Bert Papenfuß eröffnet seine Kulturkaschemme Rumbalotte continua

Mashup von Juliane Duda zu der Kategorie „adhoc“

adhoc

Normalerweise hält sich auf diesen Seiten jegliche Kulturveranstaltung fern, aber im Fall von Bert Papenfuß’ Neugründung seiner Kulturkaschemme Rumbalotte continua“ (formlose Eröffnung am 17.9.2010 ab 20 Uhr) sei die lobende Erwähnung erlaubt und auf die „Protestvergißmeinnicht“-Lesung am 19.9.2010 ab 20 Uhr zum 80. Geburtstag von Adolf Endler ausdrücklich hingewiesen. Vielleicht funktioniert ja bis dahin auch die Adresse rumbalotte-continua.de. Und ein schwankender Gang zur „Staatsgalerie Prenzlauer Berg“ von Henryk Gericke trägt bestimmt zur politischen Standfestigkeit bei.

 

Weitere Informationen zum Haus der Anarchie

„Die Yuppies und ich, das wäre nicht gut gegangen“ (Kommentare lesen.)

BORDFUNK ist das akustische Zentralorgan der RUMBALOTTE PBC e.V.
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Von Bert Papenfuß bis Mao Tse-Tung – von Kai Pohl bis Jazra Khaleed
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Das Feix

(…)
Seinen Blick wieder meidend, sah Jurek scharf an Krause vorbei und traf den Goreks, der eben aus einem Zustand zwischen den Zuständen zu erwachen schien und sich mit einem Bier in der Hand reckte. Aus der Bewegung heraus prostete er Jurek beiläufig zu und dieser hob, nun durch den Wein legitimiert, seinerseits das Glas. Ihm war nicht klar, weshalb plötzlich der Gruß – denkbar, dass Gorek ihn erlösen wollte. Es war auch gleichgültig. Er schenkte sich den Rest aus der Karaffe nach, griff sein Glas, rang sich ein „Bis dann“ ab und steuerte auf den Platz neben Gorek zu, an der anderen Seite des Tresens.

„Hey Jurek.“
In dem verhaltenen Gruß lag eine kühle Wärme, und Jurek war stets aufs Neue irritiert, wenn sich durch das unzugängliche Gebaren des Meisters ein vertrauter Ton Bahn brach. Einklang herrschte schon einmal darin, dass man sich ausschließlich mit Menschen und Dingen abgab, denen man eine irisierende Seite abgewinnen konnte, und so wurde das Intermezzo Krauses mit keinem Wort kommentiert.
Seltsamerweise zupfte nun der leise Wunsch an ihm, mit Gorek über den Laden zu sprechen, man könnte ja neue Pläne schmieden. Gorek war ein Mann des Wortes wie der Tat, ein Impresario mit Rangabzeichen. Fortwährend war er mit einem Zeitungsprojekt beschäftigt. Oder mit den Programmen für Festspiele der Verweigerung. Oder mit der Travestie einer Oper. Alles Akte von Piraterie und gegen das gerichtet, was er als saturiert erachtete. Jurek sah in ihm den steinernen Roland des Etablissements, wenn nicht sogar des Bezirkes. Jedenfalls eines Bezirkes, dessen Herz noch nicht auf eine Bar zusammengeschrumpft war. Für allgemein verbindlich galt, dass Feix das Faktotum, doch Gorek das geistige Oberhaupt der Kneipe war. Dies zumindest entsprach dem ersten Hauptsatz der Szenedynamik, und so ging man je nach Laune auch nicht ins Feix, man ging ins Gorek.
Gorek! Der Inhaber dieses Namens war ebenfalls längst mit seinem Abbild verschmolzen; ohne Ansehen der Umstände trug er die immer gleiche Lederweste, darüber einen schweren Panzer von schwarzer Lederjacke. Man konnte nicht sagen, Feix wäre farbenfroher gekleidet gewesen, doch sein verschossenes Hemd, die Ärmel aufgekrempelt, und sein nicht minder betagtes Gilet verliehen ihm etwas Aufgeknöpftes und ließen ihn in Gesellschaft Goreks als einen Schelm erscheinen, der seine dunkle Seite zu Gast hat.
Zunächst kein weiteres Wort. In Jurek wuchs die Sorge, er hätte sich vielleicht doch aufgedrängt, nur um die Rolle dessen einzunehmen, dem er vor einer Minute zu entkommen versucht hatte. Die Begrüßung Goreks erwies sich dann aber doch als Fingerzeig, der gleichzeitig Einladung und Vorladung war, bitte näherzutreten. Wie von weit her, den Kopf in den Wolken seiner Zigarette, fragte er: „Sag’ mal, ich suche nach einem waidmännischen Begriff für Schwanz.“
Der Schriftenhändler war voll vom Fachjargon der Manuskripte, die er ankaufte. Speziell das anhängliche Die Jagd ist älter als das Wild zahlte sich jetzt doch noch aus. Wenigstens als ein herausragendes Beispiel für den Wert des Bleigehalts in seinen Regalen, als eine aufgerundete Null. Seiner auffälligen Treue zum Laden wegen hatte er das Manuskript eingehend gelesen und konnte nun zumindest ein Wörterbuch der Waidmannssprache vor Gorek ausbreiten: „Blume, Rute, Wedel, Lampe, Schweif…“ Da Gorek als Antimilitarist bekanntermaßen ein Faible für militärischen Jargon hegte, spielte sein Joker zwei Asse aus: „… Lunte oder Fahne“, denen gleich der höchste Trumpf folgte: „Standarte!“
Die Reaktion fiel ernüchternd aus: „Nein. Ich meine mehr so für Schwanzgefieder, beim Erpel zum Beispiel.“
Jureks Blick kreiste in kurzen Ellipsen um die Neige in seinem Glas, konzentriert, wie um in einer Büchse mit Schrauben den einzigen Nagel zu finden. „Bürzel!“ „Nein, nein, Bürzel ist klar. Es gibt da was anderes. Für die Ente und für die Gans.“
„Sterz!“
„Nein, Sterz ist es auch nicht. Irgendwas für das äußerste Ende vom Schwanz.“ Gorek schaute über den Tresen hinweg nach außen ins Innere. „Naja, am besten trifft es doch, was es ist …“
„Das wäre?“
„Schwanz.“
Gorek verfiel wieder in Reflexion. Dem folgte die Tat, welche er sogleich mit einem „Feixi, mach’ mir ’nen Aquavit!“ proklamierte. Der Schnaps kam in einem kurzen Schnitt, ein weiterer Schnitt und das geleerte Glas stand dort, wo ein Bruchteil zuvor das volle gestanden hatte. Mit gedämpftem Knall klappte er sein Notizbuch zu, übergewichtig wie der Index einer Klosterbibliothek, und griff nach seinem Armeerucksack. Feix bemerkte es und es sah aus, als sei dies ein bindender Wink. Fünf oder sechs ungeöffnete Flaschen Bier wanderten von ihm zu Gorek. Der verstaute sie in seinem Rucksack wie, Jurek deutete es so, einen Zins auf die Zeit seines Aufenthalts. Da Gorek seinen Panzer erst gar nicht abgelegt hatte, ging es nun schnell. „Feixi, ruf mir ein Taxi! Mach’s gut, Jurek. Ich bin raus.“

Henryk Gericke, aus Henryk Gericke: Der Raum ist aus den Fugen. Erster Teil, Privatdruck, Staatsgalerie Prenzlauer Berg, 2025

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