– Zu Gertrud Kolmars Gedicht „Salamander“. –
GERTRUD KOLMAR
Salamander
Wir wohnten fern einander
In Leibern, nicht in Herzen.
Du warst der Alchimist.
Ich war der Salamander.
Ein kleines Ungeheuer,
Ein schwarzes Kielkropftierchen,
Mit goldnem Schlamm besprenkelt,
Zerwand ich mich im Feuer.
Es sprang mit dünnem Schnauben
Um meine feuchten Glieder,
Und daß ich dunkles Eis –
Die Leute mochten’s glauben.
Die Leute glauben Mären,
So wahr wie Wirklichkeiten.
Die rote Zunge leckte;
Ich warf ihr meine bitterlichen Zähren.
Sie sank zu dünnem Fächeln,
Das ruhte siech im Herde
Auf mürbem Föhrenholz
Und starb um meine Schwärze als ein Lächeln.
Da ließest du das dumpfe,
Das unbeholfne Wesen
In kühlen Herbsttag gleiten.
Es kehrte heim zum Sumpfe.
Eine Liebesgeschichte
Ein Liebesgedicht. Eine Liebesgeschichte. Eine Liebeskatastrophe. Das heftige Geschehen wird aufgefangen in einem einzigartigen Bild. Daß Gertrud Kolmar das älteste Thema der Lyrik auf eine Art vor unsere Augen bringen kann, wie es vordem noch nie geschah, beweist allein schon ihren Rang im literarischen 20. Jahrhundert.
Der Salamander galt seit der Antike als das Tier, das nicht verbrennt. Das Feuer tut ihm nichts. Als wäre er aus Eis. Daher wurde er für die Alchimisten wichtig. Sie sahen in ihm das Sinnbild ihres höchsten Ziels, des Steins der Weisen, der im Feuer ihrer Laboratorien entstehen sollte. Daneben rechnete man den Salamander zu den Naturgeistern, die in den vier Elementen leben: Die Undinen hausen im Wasser, die Gnomen in der Erde, die Sylphen in der Luft und die Salamander eben im Feuer. Diese Überlieferung ist für das Gedicht allerdings belanglos. Die Verse richten sich ganz auf die Vision vom Salamander im Feuerexperiment eines Alchimisten. Dieser setzt das Tier den Flammen aus, um seine Feuerfestigkeit zu prüfen und zu studieren, ob es sich in der Glut verwandle.
Doch das Gedicht widerspricht der Legende. Der Salamander ist nicht unverletzlich. Das Feuer brennt und sengt, und er müßte verderben, wenn ihn nicht die Sturzflut seiner Tränen schützte. Sie löscht die leckende „rote Zunge“. Aus der Qual des goldgefleckten Wesens, seinem „Zerwinden“, entspringt die Rettung. Die Flammen sinken zusammen. Zuletzt sind sie nur noch ein Lächeln von Licht auf dem feuchten Holz. Der Alchimist aber, der Mann und Wissenschaftler, wendet sich jetzt ab. Für ihn ist das Experiment geglückt. Die Frau, das Objekt, hat überlebt. Mehr interessiert ihn nicht. Von der wahren Ursache hat er keine Ahnung.
Die Verse sind so leichthin gesprochen, als ginge es nicht um Tod und Leben. Erst die genaue Betrachtung zeigt, wie sorgsam jedes Wort gesetzt ist. Daß sich in der ersten Strophe der Anfangsvers erst auf den vierten Vers reimt, mit zwei reimlosen Zeilen dazwischen, spiegelt die räumliche Trennung der Liebenden, von der gleichzeitig die Rede ist und die hier noch als glückliche Verbindung der Herzen erscheint. Ohne diesen Auftakt müßte das Gedicht scheitern. Das innere Verbundensein ist das Feuer, ist die Liebe zwischen den beiden, und erst mit der Zeit erkennt die Frau, daß diese Einheit in Wahrheit eine Unterwerfung ist. Im Feuer begreift sie es, in der Glut ihrer Liebe, die der Mann kühl beobachtet. Die Reime auf Distanz ziehen sich zeichenhaft durch das Ganze. Von ähnlicher Aussagekraft ist die plötzliche Lücke nach dem Wort „Eis“ in der dritten Strophe. Nur eine Silbe fehlt hier; sie wäre leicht zu ergänzen. Aber in diesem Stocken bricht der schreckliche Unterschied auf zwischen dem Glauben der Leute – und des Alchimisten! –, daß es dem Salamander im Feuer wohl sei, und der tatsächlichen Liebesnot. Auf diese Verkürzung antworten die zwei ebenso auffälligen Langverse am Ende der folgenden Strophen. Sie reden von der Rettung in die Einsamkeit hinein.
„Ich seh den Salamander durch jedes Feuer gehen“, heißt es in Ingeborg Bachmanns berühmtestem Gedicht, und: „Kein Schauer jagt ihn, und es schmerzt ihn nichts.“ Die Liebe als salamandrisches Glück in den Flammen, das wäre der herrliche Gegenglaube. Er hat auch bei Ingeborg Bachmann nicht hingehalten.
Die Tiere, die aus Urzeiten zu stammen scheinen – Echsen, Kröten, Drachen, Salamander… – gehören in Gertrud Kolmars private Mythologie. Sie reden von einer Gegenwelt zu den Normen der Zivilisation, und sie reden von trotziger Weiblichkeit. Schon Bachofen hat die Frauen zur schwarzen, wassergetränkten Erde in Beziehung gesetzt, hat sie symbolisch mit allem verknüpft, was aus solcher Tiefe lebt, und er hat Schwarz zur weiblichen Farbe schlechthin erklärt. Gertrud Kolmar entwickelte diese anstößige Bildlichkeit fort. Unter ihren Händen entstand eine Welt urtümlich-ungezähmter Gestalten. Das „schwarze Kielkropftierchen“, das zurück in seinen Sumpf schlüpft, ist eine davon.
Peter von Matt, aus Peter von Matt: Wörterleuchten, „Dieser Text ist verschwunden.“, 2009








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