DIE FLIEHKRAFT
seiner Schrift,
ihre Springfluten,
aus denen plötzlich
offene Augen blickten
die zeigten,
er war bei sich selbst,
von seiner Scheu bewacht,
zugleich in einem anderen Leben
heimisch – Rudolf Hirsch
mit seiner Bewunderung
für Hofmannsthals Satz,
Hemmungen gehörten
zu unseren fruchtbarsten
Daseinsbedingungen;
mit seinem Mißtrauen,
wenn jemand radschlug
oder ohne Passion war;
mit seiner Aufmerksamkeit
für das, was er las,
mit dem er behutsam
wie mit Lebewesen umging;
mit seiner Stimme,
die man noch lange vernahm,
wenn die Telefonhörer
aufgelegt waren
in der Armut, im Reichtum
der Einsamkeit, der atmenden,
lauschenden Dämmerung.
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„Lesezeichen, Widerhall, Herzschlag“
– Nachwort zu neuen Gedichten und Aufzeichnungen von Walter Helmut Fritz. –
Nach vier Jahren ein neues Buch von Walter Helmut Fritz. Um mit seinem Freund Hermann Lenz zu sprechen, der wie er ein Zurückhaltender, Leiser war: „pressiert“ hat es ihm nie. Und wie schön zu sehen, daß der Autor im besten Sinn „ganz der alte“ geblieben ist. Gedichte und Aufzeichnungen – das sind neben Prosagedichten, jener Gattung, die zwischen den beiden genannten steht, die beiden literarischen Genres des späten Walter Helmut Fritz. In den 60er und 70er Jahren schrieb er auch Romane; darunter den französischen Nouveau Roman fortschreibende Werke wie Abweichung (1965) oder den autobiographisch grundierten Band Bevor uns Hören und Sehen vergeht (1975), der von einem Studenten im Heidelberg der Nachkriegszeit erzählt. Damals studierte Fritz bei dem Philosophen Hans-Georg Gadamer, dem er im vorliegenden Band einen eindrücklichen Gedichtzyklus widmet.
Im Lauf der Jahre hat sich Fritz, ein Freund des Einfachen, Lakonischen, ganz den kleinen Formen zugewandt; auf der Höhe seines Könnens sehen wir ihn in Offene Augen. Der Titel stammt aus „Die Fliehkraft“, einem der zahlreichen Porträtgedichte über Weggefährten des Autors. Es entwirft ebenso knapp wie poetisch ein Bild des Verlegers Rudolf Hirsch vom Fischer Verlag, wo Fritz Ende der 60er Jahre selbst einmal Lektor war. Diese „offenen Augen“ (Symbol der Aufmerksamkeit, Achtsamkeit) zeichnen auch Walter Helmut Fritz aus: was seine Physiognomie betrifft – seine großen, freundlichen Augen –, wie auch seinen offenen, der Welt zugewandten Blick. So zeugen auch die Texte seines neuen Buchs immer wieder von einem vorsichtigen, aber doch klaren „Ja“ zur Welt. Gleich das erste Gedicht gibt ein beredtes, aber – wie alle Fritzschen Texte – niemals redseliges Beispiel:
NACH DEM ERWACHEN
Dank für den Augenblick
in dem die Helligkeit
wieder da ist,
sich an die Arbeit macht,
auseinanderfaltet,
was sich eben noch
verdeckt hielt.
In manchen Gedichten und Aufzeichnungen geht es um Zweifel, um die zwangsläufigen Täuschungen eines Lebens, um Fehler, die man nicht mehr ungeschehen machen kann. Allerdings werden sie nicht als sinnlos oder gar zerstörerisch gesehen. „War dir dein Leben nicht unbegreiflich?“ heißt es einmal.
Und doch: woher diese Durchsichtigkeit? War es nicht so, daß zu vieles nicht aufging? Und doch: gab nicht gerade das deinem Leben Bewegung? Blieb nicht das am meisten Erwartete aus? Und doch: erstaunt dich nicht die daraus sich ergebende Fernsicht?
Auch in diesem Sinn schließt Fritz’ neues Buch mit seinem behutsamen Fragen, den Blicken aufs alltägliche Leben, Reisebildern, Lektüreeindrücken und Porträts, an seine zuletzt erschienenen Werke an, die Gedichtbände Zugelassen im Leben (1999) und Maskenzug (2003).
„Halt machen“ heißt eine Aufzeichnung, die den Autor mit den Dingen und der Natur quasi Auge in Auge zeigt.
Die Steine, der Hügel lassen einen nicht aus den Augen. Was haben sie für uns? Ihr Schweigen, ihre Ruhe, das Licht der Mittagsstunde als weithin sichtbare Aufführung.
Und ein andermal, über Tizians „Danae“:
Ein Bild ohne Beiwerk. Voller Ruhe. Eine Feier von Schönheit. Licht und Farbe füreinander geschaffen. Sie wetteifern miteinander; bleiben nicht stumm; gehen, wenn wir sie anschauen, in uns über.
Walter Helmut Fritz, der so oft die südeuropäischen Länder bereiste, ist auch ein Erbe des „mittelmeerischen Denkens“ von Albert Camus, der Licht, Wasser und Weite pries und ein entschiedenes Dennoch gegen die Absurdität des Seins setzte. Um wie viel absurder ist es, fast 50 Jahre nach Camus’ Tod, in unserer hochbeschleunigten, dem „Virtuellen“ verfallenen Welt…
Mit Fritz’ neuen Texten, die ganz ohne Beiwerk auskommen, ihrem ruhigen Blick, ihren „zeitleichten Fragen“, wie ein Gedicht überschrieben ist, kann man Halt machen: erkennen, daß der Himmel sich nicht entfernt, sondern zugehörig bleibt; daß alles Gewesene an- und abwesend zugleich ist; daß Zeit zu sich kommt, weil sie vergeht. Von „Lesezeichen, Widerhall, Herzschlag“ spricht er an einer Stelle. Diese drei Wörter scheinen wie ein Motto über seinem neuen Buch zu stehen, das von Begegnungen mit Büchern und Menschen erzählt, vom Widerhall der Natur, der Musik und Kunst – und vom poetischen Herzschlag seines Autors.
In zwei Jahren, im August 2009, wird Walter Helmut Fritz 80 Jahre alt. Jahrzehnte seines Lebens hat sich dieser große und bescheidene Autor in Jurys, Akademien und Kommissionen für Kollegen eingesetzt und sein eigenes Werk hintangestellt. Was er über den Schriftsteller Miguel Angel Asturias schreibt, trifft auch auf ihn zu:
Keinen Augenblick wirkte er aufgeplustert.
In der Aufzeichnung „Durch alle Verwehungen hindurch“ notiert Fritz denn auch ein kleines, aber um so schöneres Selbstporträt:
Geblieben ist der Wunsch zu bewundern, in der Poesie „das Wunder der Schönheit verwirklicht zu sehen“ (…), geistige Gespanntheit, sich kristallisierende Zeit, Dankbarkeit für das Rätsel des Lebens.
Matthias Kußmann, Nachwort
Neue Gedichte und Aufzeichnungen
vom „Musiker des Schweigens“ (Harald Hartung). Walter Helmut Fritz ist sich treu geblieben. Auch seine neuen Texte zeigen ihn als Meister der Lakonie. Schlicht und poetisch zugleich spricht er von Begegnungen mit Menschen, Büchern und Kunstwerken, von Reisen, Natur und Landschaft – und vom alltäglichen Leben. Offene Augen heißt Fritz’ neues Buch mit Gedichten und tagebuchartigen Aufzeichnungen. Und so einfach und knapp diese Texte sind, so viel Welt enthalten sie zugleich: die Erfahrungen eines knapp achtzigjährigen Dichterlebens konzentriert in wenigen Zeilen. Viel ist darin von der Schönheit und vom Reichtum der Welt die Rede – ohne deren dunkle Seiten zu verschweigen. Was bleibt, erfahren wir in dem Gedicht „Nach dem Erwachen“:
Dank für den Augenblick,
in dem die Helligkeit
wieder da ist,
sich an die Arbeit macht,
auseinanderfaltet,
was sich eben noch
verdeckt hielt.
Hoffmann und Campe, Ankündigung
Zyklus für Gadamer
Als „lakonisch“ werden die Gedichte, die Walter Helmut Fritz seit nun mehr als fünfzig Jahren publiziert, häufig bezeichnet. Wenn damit nur gemeint wäre, dass sie kurz sind, so wäre dagegen nichts einzuwenden. Doch kurz angebunden sind sie deswegen doch nicht. Im Gegenteil: Geduld und Sorgfalt der Beobachtungen, Gelassenheit und unaufdringliche Leserzugewandtheit zeichnen sie aus.
Das war bei Fritz schon immer so, und es gilt auch für das neue Buch, das nur einundzwanzig Gedichte enthält, dafür aber mehr als doppelt so viele Prosa-„Aufzeichnungen“: tagebuchähnliche Notate über Begegnungen mit Kunstwerken und Landschaften, hauptsächlich aber mit Schriftstellern und ihren Werken. Wenigstens einige von ihnen seien hier genannt: Johnson, Szymborska, Heißenbüttel, Tranströmer, Marie Luise Kaschnitz, Asturias und Canetti, aber auch Andreas Gryphius. Diese skizzenhaften Kurzporträts sind ganz persönlich, subjektiv und fragmentarisch gehalten, aber sie erreichen gerade dadurch den Rang einer meisterhaften Charakterisierungskunst: Fritz hat mit seinen Aufzeichnungen eine seiner Sensibilität und Gestaltungskraft genau entsprechende literarische Form gefunden, die er zu Recht neben seine Gedichte stellt. Darunter findet sich ein Zyklus aus zehn Kurzgedichten über den 2002 verstorbenen Philosophen Hans Georg Gadamer, den Fritz von seinem Studium in Heidelberg her persönlich kannte. Von ihm lernte Fritz offenbar, was es heißt, „erfüllt von der Lust / von Grund auf zu fragen“.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.1.2008
Weiterer Beitrag zu diesem Buch:
Maria Renhardt: Fest, das dauert
Die Furche, 6.3.2008
Poesie als individueller Moment
– Zu den Gedichten von Walter Helmut Fritz. –
Wenn Gedichte das ihnen eingeschriebene, jeweils besondere Maß ihrer Vollkommenheit erreicht haben, scheint es oft überflüssig geworden zu sein, noch über sie zu schreiben. „Über“ sie schreiben heißt ja schon, daß man sich außerhalb von ihnen befindet und nichts anderes zu tun vermag, als die in ihnen verdichtete Erfahrung in einer Sekundärsprache zu umkreisen.
Diesen Eindruck habe ich oft, wenn ich Gedichte von Walter Helmut Fritz lese. Nicht daß sie sich immer dem ersten Blick erschließen, schon gar nicht bis in ihre dunklen Falten und Hintergründe. Wie alle Gedichte von Rang sind sie Verdichtungen vieler Erfahrungen, die als Voraussetzungen in sie eingegangen sind und im Leser Resonanzen eigener ähnlicher Erfahrungen zum Klingen bringen. Aber das Beglückende an ihnen ist ihre sinnliche Präsenz und Lebensnähe. Im Unterschied zu dunklen hermetischen Gedichten und erst recht zu den schrecklichen poetisierenden Machwerken, die Subjektivität durch Sprunghaftigkeit und Konfusion vorzutäuschen versuchen, sind dies Texte, deren Poesie und Evidenz aus den individuellen Momenten persönlicher Erfahrung entsteht. Das hat bei Walter Helmut Fritz nichts Erzählerisches oder gar Anekdotenhaftes, sondern zeigt sich der meditativen Wahrnehmung als ein unverfügbares Innehaben von Wahrheit, die in der Niederschrift zu sich selbst gekommen ist, ohne je kommun zu werden. Ob es sich um eine Miniatur oder ein längeres, weite Zwischenräume überbrückendes strophisches Gedicht handelt, immer scheint der Text aus einem Schweigen hervorgegangen zu sein, das in ihm als Hintergrund mitenthalten ist und seinen fragmentarischen Sinn durch die Wortlosigkeit fundiert. Als Beispiel lese man das mehrteilige Gedicht einer erotischen Leidenschaft, das den Titel trägt „Schon ein gleichgültiger Blick sei ein Totschlag“, das als lyrisches Kondensat einer Erfahrung neben der erzählerischen Weiträumigkeit eines Liebesromans mühelos bestehen kann.
Dieter Wellershoff, aus: Walter Helmut Fritz: Ausgewählte Gedichte und Prosa, Wallstein Verlag, 1999








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