Alexander von Bormann: Zu Gottfried Benns Gedicht „Kann keine Trauer sein“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

− Zu Gottfried Benns Gedicht „Kann keine Trauer sein“ aus dem Gedichtband Gottfried Benn: Sämtliche Gedichte. −

 

 

 

GOTTFRIED BENN

Kann keine Trauer sein

In jenem kleinen Bett, fast Kinderbett, starb die Droste
(zu sehn in ihrem Museum in Meersburg),
auf diesem Sofa Hölderlin im Turm bei einem Schreiner,
Rilke, George wohl in Schweizer Hospitalbetten,
in Weimar lagen die großen schwarzen Augen
Nietzsches auf einem weißen Kissen
bis zum letzten Blick −
alles Gerümpel jetzt oder garnicht mehr vorhanden,
unbestimmbar, wesenlos
im schmerzlos-ewigen Zerfall.

Wir tragen in uns Keime aller Götter,
das Gen des Todes und das Gen der Lust −
wer trennte sie: die Worte und die Dinge,
wer mischte sie: die Qualen und die Statt,
auf der sie enden, Holz mit Tränenbächen,
für kurze Stunden ein erbärmlich Heim.

Kann keine Trauer sein. Zu fern, zu weit,
zu unberührbar Bett und Tränen,
kein Nein, kein Ja,
Geburt und Körperschmerz und Glauben
ein Wallen, namenlos, ein Huschen,
ein Überirdisches, im Schlaf sich regend,
bewegte Bett und Tränen −
schlafe ein!

 

Wenn du zerbrochen bist

Gottfried Benn starb am 1. Juli 1956, an jenem Krebs, den er in einem Brief vom 5. Januar des Jahres vermutet hatte. Am 6. Januar hatte er dem Herausgeber des Merkur, Hans Paeschke, das abgedruckte Gedicht „als ein letztes“ mit der Bemerkung zugesandt: „Sollte es schlecht ausgehn, ist es mein Abschied für Sie und von Ihnen.“ Im Februar nahm Benn den Vorschlag seines Verlegers an, es den Gesammelten Gedichten voranzustellen, und überlegte dabei den Titel „Nachwort“. Es ist sein Abschiedsgedicht, auch wenn er im März wieder kämpferisch befand: „gefällt mir überhaupt nicht“.
Vor diesem Gedicht schweigt jedes Hadern, welcher nun der wahre Benn-Ton sei: das saloppe Parlando seiner eher locker gestrickten, alltagssprachlich gebrochenen Gedichte oder das schmelzende Melos der Reimstrophen der Abschied nimmt beide Ausdrucksformen zusammen. Schon in einem Text von 1916 hatte es geheißen: „Manchmal rauscht es: wenn Du zerbrochen bist.“
Die klaren, gemeißelt schmucklosen Sätze der ersten Strophe setzen den ewigen Zerfall voraus und widerstehen ihm mit der lakonischen Form des Grabspruchs. Gewiß ist das auch berlinisch: angesichts des Todes keine großen Worte zu machen, jedenfalls keine überflüssigen, die als Gerümpel den Text beschweren könnten. Die fünf Namen stehen für Anspruch und Selbstbewußtsein des Dichters ein. Wenn die Bettstatt nun „Holz mit Tränenbächen“ heißt, klingt das an die (Matthäus-)Passion an. Hatte Benn früher für „die Unwirklichmachung des Gegenstandes, seine Auslöschung“ plädiert, so wird nun, auf dem Krankenlager, das Bett höchst gegenständlich bedeutsam. Es verbindet als Hauptmotiv die drei Strophen und erinnert an die irdische Bestimmung, an die Verkörperung des Geistes. Anrührend ist der poetische Takt des Gedichts: das große, stets beklemmende Thema Todesnähe nicht direkt anzugehen, sondern vom Bett zu sprechen.
Wohl unternimmt die dritte Strophe den Versuch, auch das Konkretum Bett wieder zu entsinnlichen, es für unberührbar und namenlos zu erklären. Warum das unmenschliche Verbot der Trauer? Selbst in der Klassik „weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle“ (beim Tode des Halbgotts Achill).
Trauer ist unnötig, wo die Hingabe an den Tod als Übergang gedacht wird. Benns Lyrik hat sich der Sehnsucht nach Entgrenzung und Ich-Zerfall, nach dem „Entformten“ mit romantischer Hemmungslosigkeit überlassen. Der Zuruf „Kann keine Trauer sein“ meint auch, daß es nun mit den unseligen Trennungen und Mischungen vorbei sein wird. Er wirkt stolz und resigniert zugleich, meint die Abwehr des Mitleidens, wie das Nietzsches „fröhliche Wissenschaft“ begründet hat: Abkehr von Gram und Grämlichkeit im Namen einer zukünftigen Menschlichkeit, die sich als „der Erbe aller Vornehmheit alles vergangnen Geistes“ weiß. Trauer erreicht auch nicht die Lehre von der Form: „Es gibt keine Wirklichkeit“, hat Benn immer wieder betont. Das wiederholt er im Urteil „unberührbar“ – gewiß nicht ohne Trauer.
Kann keine Trauer sein, sagt der Philosoph, möglicherweise nach dem Vorbild des Morgenstern-Beamten, „weil nicht sein kann, was nicht sein darf“. Das Wallen, Huschen, Sichregen im Abschiedsgedicht aber steht gegen das „unberührbar“, ist irdisch und überirdisch zugleich. Die Bewegung übergreift, umgreift das Ich: das betränte Holz ist wieder zum Kinderbett geworden, zur Wiege, die sich bewegt. So lenkt der Schluß auf den Anfang zurück: „fast Kinderbett“ – die Regression, die Benn so gern bis ins Elementarische zurücktrieb, macht beim mütterlichen Zuspruch, „schlafe ein!“ halt. Diese Geste, die Unwirklichmachung der Unwirklichmachung, ist für Benn so unerhört, daß man geneigt ist, ihm „Kann keine Trauer sein“ als Versöhnungsgefühl zu glauben.

Alexander von Bormann aus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): 1400 Deutsche Gedichte und ihre Interpretationen. Von Gottfried Benn bis Nelly Sachs. Insel Verlag, 2002

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