PEILUNGEN
XXXIV
Yeats sagte: Dem, welcher Geister sieht, erscheint
Menschenhaut lang danach entsetzlich grob.
Meine Vision, an die nichts mehr heranreicht,
Kommt einen Mittelgang entlang: Ich teil den Bus
Von San Francisco Flughafen nach Berkeley
Mit einem einzigen anderen – er steigt
Am Treasure-Island-Militärstützpunkt aus,
Halbwegs durch die Bucht. Mit Ziel Vietnam,
Hätt er aus frischem Grab zurück sein können,
Unüberraschbar, aber doch enttäuscht,
Wieder sein Bauernjungen-Selbst tragen zu müssen,
Seine Rasur-Blessuren, seine bleiche Stirn.
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Schlammvision
– Nobelpreis für Literatur 1995: Seamus Heany, wahrlich ein Dichter. –
Noch kleiner als Österreich und zugleich noch bedeutender in Größe und Anerkennung seiner Literatur dieses Jahrhunderts – ist es ein Zufall, daß Irland 1996 das Schwerpunktland bei der Frankfurter Buchmesse ist? 1995 erhielt ein weiterer irischer Dichter den Nobelpreis für Literatur: der im Todesjahr William Butler Yeats (1939) in der Grafschaft Derry als ältestes von neun Kindern einer Farmerfamilie geborene, in Dublin und in den USA lebende Seamus Heaney. Von seinem umfangreichen poetischen Werk erschienen – neben einer Auswahl bei Klett (1984) – bisher nur zwei Gedichtbände in deutscher Übersetzung sowie die Essays DIE HERRSCHAFT DER SPRACHE.
Tiefland des Gemüts und Landkarte passen exakt zusammen: Die innere Hydraulik eines Landes „Von Flatt und Pump und Flut bei Ulenflucht. Verschlickte Hoffnung“ sind zentrales Thema und neben Binse, Gichtbeere, Pechkiefer, Wassermyrte, neben Gärfuttergeruch und Moortannensümpfen das karge Leben der Torfstecher, Kleinbauern, Fischer… die dunklen Farben und Gerüche der Kindheit, deren Topografie und Vegetation, die er zu beinahe antiken-mythologischen Dimensionen aufwirft – kein Heimatdichter, sondern Odysseus von Banagher, in Dublin und Oxford ausgebildet und an der Harvard University unterrichtend.
Dabei bleibt er immer naß bis an die Knie, hört Wiesenknarre und Irrgäste, riecht bittere Nachtluft über rottendem Flachs, beschreibt den Regenbogen, der „sich flutbraun wölbte und wie der Rücken einer Wasserratte troff“, mag „Die Schreiber“ nicht („Und wenn ich niemals zu ihnen gehörte / konnten sie mir meinen Platz nie bestreiten“), sondern öffnet bedächtig wie ein Angel-Meister sein Buch des Versagens:
Vertrau dem Widerspruch. Jahre und Jahre vergehen, und ich beweg mich nicht, Weil ich sehe, wenn einer wirft, holt der andre ein, Und vice versa, ganz ohne Stellungswechsel.
Hannes Vyoral, Buchkultur, Heft 37, 1996
Fakten und Vermutungen zur Übersetzerin
IN DIE LUFT
in memoriam Seamus Heaney
Ich werde wohl die gemeinsam gefeierte Messe
an deinem Sarg vergessen, wie jene Priester
dich beanspruchten als ihren eigenen hellen Stern,
den hohen Chorgesang, dir zum Geleit
durch die mit Diamanten besetzten Tore
des Himmels, um dort Bücher für Gott zu signieren.
Auch vergesse ich wohl diese Krähe von Bischof,
der das letzte Wort haben mußte, indem er irgendeine
verfluchte lateinische Hymne krähte (obwohl dir
Latein ja lag), direkt nachdem dein Dudelsackspieler
mit einer überirdisch getragenen Weise deinen
Sarg bis hin zum Loch begleitet hatte dort in
Bellaghy, deinem trauten Grund, wo man zwei
Nächte später die Harfenistin fand, die im Dunkeln
für dich spielte, als habest du sie eingeladen,
um alles richtigzustellen. Daran will ich denken,
und an den Dudelsack, an deine Derry-Stimme,
dein Lachen und, ja, an ein Gedicht oder zwei.
Matthew Sweeney
Übersetzung Jan Wagner
Zum 70. Geburtstag des Autors:
Tobias Döring: Hier regiert die Zunge
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.4.2009
Volker Sielaff: Nachrichten aus dem irischen Ägypten
poetenladen.de, 13.4.2009
Fakten und Vermutungen zum Autor + Instagram 1, 2, 3 & 4 + KLfG + IMDb + PIA + Internet Archive
Porträtgalerie: akg-images + gettyimages + IMAGO + Keystone-SDA
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Nachrufe auf Seamus Heaney: Akzente ✝︎ Badische Zeitung ✝ Berliner Zeitung ✝ Der Spiegel ✝ der Standart ✝ Die Welt ✝ FAZ 1 + 2 ✝ SZ ✝ Tagesspiegel ✝ taz ✝ NZZ 1 + 2 ✝ Die Zeit ✝
Seamus Heaneys Rede zu seinem 70. Geburtstag.








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