AUTOSUGGESTION
Dem eigenen Einfluß
siegreich unterliegen.
Die Zuversicht stärken
durch dreimaliges Händewaschen.
Absonderlichkeiten,
die das zuckende Gehirn
zur Ruhe der Vernunft bringen.
Der greise Philosoph,
ein scharfer Denker,
legte das Feuerzeug immer links
neben die Zigarettenpackung.
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Beiträge zu diesem Buch:
Heinz Piontek: Brandung in den Bäumen
Rheinischer Merkur / Christ und Welt, 13.10.1989
Jürgen Jacobs: Der Kirschbaum ist krank
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.11.1989
Charitas Jenny-Ebeling: Verlässlicher Klang
Neue Zürcher Zeitung, 17.11.1989
Karl Otto Conrady: Genau die Welt sich merken
Frankfurter Rundschau, 18.11.1989
Lobrede auf Rainer Malkowski
Beim Joseph-Breitbach-Preis, den er im September 1999 in Vaduz erhielt, bin ich Malkowski zum ersten Mal begegnet. Er hatte mich als Laudator gewünscht. Er wußte, daß ich sein Leser war; nicht aber, daß Gedichte von ihm zu meinem lyrischen Kanon gehörten und daß ich mit ihm in einem Einverständnis stand wie mit wenigen Dichtern meiner Generation. In diesem Einverständnis durfte ich ihn nun loben.
Seit 1975, als sein erster Gedichtband Was für ein Morgen erschien, war Rainer Malkowski einer der kenntlichsten Lyriker jener Jahrzehnte. Etwa jedes dritte Jahr hat er uns mit einem schmalen Bändchen seiner Gedichte beschenkt. Ich sage „uns“ und „beschenkt“ und bin mir bewußt, wie wenige wir sind, die sich ein Leben ohne die Verse der wirklichen Dichter nicht vorstellen mögen.
An welchen Orten auch immer man Wörter zählen mag, im Gedicht werden sie gewogen, jedes für sich, in Satz und Zeile. Die Redensart vom Wort auf der Goldwaage hat einen konkreten dichtungsspezifischen Sinn, wozu auch die sprichwörtliche Vergleichung Reden ist Silber, Schweigen ist Gold gut zu passen scheint. Denn wenn unser Sprachgebrauch in der Dichtung seine genaueste Prüfung erfährt, so ist das Ziel dieser Sprachkritik kein anderes, als auf der Wortwaage des Gedichts einen kunstvollen Ausgleich von Reden und Schweigen zu finden. Man kann von einem Essayisten oder vom Romanautor mit Blick auf die Listen ihrer Titel oder die Breite der Rücken ihrer Bücher ungeniert sagen, daß sie „fleißige Leute“ sind. Zwar gewinnen auch sie durch Fleiß allein keine Preise, doch erst recht keinen ohne Fleiß. Dagegen klänge, von einem „fleißigen Lyriker“ zu reden, durchaus nicht erfreulich, es klänge wie Verse-Schmied und würde allzu sehr den Anteil der Arbeit, des Handwerklichen an jedem Gedicht betonen. Wie groß dieser Anteil auch immer sein mag: das Letzte und Beste, das eigentlich Poetische, wird nicht durch Sprachfleiß und Schreibdisziplin gewonnen. Da mag der Theaterdirektor im Vorspiel zum Faust seinem Hausliteraten getrost zurufen: „Gebt ihr euch einmal für Poeten, / So kommandiert die Poesie“ gerade dies gelingt eben nicht. Poesie ist keine Fleiß- und Kommandosache. Dennoch fällt auf, daß in den uns bekannten künstlerischen Selbstdeutungen des 20. Jahrhunderts ein eher technologisches Vokabular überwiegt. Das hat kultur- und kunstsoziologische Gründe. Von Inspirations-Mystik, Musenkuß und spiritueller Influenz ist kaum noch die Rede, umso mehr von Wort- und Ton-Material, Technik und Handwerklichkeit der Künste. Die wirklich guten Poeten aber wissen genau, daß keines dieser Erklärungsmodelle das letzte Gelingen eines Gedichts, das Ereignis der Poesie zuverlässig zu erfassen vermag. Arbeit und Inspiration gehören wohl zusammen. Das Machbare will auf die bestmögliche Weise geleistet sein. Wo ein Gelingen gelang, ist dafür auch literarische Professionalität eine Voraussetzung gewesen. Das Wichtigste aber – mit Rainer Malkowskis Worten sei es gesagt, denn von ihm und zu seiner Ehre ist hier die Rede – das Wichtigste tritt „unversehens hinzu“: „Zwischen den bloß gut gemachten Gedichten und jenen, die sich ereignen, weil das Wichtigste unversehens hinzutritt, ist zu unterscheiden. Auf die kleine Zahl der zweiten Kategorie, die einem möglich ist, schreibt man zu.“ Ähnliche poetologische Bekenntnisse finden wir auch bei anderen Dichtern. Mir aber ist dieses besonders kostbar, weil Malkowski dem Gutgemachten seinen Rang und seine Wichtigkeit nicht etwa bestreitet, sondern Fleiß, literarische Erfahrung und die kluge Handwerklichkeit seiner Sprachkunst so selbstbewußt wie bescheiden in den Dienst dessen stellt, was sich mit deren Hilfe gerade nicht bewerkstelligen läßt. Weiß man um diese Haltung, so gewinnt auch das Wort vom „fleißigen Dichter“ eine andere Bedeutung; man begreift, daß jene „gut gemachten Gedichte“ (die immer in der Mehrheit sind) sich bei ihm einem unbedingten Willen zur Poesie verdanken, dem es auf jene kleine Zahl „der zweiten Kategorie“ ankommt, in denen sich das Wichtigste „unversehens“ ereignet. Die „kleine Zahl“ solcher Gedichte, „die einem möglich ist“ das ist, wenn es Malkowski – mit einem berühmten Wahrspruch Gottfried Benns im Ohre – sagt, keine Bescheidenheitsfloskel, sondern das selbstbewußte Wort eines Dichters, der beides kennt: die Zweifel an der selbstgewählten künstlerischen Passion und das Scheitern an den Grenzen des jeweils Möglichen, aber auch und erstaunlich oft jenes unversehens sich ereignende Gelingen unvergeßbarer poetischer Augenblicke im Gedicht.
Die Literaturkritik hat dies manchmal gemerkt und Malkowski fast immer mit freundlich-nachdenklichen Sätzen bedacht – das wollen wir dem deutschen Feuilleton nicht vergessen. Und die Germanistik hat ihm nichts angetan, was von Nachteil gewesen wäre – sie ist ja dort, wo sie etwas taugt, eine dienend der Literatur zugewandte Vermittlerin. Malkowskis Gedichte bedürfen solcher Vermittlerdienste eigentlich nicht. Daß sie sich einem differenziertesten Kunstverstand verdanken, bemerkt man beim ersten Lesen noch kaum, es gehört zu den Geschenken der zweiten und dritten Lektüre. Wenn das Verbergen der Kunst und eine unforcierte Mitteilsamkeit Merkmale des Meisterhaften sind – hier finden wir sie. Formale Experimente und steile Metaphern sind dieses Dichters Sache nicht. Er schreibt klare Sätze, läßt den Substantiven ihre Großbuchstaben, setzt Punkt und Komma, wo sie hingehören – Artikulationszeichen, Atemsignale. Das ist bei dem gepflegten Durcheinander der neueren Zeichensetzungsbräuche unserer Poeten keine Selbstverständlichkeit mehr, gehört hier aber zum Erscheinungsbild von Gedichten, die sich ihrem Leser ohne irgendwelche Verfremdungen des sprachlichen Materials übergeben. Sie bleiben der Prosa nahe, sind zumeist in einer mittleren Stillage gesprochen. Ja, gesprochen, denn was immer in diesen Versen zur Sprache kommt – Verhältnisse, Zustände, Erfahrungen, Dinge, Erinnertes, ins Ungewöhnliche gesteigerte Alltäglichkeiten −, der Leser hört eine Stimme von unverwechselbarem Timbre. Diese Stimme und ihr Timbre sind mit Kunstfleiß errungen, es kann anders nicht sein, zugleich aber sind sie weit über alle Künstlichkeit hinaus. Derart kenntlich und unverwechselbar zu sein, ist in der Uneigentümlichkeit der uns allen dienstbaren Wörter das Seltenste und Kostbarste, was ein Dichter und vielleicht nur ein Dichter erreichen kann. Ich denke, um dieser Kenntlichkeit willen werden Gedichte geschrieben. In dieser Kenntlichkeit steht fast jedes seiner Gedichte.
In Versen aus Unbescheidener Wunsch scheint sich mir so etwas wie ein Poetisierungs-Programm anzudeuten:
Aus einem Knopf,
einem Kamm, dem drei Zähne fehlen,
aus einer Pellkartoffel
sollte sie zu machen sein: die Poesie.
Glaubt er das wirklich, habe ich mich beim ersten Lesen gefragt: die Machbarkeit der Poesie. Nein, das geht nicht, und keiner weiß es besser als er, „weil das Wichtigste unversehens hinzutritt“. Daß aber Poesie an den banalen Dingen unserer Alltäglichkeit aufleuchten kann und sie vielleicht überhaupt dazu da ist, gerade dort aufzuleuchten, an einer Pellkartoffel oder an einem ausgetretenen Schuh (wie auf einem Bilde van Goghs), das unterliegt keinem Zweifel. Nur eben „zu machen“ ist sie aus solchen und anderen Materialien nicht. Der Wunsch, daß dies möglich wäre, ist wunderbar unbescheiden, denn könnte er sich erfüllen, so wäre unsere Welt wirklich poetisierbar, und eben nicht nur im Gedicht; nötig hätte sie es sehr. Wie es sich nun aber rein phänomenologisch darstellt, ereignet sich das Wichtigste, worauf es ankommt, nur eben gelegentlich, nie auf Kommando, und wenn sich’s ereignet, bedurfte es dazu zumeist eines langen Wegs über viele in treulichem Sprachfleiß gearbeitete Gedichte, eines unbeirrbaren Werbens um jenes, worauf es ankommt.
Als ein Beispiel solchen Gelingens steht in meiner privaten Anthologie Rainer Malkowskis Gedicht „Uhren“. In einer Folge schlichter, vermutlich biographischer Erinnerungsbilder spricht es von unserer Unterwerfung unter die Chronometrie:
In der Kindheit eine Einmischung.
Fast immer zeigten sie das Ende
von etwas an,
selten einen Beginn.
Als ich die erste eigene Uhr bekam,
war ich einen Tag lang stolz.
Dann trug ich sie nicht mehr.
So wehrte ich mich instinktiv
gegen die Vertreibung aus dem Paradies.
Später hielt ich mir viel zugute
auf meine Pünktlichkeit.
Am Handgelenk tickte ein Instrument,
mit dem ich meine Selbstachtung kontrollierte
und den Respekt vor andern.
Auch über Glück und Unglück
entschieden manchmal Minuten.
Aber immer lebte ich in Räumen
ohne hörbaren Stundenschlag.
Ich mied die getäfelten Stuben,
Liebhaber-Museen mit verglasten,
hochkant stehenden Särgen,
in denen ein Perpendikel schwang.
Leichter war mir im Freien.
Die an die Türme
geheftete Zeit −
beinahe
schon wieder zum Lachen.
Als mein Vater sehr krank war,
schenkte er mir seine Taschenuhr.
Ich dachte: wenn ich sie jeden Tag aufziehe,
wird er nicht sterben.
Und hatte dann doch zu wenig Vertrauen
zu meiner Unvernunft.
Das ist eine anrührend kluge Aufzählung erinnerter Erfahrungsmomente, alle bezogen auf gemessene Zeit, Uhrenzeit, Lebenszeit. Erst im letzten Erinnerungsbild gewinnen die erzählenden Sätze einen poetischen Mehrwert, der sich interpretierend kaum ausschöpfen läßt. Man mag daran denken, daß Väter ihren Kindern gemeinhin das sogenannte Realitätsprinzip verkörpern, dessen Hauptattribut die pünktlich gemessene, gut verwaltete Zeit ist. Oft war die erste Uhr ein Geschenk des Vaters, hier ist sie das letzte an einen Sohn. Die alte Gleichung von „Herz“ und „Uhr“ klingt an, doch ohne sentimentales Tremolo:
Ich dachte: wenn ich sie jeden Tag aufziehe
wird er nicht sterben.
Und hatte dann doch zu wenig Vertrauen
zu meiner Unvernunft.
Wie anrührend kindlich ist dieser Beschwörungsversuch, die liebevoll-törichte Hoffnung beim Aufziehen der Uhr des Vaters. Und wie bewundernswert sicher wurde zwischen magischem und rationalem Denken der paradoxe Ausgleich gefunden. Der Dichter stellt uns anheim, ob durch ein größeres Vertrauen nicht vielleicht doch das Unmögliche hätte erreicht werden können.
Ohne ein bißchen Urvertrauen zur „Unvernunft“ gibt es keine Poesie. Es in uns wachzuhalten, vielleicht besteht gerade darin die humane Nützlichkeit der Lyrik in unserer auf technische Vernunft programmierten Welt. Die aber bringt so vieles objektiv Unvernünftige hervor, daß die in den Sprachspielen der Dichter kontrollierte „Unvernunft“ wie ein beschwörender, wenn auch immer wieder vergeblicher Einspruch erscheint – so vergeblich wie das Aufziehen der Uhr des Vaters in Rainer Malkowskis Gedicht.
Peter Horst Neumann zur Verleihung des Joseph-Breitbach-Preises an Rainer Malkowski gesprochen im September 1999 im Stadttheater Vaduz erschienen in: Joseph-Breibach-Preis. Laudationes und Reden der Preisträger, Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz, 2000
Fakten und Vermutungen zum Autor + Instagram + KLG + Archiv + IZA + Kalliope
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum
Nachrufe auf Rainer Malkowski: FAZ ✝ literaturkritik.de ✝ NZZ ✝ Tagesspiegel ✝
Walter Helmut Fritz: Ein leises Echo des entschwundenen Lebens
Stuttgarter Zeitung, 3.9.2003
Albert von Schirnding: Gehen und Sehen
Süddeutsche Zeitung, 3.9.2003
Zum 10. Todestag des Autors:
Hans-Dieter Schütt: Glücklich im Bahnhofsrestaurant
neues deutschland, 31.8./1 .9. 2013








Die Biographie
Rainer Malkowski war zwölf Jahre alt, als er nach der Lektüre von Mörikes Maler Nolten in die Mörike-Gesellschaft aufgenommen werden wollte. Er erhielt eine freundliche Absage.
Eine biographische Marginalie? Ja – und nein: Die Neigungen des Zwölfjährigen ließen sich keine Absage erteilen. Der junge Rainer Malkowski ließ sich nicht aufhalten auf seinem Weg zum Wort. Und ein Zufall ist es nicht, daß gerade der Maler Nolten auf diesem Weg lag – ein Künstlerroman. Da findet man Poetologisches und die Malerei – und da findet man in dem kleinen Malkowski schon den Malkowski im kleinen!
Diese kleine, aber doch charakteristische Episode aus dem Leben des werdenden Lyrikers ist wie geschaffen für eine Arbeitshypothese zur Autobiographie: „Die Biographie des Lesers ist immer auch die Biographie des Autors“. Die biographischen Betrachtungen wollen sich demnach von Beginn an nicht nur der Vollständigkeit verpflichtet fühlen, sie wollen vielmehr vorführen, was später auf diesem und nur auf diesem Wege zu Malkowskis Beruf und Berufung werden kann.
Rainer Malkowski wurde am 26. Dezember 1939 als Sohn der inzwischen verstorbenen Hildegard und Maximilian Malkowski in Berlin geboren. Die ersten fünf Jahre seines Lebens verbrachte er im Krieg – und das hinterließ „tiefe Eindrücke bei einem lebhaft empfindenden Kind“. Eindrücke, die heute noch ablesbar sind – „mittelbar, als Welt- und Lebensskepsis, als eine Schonungslosigkeit der Erfahrung, ist gewiß vorhanden, was mir als Kind schwarz ins Blut drang“. Das ist keine Prophetie der rückwärtsgewandten Sorte: Es wird sich zeigen, wie sehr die frühkindlichen Erfahrungen prägend waren für Mensch und Werk. Gerade die Nachkriegsjahre waren es, die den skeptischen Nährboden in ihn pflanzten, aus dem die poetische Saat aufgehen konnte.
„Wir lebten zwischen Trümmern, Berlin blieb ja lange eine weitgehend zerstörte Stadt“, schreibt Malkowski, und mündlich faßt er dieselbe Thematik in die Formel, er habe bezüglich des Lebens sehr bald schon die „Vorstellung eines Provisoriums“ gewonnen. So wurzelt seine allumfassende Skepsis in diesen ersten Jahren, und auch die für ihn typische Gelassenheit erhellt sich insofern, als die damalige Kriegs- und Nachkriegs-Situation von dem noch sehr Kleinen nicht als Tragik im Sinne einer Entwicklung begriffen werden konnte, sondern einfach als gegeben.
Malkowski entstammt einer Familie, „in der man weder sang / noch schrieb“. Den Vater sah er während des Krieges nur während einiger Tage Fronturlaub, regelmäßig erst nach dessen Rückkehr aus der Gefangenschaft Ende 1945. Sein Vater hatte den Beruf des Metzgers gelernt, arbeitete sich nach dem Krieg nach oben, wurde Koch, später Küchenchef. Der Mutter immerhin attestiert Malkowski „großes Erzähltalent“. Den Zugang zur Poesie fand das Kind allein. Was genau es war, was ihm letztlich den Weg ins Reich der Worte wies, das vermag der erwachsene Autor in der Rückschau nur noch in Begriffe wie „Nase“ oder „Instinkt“ zu fassen. Anleitung hatte er keine. Was er aber hatte, war…
Der Bücherschrank meiner Eltern
Edgar Wallace, Ludwig Ganghofer
und ein Freiherr von Zobeltitz.
Ehm Welk, Sinclair Lewis,
Knut Hamsun und Ernst Wiechert.
Heute denke ich: dieser Zugang zur Welt
war so gut wie ein anderer.
Und keineswegs schwieriger
als Geometrie.
Ich statte meinen Dank ab
ohne Ansehen der Personen.
Im ersten Getümmel der Buchstaben
erwarben alle Autoren
den gleichen Ruhm.
Und ich entschuldige mich
für jeden Fettfleck,
den ich – das Schmalzbrot in der Hand –
hinterließ.
Hier spricht sich eine eigentümliche, speziell zu Malkowski gehörende Ding-Beziehung aus. In dieses spezifische Bücherschrank-Ding stellt der Autor einen Teil der eigenen Biographie. Der biographische Gehalt der gedichteten Geschichte ist eindeutig: In der Lektüre öffnen sich Welten für den jungen Rainer Malkowski. Der (spätere) Autor war von Anfang an ein Leser. Nebenbei glückt es dem Text, anhand des „Bücherschranks“ die treffliche Skizze einer kleinbürgerlichen Bibliothek zu entwerfen, in der vom Krimi über Gesellschafts-, Unterhaltungs- und Heimatromane bis hin zu Anspruchsvollem zwar alles, Qualität hingegen eher zufällig vorhanden ist.
In dem Jungen vor dem Bücherschrank lebt schon ein Stück des späteren Autors – und Malkowski wird diesem Umstand gerecht, indem er sich der Szene rückblickend mit dem Zugriff des Lyrikers nähert. Leser und Autor – sie sind nicht zu trennen. An anderer Stelle ist die Relevanz des Leserbiographischen noch deutlicher ins Werk genommen. Als 13jähriger war Malkowski fasziniert von der Amerika-Gedenk-Bibliothek in Berlin, in der er – ein Gefangener in abenteuerlich-romantischen Gefühlswelten – viel Zeit verbrachte. Eine Randnotiz nur – und doch erzählt von ihr das Gedicht „Gedenkblatt für eine Bibliothek“. Deutlicher könnte der Bezug zwischen Leser, Autor und Werk nicht betont sein. Viel hat der kleine Malkowski ausgeliehen in dieser Bibliothek. Vor allem Hermann Broch zählte zu den Favoriten des Jünglings. Verstanden, sagt Malkowski rückblickend, habe er längst nicht alles, es habe sich „im ersten Getümmel der Buchstaben“ allemal um „produktive Mißverständnisse“ gehandelt.
In jenen Tagen wuchs Malkowskis literarisches Interesse immer mehr. Zur anvisierten Mörike-Gesellschaft und oft besuchten Amerika-Gedenk-Bibliothek gesellte sich bald ein weiterer dringender Wunsch, der dann auch in Erfüllung ging: Im Jahre 1953, das weiß der Autor noch genau, bekam er auf eigenen Wunsch eine literaturgeschichtliche Anthologie, Knaurs Geschichte der Weltliteratur, geschenkt – ein „biographisch kostbarer Besitz“, von dem er lange zehren sollte. Auch heute noch ist Malkowski ein Liebhaber des Lexikons. Für ihn ist es der Aufenthaltsort Tausender und Abertausender Einzelheiten, wortgewordener Dinge, die nur darauf warten, das wir uns in ihre Richtungen aufmachen – abermals ein Zeichen dafür, daß der erwachsene Malkowski im jugendlichen schon gründlich zu Hause war.
Dieser Jugendliche mußte natürlich auch zur Schule. Er mußte, aber er tat es nicht gern. Zunächst besuchte er in Berlin die Volksschule, anschließend eine von Ordensschwestern geleitete Schule und schließlich die Askanische Schule, ein Gymnasium. Schule und Rainer Malkowski freilich, das war keine geglückte Beziehung. Die Schule litt unter Malkowskis Lese- und Lebedrang, und er litt unter der Schule. Nicht, daß er nicht lernwillig oder gar -fähig gewesen wäre, Geschichte, Deutsch, auch Erdkunde interessierten ihn, aber er war wohl in dieser Phase, wie er selbst sagt, „zu weit“ für das, was ihm da auf unpoetische Weise vermittelt werden sollte. Anders formuliert: Er war zu diesem Zeitpunkt, gemessen an den schulischen Ansprüchen, schon viel zu erfahren, ein Begriff, der später an zentraler Stelle wiederanzutreffen sein wird. „Im ganzen blieb mir die Schule fremd, ich tat wenig bis nichts, schwänzte oft und ging früh meine eigenen Wege“ – so schreibt der Lyriker heute selbst darüber, und so verwundert es auch nicht, daß der Schüler Malkowski letztlich zu keinem Abschluß kam. Bis er die Schule verlassen konnte, wollte allerdings noch etwas elterlicher Widerstand gebrochen werden – seine Mutter zumindest bestand zunächst darauf, daß ihr Sohn das Abitur machen solle, während der Vater dem Problem eher gleichgültig gegenüberstand.
Die Familie Malkowski zog in diesen Tagen von Berlin nach Garmisch um, wo ihn die Mutter gleich wieder – ohne sein Wissen – an einem Gymnasium anmeldete. Er tat ihr den Gefallen – allerdings nur vier Tage lang, dann stand sein Entschluß unabänderlich fest: Nie wieder Schule. Und diesmal blieb es dabei, er besuchte keine Schule mehr, und er studierte auch nicht, denn er „wollte als junger Mann nichts mehr, was der Schule glich“. Nachträglich betrachtet, könnte es für Malkowski gar von Vorteil gewesen sein, nicht aus einem bildungsbürgerlichen Hause zu stammen, denn hätten die Eltern mit Macht auf einer Schulkarriere bestanden, wer weiß, ob der seiner lyrischen Sache noch nicht Sichere sich nicht in ein bürgerliches Leben verlaufen hätte.
„Mit fünfzehn oder sechzehn“ hatte Malkowski begonnen, Gedichte zu schreiben, „regelmäßig und so ernsthaft, wie es mir damals möglich war“. Die Versuche damals, erinnert sich der Autor, waren „allenfalls quantitativ stark“. Die gedankliche Klarheit und Bestimmtheit, für die der Dichter heute steht, fehlten seinerzeit laut eigener Aussage fast völlig. Im Gegenteil: Malkowski war von Sprache berauscht, „versuchte etwas herzustellen, was ich wohl für Sprachmagie hielt“, und so entstanden diese frühen Gedichte wohl in erster Linie, „um den Rauschzustand gesteigert zu erleben“. Die meisten frühen Gedichte waren gereimt, „allerdings ziemlich unbekümmert“, daneben fanden sich bisweilen „bemühte Kühnheiten“, Malkowski konstatiert Einflüsse von Rimbaud und Trakl. Das Gefühlsgefüge jener Tage wird zusammengehalten von den emotionalen Eckpfeilern „Einsamkeit und Weltschmerz“, andererseits auch durch „Welttrunkenheit und die Sehnsucht nach einer Art kosmischer Verschmelzung, durch die die Vergänglichkeit des Menschen aufgehoben und er sozusagen unter die schweigenden Sterne versetzt wird“. Hier trifft man die ersten Übereinstimmungen mit dem späteren Werk – den Versuch, mit der Vergänglichkeit des Menschen umzugehen beziehungsweise sie künstlerisch zu überwinden. Auch poetologische Versuche finden sich vereinzelt, ebenso wie sarkastische Texte, in denen er den „eigenen Gefühlsüberschwang und die großen Gefühle überhaupt“ verspottet. In jenen Tagen begann der junge Malkowski sich endgültig ins Reich der Worte aufzumachen.
Zwei Jahre später, mit achtzehn, waren die Gedichte schon viel eher auf der Höhe der Möglichkeiten des Schaffenden, jetzt waren sie „streng durchgearbeitet und gedanklich klar“. Rimbaud und Trakl-Einflüsse waren verschwunden, hatten einer Vorliebe für Benn Platz gemacht – und mit ihr einer „Vorliebe für Fremdworte“, die Malkowski vor allem einsetzte, „um den Reim ungewöhnlich zu machen und ihm das harmlos-hübsche Geklingel zu nehmen“.
Gegen das allzu Eingängige hatte Malkowski ganz offensichtlich schon früh seine Aversion entdeckt. Während dieser Phase waren es häufig englische oder französische Gedichtüberschriften, die den Texten Ecken und Kanten verleihen sollten, auch mit dem Versmaß experimentierte der Forschende immer wieder. Immerhin, für damals galt noch: „Die gereimten Gedichte und der präzise Strophenbau (ich schrieb auch Sonette und in eigenen komplizierten Erfindungen) gelangen mir damals besser als die seltener gewählten freien Rhythme“.
Viele seiner frühen Gedichte waren Liebesgedichte, zumindest insofern, als über „menschliche Beziehungen, über ihren Glanz und ihr Elend“ reflektiert wurde, und auch die Möglichkeiten und Begrenzungen menschlicher Erkenntnisfähigkeit gerieten dem Jüngling immer wieder zum Thema. Immerhin sind das Motive, die die Zeit überdauert haben, und so lassen sich also für die sozusagen zweite lyrische Frühphase, die des Achtzehn-, Neunzehnjährigen, durchaus Befunde feststellen, die Eingang finden sollten ins spätere Werk. Der Autor billigt dieser Phase immerhin eines zu: „Es zeigte sich (…) eine Neigung zu dialektischer Schärfe und zum erhellenden Paradox – diese Neigung verlor sich nicht“. Dennoch, die Jugendgedichte waren Entwicklungsstufen, nicht mehr und nicht weniger, und so betrachtet sie Malkowski aus heutiger Sicht letztlich als „ausschließlich biographische Dokumente“.
Je größere Fortschritte der Leser Malkowski machte, desto deutlicher wurde dem Autor Malkowski vor Augen geführt, was ihm noch abging an poetischer Qualität. Anders gesagt: Auf dem einmal beschrittenen Weg zum Lyriker konnten die Fortschritte des Schreibenden nicht mit denen des Lesenden schritthalten, und so waren es vor allem die Selbstzweifel, die die lyrische Produktion des Achtzehn-, Neunzehnjährigen fast gänzlich versiegen ließen.
Dazu kam ein Zweites: Mit einem Mal, wohl in gleichem Maße raumgreifend wie die literarischen Selbstzweifel, hatten sich im Kopf des poetisch Veranlagten „Erwerbsgedanken“ eingenistet, ein Thema, das ihn bis zu diesem Zeitpunkt nie beschäftigt, einen „weißen Fleck im Kopf“ gebildet hatte. Mit achtzehn hatte Rainer Malkowski bereits Margarete kennengelernt, seine heutige Ehefrau, und auch diese Bekanntschaft weckte den Wunsch, auf eigenen Beinen zu stehen. Malkowski nahm sich eine eigene Wohnung in Garmisch. Mögen solche Vorgänge in der heutigen Zeit normal und nachvollziehbar erscheinen, so dokumentiert diese Malkowskische Initiative in den ausgehenden Fünfzigern doch einmal mehr seine – auch geistige – Unabhängigkeit. Der Autor legt Wert auf die Tatsache, daß all dies sich parallel ereignete zur Bewußtseinskrise der schreiberischen Art.
Auf ganz spezielle Weise zeigt sich wieder der Zusammenhang zwischen seiner Jugend und dem späterem Werk: Das Nicht-Mehr-Schreiben-Können trieb den jungen Mann vollends ins Leben, das ihn reichlich Erfahrungsproviant ansammeln ließ, welcher ihn dann wiederum, Jahre später, erst recht und diesmal endgültig zum Schreiben befähigte.
Indes: So war es nicht, daß ein bleicher Bücherwurm nun unvermittelt ins Leben drängte. Malkowski war nie bloßer Leser gewesen, ein Abseitiger, Abgewandter, nur in der verklärten Bücherwelt Heimischer. Der junge Malkowski nimmt vielmehr rückblickend für sich in Anspruch, „immer parallel gelebt“ zu haben und nicht nur poetisch feinfühliger, sondern auch „lebenserfahrener“ gewesen zu sein als die Gleichaltrigen.
Der junge Mann zog zurück nach Berlin, ohne die Eltern, aber gemeinsam mit Margarete und dem Vorhaben, Volontär bei der TAZ zu werden. Dort wurde er zunächst vertröstet, und die dreivierteljährige Warteschleife, auf die er geschickt wurde, wollte er nicht drehen, und er mußte es auch gar nicht. Es geschah etwas, was er heute „in einen Verlag gerutscht“ nennt. Dank einiger Kontakte war er plötzlich Büroanfänger bei Ullstein. Alsbald gerügt wegen unleserlicher Schrift, ergriff Malkowski im Gespräch mit dem Vorgesetzten die Flucht nach vorn und forderte eine qualifiziertere Tätigkeit. Mit Erfolg: Malkowski wird, und da ist er noch keine zwanzig, Verlagskorrespondent.
Ein „Riesensprung“, ohne Zweifel – dennoch oder gerade deshalb drängt sich die Frage auf, warum er diesen potentiellen Start in eine Karriere so bewußt in Kauf nahm, wo er doch spürte, daß sein Leben nicht dem verlegten, sondern dem gedichteten Wort gehören sollte. Eines der Motive vermag der Gereifte rückblickend auszumachen: Ein „gewisser Masochismus“, sagt Malkowski, habe da mitgemischt, eine „gewisse Lust am Leid“, die ihn sehenden Auges in die wenig geliebte Tätigkeit trieb. Irgendwie hatte der knapp Zwanzigjährige ein „romantisches Gefühl“ dabei, fühlte sich wie ein „unbekannter Held“, wie ein „Froschkönig“ – und übersetzte die abenteuerlich-romantischen Gefühlswelten aus seinen Büchern in die Wirklichkeit.
Damit hatte etwas begonnen, was man ohne Übertreibung eine atemberaubende Karriere nennen kann. Kurze Zeit später wechselte Malkowski erstmals die Arbeitsstelle, innerhalb Berlins diesmal noch, und war fortan als Werbeassistent für den (mittlerweile nicht mehr existierenden) Deutschland-Verlag tätig. Diese Tätigkeit hatte Malkowskis Karriere endgültig in die Laufbahn der Werbebranche einschwenken lassen, in der der vergessene Lyriker die folgenden zehn Jahre Erfahrungen gewinnen und Erfolg haben sollte.
Markanten Charakter hatte vor allem das Jahr 1962. Seit Jahresbeginn war Malkowski, nach erneutem Umzug, als Texter bei der Frankfurter Werbeagentur William Wilkens tätig, im gleichen Jahr heiratete er Margarete. Beruflich war er nun vollends etabliert, tätig im renommierten Hause, und er war sich seines Erfolges und des damit verbundenen gesellschaftlichen Aufstiegs wohl bewußt. Das Schreiben blieb vorerst im Hintergrund, das poetische Talent hatte „Geschmack an der Karriere“ gefunden – weniger an der Tätigkeit an sich, wie sich Malkowski deutlich erinnert, eher am erreichten Status. Stolz empfand er und Genugtuung, und vor allem bereitete es ihm ein geradezu „diabolisches Vergnügen“, trotz seiner ablehnenden Haltung in der konsumorientierten, unpoetischen Anti-Welt Erfolge feiern zu können.
Malkowskis Weg kannte weiterhin nur eine Richtung: Es ging steil bergauf. Im Sommer 1964 wechselte er in Frankfurt zunächst zur Schweizer Agentur SAW, dann, im Januar 1965, zur bekannten amerikanischen Agentur Young & Rubicam, wo er dann schon die Position eines creative director bekleidete. Und auch die höchstgelegenen Karrieresprossen erklomm jener Trotz-Einsteiger mit spielerischer Leichtigkeit. 1967 erhielt Malkowski ein Angebot von Troost in Düsseldorf, der damals größten Agentur in deutschem Besitz mit Niederlassungen in Österreich, Italien und Spanien. Und er erhielt nicht irgendein Angebot, sondern gleich das, als Teilhaber und Geschäftsführer einzusteigen – was er zum Januar 1968 auch tat.
So leicht, wie es sich erzählen und niederschreiben läßt, war Malkowskis Weg in die Karriere natürlich nicht; dennoch häufte der ganz offensichtlich auch auf diesem Gebiet Veranlagte mit traumwandlerischer Sicherheit Erfolg auf Erfolg und absolvierte in exakt einem Jahrzehnt – denn am 31.12.1971 sollte diese Karriere ein selbstgewähltes Ende finden – eine Laufbahn, wie sie kaum vorstellbar erscheint. Ein ,Werbe-Vollblut‘ war Malkowski dennoch nie, und daß ihm dennoch alles über Erwarten glückte, zeigt einmal mehr, über welche ganz handfesten Lebens- und Berufsqualitäten diese lyrische Begabung verfügen muß.
Insgesamt hat Rainer Malkowski in der Zeit vom 1.1.1962 bis zum 31.12.1971 vier Agenturen durchlaufen und war dabei auf der Karriereleiter so weit emporgekommen, daß es in Deutschland nicht mehr höher ging. Je wichtiger er wurde, desto bedeutender wurden auch die Entscheidungen, die er in verantwortlicher Position zu treffen hatte, und in gleichem Maße schrumpfte das kreative Potential, das seine jeweilige Stellung barg. Das war freilich nicht der ausschließliche Grund, warum er sich aus diesem business zurückzog. Er war in einen Beruf geraten, der definitiv nicht der seine war, und je trockener die alltäglich anfallenden Arbeiten wurden, desto klarer wurde ihm, daß „diese Warenwelt eigentlich diametral entgegengesetzt“ zu dem verlief, was ihn in Wahrheit bewegte und umtrieb. Und auch jener trotzige Cocktail, zusammengemischt aus Stolz, Genugtuung und Masochismus, den Malkowski seinerzeit so genüßlich geschlürft hatte, hatte seine Wirkung längst verloren. „Schal“ waren diese Motive mit den Jahren geworden, er fühlte sich „abgesättigt“, und, aus dieser Warte gesehen, war es dann auch kein Wunder, daß Malkowski sich zum Schlußstrich entschloß:
Tage am Niederrhein
Sieben Jahre vergingen
in einer Landschaft aus Wind
und raschem Gewölk.
Ich arbeitete, aß, trank, schlief.
Ich legte schweigend
meinen Mund an dein Ohr,
wenn ich verzweifelt war.
Am Sonntag leere Chausseen.
Die Stille in den Zementwerken.
Auf den Koppeln rann der Regen
strähnig
in rostende Badewannen.
Sieben Jahre vergingen.
Ich arbeitete, aß, trank, schlief
Ich starrte auf die dringlich
nickenden Pappeln am Horizont:
Ausrufezeichen, die lange
bereitstanden.
Ich begriff allmählich
für welche nicht
mehr zu unterdrückenden
Sätze.
„Tage am Niederrhein“ – man liegt sicher nicht falsch, wenn man im „Niederrhein“ Düsseldorf wiedererkennt, den Sitz der Agentur Troost. Grundsätzlich warnt Malkowski davor, jedes autobiographisch scheinende Detail für bare Wort-Münze zu nehmen – im Falle dieser Ortsangabe indessen ist das allemal legitim. An diesem Ort wurde dem Verirrten endgültig klar, daß er sich verlaufen hatte.
Derweil ist die Zahl, mit der das Gedicht beginnt, eher metaphorisch als real zu nehmen. Sieben als magische Zahl, das meint keinen auf den Tag abgezählten Zeitraum, das markiert vielmehr im übertragenen Sinn das Ende einer Epoche, eines Lebensabschnitts („vergingen“). Diese Zeit wird, ganz typisch für die Malkowskische Welt-Wahrnehmung, gleich zu Beginn des Gedichts in einen Raum gestellt, allerdings in einen, der geprägt ist von Schnellebigkeit und Flüchtigkeit, von „Wind und raschem Gewölk“; es will nicht schwer fallen, die Beziehung auszumachen zu dem Geschäft, in dem Rainer Malkowski tätig war.
Listig spricht das Gedicht von einer „Landschaft“. Die angehängte Schilderung derselben erfüllt indessen schwerlich die Anforderungen, die man an die Definition einer „Landschaft“ stellen möchte. „Wind“ und „Gewölk“ definieren eine „Landschaft“ höchst indirekt, sie sind ihr im Wortsinne über, und was dem Leser so von dieser „Landschaft“ bleibt, ist etwas Flüchtiges, nicht zu Greifendes. In dieser „Landschaft“, die keine ist, „vergingen“ ihm also „sieben Jahre“ – so faßt Malkowski die Tatsache, daß er sich eigentlich nie so recht identifizieren konnte mit der ausgeübten Tätigkeit, in ein stimmiges Bild, und das unmittelbar nachgeschobene „Ich arbeitete, aß, trank, schlief“ bringt das eben ins Visier Genommene auf eine lapidare Formel.
Einige Zeilen später tauchen sowohl die sieben vergangenen Jahre als auch „Ich arbeitete, aß, trank, schlief“ wieder auf. An sich schon eine Tatsache mit Aussagekraft, denn diese Wiederholung ist zunächst einmal eine Intensivierung und auch die minimalen Korrekturen, die der Dichter am Ausdrucksbild vornimmt, sprechen eine deutliche Sprache. „Sieben Jahre vergingen“, und dann folgt, im Gegensatz zum Einstieg, ein Punkt – beileibe nicht nur eine optische Variation des zuvor Gesagten. Es steht sozusagen auch inhaltlich ein Punkt dabei. Die in der ersten Version noch hintangestellte „Landschaft“ wird nun völlig ausgeblendet, sie ist überflüssig geworden – das lyrische Ich, in diesem Fall direkt Malkowski, hat sich innerlich schon verabschiedet, so wirkt das unmittelbar nachgeschobene „Ich arbeitete, aß, trank, schlief“ wie eine glaubwürdige Begründung für den Abschied und nicht mehr nur wie eine Beschreibung.
Das letzte Drittel des Gedichts spricht ganz offen von der Sehnsucht nach der Rückkehr ins gedichtete Wort. So unscheinbar sieht es aus, und doch ist es filigran zu nennen, wie es Malkowski gelingt, dem simplen Schlußwort „Sätze“ doppeldeutigen Charakter einzuverleiben. Zum einen passen die „Sätze“ genau in die mit „Ausrufezeichen“ ins Gedicht eingeführte Grammatik-Metapher, zum anderen können die „Sätze“ natürlich auch geradezu wörtlich genommen werden – „Sätze“ wird er künftig schreiben, in seinem neuen, alten, in seinem eigentlichen Beruf. Abgelegt die Werbe-Worte und hingewandt zum poetischen Wort – wieder wird er (und diesmal endgültig) zum Dichter.
Aufmerksamkeit verdienen die „dringlich nickenden Pappeln“ in dem ambivalenten Gebilde. Nicht nur, daß die „Pappeln“ – im übertragenen Sinne – die „Ausrufezeichen“ markieren, die ihn endlich an die eigene Bestimmung erinnern, an das tatsächlich für ihn Natürliche. Sie fügen sich auch logisch ins geschaffene Wort-Gemälde; ihr „Nicken“ paßt zum „Wind“ und zum „raschen Gewölk“.
Dazu kommt noch die spezielle Bedeutung der „Pappel“. Der Baum ist ein beliebtes Requisit in der Malkowskischen Bildwelt. Bäume sind, zum einen, fest verwurzelt im Irdischen, zum anderen weisen sie in die Höhe – auf diese Weise vermitteln sie einen Ahnung von Anderem, Höherem. Das Illustrierte Lexikon der traditionellen Symbole erklärt: „Pappel: Ein Baum der Wasser. Chin.: Die Verschiedenfarbigkeit der bei den Seiten ihrer Blätter versinnbildlicht das yinyang, das Lunare und Solare und alle Dualitäten (…)“. Wie gut das paßt zu Malkowskis ganzem Werk und speziell zu diesem Gedicht: Die „Pappel“, sie steht für das Ambivalente in allem, auch für die Ambivalenz der Wahrnehmung, und sie zeigt, daß sich unter, über und neben dem biographischen Aspekt des zitierten Gedichts weitere Dimensionen öffnen.
So hatte sich Malkowski also endgültig entschlossen, das schnellebige Geschäft, das ihm zehn Jahre eine Schein-Heimat gewesen war, zu verlassen, um endlich wieder in Ruhe „Sätze“ zu schreiben anstelle der gehetzten, zielgruppenorientierten Werbeworte. Die Entscheidung war 1970 gefallen, aufgrund längerfristiger vertraglicher Verpflichtungen indessen war erst zum 31.12.1971 ein Ausstieg möglich.
Was Malkowski sich selbst am höchsten anrechnet, ist dies: Den „Mut zum geistigen Wagnis“ gehabt zu haben, der dem Autor, in der Rückschau, weit mehr gilt als jener, mit der Berufsaufgabe auch ein materielles Risiko eingegangen zu sein. Die Vorliebe fürs Lesen hatte sich noch eine Nische einrichten können im Leben des Erfolgreichen. Geschrieben, Gedichte geschrieben hatte er freilich nur „ganz gelegentlich“ – dazu war gar keine Zeit. Die letzte dauerhafte poetische Produktion, wenn wir es einmal so nennen wollen, datierte also aus den Tagen, als Malkowski achtzehn, neunzehn Jahre alt und immer stärkeren Selbstzweifeln unterlegen war – so hatte er seitdem auch nicht mehr die Gelegenheit gehabt, diese Selbstzweifel auszuräumen. Es war in der Tat ein erhebliches Wagnis, die oberste Sprosse der Karriereleiter mit dem Ungewissen zu tauschen.
Malkowski war noch außerordentlich jung, als er dies tat, schießlich hatte die Werbekarriere früh begonnen – als er wieder zum Dichter wurde, war er 31 Jahre alt. Er fühlte sich „jung und stark und war nicht nur bereit, sondern hatte die Sehnsucht danach, kompromißlos ehrlich“ mit sich umzugehen, denn das hatte er in den letzten zehn Jahren nicht tun können. Nun war ihm klar, daß „persönlicher beruflicher Erfolg“ ihm nichts mehr sagte, „und Geld war kein Wert an sich“. Da wagte er den Schritt und hatte dabei „auch das Glück“, daß Margarete, seine Frau, „ohne jedes Zögern und ohne jede Einschränkung“ an seiner Seite stand, als er sich „auf den Weg machte“.
Es fällt auf, daß Malkowski, wenn er über sein Leben im allgemeinen und über jene Tage der Entscheidung im besonderen spricht, immer wieder das Wort Weg in den Mund nimmt. So hatte er nun zwar den Weg in die richtige Richtung gelenkt, der eigentliche Prozeß indessen, ein ständiger künstlerischer, die Weg-Begehung, lag noch vor ihm.
Malkowskis Werk, so wie es uns bis zum heutigen Tag vorliegt, macht, richtig gelesen, deutlich, daß es nur in äußerlichem Sinne zuträfe, den Werbe-Weg einen Irrweg zu nennen. Vielmehr: Er war ein Umweg. Zwar war Malkowski auch auf dem Gipfel der Karriere klar gewesen, daß er „da nicht hingehörte“. Er hatte das Werbe-Texten auch „nie mit Literatur verwechselt“. Dennoch hat diese Zeit ihre Spuren im Werk hinterlassen. Weniger in technischem, direkt schreiberischem Sinne, obwohl Malkowski einräumt, daß diese Zeit ihn gelehrt habe, „das Kontrollieren von Texten zu üben“ – nein, der immer schon etwas Lebenserfahrenere hatte weiter dazugelernt, hatte während harter Alltagsarbeit nicht nur Erfahrungen, sondern auch Erfolge angehäuft, und so verließ er diese Zeit als eine zwar literarisch noch nicht gefestigte, dafür menschlich gereifte, selbstbewußte Persönlichkeit. Was Malkowski heute „erfahrenen Wortschatz“ nennt und was seiner Ansicht nach den sehr guten vom nur guten Lyriker scheidet, das ist ihm in höchstem Maße zu eigen, und das gründet nicht zuletzt in den Erfahrungen, die ihm diese zehn Jahre zuteil werden ließen – oder, wie Malkowski wohl sagen würde, mit auf den Weg gaben.
Der Beleg fur diese These ist 81 Seiten lang und erschien 1975 im Suhrkamp-Verlag: Was für ein Morgen. Was für ein Debüt – der Dichter bewegt sich nahezu auf der Höhe seiner Fähigkeiten. Es war eben jener scheinbare Irrweg, der zum Umweg geworden war, der es möglich machte, daß er die Phase des jungen, des unvollkommenen Autors schlechterdings übersprang.
Eines kann nicht unerwähnt bleiben: Auch die Strömung der Konkreten Poesie hat Einfluß gehabt auf den wiedergefundenen Lyriker. Grundsätzlich stand der Autor dieser Bewegung – wie allen programmatischen, festgelegten Strömungen eher ablehnend gegenüber, und doch verstand er es, die Konkrete Poesie – und da vor allem Helmut Heißenbüttel – fruchtbar zu machen fürs eigene, im Entstehen begriffene Werk. Die eigenen Versuche erschienen ihm damals noch „zu gefühlvoll, zu lyrisch mit zwei ü“, und so kam ihm die Konkrete Poesie gerade recht. Sie wurde ihm zur „Abmagerungskur“, mit deren Hilfe er sich die selbstdiagnostizierte „lyrische Redundanz“ abhungerte. Was ihn immerhin beeindruckte an der neuen Bewegung, war der „Charakterzug des Ingenieurhaften“, den er sich bemühte, ins eigene Werk aufzunehmen und der sich bald schon – davon wird noch zu reden sein – auf typisch Malkowskische Weise verselbständigte.
Jetzt war er also endgültig „zum Schreiben zurückgekehrt“ – es ist in der Tat auffällig, wie häufig und bewußt Malkowski Formulierungen wie diese benutzt. Er betrieb nicht einfach irgend etwas anderes, er hatte sich nicht einfach beruflich verändert – er tat nun endlich wieder das Eigentliche, ihm Eignende. Diese Rückkehr wurde von Malkowski auch auf äußerlichem Wege nachvollzogen: In Erinnerung an glückliche Garmischer Tage – dort hatte er einst seine Frau kennengelernt – kehrte er zurück nach Bayern; seitdem wohnt Malkowski im oberbayerischen Brannenburg am Inn.
Bald schon folgten die ersten Veröffentlichungen in Zeitschriften und Zeitungen, bald ergab sich auch die entscheidende Weichenstellung – in Form von etwas, was Malkowski heute noch einen „Glücksfall“ nennt. Von verstreuten Veröffentlichungen neugierig gemacht, meldete sich der Suhrkamp-Verlag in Person des Lektors Jürgen Becker bei Malkowski. So kam zusammen, was noch heute zusammengehört. Auf „wohl Ende 1973“ datiert Malkowski rückblickend den entscheidenden Telefonanruf.
Damit ist klar geworden, daß eine Voranstellung der Biographie Malkowskis sich in der Tat nicht nur der reinen Rundung im chronologischen Sinne verpflichtet fühlen kann, sondern daß ohne sie nicht deutlich werden könnte, was den Menschen Malkowski zum Dichter Malkowski macht – wenn dies so exakt überhaupt zu trennen ist.
Denn: „Als ich meinen Beruf aufgab, wollte ich herausfinden, ob ich der Dichter – und das heißt auch: der Mensch – war, für den ich mich insgeheim hielt“.
Christof Kneer, aus: Christof Kneer: Rainer Malkowski. Neue Objektivität in der Lyrik. Monographie zu Leben und Werk Rainer Malkowskis, Peter Lang Europäischer Verlag der Wissenschaften, 1997