrift anvertraute, im Zustand der Schwebe, des Traums behalten wollte, unangetastet von verstehen (Günter Eich). Er hielt sein Leben lang an dieser Arbeitsweise, dieser Art des Zustandekommens fest. Das schien immer mehr ein Vorgang elementarer Geheimhaltung zu sein. Sein Gedächtnis speicherte auswendig nicht aufgeschriebene Verse ganzer Gedichtbände – natürlicher Schutz für sich und seine Sprache.

Anstelle von Ruhe, in der er wie kein anderer froh war, selbstverständlich zu Hause wie ein chinesischer Dichter in der Einsiedelei vor tausend Jahren, gab es um ihn und in ihm Unruhen, Schrecknisse, Zeitmangel und Infragegestelltsein aller Belange, die seine Person und seine Arbeit betrafen. Es gab für ihn immer weniger Unterschiede zwischen Profession und Privatheit, die Redaktion von Sinn und Form befand sich in seinem Haus in Wilhelmshorst, was ihm in Berlin als Provokation und Anmaßung vorgeworfen wurde. Ein Jahrzehnt lang erfuhr er restlos die eigene Ohnmacht vor dem Staat und den Chargen der verschiedenen Apparate. Sich damit einzurichten, war ihm nicht möglich.
Er wurde von sich fort und hinausgerissen, anfangs im guten Glauben, danach wider Willen, in die von Ideologie gepanzerte Gegenwart des ostdeutschen Staates. In diesen Vordergrund gehörte er nicht, er war kein Ideologe und kein Aparatschik, die herrschende, dann beherrschende Machart von Politik stieß ihn immer mehr ab. Dass er sie aus eigener Erfahrung erfassen und durchschauen lernte, kam ihm nicht zugute, verhalf zu nichts. Ideologie, wie er sie erfuhr, war das Rollwerk einer Vielzahl von Nagelrädern, durch die der Staatsinsasse gedreht, gewendet, zurechtgestochen wurde. Am meisten, scheint mir, peinigte ihn die eiserne Wiederholung des Immergleichen – der Parolen, Intrigen, Vorschriften, Bekenntnisse und Diskussionen, der angeordneten Reisen nach Berlin, der Ignoranz gegen alles, was einen Menschen lebendig sein, Frohsinn und Hoffnung aus sich selbst erfahren und frei an Zukunft denken lässt. Er schien sich in seiner Melancholie zu stilisieren, seine Erscheinung verdunkelte sich, das Gesicht wurde schlaff, der Körper schwer, und wurde nicht wieder leichter, als er im Westen war. Dass es ihm weiter gelang, Gedichte zu machen, die nicht Notwehr aus Resignation, sondern Widerstand, Erkenntnis und Schönheit waren, brachte rückhaltlose Bewunderung über ihn. Er war in dieser Aura ein Grand Old Man.

Es kam vor, wenn er von Vergangenem sprach, dass ihn der Verdruss einholte. Dann winkte er ab oder sprach den Satz, den jeder seiner Freunde kannte:

Aber lassen wir das.

Er kam auch später im Westen nicht zur Ruhe, ließ sich fortreißen von der eigenen Angst, glaubte, viel Geld nach Hause holen zu müssen, reiste weit zu Lesungen, Preisübergaben, Akademien, Tagungen und Treffen verschiedenster Art, las dieselben Gedichte immer wieder, erzählte seine alten, oft erzählten, zu Anekdoten zurechtpointierten DDR-Erfahrungen und Politdesaster in ratskellerhafter Gemütlichkeit, nett umgeben und eingeladen von zivilen Charakteren und ihrer verunsicherten, satten Aufmerksamkeit. Das war nicht gefährlich, und es zermürbte ihn, und er wusste es. Routinierte Neugier von Journalisten und Schöngeistern wurde unerträglich für ihn. Er wurde sich immer häufiger selbst zur Last. Die Belastung durch Alter und Öffentlichkeit beschwerte ihn immer mehr. In den Zeiten großer Bedrängnis, im Osten, danach im Westen, lernte er seine wahren Freunde kennen, er hatte viele.

O Gesetz,
mit dem Pflug in den Acker geschrieben,
mit dem Beil in die Bäume gekerbt!
Gesetz, das das Siegel der Herren zerbrochen,
zerrissen ihr Testament!

Ich konnte von Peter Huchel nicht erfahren, wie es dazu kam, dass er – gerade er – ein Versepos zur Kollektivierung der Landwirtschaft, also ein Staatsgedicht der DDR, zugesagt und zu schreiben begonnen hatte. Er wollte dazu nichts sagen. Der jahrelang geisternde Titel ohne Inhalt oder Inhaltsangabe, Gestalt oder Form war Das Gesetz. Ein Unternehmen aus ihm selbst konnte das nicht gewesen sein. Wer gab den Auftrag? Das war in einer Zeit, als er den Staat noch für möglich hielt, Mitte der Fünfzigerjahre. Die Arien dieser Art von Oper waren schnell geschrieben – halbwegs brauchbare, ungefähr gute Gedichte mit agitatorischem Hochton, der nicht aus ihm selbst kam –, danach stockte die Arbeit. Er zog sie hin, er verschleppte sie, und die endgültige Desillusion, was Charakter und Chance des Staates betraf, hielt ihn auf selbstverständliche Weise davon ab, seine Kräfte halb oder falsch zu investieren. Ihm fehlte von Anfang an ein tragender Plan. Ein Plan hätte ideologisch fundierte Handlung und spruchblasentönendes Bekenntnis zum Aufbau der Staatsinteressen vorausgesetzt. Aussichtslos. Er war nicht der Mensch dafür. Seine Aufrichtigkeit veranlasste ihn, das Ding oder Unding einschlafen zu lassen und zu vergessen.

Peter Huchel, Nicolas Born und ich waren zehn Tage zu Lesungen in London, wohnten in Kensington im gleichen Hotel, sahen uns täglich, waren gemeinsam ohne Anlass und in der Nacht unterwegs. Peter Huchel ließ es sich gern gefallen, von zwei ungefähr jungen Freunden betreut zu werden. Sie nahmen ihm Entscheidungen ab, übersetzten für ihn, besorgten Tickets, begleiteten ihn auf Partys und Empfänge, von dort in die Bar und zurück ins Hotel. Es kam vor, dass man mit der Subway zu einem Termin fuhr, aber man saß je länger je lieber im Taxi und sah London in Bilder auseinanderfallen. Später erzählte er und schien zu glauben, die Zeit in London sei dauerndes Taxifahren, ein Gondeln in Gleichmut und Sorglosigkeit gewesen. Er versank in sich und schwieg und träumte, oder er lachte – lautlos, mit geschlossenem, breitem Mund – wenn Nicolas Born und ich ihm schräge Geschichten erzählten. Es tat ihm gut, sich im gemeinsamen Lachen zu erholen. Im Taxi wird viel geschwiegen und viel gelacht. Man fragt sich, warum dort so gern und so viel gelacht wird.

Peter Huchel war deprimiert und er war erschöpft, die Erschöpfung war schwer und alt in ihm. Er hatte mir manches von sich erzählt, die Zeit schien vorbei, er sprach nicht viel. Ich traf ihn spät nachts im Foyer des Hotels, er saß im Sessel, allein im halb dunklen Raum. Ich sah ihn oft in Sesseln sitzen, in Chaisen lagern, er war ein begnadeter Sesselbewohner, gern in Bequemlichkeit allein gelassen, begabt mit Ruhe und Schweigsamkeit. Ich ging zu ihm hin und fragte, ob er hier warte. Nein, er warte eigentlich nicht. Ob er etwas zu trinken brauche. Nein, getrunken habe er schon. Ob sein Zimmer nicht gut für ihn sei. Sein Zimmer sei gut und ruhig, es gefalle ihm. Ob er nicht schlafen wolle, nicht einschlafen könne. Einschlafen können, das wisse er nicht. Ich saß eine Weile im benachbarten Sessel, schlug ihm dann vor, in ein Pub zu gehn, er wollte nicht. Er schien in Verzweiflung wie in Beton gegossen und doch erleichtert, dass einer bei ihm war.

Die Nacht im Hotel ist dieselbe in allen Hotels. Ich holte eine Flasche aus meinem Zimmer, fuhr im schlackernden Lift mit ihm in die Höhe und brachte ihn in seinen Raum. Wir tranken aus Zahnputzgläsern, sagten nicht viel, da flüsterte er ein paar Worte mit furchtbarer Kraft – und ich begriff, dass er, der Krieg und Kasernen hasste, seinen Vorgesetzten, der ihn grundlos schikanierte, auf dem Kasernenhof jäh zusammengeschlagen hatte und daraufhin in verschärften Arrest abgeführt worden war. Das passierte zu Beginn der Vierzigerjahre in einer Garnison nicht weit von Berlin. Der Lyriker Georg von der Vring, im Gehege der Naturlyrik eine circensische Erscheinung, während des Krieges in eine hohe militärisch-bürokratische Position aufgerückt, kannte Peter Huchels frühe Gedichte, hörte von dem Fall, forderte die Akte Huchel an und ließ sie verschwinden, sie tauchte nicht wieder auf. Ohne diese Hilfe hätte Peter Huchel die Nazizeit kaum überlebt.

Am letzten Tag waren wir noch einmal unterwegs, Born, Huchel und ich, zerstreut, ermüdet und froh, dass keine weitere Diskussion bevorstand, kantaperten durch Parks und Passagen und blieben ohne Anlass vor Schaufenstern stehn. Peter Huchel, vor den Auslagen eines Pornosalons, starrte in eine Fülle von Utensilien, die er vielleicht zum ersten Mal sah, kaum unterscheiden konnte und nicht erkennen. Er stand dort allein, beziehungslos, ohne Begreifen, verfehlt, verloren, hoffnungslos, unerträglich weit weg von dem, was er kannte und liebte, ausgeschlossen von sich selbst. Ich winkte Nicolas Born, er erkannte sofort, und wir brachten Peter Huchel weg von der Stelle, als sei er blind, als sei er betrunken.

Wer ihn Französisch sprechen hörte, konnte damit zurechtkommen, wenn er seine Geduld uneingeschränkt wachsen ließ und der Sympathie für ihn keine Grenzen setzte. Peter Huchels gern wiederholter Satz: La France est ma deuxième patrie – der, liebe Freunde, brauchte Zeit. Bis die Wörter und der den Silben entsprechende Wortlaut ungefähr gefunden und in der notwendigen Reihenfolge zum zusammenhängenden Satz ergänzt werden konnten, verging viel Zuhören, Zuschauen, mitahnendes Verstehenwollen. Privatschauspiel ohne Handlung und Dramatik. Immer weitere Schübe erstaunten Fürmöglichhaltens. Zur Akrobatik seiner Formulierkunst hinzu kam das Tasten der Stimme nach einem accent jedes einzelnen Wortes, zwei unterschiedliche, privat und sorglos dahin murmelnde Bemühungen seiner warmen und wärmenden Stimme um Synchronisierung. Die Wörter und ihren accent in nachvollziehbarer Weise zusammenzubringen (in seinem Mund, seiner märkisch gebildeten Stimme), erforderte immer neue Anläufe, mit der nahen oder fernen Bestimmung einer erlösten, erlösenden Gleichzeitigkeit. Ich weiß nicht, wie ein Franzose reagiert haben würde, denn Peter Huchel erschien entwaffnend unbekümmert und gern beschäftigt. Er nahm keine Rücksicht, konnte keine nehmen – warum denn, auf wen oder was denn –, er sprach doch Französisch, über das er, in seiner Überzeugung, verfügte, seit er in Frankreich gelebt und vagabundiert und französische Gedichte in sich aufgenommen hatte. Das war in den Zwanzigerjahren gewesen, da war er Straßenfranzose – vagabond rural, wie er sagte – mit der für ihn einzigen möglichen Freistatt, der Sprache.

IN MEMORIAM PAUL ELUARD

 

Freiheit, mein Stern,
Nicht auf den Himmelsgrund gezeichnet,
Über den Schmerzen der Welt
Noch unsichtbar

 

Ziehst du die Bahn
Am Wendekreis der Zeit.
Ich weiß, mein Stern,
Dein Licht ist unterwegs.

Peter Huchels Existenz im badischen Staufen war gut geregelt und schien für ihn, seine Frau und den Sohn von Vorteil zu sein. Wer Huchel von früher kannte, merkte ungefähr, dann unmittelbar, ein andauerndes Beunruhigtsein, das stark durch sein freundliches Phlegma hinausdrang, nicht fortgeredet werden konnte und nicht beschwichtigt. Seine innere Ruhe war dahin. Es wurde nicht klar, ob er lieber sprach oder schwieg. Er verstand nicht den Westen, die Vereinbarungen eines Lebens in behaupteter Demokratie, die BRD erschien ihm unverständlich, und daran konnte sich nichts mehr ändern. Er sagte: Die Verlage schicken mir ihre Bücher und Zeitschriften, gutmeinende Leute drücken mir ihr Verständnis aus, aber niemand erklärt mir, wie ein Steuerformular ausgefüllt wird. Nachbarn mokierten sich über die neuen Bewohner, Bohemiens aus dem Osten – offenbar putzte man dort die Fenster nicht. Peter Huchel war fünf Tage in Staufen, als Günter Grass ihn für die SPD und seinen Wahlkampf verpflichten wollte. Huchel war zornig, verzweifelt, fassungslos. Fünfstunden-Gespräche über seine für ihn unbegreifliche Situation. Er saß zusammengesunken im Sessel und rauchte, ratloser, alter Widerkäuer, und wiederholte, von Freunden bestärkt: dass er der SPD nicht verpflichtet sei, mit Politik im Westen nichts zu tun habe, nichts zu tun haben wolle, nichts zu tun haben werde und zunächst erfahren wolle, wo er sei. Er suche Ruhe, Unbeschwertheit und Zeit für Gedicht und Traum, müsse sich von Jahren äußerster Isolation, Verfolgung, Peinigung befreien und wieder atmen, atmen lernen. Was will man von mir, man soll mich in Ruhe lassen.

Er kannte sich aus in der DDR, nichts dort entging ihm. Er entzifferte Rede und Sprachverschlucken eines jeden, nahm jeden Zwischenton, jeden Stolperlaut wahr, durchschaute souverän alle Machenschaften von Akademie, ZK und Autorenverband, die politischen Spruchblasen ohnehin, und die vor seinem Haus in Wilhelmshorst dauerparkende schwarze Staatslimousine hatte ihn sehr viel weniger beunruhigt als der Vorschlag eines westdeutschen Verlegers, seine Erinnerungen an die DDR auf Band zu sprechen. Vor der Ausreise hatte er sich verpflichtet, ein Jahr lang kein Interview, keine Auskunft zu geben. Er hielt sich daran.

Beunruhigungen – das setzte sich fort bis in den letzten Moment, lähmten sein Lebensgefühl und durchschütterten seine Kräfte. Aber es gelang ihm, Gedichte zu machen und sie zu diktieren, Monica Huchel schrieb sie auf. Seine Tonarten wurden bitterer, aber nicht verbittert, verzweifelt, aber nicht finster. Etwas Hoffnungsloses in ihm griff um sich, beschwerte seine Metaphern und ihren Klang, Schriftzeichen, nicht zu entziffern. Aber sein Wortschatz wurde reicher, die Versmusik offener, der unvergleichbare Charme seines Reims noch melodischer.

Beunruhigungen, anhaltende Schütterung schleiften ihn durch Verzweiflung und Depression und wurden zur Last durch die dauernde Frage Geld. Es gab in der DDR diese Frage nicht, niemand hatte versucht, ihn auszuhungern, ihm irgendwelche Gelder streitig zu machen. Das Beschlagnahmte, Aberkannte war er selbst. Er hatte in Staufen die Hilfe eines Mäzens und durch ihn ein Haus mit Swimmingpool zur Verfügung. Nach wenigen Jahren wurde für alle klar, dass Huchel unabhängig leben musste. Er fand und kaufte ein Haus bei Staufen, das zu finanzieren ihm möglich war. Wie kein anderer erhielt er Geld aus Preisen und Ehrungen vieler Art. Sie häuften sich auf ihm, seinem Ruhm und Namen, sie überhäuften ihn, etwas Verhältnisloses war darin, man erklärte ihn zum einzigen Doyen der deutschen Dichtung. Der kapitalistische Goldesel scheißte Dukaten in seinen Topf, alles gut, aber er verstand nichts vom Finanzkram des Westens, das bedrängte ihn stärker, als gut für ihn war. Um zu Geld zu kommen, ging er auf Lesereisen, sie dauerten lange, zerstörten den Zusammenhang seiner Zeit und erschöpften ihn. Er war siebzig, dann siebenundsiebzig Jahre alt und ertrug sich selbst – er deutete es an – nur noch im Schlaf, im Alleinsein und mit seinen Gedichten. Die Gegenwart alter und neuer Freunde gab ihm Gewissheit, aber sie sollten zu ihm kommen. Ich schreibe ja keine Briefe.

Das Haus, das Huchel kaufte – für seine Frau, seinen Sohn mehr als für sich selbst – war eine flache, grazile Baracke, nicht unterkellert, Berliner Laubenpieper in Schwarzwälder Landschaft, zwischen der Münstertäler Landstraße, die in den Schwarzwald hinaufführte, und dem Bach, der von dort herunterkam, mit schwerer, lautloser Strömung, und unter Buschwerk und hohen Bäumen weiterging. Hinter dem Wasser verlief eine regionale Bahnlinie, Triebwagen fünf Mal am Tag, im Haus nicht zu hören, die nach zwei Kilometern in den Vorbergen zu Ende war. Luft und Erdboden, Laub und Unkraut waren feucht an dieser Stelle, im Fensterrahmen des Arbeitsraums hing ein Messgerät, das ich später abmontierte, nach Frankreich mitnahm. Ich kam nach seinem Tod noch ein paar Mal hin, um Monica Huchel zu sehn, nach ihrem Tod ohne Anlass, und schellte. Die Schelle widerhallte im leeren Haus, der Garten war verwildert in Schatten und Nässe, unbegangen, abgeschlossen, und gab Peter Huchel und seiner Sprache recht.

An einem Vormittag kam ich unangemeldet hin, ging durch die Buschhecke in den Garten und sah Peter Huchel im Rollstuhl zusammengesunken am Fenster. Der Hirninfarkt lag eine Weile zurück. Er erkannte mich. Auf diese Weise erfuhr ich, dass meine Erscheinung oder ich selbst, vielleicht auch etwas von meiner Arbeit, im Langzeitgedächtnis Huchels am Leben geblieben war. Sein Lachen mit geschlossenem Mund war breit und warm wie immer, er winkte und wies auf die Hintertür, sie war nicht verschlossen. Er war allein, mit nichts beschäftigt, im Tagtraum allein mit nichts oder seinen Gedichten. In dieser Zeit, da er keine Reisen mehr machte, zu nichts verpflichtet war, nichts unternahm, es sei denn in Wörtern träumen, erinnern, horchen – sein Gesicht im Ausdruck selbstvergessenen Horchens – war Tagtraum sein gewöhnlicher Aufenthalt.
Monica Huchel, seine Wächterin, war nicht da. Wie zwei Gauner, die ein dolles Ding gedreht haben, sich auf die Schultern schlagen, die Bände reiben, saßen wir beieinander und waren froh. Es war das letzte Mal, dass ich ihn sah.

Indianersommer
Staubfäden, Sonnen
Gold aus chinesischen Schatzkammern
für den Feierabend des Königs
das Recht zu träumen
und nirgend sein
und der Schlaf im Laub
alte Verwunschenheit, bescheiden, für nichts
und wieder nichts
und eine Katze
die im Pantoffel des Königs schläft.

 

für Peter Huchel
20. Februar 1981

 

Firenze, San Martino

Christoph Meckel: Hier wird Gold gewaschen. Erinnerung an Peter Huchel, Libelle Verlag, 2009

 

 

VERTEIDIGUNG PETER HUCHELS
ODER
KRITERIUM

Auch dem vers ist’s versagt,
leichter zu sein
als sein gewicht

Reiner Kunze

 

ERMUTIGUNG
Peter Huchel gewidmet

Du, laß dich nicht verhärten
In dieser harten Zeit
Die allzu hart sind, brechen
Die allzu spitz sind, stechen
und brechen ab sogleich

Du, laß dich nicht verbittern
In dieser bittren Zeit
Die Herrschenden erzittern
– sitzt du erst hinter Gittern –
Doch nicht vor deinem Leid

Du, laß dich nicht erschrecken
In dieser Schreckenszeit
Das wolln sie doch bezwecken
Daß wir die Waffen strecken
Schon vor dem großen Streit

Du, laß dich nicht verbrauchen
Gebrauche deine Zeit
Du kannst nicht untertauchen
Du brauchst uns, und wir brauchen
Grad deine Heiterkeit

Wir wolln es nicht verschweigen
In dieser Schweigezeit
Das Grün bricht aus den Zweigen
Wir wolln das allen zeigen
Dann wissen sie Bescheid

Wolf Biermann

 

FÜR PETER HUCHEL

„Dieser Text ist verschwunden.“

wortlos
im Stacheldraht West
wird das Eindeutige zweideutig
wortlos
im Stacheldraht Ost
das Zweideutige nicht eindeutig

Heinrich Böll

 

Peter Huchel | Stephan Hermlin Zeitzeugen des Jahrhunderts. Literarischer Salonabend im Haus Dacheröden, Erfurt mit Lutz Götze (Manuskript) und Franziska Bronnen (Lesung).

 

 

Peter Hamm: Vermächtnis des Schweigens. Der Lyriker Peter Huchel, Merkur, Heft 195, Mai 1964

Franz Schonauer: Peter Huchel – Porträt eines Lyrikers
DU, Heft 11, November 1964

 

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Peter Hamm: „Sei getreu, sagt der Stein“. Zum 70. Geburtstag Peter Huchels
Süddeutsche Zeitung, 3.4.1973

Karl Krolow: Ein Mann, der Gesichte hat. Peter Huchel zum 70
Hannoversche Allgemeine Zeitung, 3.4.1973

Olof Lagercrantz: Ein deutscher Dichter. Peter Huchel zum siebzigsten Geburtstag
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3.4.1973

Helmut Mader: Mottos zu einem Leben. Peter Huchel wird siebzig Jahre alt
Stuttgarter Zeitung, 3.4.1973

Ellen Kayser: Peter Huchel wird am 3. April 70 Jahre alt
Die Tat, 31.3.1973

hvg: Vom Unkraut eines Dichters
Freiburger Nachrichten, 31.3.1973

Nachrufe auf Peter Huchel:

Franz Kalterbräu: Peter Huchel ist tot
Frankfurter Rundschau, 7.5.1981

Karl Krolow: Apokalyptische Landschaft
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7.5.1981

Albert von Schirnding: In der Mitte der Dinge die Trauer
Süddeutsche Zeitung, 8.5.1981

Bruno Bolliger: Unbekümmert geht der Fremde davon
Neue Zürcher Zeitung, 9./10.5.1981

Stephan Hermlin: Aber wir sind doch Brüder…
Die Zeit, 15.5.1981

Wolfgang Kopplin: Nachruf. Der große Peter Huchel
Bayernkurier, 16.5.1981

Hans Dieter Schmidt: „Der Fremde geht davon…“. Erinnerungen an den Dichter Peter Huchel
Rhein-Neckar-Zeitung, 16./17.5.1981

Klaus Sauer: Eine deutsche Passion
Deutschland Archiv, Heft 6, 1981

Stefan Welzk: „Überdrüssig der Götter und ihrer Feuer“
Frankfurter Hefte, Heft 8, 1981

Axel Vieregg: Nachruf auf Peter Huchel
Neue Deutsche Hefte, Heft 3, 1981

Zum 10. Todestag des Autors:

Thea Samain: Testament an den Balken genagelt
Neue Zeit, 30.4.1991

Zum 81. Geburtstag des Autors:

Hans Mayer: Schneenarben. Schriftzeichen.
Die Zeit, 6.4.1984

Zum 100. Geburtstag des Autors:

Alexander Kluy: Der große Hof des Gedächtnisses
Berliner Zeitung, 29.3.2003

Sebastian Kiefer: Der Naturmagier als sozialistischer Funktionär
Neue Rundschau, Heft 1, 2003

Lutz Seiler: Im Kieferngewölbe
Sinn und Form, Heft 2, 2003

Klaus Bellin: „Aufs tote Gleis rangiert“
Neues Deutschland, 3.4.2003

Helmut Böttiger: Kindheitsträume und Diktaturdrangsal
Stuttgarter Zeitung, 3.4.2003

Christian Egger: Auf den Feldern der Kindheit
Mitteldeutsche Zeitung, 3.4.2003

Uwe Pörksen: Der Widerstand gegen die Lüge
Badische Zeitung, 3.4.2003

Steffen Richter: Mit dem Pflug in den Acker geschrieben
Frankfurter Rundschau, 3.4.2003

Michael Braun: „Unter der blanken Hacke des Monds werde ich sterben“
Basler Zeitung, 4.4.2003

Christian Bergmann: ZAUBER EINER WORTKUNST – bewundert und verfemt
Ostragehege, Heft 28, 2002

Peter Hamm: „In der Mitte der Dinge die Trauer“
Manuskript

Christof Siemes: Fähre ins Himmelreich
Die Zeit, 27.3.2003

 

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„Suppe Lehm Antikes im Pelz tickte o Gott Lotte"

Homer

mehr? oh! – Ein Reh im hehren Rom? ein Moor im Heer? ein Stromer am Meer…

Michel Leiris ・Felix Philipp Ingold

– Ein Glossar –

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