VII (BEKANNTER SCHLAGER MIT VOYEUR & HOFFNUNG)
hey, aus dieser jugend
wird noch was, so wie die da
sitzen, diese silber
rückenslackness, haben nichts
davon, darüber nach
zudenken, wer da wem was gilt,
lagern um einen tisch in einem hohen raum,
und leuchten, und solange die musik nicht aufhört,
sind sie bilder, keine lebe
wesen, lärmen nicht, als es morgen
wird, atmen, hinter
lassen nichts, verschwinden
aus sich selbst, hinter
lassen ein fleisch in aus
bildung, hinter
kopfschmerzen, traum und ständer
angestaut, ein fleisch,
das niemandem gilt und hohl
klingt, aber
eben klingen dann
doch noch.
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Stefan Schmitzer schreibt Erzählungen und Gedichte,
und moonlight on clichy ist sein erstes Buch. Stefan Schmitzer ist ein Beobachter dessen, was um uns und mit uns vorgeht, und alles das hat in seinen Gedichten auch Platz: der EU-Gipfel in Innsbruck und das „Die Geschichtenerzähler machen weiter“ von Rolf Dieter Brinkmann, die Unruhen in der Pariser Banlieue, Arbeitslosigkeit, Sozialgeld und Songs, die einem vorübergehend aus dem ganzen Elend heraushelfen. Vor allem die Songs: Zitate von Jim Morrison und Bob Dylan, Bob Marley und Frank Zappa, Pink Floyd und Barry McGuire durchziehen die Zeilen.
Anderswo „schreiben sie hauptstadtprosa“, aber das ist keine Frage für Stefan Schmitzer; seine Gedichte beziehen ihre Kraft aus der Leichtigkeit von Song-Texten, und das macht sie zu wuchernden Fantasien und weitausholenden Gesängen (bei denen auch Ginsberg und andere Dichter der Beat-Generation Pate standen), die weitgehend ohne die Schnitt- und Montagetechniken gegenwärtiger Lyrik auskommen.
„meine panik / & mein lächeln / & das geht / zusammen“, heißt es einmal. Zwischen diesen beiden Befindlichkeiten, zwischen jugendlichem Optimismus und Verzweiflung, zwischen körperlichem Glück und gesellschaftlichem Unglück, halten diese Gedichte eine labile Balance.
Literaturverlag Droschl, Ankündigung, 2007
Noch brennt hier nichts
− Als Autor und Veranstalter ist Stefan Schmitzer seit einiger Zeit in der Grazer Literaturszene auffällig, im Verlag Droschl kam nun sein Buchdebüt heraus. −
Stefan Schmitzer geht der Ruf eines ebenso aufmüpfigen wie zielstrebigen Jungdichters voran. Beachtenswert an dem 1979 in Graz Geborenen ist die Tatsache, dass es hier jemandem gelingt, sowohl im etablierten Verwertungssystem als auch innerhalb einer sogenannten „freien“ Szene anschlussfähig zu sein. Man findet Schmitzers Namen sowohl unter den Teilnehmern einer unter dem Banner eines Hanns-Koren-Gedenkjahres nach Paris entsandten Delegation von manuskripte-Autoren als auch unter der neuen Garde von Kunstimpresarios des Forums Stadtpark oder als Mitautor einer Maildebatte, die im letzten Heft der solitären, am Rande des Betriebs angesiedelten Avantgarde-Zeitschrift perspektive veröffentlicht ist. Die darin abgedruckten Statements Schmitzers geben Aufschluss über das Selbstverständnis eines Autor, der sein eigenes „treiben irgendwo zwischen l’art pour l’art und agitprop“ einordnet. Schmitzer weiß um die Betriebslogik der Kontexte, in denen er sich bewegt:
sobald ich mich aber hinsetze, um mit meiner schreibe nicht den freundInnen eine freude/einen arschtritt/süsze träume/ausgangsmaterial zum schmähführen zu bereiten, sondern um kohle ranzuschaffen, heiszt das spiel anders, nämlich (…) konkurrenz oder ich-AGs.
Die herausfordernd-unakademische, tiefstapelnde Sprechweise, in der Schmitzer ästhetische und gesellschaftliche Fragestellungen aufgreift und mit seinen unmittelbaren Erfahrungen in Zusammenhang bringt, ist mittlerweile fast zu so etwas wie einem Markenzeichen des Autors geworden und zugleich Ausdruck eines juvenilen Habitus, der in sämtlichen Subszenen des Literaturbetriebs Akzeptanz findet. Ins Bild passt da auch der Grundgestus von Schmitzers poetischer Sprache, die stark mit alltäglicher Redeweise angereichert ist.
Der Titel seines ersten Lyrikbandes, moonlight on clichy, nimmt Bezug auf die Gewaltausbrüche, zu denen es im Herbst 2005 in französischen Trabantenstädten gekommen ist, und steht programmatisch für die Positionierung des Subjekts innerhalb des Spannungsfeldes zwischen Emotionalität und kritischem, politischen Bewusstsein. Damit führt der Autor seine Leser in Gedanken- und Empfindungsbereiche, die auch in der Beat-Lyrik der sechziger und siebziger Jahre oder in vielen Rock-Songs eine wichtige Rolle spielen. Bezüge zur einst aufsässigen U-Musik – Schmitzer zitiert Titel von Pink Floyd, The Doors, Fleetwood Mac und anderen Bands – unterstreichen den jugendhaft-angriffslustigen Grundgestus einer Lyrik, als deren dominantes, formgebendes Element ein drängender Rhythmus hervorsticht, der auf überzeugende Weise Empfindungen der Ruhelosigkeit und Gereiztheit zu suggerieren vermag: „und wir haben hier nichts zu melden wir sind nicht unsere generation unsere generation das sind die jungs die in frankreich die autos abfackeln und strassensperren legen“.
Die im Gedichtband ausgesprochene Parteinahme für die gesellschaftlich Deklassierten in den Banlieues hat aus dem Blickwinkel einer (derzeit noch) sozial beruhigten Provinzhauptstadt – ausdrücklich wird im Gedichtband ein „Schönaugürtel, dreispurig“ genannt – etwas Exotisches. Die Motivkette von „brennen“ und „warten“, die sich durch den gesamten Band zieht, ist immerhin als Verweis auf allfällige künftige, auch hierorts drohende Eskalationen deutbar. Der Dichter verwehrt sich in seinen Selbstkommentaren freilich gegenüber derartiger Interpretation – „na, ist das nicht eine scheiß-allegorie, zu simpel und doch zu gelehrt im abgang?“ Aus der Sicht der Peripherie sind solche hermeneutischen Spielereien tatsächlich unerheblich: „es gibt viel zu viel deutung, in der mitte, also, in der mitte einer welt, die an den rändern gleißt“. Das ist gut gesagt, und so, wie Schmitzer in seinem Debüt die Inszenierung emotionaler „Unmittelbarkeit“ mit formaler Bewusstheit verknüpft, gleißt das auch. Nicht nur an den Rändern.
Paul Pechmann, Falter, 14.2.2007
Danke fürs Aufwecken!
− Der Grazer Autor Stefan Schmitzer erweckt in seinen Gedichten die politische Lyrik zu neuem Leben. −
Stefan Schmitzer gehört zu den interessantesten jungen Dichtern aus Graz. Im Frühjahr 2007 ist sein erster Lyrikband, moonlight on clichy, bei Droschl erschienen, im Herbst folgte der Erzählband vier schuss bei Leykam. Vor allem Schmitzers Gedichte sind von einem Ton getragen, den man hierzulande schon länger nicht mehr vernommen hat: Selbstsicher, lässig und dennoch sehr reflektiert leiht der Autor einem politischen Ich und seinem metrosexuellen alter Ego eine Stimme. Der 28-Jährige agiert dabei sprachlich souverän, arbeitet in Strophen mit Variationen und Refrains, mit Sprüchen, Pop-Zitaten und Bildern und erzeugt so einen eigenen Groove.
[…] wir haben hier nichts zu melden wir sind nicht
unsere generation unsere generation das sind die jungs die
in frankreich die autos abfackeln und straßensperren legen […]
Politische Zusammenhänge poetisch zu benennen, ist das erklärte Ziel der 32 Gedichte von moonlight on clichy. Bereits der Titel bricht mit dem romantischen Mondnachtklischee, das der Lyrik oft noch anhaftet. Das Clichy in Schmitzers Gedichten ist nicht mehr das der „Stillen Tage“, sondern der Pariser Vorort Clichy-sous-Bois, in dem vor wenigen Monaten Jugendliche ziellos den Aufstand probten.
die banlieue als festung stell dir das mal vor die jungs
werden noch mal dazu kommen zu formulieren
was ihr klasseninteresse ist verstehst du genosse wir
sind nicht unsere generation und die vorstädte brennen
„Ein Gedicht ist für mich eine Laborsituation“, sagt Schmitzer im Gespräch. „Ich kann darin die Bedürfnisse, Träume und Stimmen einfangen, die um mich herum sind. Ich erkunde zum Beispiel, was das für ein Biest ist, das aus Massenmedien zu mir spricht. Ich kann aber auch Posen einnehmen und mich selbst auf die Schaufel nehmen.“
[…] oder mister
was wären sie in nem hollywoodfilm über mich?
Seine Vorbilder sieht der junge Grazer, der die Literaturschiene im Forum Stadtpark betreut und auch in der Grazer Jugendliteraturwerkstatt unterrichtet, in jenen Dichtern der 60er- und 70er-Jahre, die Poesie und Gesellschaftskritik verbanden: Peter Rühmkorf, Rolf Dieter Brinkmann, Peter-Paul Zahl, Reto Hänny und über allen Allen Ginsberg, der Ahnherr der Beat- und Pop-Poeten. Gleich wie Ginsberg versteht Schmitzer die Lyrik als politisches Instrument, als einen „Hebel, durch den man ins Traumleben, in die innere Bildwelten der Menschen vordringen kann.“
dann ist nacht, und ich habe hunger, sanften täubchen
hunger, und das essen wird geld gekostet haben, reproduktions
kosten, süße, verstehst du, irgendwo ist die gier
ein wesen geworden, atmet und träumt und so weiter […]
Schmitzer möchte mit seiner Lyrik verdeutlichen, dass der heutige Mensch im Charakter „stromlinienförmig deformiert“ ist und sich zu wenig um die sozialen Bedingungen schert, unter denen viele leiden. Dazu greift der Dichter zu starken Bildern und fährt mit ihnen frontal aufs Publikum zu. Und das mit Erfolg. Im heurigen Frühjahr, so erzählt Schmitzer, habe er an einer dieser Lesungen teilgenommen, wo an 3 Tagen 14 Poeten auf 50 Zuhörer losgelassen werden. Nach seiner Lesung sei ein Mann aus dem Publikum zu ihm gekommen und habe gesagt: „Danke fürs Aufwecken!“
Werner Schandor, Kulturservice.steiermark.at, Oktober 2007
Wo Haushaltsgeräte zum Sterben hingehen
− Neue Gedichtbände, für die, die keine Gedichtbände kaufen. −
…Punk as fuck könnte als Motto über den Gedichten des österreichischen Autors Stefan Schmitzer (Jg. 78) stehen. Die Sammlung moonlight on clichy, die zum Teil auf die einst innovativ bahnbrechende „Ich-scheiss-auf-deutsche-Texte“-Musikszene verweist, kommt ohne Autorenbiografie aus, ähnlich einem Rock- oder Popalbum. Dass es sich hier nicht um Weichspülerpop handelt, sondern um stimmlich verstärkte Beatlyrik nach dem Ende der Beatlyrik, ist allemal erfreulich. Am eindrucksvollsten gelingt es Schmitzer bei seinem Debüt in den längeren Gedichten assoziative Wahrnehmungs- und Bewußtseinsketten spielerisch miteinander zu verbinden:
ich singe den grund-
mauernblues, den glut-shuffle für den außen-
bezirk, für die vorstadtpomeranze und die glockenblume, milch-
weißer arsch und milch-weißer blütenkelch …
Hören wir da etwa so was wie Groove in einem deutschsprachigen Gedicht, im Gegensatz zu den sonst vorherrschenden restaurativen Tendenzen, die so gern preisberühmt von schmalstirnigen Kritikern gerühmt werden? Nun, Stefan Schmitzer muss ja nicht gleich den Großen Österreichischen Staatspreis um den Hals gehängt bekommen, bleibt zu hoffen, denn seine Gedichte zielen nicht auf Mumifizierung oder Kanonisierung ab, sie sind vielmehr ein lebendiger Ausdruck des nicht vereinnahmt werden wollens:
& ein klopfen zwischen den wänden &
etwas anderes als das hier
hinter den wänden aber
mein herzschlag & unsere
zauberkörper das beben geh eine gerade linie
folge einem strich auf der karte in die stadt …
Der Autor nimmt seine Leser mit in den rasenden Puls der Sprache, zum Herzschlag der besseren Musik. Allerdings: Einige Gedichte strotzen nur so vor Attitüde, was den Texten eher an Facettenreichtum und Möglichkeiten nimmt, dass man sich erinnert fühlt an Nachmittage in den frühen 90er-Jahren, als das Heimgras noch gut war, als die Haus-apotheke noch half und Gedichte von Rolf Dieter Brinkmann haltbar erschienen.
Allenthalben Respekt gilt dem droschl-Verlag aus Graz für diese wagemutige Veröffentlichung in Zeiten zunehmend apolitischer Verleger und eines fast schon servil zu nennenden Literaturbetriebs…
Tom Schulz, satt.org, Juni 2007
Sensible Seiten, brüchige Welt
Als Klaus Hoffer seinen genialen Gegenwartsklassiker Bei den Bieresch veröffentlichte, hatte Stefan Schmitzer gerade einmal seine ersten Lebensmonate absolviert. Dennoch eint die beiden Autoren eines: Ihre Bücher prägen das Droschl-Frühjahrsprogramm, das nicht nur enorm breit gefächert ist, sondern auch Repräsentanten mehrerer Dichter-Generationen mit dem Gütesiegel hochkarätiger Literatur unter einem Dach vereint.
moonlight on chlichy betitelt sich das poetische Debüt des Grazer Literaten Stefan Schmitzer (Jahrgang 1979), der sich in seinen oft und oft jeglichen konventionellen Rahmen sprengenden Gedichten rastlos in fiebrigen, wie halluzinierten großstädtischen Karstlandschaften mit pulsierender Wortrhythmik vorantreiben lässt. Sie ist markant angesiedelt zwischen Lawrence Ferlinghetti und Rolf Dieter Brinkmann. Es ist der Wortbeat unserer Tage, angereichert mit Verweisen und Zitaten oder Songtiteln, von Pink Floyd bis Jim Morrison, von Zappa bis Bob Marley. Einem blinden Passagier gleich durchstreift Stefan Schmitzer das Narrenschiff des Lebens, er tut es hellwach, verzweifelt, sarkastisch stets aber bewundernswert abgebrüht…
Werner Krause, Kleine Zeitung, 12.2.2007
Moonlight on clichy
„Zu laut, aber nicht laut genug / … / nicht leise genug, doch zu leise“, heisst es in den Gedichten des 1979 in Graz geborenen Stefan Schmitzer. Es ist diese nicht zu findende richtige Lautstärke, die Schmitzers Texte eindringlich machen wie Songs. Nicht zu eingängigen Songs allerdings, weil sie nicht übereinstimmen können und wollen mit der Welt. Weil es für dieses Ich keinen Ort gibt in ihr ausser einen poetischen, einen im Gedicht zu schaffenden. Subjektivität wird dabei zur Sprache gebracht, also aufgebrochen. Dabei lässt sich Schmitzer von keinem Jargon etwas diktieren. Seine Stimme ist die eines Nicht-, aber auch Noch-nicht-Zugehörigen. Schattenfolien einer andern Welt schieben sich unter seine Texte; „erste schübe / unwillkürlicher todesangst“ zersetzen den Zeilenfluss. Manchmal ist Stefan Schmitzer narrativ, ausladend gar, manchmal kühl und abrupt, atemlos, verstört, gehetzt. Und doch immer genau, wachsam, unversöhnlich. Es ist eine politische Lyrik. Ihre Heftigkeit ist jedoch immer ein Ausdruck ihrer Unsicherheit. moonlight on clichy ist Stefan Schmitzers erstes Buch. Und auch das zeugt von seinem Mut: zu debütieren mit einem schmalen Lyrikband.
Sms, Die Zeit, 13.8.2007
Weitere Beiträge zu diesem Buch:
Felix Philipp Ingold: Ungewollte Widersprüche
manuskripte, Nr. 177, 2007
Fritz Gaigg: we are the hollow men
schreibkraft.adm.at
Literarische Selbstgespräche … keine Fragen stellte Astrid Nischkauer – Von und mit Stefan Schmitzer








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