– Zu Günter Eichs Gedicht „Latrine“ aus dem Band Günter Eich: Abgelegene Gehöfte. –
GÜNTER EICH
Latrine
Über stinkendem Graben,
Papier voll Blut und Urin,
umschwirrt von funkelnden Fliegen,
hocke ich in den Knien,
den Blick auf bewaldete Ufer,
Gärten, gestrandetes Boot.
In den Schlamm der Verwesung
klatscht der versteinte Kot.
Irr mir im Ohre schallen
Verse von Hölderlin.
In schneeiger Reinheit spiegeln
Wolken sich im Urin.
„Geh aber nun und grüße
die schöne Garonne –“.
Unter den schwankenden Füßen
schwimmen die Wolken davon.
Auf schwankenden Füßen
Dieses Gedicht wurde einst als Programm gelesen. Es stand für „Kahlschlag“, „Stunde Null“, „Neubeginn“. Genau besehen, war es nicht einmal das Gedicht als Ganzes, was dieses Programm verkörperte. Das Fanal steckte vielmehr im Ereignis eines einzigen Reims. Daß „Hölderlin“ sich auf „Urin“ reimte, sei, man kann es heute noch hören, ein Schock gewesen, ein Skandal, und aus diesem Skandal sei die neue deutsche Literatur geboren worden, die Literatur einer jungen Generation, die endlich aufräumte mit Mief und Verlogenheit. Illusionslos, nur auf Wahrheit und Genauigkeit verpflichtet, sprachen diese neuen Dichter aus, was der Fall war. Nichts weiter. Dies aber laut und deutlich. So die Legende.
Tatsächlich erschien das Gedicht erstmals 1946 in der Zeitschrift Der Ruf. Alfred Andersch gab sie zusammen mit Hans Werner Richter heraus, Untertitel: „Unabhängige Blätter der jungen Generation“. Nach einem Eingriff der amerikanischen Besatzungszensur und dem Verbot des Nachfolgeprojekts Der Skorpion gründete ein Häuflein von Redakteuren und Mitarbeitern des Ruf die Gruppe 47. Man wollte die für den Skorpion vorgesehenen Texte gemeinsam diskutieren und in weiteren Treffen eine Gegenöffentlichkeit schaffen für die junge Literatur.
Zur Gruppe 47 gehörte Günter Eich von Anfang an. 1950 erhielt er ihren ersten Preis. Jedermann wußte: Er hatte „Hölderlin“ auf „Urin“ gereimt; er war ein Vorkämpfer. Daß er auch ein Nachkämpfer war, blieb weniger bekannt. Er hatte fast die ganze Nazi-Zeit hindurch in Deutschland für den Rundfunk gearbeitet und eine breite Produktion von Hörfolgen und Hörspielen geliefert. Was davon überliefert ist, ist ziemlich schrecklich, ziemlich Blut und Boden. Ein Beispiel steht in der Werkausgabe, das Monatsbild Dezember von 1937 mit einer vom Chor gesungenen Sonnwendhymne:
In Eis und Schnee begraben alle Zonen,
gefroren blickt der blaue See herauf.
Du, schönes Land, in dem die Deutschen wohnen,
mach wieder deine blauen Augen auf!
Eilt, Sonnenpferde, eilt! Die goldnen Lanzen
werf ich mit Macht durchs dunstende Gezelt.
Die Nebelfahnen flattern, doch wir pflanzen
des Lichtes Zeichen in die Winterwelt.
Was immer sich die Hörer unter „des Lichtes Zeichen“ gedacht haben mögen, sicher ist, daß der Ruf und der Skorpion und die Gruppe 47 genau gegen diese Art Literatur antraten und daß also die kulturkritische Polemik, die im Latrinengedicht steckt, auch auf das poetische Vorleben des Autors selber zielte.
Günter Eich wurde zu einem der großen Lyriker der Nachkriegszeit, weil er gerade nicht, wie die Legende es will, den Neubeginn, sondern den ganzen literarischen Prozeß verkörperte, der in Deutschland seit 1927, dem Jahr seiner ersten Gedichte, abgelaufen war. Und die Leistung des Latrinengedichts besteht daher auch nicht in der angeblichen Kühnheit jenes Reims, sondern darin, daß hier einer vom Dreck spricht, der hinter und unter ihm liegt und weiterhin zum Himmel stinkt. Die Kotlachen, in denen sich die weißen Wolken spiegeln, sind mehr als ein preziöses Bild. Dieses könnte sich auch bei Baudelaire finden. Hier aber wird von einem Gegensatz gesprochen, den es von nun an auszuhalten gilt, obwohl er unerträglich ist. Das Schlüsselwort ist „irr“. Man denkt zunächst, es beziehe sich auf Hölderlin und seine Verse, es bezieht sich aber auf den, der da spricht. An den Rand des Wahnsinns gerät, wer hier, über der braunen Kloake der Geschichte, weiterhin mit Gedichten lebt und Gedichte schreibt. Und doch muß es geschehen.
Die Legende vom „Neubeginn“ einer unschuldigen Generation hat verdeckt, was die verbindliche Dichtung der Nachkriegszeit, auch die Dichtung Eichs, verwirklicht hat: Trotz den „schwankenden Füßen“ aufrecht zu stehen und zu reden, wo sich jedes Wort zu verbieten schien. Und wenn diese Rede oft genug nur noch in Paradoxen möglich war, in schrägen Verkürzungen, zuletzt im irren Witz der Maulwürfe, sie hat sich doch dem Unerträglichen gestellt und das vorzeitige Vergessen verhindert.
Peter von Matt, aus Peter von Matt: Wörterleuchten, „Dieser Text ist verschwunden.“, 2009








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