Ales Rasanaŭ: Zeichen vertikaler Zeit

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Ales Rasanaŭ: Zeichen vertikaler Zeit

Rasanaŭ-Zeichen vertikaler Zeit

RAUHREIF

aaaIch höre viele Worte.
aaaIch sehe eine Menge Leute.
aaaSie alle sagen, man muß Unaufrichtigkeit von Auf-
richtigkeit unterscheiden, das Sichtbare vom Wesen,
die Absicht von der Verwirklichung, die Sorge um
sich selbst von der Sorge um alle anderen…

aaaAber jetzt ist Winter.
aaaDie Worte wie die Menschen und alles ringsum
bedeckt Rauhreif.
aaaUnd die toten Bäume unterscheiden sich nicht
von den lebenden.

 

 

„Hundert Kilometer von Brest…“

Ales Rasanaŭ konnte die Gedichte, die seine Schwester in der Schule lernte, im Vorschulalter auswendig. Er ist 1947 geboren und lebte ohne die Schwester nicht, denn sie rettete, selbst im Vorschulalter, seiner Mutter das Leben. Im Nachbardorf war der deutsche Kommandant getötet worden, und die Deutschen trieben die Leute zur Erschießung zusammen. Die Kleine scherzte, sang, tanzte, bis die Deutschen ihretwegen die Mutter freigaben. – Der Vater wurde 1942 als Partisan gefangengenommen und nach Deutschland gebracht: Sachsenhausen, Mauthausen. Sein Leben rettete der Tod eines französischen Häftlings, dessen Marke man gegen seine, welche bei denen der Todeskandidaten lag, heimlich austauschte …
„Wo bist du aufgewachsen“, fragte ich Ales Rasanaŭ, als er im Juni 1991 Gast des Literarischen Colloquiums Berlin war. „In Sjalez, einem Dorf hundert Kilometer von Brest“, sagte er, und es ergab sich, befördert auch von meiner lebhaften Resonanz eine so reichhaltige Darstellung, daß ich nicht anders kann, als hier dieses Orts- und Kindheitsbild nachzuzeichnen. Aber ich sehe auch Rasanaŭs eigenständiges, elementares Denken in seiner Kindheit begründet, von wo es zu den Ansichten, Urteilen, Regungen eines, wie ich meine, national wie auch allgemein modernen Horizont sozusagen geradewüchsig aufgewachsen ist.
Beim Dorf ist ein Fluß und ein kleiner Wald, etwas entfernt beginnt der große. Die Kreisstadt heißt Bjarósa Kartússkaja – Karthäuser-Birke. Das Karthäuser-Kloster hat Ales noch gesehn, leer. Unter Chruschtschow wurde es – wie viele Kirchen – abgerissen. (…) In der Nähe des Dorfes befand sich ein Militärflugplatz. Unentwegt stiegen Maschinen auf oder landeten. Wie ein strahlender Stern stürzte einmal ein Flugzeug ab. Ales und sein Freund, welcher Flieger werden wollte, liefen über den Schnee zu der Stelle hin. Ein Jahr später trat der Freund in die Fliegerschule ein, einige Jahre später stürzte auch er ab. (Ihm gewidmet ist das „Poem von der Kindheit“. Aufnahme und Umkehr des Ikarus-Motivs im „Poem vom Brunnen“.)
Sjalez – ein sehr altes Dorf an der Straße, die Warschau und Moskau verband. Alte Bäume begleiten die Straße, hohe Pappeln und Linden, stehengeblieben in dem Abseits, in dem das Dorf nun liegt. – Werden Münzen gefunden? – Ja. Von der ältesten Herrschaft schon, dem Großfürstentum Litauen, dessen Kanzlei-Sprache Altweißrussisch war. Aus späterer Währung: packenweise die von der Oktoberrevolution entwerteten Zarenrubel in den Häusern. Polnische Złoty und deutsche Pfennige (aus beiden Weltkriegen) – überall, im Haus, im Boden … Patronen, mit denen die Kinder Feuerwerk spielten. Im Strohdach der Scheune stak ein Bajonett. Sprengkörper, Kanonenkugeln, Schachteln mit Pulver, Minen im Acker, eine zerriß einen Jungen. Rasanaŭs Vater zog, gleich nach dem zweiten Weltkrieg, sogar eine Kanone aus dem Fluß, von einem zur Wehrmacht gehörenden Magyaren-Trupp. Die Deutschen hatten beim Rückzug die Brücke vermint, die verspäteten Magyaren kamen zu dem für die Sowjet-Soldaten gedachten Tod. Auf einem bestimmten Acker fanden sich Eiserne Kreuze in Mengen.
Im Dorf hatten einstmals mittel- und westeuropäische Siedler gewohnt. Eine Straße hieß Forstatt, ein Dorfteil Die Holländer. Es gab den Rechtgläubigen-, den Katholiken- und den Judenfriedhof. Die Steine des jüdischen waren zum Bauen verwendet worden, der Gottesacker wurde Land wie anderes, nur der Name Jüdischer Friedhof blieb ihm Ältere Leute erzählten, die Deutschen hätten dort Juden zusammengetrieben und lebendig begraben, „die Erde atmete noch“.
Bei den Rasanaŭs lebte eine unverheiratete, selbstlose Tante, die nicht lesen und schreiben konnte, aber war „wie ein Teil der Natur“. Die Mutter, gelernte Sanitäterin, leitete den „Medpunkt“ im Dorf. Der Vater fand nach seiner Rückkehr aus den KZs nicht zurück in den alten Gang, träumte, trank, fuhr als Altstoffsammler durch die Dörfer …

Die von mir übersetzten Gnomischen Zeichen, eine Sammlung von „Philosophemen“, Überlegungen zur Kreativität, verfaßt in aphorismenartiger Bündigkeit, hat er selbst ins Russische übertragen. Seine Poeme und Gedichte – in Blankvers, rhythmisierter oder rhythmisch abgewogener Prosa (die sowjetisch zu Tode tradierte Reimdichtung souverän verlassend) und seine (z.T. auch gereimten) Punktierungen übersetzte ich aus dem Original mit Hilfe eines (aus mündlicher Konsultation in sie eingetragen) russischen Interlinears oder aus von Rasanaŭ vorbereiteten und von uns noch einmal durchgegangenen Interlinearen.
Seine Kvantemy (Quanteme), poetische Minimal-Bilder lassen sich nicht übersetzen, da sich ihre Poesie aus der Lautung aufbaut (ohne sich dem Spielraum der Lautmalerei zu überlassen und ohne die Grenzen zur Lautpoesie zu überschreiten). Wie Rasanaŭ hier das Körperliche der Sprache auf gleicher Ebene mitsprechen läßt, erinnert mich an das Bild seiner schriftunkundigen Tante im „Poem von den Sonnenblumen“. Ich erkenne eine prinzipielle Orientierung darin, die sich des Wirklichen aufs neue versichert, nachdem das autokratische Gebot totalitärer Ideologie endgültig Macht und Autorität verloren hat. Es verblüffte mich, in wie vielen Gedankenschritten der „Philosopheme“ ich solche wiedererkennen konnte, die auch ich zu gehen hatte. Verblüffte auch wegen der Ungleichheit unserer Länder und Naturen, verblüfft also hat mich das gleiche des Vorausgesetzten und Abgestoßenen, die Reichweite und konzeptionelle Einheitlichkeit des verlassenen Systems. Dabei wußten wir doch von Kindheit an, daß es ein Drache ist, der auf der Quelle sitzt, also ein uns in keiner Eigenschaft gemäßes Wesen. Das aber war das Symbol, jetzt ist die Summe (und mit ihr die Null-Grenze) erreicht.

Elke Erb

Nachwort

Ales Rasanaŭ wurde am 5. Dezember 1947 in dem Dorf Sjalez im Gebiet Brest geboren…
Seine dichterische Begabung trat bereits früh zutage – mit ersten Versen debütierte er 1961. Bislang hat er sieben Gedichtbände veröffentlicht, an denen sich die Entfaltung eines genuin poetischen Bewußtseins von ungewöhnlicher meditativer Kraft ablesen läßt, das sich weder durch ideologische Gängelungsversuche noch durch künstlerisches Unverständnis tonangebender Kritiker beirren ließ. Auch als Übersetzer litauischer, bulgarischer und vor allem georgischer Lyrik machte Rasanaŭ sich einen Namen. Außerdem faßte er seine Überlegungen zum Wesen des dichterischen in aphorismusartigen, von ihm „Philosopheme“ genannten Prosatexten zusammen, die gesammelt unter der Überschrift Gnomische Zeichen 1994 in seinem bislang letzten Gedichtband erschienen sind.
Rasanaŭs Weg in die Dichtung begann in der von politischer Stagnation bestimmten nachstalinistischen Restaurationsperiode. Die Unvereinbarkeit seiner der weißrussischen kulturellen Tradition verpflichteten Geisteshaltung mit der offiziellen, ideologisch verbrämten Russifizierung führte 1968 zu seiner Relegierung von der Minsker Universität. Als Wortführer einer Gruppe von Studenten hatte er gefordert, in einigen Fächern das Russische als Vorlesungssprache durch das Weißrussische abzulösen. Erst aufgrund der Fürsprache namhafter weißrussischer Schriftsteller durfte er sein Philologiestudium an der Pädagogischen Hochschule in Brest beenden.
Trotz Rasanaŭs von Anfang an deutlich hervortretender dichterischer Originalität tragen manche seiner frühen Gedichte thematisch ebenso wie in ihren hergebrachten formalen Mitteln die Färbung jener Jahre. Dennoch kam sein erster Gedichtband Wiedergeburt, 1970 nicht ohne empfindliche Eingriffe der Zensur heraus, denen ganze Passagen zuvor bereits in Zeitschriften veröffentlichter Gedichte zum Opfer fielen. Der Titel des Bandes hatte programmatische Bedeutung; er signalisierte Rasanaŭs Eintreten für die Wiedergeburt der weißrussischen Poesie aus dem Geist existentieller Freiheit. So verteidigte etwa das Gedicht „Suche“ das Recht des Dichters auf immer wieder neue Wege in der Kunst, und das Gedicht „Tomaso Campanella“ ist eine nur wenig verhüllte Klage auf das Martyrium der weißrussischen geistigen Elite während der stalinistischen Terrorherrschaft.
Rasanaŭs zweiter Gedichtband Auf immer. Gedichte und ein Poem erschien 1974. Er ist in drei Abschnitte gegliedert: Der erste enthält 33 Gedichte, teils in gebundener Rede, teils in freien Rhythmen, in denen das poetische Anliegen des ersten Bandes weiterverfolgt wird; mehrere Gedichte weisen in ihrer balladesken Form – z.T. behandeln sie Themen aus der weißrussischen Geschichte – auf Rasanaŭs jüngste Entwicklung hin. In dem Gedicht „An die Dekabristen“ taucht erstmals das für Rasanaŭs dichterisches Temperament charakteristische Bild der gespannten Bogensehne auf, das hier den Weg der Opfer des russischen Dekabristenaufstandes von 1825 in die Unsterblichkeit symbolisiert. Der zweite Abschnitt enthält 89 Punktierungen (so nennt der Autor drei- bis achtzeilige Gedichte ohne Überschrift), die in nuce jeweils eine ganze poetische Idee enthalten: „Wohin? Woher? / Schweigen. / Die Zeit gibt keine Antwort. / Ich stehe – und bin selbst die Frage, / ich gehe – und bin selbst die Antwort.“ Den dritten Abschnitt bildet das Poem „Auf immer“. Sujet ist die Verteidigung der Brester Festung im Jahre 1941, thematisch aber kreist das eher lyrisch-meditative als epische Gedicht um das Phänomen der Seelenstärke der sich zur Wehr Setzenden, das den historischen Vorhang ins Gleichnishafte erhebt.
In seinem dritten Band Koordinaten des Seins. Poeme (1976) wendet sich Rasanaŭ ausschließlich einer meditativen längeren Gedichtform zu, deren rhythmische Organisation von gereimten Vierzeilenstrophen bis zu blockartig voneinander abgesetzten Sinnkomplexen in Prosa reicht. In vierzehn Poemen, die dem Leser das Äußerste an Konzentration abverlangen, versucht Rasanaŭ, die conditio humana angesichts heute dem Menschen scheinbar nach jeder Richtung hin offenstehender Möglichkeiten neu zu bestimmen. Stofflich bedient er sich dabei antiken und östlichen Mythen entstammender Bilder ebenso wie solcher, die seiner weißrussischen Dorfwelt entnommen sind. Der Widerspruch zwischen einer ins Unendliche zielenden rationalen Erkenntnis und disharmonischer, letztlich zerstörerischer Handhabung des stückweise Erkannten bildet das Hauptthema der Poeme „Es gab einst den Sumpf“, „Poem von Licht“ und „Poem vom Brunnen“. Im letzteren, das eine Abwandlung des antiken Mythos von Daidalos und Ikaros darstellt, nimmt Ikaros in einem Traum seinen Weg nicht von der Erde fort in den sonnendurchglühten Raum, sondern in sie hinein. Aber auch dabei läßt er sich von der Warnung seines Vaters, die innere Wasserzone des Erdballs zu meiden, nicht aufhalten. Im Gegenteil, er will einen tiefen Brunnen graben. Ikaros’ Worte: Ich fühle, daß wir nicht aus uns selbst sind“, geben der Hoffnung Raum, daß der menschliche Forschungstrieb einer metaphysischen Notwendigkeit unterliegt. Dennoch heißt es im Schlußgedicht des Bandes, „Poem vom Gleichgewicht“: „Verlasse uns nicht, / wolle uns nie verlassen – / nicht jetzt, nicht später – / o Gleichgewicht!“ Mit anderen Worten: Dem Menschen ist die Verantwortung für sein Schicksal nicht abgenommen.
Weg 360. Poeme und Gedichte, 1981, ist der Titel von Rasanaŭs viertem Band. Er besteht aus neun Poemen, die den Themenbereich der vorhergehenden Poeme weiter ausdehnen, zugleich aber eine gewisse Einheit bilden, da sie in einem weitgefaßten Sinn die wesentlichen Stationen und Einsichten von Rasanaŭs dichterischer Existenz umschließen. Auf jedes Poem folgen zwei Gedichte, die dem allgemeinen Thema des Bandes zugeordnet sind, sowie zwei von Rasanaŭ „Quanteme“ genannte Wortfügungen von wenigen Zeilen, in denen, oft unabhänig von grammatischen Regeln, bestimmte Klang- und Sinnkomplexe aufblitzen: „die Flucht dauert / eingeschlossen / in Worte / der Tod / ich bin allen bekannt.“ In dem „Poem vom Echo“ steht die Sensitivität des durch seine Begabung von seiner Umgebung isolierten Menschen im Mittelpunkt. Die beiden am Anfang und am Ende des Bandes stehenden Poeme, „Erstes Poem vom Weg“ und „Zweites Poem vom Weg“, suchen eine Antwort auf die Frage nach der Stellung des Menschen in der Welt: „Ich bin der Weg und bin, der auf dem Weg geht.“ Der Mensch steht in einem unendlichen Zusammenhang. Durch seine Körperlichkeit hindurch ist er auf dem Weg in ein anderes, transzendentes, geistiges Sein, sich lossagend von dem, was allein der Welt gehört, von „Hund und Schwein“ (nach Matth. 7,6). Das Verflochtensein von Leben und Tod erklärt den Titel des Bandes: Es schließt sich der Kreis von 360 Grad.
1988 kam ein weiterer Gedichtband Rasanaŭs heraus: Die Pfeilspitze. Versetten, poetische Miniaturen. Neben 33 „Quantemen“ und 96 „Punktierungen“ enthält er 93 „Versetten“ – balladenhafte, oft dramatisch zugespitzte Prosagedichte von durchschnittlich einer Seite Länge. Jeder dieser Versetten ist ein sprachliches Geschehen, in dem sich hinter einer scheinbaren äußeren Einfachheit ein assoziationsreicher symbolischer Gehalt verbirgt.
In dem 1992 erschienenen Band In der Stadt herrscht Rahwolod. Wortverse und Punktierungen wendet sich Rasanaŭ einer ganz neuen Art von Gedichten zu: er untersucht das gesamte lautliche (und etymologische) Umfeld bestimmter Worte, in denen er Schlüsselworte der menschlichen Existenz sieht. Diese „Wortverse“ entziehen sich einer Übersetzung, dafür sind sie geeignet, die spezifische Denkweise der Sprache, in der sie geschrieben sind, zu veranschaulichen. Als Beispiele seien einige Überschriften dieser Gedichte genannt: „Stadt“, „Weg“, „Durst“, „Nacht“, „Gespräch“.
Der bisher letzte Band Rasanaŭs Jagd im paradiesischen Tal enthält neben neuen Versetten, Poemen, Punktierungen und Wortversen auch die eingangs erwähnten Gnomischen Zeichen. Ebenso wie Rasanaŭs lyrisches Œuvre legen sie Zeugnis dafür ab, daß hier eine Stimme sich zu Wort meldet, die im Ensemble der modernen europäischen Dichtung nicht mehr zu überhören ist.

Norbert Randow, Nachwort

 

Der Poet ist die Seele der Sprache

– „Ich bin im Kreis, wo das Wort sucht das Wort, und der Mensch – den Menschen.“ – Diese Zeilen aus dem Gedicht „Der Kreis“ charakterisieren am deutlichsten Person und Werk des 1947 in einem Dorf bei Brest geborenen weißrussischen Autors Ales Rasanaŭ, von dem nun ein umfangreicher Auswahlband seiner Lyrik und Prosa in deutscher Übersetzung vorliegt. Mit ihm tritt unserer westlichen intellektuell und rational orientierten Literatur eine in Metaphorik und Denkweise völlig andere, von der Herkunft des Autors aus dem ländlichen Leben des Ostens mit seiner Naturverbundenheit und der Offenheit des Fühlens und Denkens geprägte Poesie entgegen. Sie erstreckt sich über eine weitgespannte, farbig, plastisch und zugleich lakonisch artikulierte Ausdrucksbreite von beschreibenden und reflektierenden Versen und Prosagedichten bis zu aphorismusartig ausgearbeiteten Überlegungskomplexen. –

Letztere, „Philosopheme“ genannt und unter dem Titel „Gnomische Zeichen“ zusammengefaßt, stellen das jüngste, im Original 1995 publizierte, Werk des Autors dar. Es ist eine Art von Poetologie, die Wesen und Substanz der Dichtung unter vielfältigen Aspekten im Hinblick auf ihren humanen Horizont zu erhellen sucht. Dabei kommt Rasanaŭ zu Schlüssen, wie sie heute im Westen keiner mehr zu formulieren wagen würde, fürchtend, als Traditionalist verschrien zu werden.
Der Poet ist die Seele der Sprache, lautet ein Kardinalsatz, vergleichbar etwa der ebenso kühnen, vor fast zweihundert Jahren in die Welt gesetzten Maxime Eichendorffs „Der Dichter ist das Herz der Welt“.
Diese Betrachtungen lassen sich wie eine Metaphysik der Poesie lesen, sind sie doch mit dem gesamten Kosmos der Kunst und Kultur, mit der Frage nach ihrem existentiellen Sinn verknüpft.
Auch in den anderen, zwischen Lyrik und Aphorismus stehenden, Textgruppen transzendiert Rasanatŭ Natur, Zeit, Seins- und Sinnfragen in Versen von klarer Tiefe und Schönheit:

Wohin? Woher?… – Schweigen…
Die Zeit gibt keine Antwort.
Ich stehe – und bin selbst die Frage,
ich gehe – und bin selbst die Antwort.

Den Bogen von der Antike bis zur Gegenwart, von Heraklit bis Yves Klein spannend, schöpft der Autor seine Denk- und Ausdrucksmuster aus Quellen östlicher Lebensweise und Mythologie, aus Daseinswerten und -Formen, die für uns längst verschüttet scheinen. Seine poetischen Bilder sind vielfach dem Milieu seiner Herkunft entnommen, dem von Armut geprägten Dorfleben, den bäuerlichen Verrichtungen, der Nähe dieses Lebens zu Erde, Tier und Pflanze.
Das gibt seinen „Poemen“, „Versetten“ und „Punktierungen“ Frische und Unmittelbarkeit, kleidet die Auseinandersetzung mit der „conditio humana“ in eine Sprache, welche auch die schwierigste theologische oder philosophische Problematik von jeder wissenschaftlichen Terminologie freihält und den Texten eine faszienierende Lesbarkeit verleiht. Ein Gedichtzyklus, die Stellung des Menschen in der Schöpfung, sein Verhältnis zu ihr und das der Schöpfung zu ihm in vielen Varianten durchspielend, heißt „Lehm“ und benutzt diesen Begriff als Schlüsselwort. Die psychisch offenbar stark belastete Erinnerung an den Vater, der nur wie durch ein Wunder der Vernichtung im KZ Mauthausen entkam. ist in eine zum Greifen dicht gewebte Atmosphäre des armseligen dörflichen Lebens nach dem Kriege gebettet.
Rasanaú, der seinen Weg als Schriftsteller in der nachstalinistischen Epoche begann und anfangs die Zensur zu spüren bekam, rechnet in dem an erster Stelle des vorliegenden Bandes publizierten Poem „Der Brunnen“ aus dem Jahre 1957, die alte Daidalos-Sage variierend, offensichtlich auch mit jener Zeit ab:

Bisher hab ich gelebt nach fremden Regeln
… Ich kann nicht
leben nach der Pflicht bis in den Tod.
Das einzige, was mich bindet, ist – die Wahrheit…

Das Suchen nach der Wahrheit im Bewußtsein, daß eine Annäherung an sie nur in der Anerkenntnis der Geschichte, der Vergangenheit möglich ist, macht ein Grundelement der Dichtung dieses Autors aus, der zu den wichtigsten der weißrussischen Literatur zählt.

Vorüber, verschwunden…
Und im Gras
spielt furchtlos ein Lichtstrahl.
Doch das Vergangene lebt,
behält uns im Blick.

Elke Erb hat die Texte im Zusammenwirken mit Norbert Randow in bewundernswerter Nähe zum Original übertragen, die alle Nuancen der östlichen Sprache spürbar macht. Informative Nachworte der Übersetzer beschließen den Band.

Walter Neumann, die horen, Heft 189, 1. Quartal 1998

Poetisches Wunder aus Weißrußland

Ein Buch, das man nicht mehr aus der Hand legen mag. Sein Verfasser, auf dem Umschlagbild in franziskanischem Zwiegespräch mit einem Vogel, heißt Ales Rasanaŭ, wurde 1947 in Weißrußland geboren und hat seit 1970 mehrere Gedichtbände veröffentlicht. Zeichen vertikaler Zeit, die von Elke Erb wunderbar komponierte und ins Deutsche übertragene Auswahl, umfaßt Poeme, Versetten, Punktierungen und Betrachtungen, mithin die ganze Bandbreite von Rasanaŭs lyrischem und aphoristischem Schaffen. Das Staunen, das einen bei der Lektüre überkommt, gilt dabei zweierlei: der elementaren Kraft der Texte sowie der Frage, wie diese, größtenteils in sowjetischen Zeiten entstanden, die Hürde der Zensur nehmen konnten. Denn Rasanaŭs Naturmystizismus – in den Poemen „vom Brunnen“, „von der Sonnenblume“, „vom Fisch“ oder „vom Echo“ – ist so wenig bodenständig-naiv, wie seine Reflexionen didaktisch sind. Ein Dichter jenseits der Vereinnahmung, der seinen Sinnen und der Sprache vertraut, der bei der Suche nach dem Wesen des Seins auf die Bibel, auf Heraklit und Kasimir Malewitschs Schwarzes Quadrat rekurriert.
Rasanaŭs Radikalität kommt im Gewand scheinbarer Einfachheit daher, Manierismen und Experimente sind ihr fremd. Reduktion ist das Stichwort einer Recherche, die zwanglos Metaphysik und Mystik streift. Das äußert sich in haikuhaften Zeilen wie diesen:

Ein Bogen Papier –
ein Bogen Leben:
die Zeit nimmt ab,
nehmen die Zeichen zu.

Das nimmt die Form von poetischen „Punktierungen“ an:

Ich komme an Orte,
wo ich schon einmal war,
und ich weiß nicht, wie erkläre ich
den Bäumen, den Leuten, mir selbst,
daß es mich nunmehr zweimal gibt,
und ich weiß nicht, womit fülle ich aus
die Lücke zwischen diesem und jenem.

Immer geht es Rasanaŭ darum, seine Beobachtungen, seine Bilder an den Punkt zu treiben, wo sie durchlässig werden. Denn:

In der Kunst ist das Wichtigste nicht das Bild selbst, sondern seine Fähigkeit, durchsichtig zu sein, durch sich hindurchzulassen, was es selbst nicht ist, ein ,Durchlaßbild‘ zu sein.

Solche Po-Ethik, uralt und nie anachronistisch, verleiht Rasanaŭs Versen Atem und lapidare Schönheit. Keine Prätention, keine Originalitätssucht stehen ihr im Wege.

Dort, wo die Person verstummt und ihre Niederlage spürt, wird der Dichter geboren.

Um so deutlicher sprechen die Dinge, die Dörfer und Flüsse, die Hügel und Zäune, der Lehm, der Himmel, die Schnecke. Um so heller leuchten die Paradoxien, die scheinbaren Tautologien: „Die Vergangenheit, die war Jetzt.“ „Nicht schwerer ist Schale als Schale.“
In seinen langen Poemen erprobt Rasanaŭ den epischen und den Märchenton, setzt auf Anrede und Dialog; im 58-teiligen Gedichtzyklus „Lehm“ entfaltet er mit meditativer Geduld sämtliche Facetten dieser Urmaterie, macht sie zur Metapher, zum Palimpsest.

Die Möglichkeit sucht sich.
So gibt sie
Ihren Namen
Dem Lehm.

Man mag in diesem Satz auch ein poetologisches Credo erkennen, denn Potentialität und Kreativität sind Verbündete, nicht anders als Zufall und Wille. In seinen 1994/95 entstandenen „Philosophemen“, genannt Gnomische Zeichen, räumt Rasanaŭ verallgemeinernd ein:

Das Leben besteht in der Möglichkeit des Lebens, der Mensch besteht in der Möglichkeit des Menschen: Er besteht insoweit, wie er der wird, der er werden kann.

Manches an Rasanaŭs Reflexionen über Kunst und Wahrheit, über Sinn und Schweigen, über Zeit und Tod, über Gott und Mensch mutet auf den ersten Blick vertraut an, entpuppt sich beim Wiederlesen aber als ebenso sensibel wie eigenständig. Da heißt es etwa:

Der Tod ist ein Nonsens, aber das Leben berät sich mit ihm.

Oder:

Einfachheit, die das Stadium der Kompliziertheit nicht durchlaufen hat, ist Primitivität.

Besonders zahlreich und ergiebig sind die Gedanken zur Poesie – Exerzitien der Selbstbefragung, aus denen nirgends Dünkel spricht.

Das Gedicht ist eine Einführung in die Zukunft: das ist sein Wert, das ist seine Qualität, das ist sein Sinn. Im umgekehrten Fall, wenn es nichts als bekundet, wird das Gedicht zu einer Quantität und muß sich, um sich zu erhalten, unablässig vermehren, vervielfältigen, doublieren, reproduzieren, vermelden, daß es existiert.

Ales Rasanaŭs Dichtung will nichts vermelden, will keine Botschaften transportieren; gerade deshalb „scheint sie selig in sich selbst“ (Mörike). Nicht zeitabgewandt, sondern zeitenthoben, in weißruthenischem Idiom, als wärs eine Allsprache.
Soviel noch zu Geographie und Biographie: Rasanaŭ wuchs im Dorf Sjalez auf, hundert Kilometer von Brest entfernt. Die Mutter, der Erschießung durch die Deutschen nur knapp entkommen, arbeitete als Krankenschwester, der Vater, während des Krieges in mehreren deutschen KZs interniert, „träumte, trank, fuhr als Altstoffsammler durch die Dörfer“ (Elke Erb). Und die analphabetische Tante war so selbstverständlich da, als verkörperte sie ein Stück Natur. – Rasanaŭ studierte Philologie, zuerst in Minsk, dann in Brest, und debütierte 1961 mit ersten Gedichten. Von ideologischer Gängelung ließ er sich nicht beirren. Er schuf einen poetischen Kosmos eigener Art, der im Lokalen die Welt aufspürt, der Einfall und Gelehrsamkeit, Schlichtheit und Komplexität aufs natürlichste zusammenbringt. Inzwischen sind die Kritikaster verstummt. Denn Rasanaŭs Stimme trägt, weit über Weißrußland hinaus.

Ilma Rakusa, Neue Zürcher Zeitung, 12./13.4.1997

Die Summe der Unmöglichkeiten

− Porträt von Ales Rasanaŭ. −

Ales Rasanauŭ konnte die Gedichte, die seine Schwester in der Schule lernte, im Vorschulalter auswendig. Er ist 1947 geboren und lebte ohne die Schwester nicht, denn sie rettete, selbst im Vorschulalter, seiner Mutter das Leben. Im Nachbardorf war der deutsche Kommandant getötet worden, und die Deutschen trieben die Leute zur Erschießung zusammen. Die Kleine scherzte, sang, tanzte, bis die Deutschen ihretwegen die Mutter freigaben. – Der Vater wurde 1942 als Partisan gefangengenommen und nach Deutschland gebracht: Sachsenhausen, Mauthausen. Sein Leben rettete der Tod eines französischen Häftlings, dessen Marke man gegen die seine, welche bei denen der Todeskandidaten lag, heimlich austauschte.
Was war Weißrußland im allgemeinen deutschen Nachkriegsbewußtsein bis heute? Fast unsichtbar blieben die Länder, Völker, Kulturen der Sowjetunion für die auf das Politische reduzierte Wahrnehmung: Dort war die Sowjetunion („die Russen“) und herrschte Moskau, und hinter Moskau kam Sibirien, welches die Bedeutung des zaristischen und sowjetischen Schreckens in sich schloß, „die Weiten Rußlands“ abschloß und besiegelte und die Kälte des russischen Winters signalisierte. Die im Krieg von den Deutschen verursachten Schrecken hielten vielleicht noch zwei Städtenamen im Bewußtsein: Leningrad (die Blockade) und Stalingrad (der Kessel).
Und die weißrussische Literatur? (Was wäre uns vordem Rußland gewesen ohne die russische Literatur?) Bei Wassil Bykaŭ, dem einzigen weißrussischen Autor, der – mit der einschneidenden Kontur seiner schonungslos gespannten Parabeln über den Krieg – weithin bekannt wurde, besagte das Adjektiv ,weißrussisch‘ wohl kaum etwas. Ganz so, als habe die Doktrin der stalinistischen Rangordnung recht, die abstufend anordnete, der sozialistische Charakter sei das Wesen, der nationale aber nur die Form der Erscheinung. (Setze für die erste Position „wahre Literatur“ ein…)
Das Blendwerk weicht, der Ost-West-Konflikt ist beendet. Die Wahrnehmung ist frei – und hat keine Zeit zu verlieren. Auch Bykaŭ wird als Weißrusse gelesen werden können, wenn auch Weißrußland wahrgenommen wird. „Wo bist du aufgewachsen“, fragte ich Ales Rasanaŭ, als er mit Wjatschaslaŭ Adamtschyk im Juni 1991 Gast des Berliner Literarischen Colloqiums war. „In Ssjalétz, einem Dorf hundert Kilometer von Brest“, sagte er, und es ergab sich, befördert auch von meiner lebhaften Resonanz, eine so reichhaltige Darstellung, daß ich nicht anders kann, als hier dieses Orts- und Kindheitsbild nachzuzeichnen. Aber ich sehe auch Rasanaŭs eigenständiges, elementares Denken in seiner Kindheit begründet, von wo es zu den Ansichten, Urteilen, Regungen eines, wie ich meine, national wie auch allgemein modernen Horizonts sozusagen geradwüchsig aufgewachsen ist.
Beim Dorf ist ein Fluß und ein kleinerer Wald, etwas entfernt beginnt der große. Die Kreisstadt heißt Bjarósa Kartússkaja – Karthäuser-Birke. Das Karthäuser-Kloster hat Ales noch gesehn, leer. Unter Chruschtschow wurde es – wie viele kirchliche Gebäude – abgerissen. Karthäuser-Birke war bekannt wegen des größten polnischen Gefängnislagers. Der Westen Weißrußlands gehörte von 1921 bis zum Einmarsch des Sowjetheers (1939) zu Polen. Das Lager war gefüllt mit weißrussischen Patrioten. Dann bezog ein sowjetischer Truppenteil das Gefängnis, es hieß nun Krasnaja Kasarma – Rote Kaserne (da aus roten Ziegeln gebaut). In der Nähe des Dorfs, zwischen Ssjalétz und Bjarósa, befand sich ein Militärflugplatz. Unentwegt stiegen Maschinen auf oder landeten. Wie ein strahlender Stern stürzte einmal ein Flugzeug ab. Ales und sein Freund, welcher Flieger werden wollte, liefen über den Schnee zu der Stelle hin. Ein Jahr später trat der Freund in die Fliegerschule ein, einige Jahre später stürzte auch er ab (ihm gewidmet ist das „Poem von der Kindheit“. Aufnahme und Umkehr des Ikarus-Motivs im „Poem vom Brunnen“. Das Anwesen der Eltern hatte das Wasser von einem Brunnen.)
Ssjalétz – ein sehr altes Dorf, an der Straße, die Warschau und Moskau verband. Alte Bäume begleiten die Straße, hohe Pappeln und Linden, stehengeblieben in dem Abseits, in dem das Dorf nun liegt. – Wurden Münzen gefunden? – Ja. Von der ältesten Herrschaft schon, einem weißrussischen Fürstentum, das – wie ganz Weißrußland bis zum Ende des 14. Jahrhunderts – in das Grossfürstentum Litauen einging, dessen Kanzlei-Sprache Altweißrussisch war. Dickleibige Chroniken und Gesetzeswerke sind erhalten. – Aus späterer Währung: packenweise die von der Oktoberrevolution entwerteten Zarenrubel in den Häusern. Polnische Złoty und deutsche Pfennige (aus beiden Weltkriegen) – überall, im Haus, im Boden… Patronen, mit denen die Kinder Feuerwerk spielten. Im Strohdach der Scheune stak ein Bajonett. Sprengkörper, Kanonenkugeln, Schachteln mit Pulver. Minen im Acker, eine zerriß einen Jungen. Rasanaŭs Vater zog, gleich nach dem zweiten Krieg, sogar eine Kanone aus dem Fluß, von einem zur Wehrmacht gehörenden Magyaren-Trupp. Die Deutschen hatten beim Rückzug die Brücke vermint, die verspäteten Magyaren kamen zu dem für die Sowjet-Soldaten gedachten Tod. Auf einem bestimmten Acker fanden sich Eiserne Kreuze in Mengen.
Im Dorf hatten einstmals mittel- und westeuropäische Siedler gewohnt. Eine Straße hieß Forstatt, ein Dorfteil Die Holländer. Es gab den Rechtgläubigen-, den Katholiken- und den Judenfriedhof. Die Steine des jüdischen waren zum Bauen verwendet worden, der Gottesacker wurde Land wie anderes, nur der Name Jüdischer Friedhof blieb ihm. Altere Leute erzählten, die Deutschen hätten dort Juden zusammengetrieben und lebendig begraben, „die Erde atmete noch“. („Außerdem ist das jüdische Element in Weißrußland ziemlich stark angewachsen.“ Der Große Brockhaus 1935.)
Bei den Rasanaŭs lebte eine unverheiratete, selbstlose Tante, die nicht lesen und schreiben konnte, aber war „wie ein Teil der Natur“. Die Mutter, gelernte Sanitäterin, leitete den „Medpunkt“ im Dorf. Der Vater fand nach seiner Rückkehr aus den KZs nicht zurück in den alten Gang, träumte, trank, fuhr als Altstoff Sammler durch die Dörfer (über ihn das „Poem vom Fisch“, vom Glücksfisch). Der Sohn ritt abends die Pferde zum Weiden auf Kolchoswiesen.
Ales Rasanaŭ ging nach Minsk, um Philologie zu studieren. Nach dem zweiten Jahr wurde er relegiert – als Wortführer einer Gruppe, die Vorlesungen in weißrussischer Sprache forderte. Er studierte in Brest weiter, legte das Lehrer-Examen ab, unterrichtete ein Jahr in einer Dorfschule, kam zur Armee und ging danach zurück nach Minsk. Mitarbeiter bei einer Wochenzeitung für Literatur und Kunst (aus politischen Gründen entlassen), dann länger im Verlag für Schöne Literatur. Später freischaffend.
Die von mir übersetzten Zeichen vertikaler Zeit, eine Sammlung von „Philosophemen“, Überlegungen zur Kreativität, verfaßt in aphorismus-artiger Bündigkeit, hat er selbst ins Russische übertragen. Seine Poeme und Gedichte – in Blankvers, rhythmisierter oder rhythmisch abgewogener Prosa (die sowjetisch zu Tode tradierte Reimdichtung souverän verlassend) und seine (z.T. auch gereimten) Punktierungen übersetzte ich aus dem Original mit Hilfe eines (aus mündlicher Konsultation in sie eingetragenen) russischen Interlinears und Kommentars oder aus von Rasanaŭ vorbereiteten und von uns noch einmal durchgegangenen Interlinearen.
Seine Kvantemy (Quanteme), poetische Minimal-Bilder wie auch die Punktierungen, lassen sich nicht übersetzen, da sich ihre Poesie aus der Lautung aufbaut (ohne sich dem Spielraum der Lautmalerei zu überlassen und ohne die Grenze zur Lautpoesie zu überschreiten). Wie Rasanaŭ hier das Körperliche der Sprache auf gleicher Ebene mitsprechen läßt, erinnert mich an das Bild seiner schriftunkundigen Tante im „Poem von den Sonnenblumen“. Ich erkenne eine prinzipielle Orientierung darin, die sich des Wirklichen aufs neue versichert, nachdem das autokratische Gebot totalitärer Ideologie endgültig Macht und Autorität verloren hat. Es verblüffte mich, in wie vielen Gedankenschritten der „Philosopheme“ ich solche wiedererkennen konnte, die auch ich zu gehen hatte. Verblüffte auch wegen der Ungleichheit unserer Länder und Naturen, verblüfft also hat mich das gleiche des Vorausgesetzten und Abgestoßenen, die Reichweite und konzeptionelle Einheitlichkeit des verlassenen Systems. Dabei wußten wir doch von Kindheit an, daß es ein Drache ist, der auf der Quelle sitzt, also ein uns in keiner Eigenschaft gemäßes Wesen. Das aber war das Symbol, jetzt ist die Summe (und mit ihr die Null-Grenze) erreicht:

Eine Unmöglichkeit allein – ist nichts als Unmöglichkeit. Aber die Summe der Unmöglichkeiten erlaubt, daß eine neue Lage der Dinge zustande kommt – eine Möglichkeit. (Aus A. R., Zeichen vertikaler Zeit).

Elke Erb, Neue Rundschau, Heft 1, 1993

Sprache, zauberkräftige Farnblüte

– Ein Gespräch mit Ales Rasanaŭ. –

Sylvia Geist: Herr Rasanaŭ; seit Anfang diesen Jahres leben Sie als erster Hannah-Arendt-Stipendiat in Hannover. Ihr Weg hat Sie über viele und ganz unterschiedliche Stationen geführt. Sie haben die Pädagogische Hochschule in Brest absolviert, als Zeitschriften- und Verlagsredakteur, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Skorina-Zentrum für künstlerische Forschungen in Minsk und als Fabrikarbeiter in einer Giesserei gearbeitet. Parallel dazu haben Sie seit 1970 zehn Lyrikbände vorgelegt. Ihre Texte sind in bislang über zwanzig Sprachen übersetzt worden, seit 1992 sind Gedichte von Ihnen in deutscher Übersetzung erschienen, 1995 kam ihr erster Sammelband Zeichen vertikaler Zeit im Agora Verlag heraus, und ein weiterer wird dort demnächst unter dem Titel Tanz mit den Schlangen erscheinen. Doch in Ihrer Heimat konnte ihr jüngstes Buch Lehm. Stein. Eisen. nicht publiziert werden.

Ales Rasanaŭ: Leider. Das Buch ist zwar in weißrussischer Sprache erschienen, aber in Polen. Lukaschenkos Regime hat viele Möglichkeiten, Dichter gefügig zu machen oder sie zum Schweigen zu bringen. Das reicht von der Unmöglichkeit zu veröffentlichen bis hin zur Inhaftierung. Für viele ist es schwierig, unter diesen Umständen zu sagen, was sie zu sagen haben. Ich bin sehr froh über meinen Aufenthalt in Deutschland. Das Stipendium bedeutet einen gewissen Schutz für mich und meine Familie.

Geist: Wie bereits Ihre Poeme aus den 70er Jahren zeigen, nehmen Sie auf solche Zwänge wenig Rücksicht. Auch in Ihren jüngsten Texten setzen Sie sich mit zeitgeschichtlichen ebenso wie mit aktuellen politischen Themen auseinander, ich nenne nur die Gedichte „Das serbische Dorf“ und „Die tschetschenische Kugel“: Beim „Anhören der Beichte“ eines Verwundeten „werden wir verwandt“ mit dem Volk, gegen die jener kämpfte „in dem Krieg, den es angeblich gab und angeblich nicht“. – Kann Literatur über die Artikulation dieser Anteilnahme hinaus etwas bewirken? Ich frage das im Hinblick auf die gesellschaftliche Bedeutung, die Autoren in vielen Staaten des östlichen Mitteleuropa hatten und zum Teil noch immer haben. Wie steht es damit – besonders in Anbetracht der schwierigen Umstände, die Sie angesprochen haben – in Weißrussland?

Rasanaŭ: Es gibt eine Wirksamkeit von Literatur insofern, als die Dichter als Bewahrer unserer Sprache fungierten und immer noch fungieren. Die Eigenständigkeit, sogar das Überleben der weißrussischen Sprache und Kultur war immer wieder Gefährdungen ausgesetzt, der Polonisierung im 17. Jahrhundert, der Russifizierung im 19., im 20. den Geschichtsfälschungen des Stalinismus. Abgesehen davon ist die dichterische Aussage unabhängig von politischen Gegebenheiten, sie bewahrt Werte.
Die Stellung der Schriftsteller bei uns ist auch heute eine paradoxe, herausgehoben und erniedrigt zugleich, denn gedruckt werden nur harmlose Texte, die die vom Regime geschaffene Realität nicht in Frage stellen. Von Wassil Bykau zum Beispiel, einem unserer bedeutendsten Schriftsteller, werden zwar alte Texte wieder aufgelegt, aber es erscheint nichts Neues von ihm.

Geist: Der Band Zeichen vertikaler Zeit enthält außer Gedichten konzentriert-essayistische Texte, die „Gnomischen Zeichen“, in denen Sie sich mit dem schöpferischen Prozeß beschäftigen. Viele dieser Texte reflektieren den Begriff des Erbes. Was bedeutet Ihnen Tradition?

Rasanaŭ: Nicht die Fortschreibung des Alten. Mit dem kulturellen Erbe muß man schöpferisch umgehen, man darf es nicht kopieren wollen. Es ist eher ein Streit mit den Vorgängern. Wenn man das Erbe mit einem Punkt vergleicht, dann kann man von diesem Punkt aus verschiedene Linien ziehen zu anderen, die sich auf ihn beziehen. So ist Janka Kupala der Angelpunkt der weißrussischen Literatur, und natürlich beziehe ich mich auf ihn. Aber es geht nicht um die Fortführung traditioneller Schreibweisen, etwa in Jamben oder Hexametern. Tradition ist nicht nur die Besinnung auf den gestrigen Tag.

Geist: In formaler Hinsicht gehen Sie andere, eigene Wege. Dabei entwerfen Sie kurze, beinahe aphoristische Versformen, die Sie als Punktierungen und Quanteme bezeichnen.

Rasanaŭ: Ja, wobei die Punktierungen dem Aphorismus wohl eher vergleichbar sind als die Quanteme. Die Quanteme sind Texte, die im Weißrussischen von der lautlichen Ebene her einen neuen, ungewohnten Zugang zum Gegenstand des Wortes öffnen, Laut-Sinn-Synthesen, die allerdings kaum übersetzbar sind. Der Übersetzer ist da fast schon ein Konkurrent, weil seine Leistung einer kongenialen Mitschöpfung gleichkommt.

Geist: Sprachspiele gibt es auch in den längeren Ihrer Gedichte, wie zum Beispiel in „Die Abteilung“, das in dem Band Tanz mit den Schlangen enthalten ist.

Rasanaŭ: Die Abteilung wird zu einem Dorf namens Lukomer geführt, zur Erschießung. Dieser Ortsname ist von dem Namen Lukaschenko abgeleitet und bedeutet soviel wie „lukaschenkosche Maßnahme“. Der Ort bezeichnet somit einen diktatorischen Willkürakt. Das ist eben so eines der Wortspiele, die sich nicht immer übertragen lassen. Mit den Punktierungen geht das besser. Sie sind von östlicher, vor allem von japanischer Poesie beeinflußt. Man könnte sie mit Haikus vergleichen, aber ihr Umfang wird nicht durch eine starre Festlegung der Silben bestimmt, sondern paßt sich der Aussage an. Es ist eine Form, die sich besonders zur Verdichtung von Eindrücken und Beobachtungen eignet. Zur Zeit arbeite ich an Hannover-Punktierungen.

Geist: Können Sie ein Beispiel geben?

Rasanaŭ: Diese Texte sind noch nicht ins Deutsche übersetzt, aber ich kann Ihnen jetzt schon sagen, daß in einer der Punktierungen Musik eine wichtige Rolle spielt, Musik, die aus einer Art Gulli, einem Gitter im Boden dringt. Wenn man vom Hauptbahnhof in Richtung Kröpcke geht, geht man über diese Musik.

Geist: Gewisse poetische Mittel erfüllen Sie mit Unbehagen, besonders die Metapher. In Ihren „Gnomischen Zeichen“ konstatieren Sie: „Die Metapher nähert sich der Wirklichkeit nicht an, sondern eher umgekehrt.“ Und in einem anderen „Zeichen“ heißt es: „Die Metapher ist Transkription“ und „Das metaphorische Gedicht ist illusorisch.“ Wo sehen Sie die Alternative, etwa im Deskriptiven, im bloßen Beschreiben?

Rasanaŭ: Das habe ich geschrieben, als die Metapher in der weißrussischen Literatur zu etwas Alltäglichem geworden war, nichtsdestoweniger aber als Insigne der Meisterschaft galt. Das Schreiben in Reimen und Metaphern, die pure Kunstfertigkeit, wurde schon als Poesie ausgegeben. Das lag mir immer fern, ich war nie damit einverstanden. Die Metapher als solche schließe ich nicht aus der Dichtung aus, aber ich betrachte sie nur als einen Modus, als eines von vielen möglichen Attributen, und ich möchte auf keinen Fall, daß ein Teil der Poesie das Ganze in den Schatten stellt. Meine Bemerkungen dazu in den „Gnomischen Zeichen“ sind zugespitzt, sie sind als Diskussionsbeiträge aufzufassen. Die Kritik folgt oft noch einer alten Poetik, doch ein Gedicht muß atmen, muß seine eigene Dynamik entwickeln können.

Geist: Mit der Kritik gehen Sie überhaupt recht hart zu Gericht. Sie haben das Gedicht mit einem Möbiusband verglichen, das durch jede Unterscheidung vereinfacht werde und sich der Analyse verweigere. Ebenfalls in den „Gnomischen Zeichen“ schreiben Sie: „Die Kenner mögen die Laterne ihrer Bewandertheit einmal auslöschen; vielleicht können sie dann das bemerken, was beim Näherrücken unausweichlich verschwindet – die Poesie.“

Rasanaŭ: Über Literatur weiß weder der Kritiker, noch der Dichter am besten Bescheid, sondern die Dichtung selbst. Der Schriftsteller, dem es sich diktiert hat, weiß zwar immer noch mehr als andere Leute, doch sogar er hat oft erst Zugang zu einem Werk, nachdem es entstanden ist. Was die „Gnomischen Zeichen“ angeht, so sind sie sozusagen Zwillinge des schöpferischen Werks und ihm darum nicht so entfernt wie es Analyse und Kritik sein müssen.

Geist: Sie stellen fest, daß es ohne die Spannung zwischen Form und Inhalt keine Entwicklung gäbe und schreiben in diesem Zusammenhang, andernfalls glichen alle Werke dem Schwarzen Quadrat von Kasimir Malewitsch, in welchem Form und Inhalt zusammenfallen. In der modernen Lyrik hat man mit Sprache als mit einem konkreten Material jenseits von Funktionalität experimentiert, in der Konkreten Poesie, im Rahmen des russischen Futurismus oder der Absoluten Dichtung. Kommen diese Ansätze nicht den klangorientierten Elementen, aber auch der metaphysischen Dimension Ihrer Arbeiten entgegen?

Rasanaŭ: Ja, soweit es der dichterischen Aussage dient. Nichts kann ein für allemal ausgedrückt werden, alles muß immer wieder neu übersetzt werden. Wir sind sehr stark an die Wirklichkeit unseres Daseins gebunden. Es gibt aber auch etwas, was hinter dem Horizont dieses Daseins liegt. Wir bemühen uns natürlich, aber letzten Endes bleibt dieses Muster unerreichbar.

Geist: Sie bringen Sprache oft in Verbindung mit Magie, sowohl im positiven wie im negativen Sinne. So rücken Sie bestimmte poetische Mittel in die Nähe von Verfahren der Schwarzen Magie, an anderer Stelle bezeichnen Sie die Sprache als „zauberkräftige Farnblüte“, sprechen von ihrem magischen, beschwörenden Urgrund.

Rasanaŭ: Vielleicht ist das die Vision des Dichters: das Wort als Tat. Kupala hat sich danach gesehnt, auch andere weißrussische Dichter. Alle hatten und haben ihre poetischen Orientierungen, Bücher und Autoren, die ihnen sehr wichtig sind. Eines der Bücher, die sich immer wieder bei mir melden, heißt Das Buch der magischen Weisheit. Worte können Ungeheures und Ungeheuerliches bewirken, die Geschichte ist voll von Beispielen dafür.

Geist: In dem Gedicht „Der Zauberlehrling“ fallen die Namen Lichnaél, Hermaschúr und Memrahéi. Wessen Namen sind das?

Rasanaŭ: Hier ist von dem Lehrling eines Magisters der Schwarzen Magie die Rede. Die Namen sind dem Reich der Magie und des Okkultismus entnommen. Es sind Schöpfungen nach Prinzipien, die diesen sogenannten Wissenschaften eigen sind.

Geist: Es handelt sich also um keine historischen Namen, sondern um Namensschöpfungen?

Rasanaŭ: Ja, geschaffen nach dem Geist der Magie und dem der Sprache. Wenn wir sie durch das Prisma der weißrussischen Sprache betrachten, dann kommen einem semantische Begriffe zu Bewußtsein. Auf irrationaler Ebene sind sie natürlich immer präsent, und man klopft sie immer wieder ab, aber auf rationalem Wege kommt man nicht an sie heran. Es sind Namen-Wörter, so werden sie auch im Gedicht genannt.

Geist: Verbotene Namen-Wörter, heißt es da. Das lyrische Ich in diesem Gedicht sagt: „Ich ängstige mich vor dem, was ich weiß.“

Rasanaŭ: Eine Weile habe ich mich mit dieser Seite befaßt, und mit den Leuten, die sich dem Okkultismus widmen. Das schien mir sehr gefährlich zu sein. Hinter jedem Wort verbirgt sich eine Realität oder doch ein Aspekt der Wirklichkeit.

Geist: Ich möchte noch einmal auf den Traditionsbegriff zurückkommen. Sie haben den Wurzeln der weißrussischen Literatur nachgespürt, haben zahlreiche alte Texte übersetzt.

Rasanaŭ: Ich habe mich mit Dichtern beschäftigt, die vor tausend Jahren geschrieben haben, geistliche Texte, und habe dies in den modernen weißrussischen Kontext gestellt. Ich habe versucht, die Texte wiederherzustellen. Es konnten nicht einfach Übersetzungen sein, so wie Zeitgenossen einander übersetzen, nicht von einer Sprache in eine andere, sondern von einer fernen Vergangenheit in die Gegenwart. Es waren Dichter, deren Namen in jener fernen Vergangenheit einen großen Klang hatten. Meine Intention war, sie so zu übersetzen, daß sie für uns so stark klingen wie eine mächtige Glocke, so wie sie damals geklungen haben müssen.

Geist: Sie schreiben: „Die Tradition ist ein Dialog nicht nur dessen, was ist, und dessen, was war, sondern auch dessen, was sein wird.“ Also eine Bewegung in die Zukunft?

Rasanaŭ: Den alten Gedichten wohnt eine große Tiefe inne, die es zu entdecken gilt. Von diesen Vorgängern sind uns die Werke geblieben, und darin ihr Leben, ihre Wahrnehmung der Welt, ihre Sicht auf den Kosmos. Durch die Jahrhunderte haben sie Wege der Erkenntnis beleuchtet, die auch heute noch relevant sind. In diesem Sinne kann Tradition durchaus über sich hinaus und in die Zukunft weisen.

Geist: In den „Gnomischen Zeichen“ heißt es: „Die Wurzeln zu berühren, ist nicht angebracht, die Wahrheit ist nicht in ihnen: dort herrscht nur Finsternis.“ Wie ist das vor diesem Hintergrund zu verstehen?

Rasanaŭ: An dieser Stelle spreche ich von menschlicher Subjektivität, von dem, womit die Psychoanalyse sich beschäftigt, vom Unterbewußtsein. Die Psychoanalyse beschäftigt sich mit Archetypen, aber die Dichtung stützt sich auf etwas anderes. Sie vertraut auf einen klarsichtigen Grund im Menschen. Wenn wir uns selbst vertrauen, dann kommen wir an ein Grundelement des Menschen, das weise ist, und daraus entsteht ein Verhalten, das schön ist. Die Psychoanalyse dagegen zerpflückt den Keim und reißt die Zukunft ab, die darin verborgen liegt.

Geist: Nicht wenige Ihrer Gedichte erinnern in der Unmittelbarkeit ihrer Bilder, aber auch in ihrem schlichten, das Unglaubliche für selbstverständlich nehmenden Ton an Traumsequenzen. So fliegt in „Das schwarze Heiligenbild“ das lyrische Ich „(…) langsam über die Höfe, (…) über die gelben Herbstbäume, über die weite Erde“, und weiter heißt es dort: „Ich kenne meine Möglichkeiten – sie haben ihre Farbe, ihre Umrisse und Grenzen, doch die Grenze meiner Unmöglichkeit, wo ist sie?“ Spielt der Zustand des Träumens als Modus der Grenzüberschreitung für Ihr Poesieverständnis eine Rolle?

Rasanaŭ: Ja, und ich sehe das nicht im Widerspruch zu meiner Skepsis der Psychoanalyse gegenüber. Was wir mit den Augen sehen, ist ja nicht die ganze Wirklichkeit. Es gibt Veranlassung, die Augen zu schließen, um weiter und tiefer zu sehen, mit dem inneren Blick. Der Außenblick, der uns hilft, die Wirklichkeit wahrzunehmen, begrenzt andererseits unser Sehen. Im Zustand des Träumens sieht man manchmal klarer.

Geist: Auch bestimmte Aspekte der physischen Welt entziehen sich der sinnlichen Wahrnehmung, sind aber dennoch nachweisbar, Atome, chemische Reaktionen, radioaktive Strahlung. Häufig vergleichen Sie poetische Strukturen mit diesen Phänomenen, das Wort Kosmos ist gefallen. Welches Verhältnis haben Sie zur Naturwissenschaft?

Rasanaŭ: Kunst und Naturwissenschaft haben dieselbe Quelle. Sie ergänzen sich gegenseitig zu etwas Vollkommenem. Sie sprechen über dieselbe Wirklichkeit in verschiedenen Sprachen. Sie finden ineinander Unterstützung und Inspiration. Albert Einstein soll gesagt haben, die Kunst gebe ihm mehr als die Mathematik. Umgekehrt hat Leonardo da Vinci mathematische Prinzipien auf Bildkompositionen angewandt und war als Künstler durchaus auch Wissenschaftler. Es gab immer wieder Menschen, die beides in sich vereinten. Uns gelingt das meistens nicht. In meinem Buch Lehm. Stein. Eisen. sind meine Gedanken naturwissenschaftliche Wege gegangen, aber eine unmittelbare Anwendung wissenschaftlicher Prinzipien auf die Poesie fürchte ich.

Geist: Eine solche Herangehensweise ist auch in der modernen Lyrik noch eine Ausnahme. Es gibt aber ein großartiges Beispiel dafür, daß sie gelingen kann: das Langgedicht Alphabet der dänischen Lyrikerin Inger Christensen, dem das mathematische Prinzip der Fibonacci-Folge zugrunde liegt.

Rasanaŭ: Ich sage nicht, daß so etwas nicht funktionieren kann. Das kann es durchaus, weil es ein synthetisierendes Grundprinzip gibt. Im europäischen Denken ist das der Logos, der Kern, aus dem Wort und Logarhythmus gleichermaßen entstehen. Wenn so ein formales Modell über den Logos funktioniert, ist es wunderbar, bliebe aber nur der Logarhythmus übrig, wäre das zu wenig.

Geist: Haben wir überhaupt eine Möglichkeit, uns auch nur den einfachsten mathematischen Zusammenhang außerhalb des Bezugssystems der Sprache zu vergegenwärtigen? Es beginnt doch schon mit der Addition und dem Begriff „plus“: eins und eins sind…

Rasanaŭ: Gehen nicht sämtliche Vorstellungen über den Logos, nicht simplifizierend über einzelne Wörter, sondern über den inneren Weg des Verständnisses? Da gibt es eine Hierarchie, so hat man das Gefühl, gewisse Stadien der Erkenntnis, wie eine Leiter, an deren Spitze wir dem begegnen, was die alten Dichter als das Angesicht Gottes bezeichnet haben.

Geist: Sind Sie ein religiöser Mensch?

Rasanaŭ: Nicht im konfessionellen Sinne.

Geist: Das kommt in Ihrem Gedicht „Der Blitz“ zum Ausdruck, wo von einer Spaltung des Gotteshauses die Rede ist…

Rasanaŭ: … und das als zwei Kirchen, einer der Morgendämmerung und einer der Abenddämmerung, wieder aufgebaut wird. Das ist auf die Spannung zwischen Orient und Okzident ebenso zu beziehen wie auf die Spaltung der christlichen Bekenntnisse. Eine Unia, eine wirkliche Synthese, kann nicht an der Oberfläche irgendwelcher Institutionen verlaufen, sondern nur im Innern der Menschen.

Geist: Ich möchte noch einmal aus den „Gnomischen Zeichen“ zitieren: „Das Aussprechen ist eben deshalb möglich, weil es immer auch das Unausgesprochene gibt. Sonst könnte alles mit einem Mal ausgesprochen werden, so, wie man eine Erzgrube restlos ausbeuten kann.“ Und ein paar Sätze weiter: „Verletzte Sprachlosigkeit gebiert die Sprache.“ Als ich das gelesen habe, fiel mir Thomas von Aquins verbum cordis ein. Bevor ein Wort geäußert wird, gibt es – so würde man Thomas’ These vielleicht heute formulieren – ein vorintellektuelles Stadium, das die Bildung dieses Wortes im Geiste des Menschen überhaupt erst ermöglicht.

Rasanaŭ: Ich würde noch weitergehen: Bevor das Gedicht geschrieben wird, existiert es bereits. Die Intuition ergreift es, und der Dichter reagiert auf dieses Ereignis wie ein Echo. Das ist wie ein Signal: Grabe hier. Der Dichter versucht gewissermaßen, die wassertragenden Adern zu finden. Nur die Hälfte des Gedichtes ist im Schöpfer, die andere ergibt sich aus der Richtung, in die das Gedicht selbst sich bewegt. Wie im Poem vom Brunnen. Die Grabenden versuchen, die Wasserader zu erreichen; gelingt das, ist ihre Arbeit getan – Laut und Echo des Lautes.
Mit anderen Worten, der Schreibprozeß vollzieht sich in einem Wechsel von Induktion und Deduktion. Die Alten wußten das ganz genau. Homer wendet sich an die Götter, die Musen, ohne die seine Dichtung nicht hätte entstehen können. Willensanstrengung allein reicht nicht aus, irgend jemand oder irgend etwas muß das Kunstwerk begünstigen. Insofern stimme ich Thomas von Aquin zu. Die Sprache, die Dichtung besonders, liegt nicht in der Luft, sie fliegt uns nicht zu, sondern entstammt dem Innern, dem Herzen, wie das Wesen des Menschen. Wesen und Persönlichkeit eines Menschen sind ja nicht dasselbe. In der Kunst nähert sich manchmal beides einander an. Dann kommt es zur Poesie.

Die horen, Heft 203, 3. Quartal 2001

 

Alas Rasanaŭ, seit dem 1. April 2008 Stipendiat des Müllerhaus Literatur und Sprache, ist im kulturfernsehen im netz art-tv mit Ilma Rakusa zu sehen und hören.

 

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Bild von Juliane Duda mit den Übermalungen von C.M.P. Schleime und den Texten von Andreas Koziol aus seinem Bestiarium Literaricum. Hier „Die Elkeerb“.

 

Elke Erb liest auf dem XVII. International Poetry Festival von Medellín 2007.

 

Elke Erb liest bei OST meets WEST – Festival der freien Künste, 6.11.2009.

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