Peter von Matt: Zu Christine Lavants Gedicht „WIEDER NACHT…“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Christine Lavants Gedicht „WIEDER NACHT…“. –

 

 

 

 

CHRISTINE LAVANT

WIEDER NACHT und doppelt Nacht
links und rechts von meinen Augen,
überm Scheitel, unterm Fußtritt
und ganz innendrin in mir,
dort wo andre Obdach haben,
Licht von Krippe und Gestirn
und voll Vater-Mutterwärme,
drin die Christusknospe blüht.

Wieder kalt und doppelt Kälte,
Stein und Bein in allen Adern,
jede eine Eismeerstraße,
wo die Traumtier-Rudel flüchten
und mit ihren Hungerhufen
scharren nach der Elendsflechte,
und mein Herz ein Lappen-Iglu,
drin ein Wolf das Söhnlein frißt.

 

Die Krippe am Eismeer

Ein Weihnachtsgedicht der finstersten Art. Aber ein Weihnachtsgedicht dennoch. Die erste Zeile spielt kaum merklich auf den Anfang des bekanntesten aller Weihnachtslieder an. Das Wort „Nacht“ wird wiederholt wie in „Stille Nacht, heilige Nacht“, und das erste Wort „wieder“ schafft mit den Vokalen i und e eine Assonanz zum ersten Wort des sentimentalen Evergreens. Die Auftaktverse beider Texte enthalten je eine ähnliche Steigerung. Das Lied führt von der „stillen Nacht“, die jederzeit möglich ist, zu der einen und einmaligen „heiligen Nacht“. Das Gedicht verweigert die Verwandlung ins Wunderbare und treibt die Nacht in eine noch tiefere Finsternis. Dunkel, wohin das Auge sich richtet. In der Höhe, wo sonst über den Hirten der Stern hängt und der Engel leuchtet; am Boden, wo sich in diesem Licht der Weg zur Krippe zeigen sollte. Nichts ist zu sehen, als befände man sich in der schwarzen Leere.
Schrecklich ist die bruchlose Fortsetzung dieser Nacht in das Innere hinein. Das Gedicht kann dies nur aussprechen, indem es das Gegenteil beschwört. „Andre“, sagt es, besitzen das Licht in ihrer Seele. Dadurch sind sie auch in der Welt geborgen, mag diese noch so dunkel und kalt sein. Diese Aussage ist entscheidend für das Ganze. Denn mit ihr wird die Möglichkeit einer transzendenten Erfahrung anerkannt. Die zwei Strophen sind also nicht die Verlautung einer Ungläubigen, die das Göttliche negiert und die Erlösungslegende für Schall und Rauch hält. Diese Frau glaubt. Das zeigt die Metapher von der „Christusknospe“, welche die herkömmliche Krippen-Ikonographie mit einem neuen und eigenen Bild aufbricht. Das wäre nicht möglich, wenn es nur um die Beseitigung der Installation von Stall und Stern und Kind und Mutter ginge.
Tatsächlich könnte das Gedicht niemals so finster werden, wenn die Autorin damit einfach ihren Kinderglauben abschüttelte. Denn wo das Jenseits verschwindet, leuchtet das Diesseits auf, und es funkelt der Kosmos und glänzt die Natur. Wir kennen das aus vielen herrlichen Strophen der deutschen Literatur. Die Erfahrung, von der das Lavant-Gedicht spricht, ist aber eine andere, eine, die aus der neueren Literatur fast ganz verschwunden ist: die Gottverlassenheit. Die alten Mystiker haben sie gekannt; wir finden sie noch bei der Droste und gelegentlich bei Brentano. Oft taucht dafür das Bild der Wüste auf. Brentano:

Ich bin durch die Wüste gezogen,
Des Sandes glühende Wogen,
Verbrannten mir den Fuß…

Bei Christine Lavant liegt die Wüste der Gottverlassenheit am Polarkreis. Sie reflektiert die Szenerie von Bethlehem wie in einem schwarzen Spiegel. Auch hier gibt es Herden, gibt es so etwas wie eine Höhle oder einen Stall und ein kleines Kind darin, „das Söhnlein“. Aber die Herden der Rentiere treiben ziellos über die Einöde und scharren hungrig nach Flechten. Das Kind liegt in einem Iglu. Ein Wolf kommt und frißt es auf. Das ist die Verkehrung der Bilderrede von den Tieren bei der Krippe. Ochs und Esel halten sich ja rätselhaft hartnäckig in der Weihnachtsüberlieferung, obwohl sie im Neuen Testament gar nicht vorkommen. Allerdings gibt es den Mythos vom Gottes- oder Heldenkind, das von Tieren genährt wird, auch anderswo. Er scheint in der kollektiven Seele eingelagert. Der kleine Zeus überlebt dank einer gütigen Ziege; Romulus und Remus saugen an der Wölfin.
Die zweite Strophe des Gedichts stellt die Polarlandschaft nicht nur mit dem Innern des redenden Ichs gleich, sondern auch mit seiner körperlichen Existenz – „Stein und Bein in allen Adern“. Wie die Depression als seelisches Leiden auch den Körper erfaßt und zeichnet, ist diese Gottverlassene krank an Seele und Leib. Das verweist auf die Lebensumstände von Christine Lavant. Es beeinträchtigt aber die religiöse Dimension des Gedichts nicht.
Nach der christlichen Tradition vollendet sich das Weihnachtsgeschehen erst mit der Gottesgeburt im einzelnen Menschen. Angelus Silesius hat es ausgesprochen:

Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geborn
Und nicht in dir; du bleibst noch ewiglich verlorn.

Die österreichische Dichterin sagt nichts anderes. Nur das Vertrauen des alten Schlesiers ist ihr abhanden gekommen.

Peter von Matt, aus Peter von Matt: Wörterleuchten, „Dieser Text ist verschwunden.“, 2009

Carl Hanser Verlag, 2009

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