Alfred Lichtenstein: Die Dämmerung

Lichtenstein-Die Dämmerung

DIE DÄMMERUNG

Ein dicker Junge spielt mit einem Teich.
Der Wind hat sich in einem Baum gefangen.
Der Himmel sieht verbummelt aus und bleich,
Als wäre ihm die Schminke ausgegangen.

Auf lange Krücken schief herabgebückt
Und schwatzend kriechen auf dem Feld zwei Lahme.
Ein blonder Dichter wird vielleicht verrückt.
Ein Pferdchen stolpert über eine Dame.

An einem Fenster klebt ein fetter Mann.
Ein Jüngling will ein weiches Weib besuchen.
Ein grauer Clown zieht sich die Stiefel an.
Ein Kinderwagen schreit und Hunde fluchen.

 

 

 

Nachwort

Kuno Kohn ist häßlich, er hat einen Buckel. Das Haar ist messingfarben, das Gesicht ist bartlos und von Furchen rissig. Die Augen sehen alt aus, um sie sind Schatten. Am Hals beginnt eine Narbe wie eine Regenrinne. Das eine Bein ist angeschwollen. Kuno Kohn hat einmal gesagt, daß er Knochenfraß habe.

So beginnt Alfred Lichtenstein das Porträt seiner Doppelexistenz, das Porträt seines anderen Ich, die Kontur des Mannes, der homosexuell genannt wird, des Dichters, dem die „Marienlieder“ zugeordnet sind. So beginnt das Porträt des Häßlichen, des Verlorenen, des ängstlich Einsamen, nach Schönheit Gierenden, dessen Buckel dämonisch in die Stadtlandschaft der Lichtensteinschen Poesie und Prosa hineinragt. Die Genealogie weist ihm den Platz zu im Reich der Gefängnisse, der Irrenhäuser, der Huren und Verbrecher. Christian Kohn, der Gefängnisgeistliche, sein mutmaßlicher Vater, die „populäre Totschlägerin“ Trude die mutmaßliche Mutter. Mit diesem Schatten behaftet, gleitet Kuno Kohn wie ein Schemen durch viele Prosastücke und Gedichte Alfred Lichtensteins. Die düstere Fiktion, Schlüssel- und Gegenfigur zu Lichtenstein, ist dennoch kein Autoporträt im konventionellen Sinne. Sie ist Gegenpol einer inneren Spannung des Dichters, sie ist eine der möglichen immanenten Figuren oder Haltungen seiner literarischen Existenz. Sie vermag in der Negation vieles auszudrücken, was Lichtenstein und ein großer Teil der jungen Schriftstellergeneration vor dem ersten Weltkrieg als wesentlich empfanden. Die schwach beleuchtete, nur düster glimmende, andere Seite des Januskopfes Lichtenstein, genannt Kuno Kohn, vermag auf die Resignation vor der ziellosen, vor der hoffnungslosen bürgerlichen Existenz „das Gefühl der vollkommenen Hilflosigkeit“ auszudrücken.

Der einzige Trost ist: traurig zu sein. Wenn die Traurigkeit in Verzweiflung ausartet, soll man grotesk werden. Man soll spaßeshalber weiterleben.

In dieser Sentenz des Kuno Kohn trifft sich Lichtenstein mit seiner Schattenexistenz. Der zentrale Begriff ist genannt, in dessen Bekenntnis sich Kohn und Lichtenstein wieder zu einer Gestalt zusammenfügen. Der im literarischen Café Klößchen verdämmernde Kohn bleibt Außenseiter und endet in Verzweiflung, Mord. Er ist die groteske Variante des Dichters Alfred Lichtenstein.

Kurt Pinthus’ exemplarische Anthologie Menschheitsdämmerung von 1919 verzeichnet unter den nennenswerten Vertretern „jüngster Dichtung“ auch den Namen Lichtenstein. Alfred Lichtenstein, Sohn des jüdischen Fabrikanten David Lichtenstein und seiner Frau Franziska, wird am 23. August 1889 in Berlin geboren. Von 1899 bis 1909 besucht er das Luisenstädtische Gymnasium und beabsichtigt zunächst Medizin zu studieren, entscheidet sich dann aber für das Jurastudium an der Berliner Universität. Im Sommer 1913 promoviert er in Erlangen mit einer Arbeit über das Theaterrecht. Im Herbst des gleichen Jahres tritt Lichtenstein als „königlich bayrischer Gerichtspraktikant“ in das 2. bayrische Infanterieregiment Kronprinz ein. Am 8. August 1914 fährt er an die Front, wenig später, am 25. September 1914 ist er an der Somme gefallen. „Man kann sich heute beim besten Willen nicht mehr vorstellen, mit welcher Erregung wir abends, im Café des Westens oder auf der Straße vor Gerold an der Gedächtniskirche sitzend und bescheiden abendschoppend, das Erscheinen des Sturm oder der Aktion erwarteten“, schreibt der Dichter und Verleger Alfred Richard Meyer rückschauend in seiner „maer von der musa expressionistica“ (1948), „nicht so sehr auf den Rausch des Gedrucktseins bedacht als vielmehr scharf nach der Möglichkeit lugend: mit Worten angegriffen zu sein, die wie Ätzkalk oder Schwefelsäure wirken konnten. Überall in der Luft lag unheimliche Feindschaft, der wir zu begegnen hatten… Wie heißt der neue Mann? Alfred Lichtenstein-Wilmersdorf. Und sein Gedicht ,Die Dämmerung‘ betitelt. Verdrängt das ,Weltende‘ des Jakob van Hoddis?“ – Das war das literarische Berlin von 1911. Von einer prophezeiten „Entthronung“ des van Hoddis durch das soeben im Sturm abgedruckte Lichtenstein-Gedicht konnte allerdings keine Rede sein. Van Hoddis’ Ruhm stand im Zenit. Sein am 11. Januar 1911 im Demokraten erschienenes Gedicht „Weltende“ hatte eine ungeheure Brisanz. „Meine poetische Kraft reicht nicht aus“, schreibt Johannes R. Becher Jahrzehnte später, „um die Wirkung jenes Gedichtes wiederherzustellen, von dem ich jetzt sprechen will. Auch die kühnste Phantasie meiner Leser würde ich überanstrengen bei dem Versuch, ihnen die Zauberhaftigkeit zu schildern, wie sie dieses Gedicht ,Weltende‘ von Jakob van Hoddis für uns in sich barg… Ein neues Weltgefühl schien uns ergriffen zu haben, das Gefühl von der Gleichzeitigkeit des Geschehens.“

Dieses Gedicht hatte für Alfred Lichtenstein eine Art katalytische Bedeutung. Lichtensteins sentimentale Ich-Lyrik der Frühzeit und seine sichtlich von Wedekind geprägte „Kabarettlyrik“ werden durch van Hoddis’ stilbildende Tat gleichsam verwandelt. Es beginnt eine neue, die wesentliche dichterische Phase Lichtensteins, in der er mit Hilfe des „Zeilenstils“ einen eigenen Ton findet. Das Gedicht „Die Dämmerung“ lenkte die Aufmerksamkeit der jungen literarischen Generation auf den bislang wenig bekannten Dichter. Alfred Richard Meyer schrieb:

Neben van Hoddis war dieser Lichtenstein gesprungen, der auf die Feststellung Wert legte, aus Wilmersdorf zu sein, das eben erst in Großberlin eingemeindet war.

Ein neuer Name, ein neues Werk der in diesen Jahren vor dem ersten Weltkrieg hervorbrechenden expressionistischen Großstadtdichtung hatte sich angemeldet. Das neue Pathos dieser Großstadtlyrik, ihre rabiate und vehement vorgetragene Logik, alles Bestehende zu stürzen, ihre Todesahnungen, ihre Visionen eines drohenden großen Massakers fand Sammelplätze und Kristallisationspunkte in den bedeutenden kunstrevolutionären Zeitschriften Sturm und Aktion. Von Herwarth Walden, Franz Pfemfert, Alfred Kerr (Pan) und Peter Scher (Simplicissimus) wurden die Verse dieser neuen Dichter gedruckt. Anthologien wie Kurt Hillers Kondor, Reihen wie Alfred Richard Meyers Lyrische Flugblätter präsentierten die Breite dieser Bewegung. Literarische Kabaretts und Klubs (Neuer Club, Gnu), Gruppierungen und Cliquen in den literarischen Cafés des Berliner Westens konzentrierten und stimulierten die neuen Kräfte.
Es mußte Lichtenstein tief treffen, daß es ihm nicht gelang, in den Kreis der von ihm Bewunderten, Georg Heym, Jakob van Hoddis, Ernst Blass und Kurt Hiller, aufgenommen zu werden. „Wir mochten uns nicht“, stellte Hiller kategorisch fest. „Ich ihn ästhetisch-charakteriologisch plus literarisch nicht; was die literarische Ablehnung anlangt, so war ich darin mit Blass, Heym, van Hoddis einig.“ Selbst wenn man in Rechnung stellt, daß der stets schroffe Hiller ihm sowohl Zugang zu den von ihm initiierten literarischen Kabaretts als auch seine Anerkennung als origineller und redlicher Dichter versagte, so ist Lichtenstein in seiner Zeit durchaus nicht verkannt oder gar boykottiert gewesen. Von 1910 an publizierte er regelmäßig in mehreren führenden Zeitschriften, so im Simplicissimus, Pan und Sturm, bis er in Franz Pfemferts Wochenschrift Die Aktion seine literarische Heimat fand. Die militante Zeitschrift des Antimilitaristen Pfemfert hatte es in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg zur ständigen Einrichtung gemacht, einzelne Hefte bestimmten zeitgenössischen Dichtern zu widmen. Am 14. Oktober 1913 erschien das Lichtenstein-Heft der Aktion, auf der Titelseite die Lichtenstein-Zeichnung Max Oppenheimers, die auch unserer Ausgabe vorangestellt ist. In dieser Nummer 40 legt der Autor an einer Selbstinterpretation des Gedichts „Die Dämmerung“ seine ästhetischen Prinzipien dar. Es sei beabsichtigt, schreibt Lichtenstein, „die Unterschiede der Zeit und des Raumes zugunsten der Idee zu beseitigen. Das Gedicht will die Einwirkung der Dämmerung auf die Landschaft darstellen. Der Urheber des Gedichtes will nicht eine als real denkbare Landschaft geben… Daß die Dämmerung und andere Gedichte die Dinge komisch nehmen (das Komische wird tragisch empfunden, die Darstellung ist ,grotesk‘), das Unausgeglichene, nicht Zusammengehörige der Dinge, das Zufällige, das Durcheinander … ist jedenfalls nicht das Charakteristische des ,Stils‘.“ – Franz Pfemfert fügte eine Fußnote bei, in der es heißt:

Man erinnere sich des schönen: Weltende… des Jakob van Hoddis. Tatsache ist, daß A. Li. (Wi. = Wilmersdorf) dies Gedicht gelesen hatte; bevor er selbst ,Derartiges‘ schrieb. Ich glaube also, daß van Hoddis das Verdienst hat, diesen ,Stil‘ gefunden zu haben, Li. das geringere, ihn ausgebildet, bereichert, zur Geltung gebracht zu haben.

Bereits vor diesem Heft, im Dezember 1912, war in der Reihe der Lyrischen Flugblätter ein Bändchen mit zwanzig Gedichten von Lichtenstein unter dem Titel „Die Dämmerung“ erschienen. Die bescheidene heftartige Broschur zeigte als Umschlagvignette Frau Welt als Sphinx, die Stadt beherrschend.
Was war das für ein Bild von der Stadt, das Lichtenstein entwarf? Es waren nicht visionäre Ausbrüche, Wortkatarakte wie sie der junge Johannes R. Becher ausspie, es waren nicht neue grauenhafte Mythen, wie sie Georg Heym aufzeichnete, es war nicht die weiche Beschwingtheit der Blass’schen Verse: ,,Die Straßen komme ich entlanggeweht…“, es war auch nicht Paul Boldts kräftiges Bild:

Stahlmasterblühte Stadt aus Stein
Der Erde weiße Blume, Berlin.

Bei Lichtenstein heißt es:

O du Berlin, du bunter Stein, du Biest…

Seine „Dämmerung“ wird wie „Weltende“ zum beispielhaften Text des Expressionismus. Lichtensteins Formensprache der Bildsplitter kann die echte Verzweiflung als Indikation des „Endzustandes“, die verhaltene und gebrochene, aber über und in diesem zerbrochenen Bild der Wirklichkeit sich immer wieder erhebende Sehnsucht nach der Freisetzung des „Reinen“ und „Schönen“ neu fassen. Die Lust auf Destruktion des verlogen Harmonischen ist seiner selbstzerstörerischen Haltung immanent. Diese Attitüde ist ausgesprochen gestisch, pantomimisch, ja sie ist spielerisch, nonchalant. Es wäre ungerecht, sie deshalb als aufgesetzt und unecht abzutun.
Durchexerziert werden zunächst die Tages- und Nachtzeiten in der Stadt; die nächtlichen Stimmungen überwiegen im Lichtensteinschen Gedicht. Aber gleichgültig, welche Zeit gewählt ist: der Schauplatz wird wesentlich zu einer Stilbühne der Stadtlandschaft. Die Szenerie der grauen, verkrusteten Häusermassen, der aussätzigen Straßenzeilen wird mit ekstatischen, mit grotesken Figuren gefüllt, die zugleich Zeichen für Stimmung und Haltung des Dichters sind. Dabei ist diese Großstadtzeichnung kräftig genug, starkes gegenständliches Erleben des Dichters zu reflektieren. Die gemäßen trüben Farben, ein schmutziges Grün, ein stechendes Gelb, ein krankes, grelles oder ein blutiges Rot statten die Szene entsprechend aus. Irre, Trinker, Mörder, Selbstmörder, Dirnen, Zuhälter, „Kunden“, Athleten, Clowns und Kinder hetzen, humpeln, schlurfen, schleichen, patrouillieren auf seinen Schauplätzen, die ein Himmel deckt wie „alter grauer Stein“, wie „blaue Qualle“, der „klebt an Städten wie ein Gas“, der „tödlich blau“, „weißer Vogel“ und schließlich „blaue Sau“ ist. In dieser krassen und zugleich fremden Welt, in der die Dinge zuweilen mehr Leben besitzen als die Menschen, vermögen Stühle dem „Konzert“ zu lauschen, während die Menschenfiguren fast Inventar sind, zur Not marionettenhaft bewegt. Diese Welt voller Brutalität, Gemeinheit, Häßlichkeit und Skurrilität, diese Welt voll pervertierter Sehnsucht nach Liebe wird durchmessen, durcheilt, durchrast von grotesken Gestalten. Eine von ihnen ist der glücklose, „schwermütige Exzentriker“, wie René Schickele ihn nennt, Lichtenstein. Von der vorgefundenen bürgerlichen Welt sieht er sich in seiner Menschlichkeit, in all seinem Tun in Frage gestellt; so stellt er diese Welt denn grundsätzlich in Frage. Er prophezeit das „Ende“, „die grüne Leiche der verlorenen Welt“. Die kommende Katastrophe ist sein Axiom ebensogut wie das vieler anderer Dichter seiner Zeit. So hilflos und zaghaft sein Ruf nach dem Zurück, nach der Mutter, nach dem Landschaftsidyll der Kindheit ist („In meiner Jugend war die Welt ein kleiner Teich / Fern pfiff die fabelhafte Eisenschlange“), so leidenschaftlich und visionär wird andererseits der „Untergang“ beschworen:

Die Welt fällt um. Die Augen stürzen ein.

Die Gesichter der Menschen sind schon „verschimmelt und kaputt“, „die blanken Köpfe über den Kragen kreischen und – zerreißen“. In literarischer Gestik, aber in bewußt tragikomischer Konsequenz wird das „Ende“ beschworen:

Wär doch ein Wind… zerriß mit Eisenklauen
Die sanfte Welt.

Diese Dichtung verbleibt im ungewissen, sie verharrt trotz der fixierbaren „antibürgerlichen“ Schauplätze und Figuren sozial im diffusen Licht der Dämmerung. Lichtensteins Affront gegen die Gesellschaft ist gewiß „antibourgeois“, sein Ekel vor der Welt des pervertierten Besitzes und der glitzernden Lüge ist faßbar, aber seine Gebärde des Abscheus wirkt hilflos-schnoddrig und unbestimmt. Sein Protest zielt nicht politisch; seine grotesken Gedichte wollen dem tragischen Gegenstand und Zustand vielmehr mit einem komischen Kopfstand und Überschlag beikommen. Diese Poesie dreht der ganzen Welt eine Nase, und ihr Autor grimassiert dabei nach allen Seiten.
Das kaiserliche Deutschland, mit dem dieser des Bürgertums überdrüssige Bürgersohn konfrontiert wird, verursacht ihm Übelkeit, ohne daß er den Blick für die Wurzeln des Übels hätte finden können. Erst als seine „seltsamen Zivilistenaugen“ den unmenschlichen militaristischen Drill mit ansehen müssen, werden auch die Mächte dieser Welt für ihn deutlicher erkennbar, die Konturen und Metaphern seiner Gedichte werden härter und klarer. Die blutige Vision vom kommenden großen Unheil nimmt nun die Gestalt des Krieges an. In der Vorweltkriegsära ist es jedoch mehr die Atmosphäre der gesellschaftlichen Hybris, mehr der trübe Abglanz des menschlichen Elends, die seinen Widerwillen erregen und ihn zu einer poetischen Reaktion zwingen. Sein Protest gleicht der Etüde des Clowns, der die Welt verlachen muß, die er auszog, lieben zu lernen.
Die totale Desillusionierung vor der Inhaltlosigkeit und Ausweglosigkeit eines Lebens in bürgerlicher Existenz wird von Lichtenstein dennoch nicht herausgebrüllt oder mit schäumendem Mund dahergelallt. Es ist oft Wehmut, zärtliche Melancholie, die das Erlebnis der Ausweglosigkeit trägt. Diese Trauer, die sich oft mit dem Todesgedanken verbindet, wird Verzweiflung und Klage. Klage an die Maria der „Marienlieder“ wird Klage an die Welt. Selbst der Name Maria bleibt Synonym. „Weib ist nur ein Vorwand für namenlose Sehnsucht“, heißt es in Lichtensteins Notizen. In diesem Sinne kennt der Dichter kaum Liebesgedichte.

Die „tollste komische Kraft seit Wedekind“ hat Alfred Kerr nun gerade diesen Dichter genannt. Seine Großstadtgedichte bezeichnete René Schickele als „Berliner Referate“ und dachte sie auf Claire Waldoffs „unsagbar vollendete Berliner Schnauze gedichtet“. Aber Lichtensteins elegische und sachliche „Komik“ war nicht nur auf Kabaretteffekte angelegt, sie ruht in der desperaten Grundstimmung des Dichters. Das Groteske bei Lichtenstein ist markanter, kräftiger und „grundsätzlicher“, als seine frühen Gedichte es sehen lassen. Das groteske Element ist in fast allen Etagen seiner Gedichte vorhanden; es ist natürlich von unterschiedlicher Wertigkeit. Es tritt flächig zutage in Szenerie und Schauplatz des „Vorstadtkabaretts“, in vielen monologisch angelegten Gedichten, es zeigt sich schon schwieriger in der „Schwärmerei“, ,,die ganze Welt durchauteln“ zu wollen, es findet sich in Metaphern für Himmel, Stadt und Mond, der „Mörder Mostrichtopf“. Die „Capriccio“-Farben der himmelblauen Beine und der blutigroten Kopfmurmel gehören ebenso dazu wie die Schock- oder Kontrastpointen vieler Gedichte. Die Haltung des Dichters, dessen Kopf „hochmütig in den Rinnstein“ rollt, wird im Bild vom „Vornehmen Morgen“ wie in der „Romantischen Fahrt“ von 1914 als grotesk fixiert:

Hoch auf dem kippligsten Patronenwagen
Im gelben Mond urkomisch ernst, verrückt:
Kuno.

Diese Ehe von Spott und Grauen, von Lachen und Tod hat das in der deutschen Literatur so seltene Element eines spezifischen schwarzen Humors provoziert. Dieses vielwertige groteske Element – Ausdruck einer tiefen Verzweiflung – konturiert die Eigenart des Lichtensteinschen Werkes in besonderem Maße.
Die „entfleischten, dumpfen Augen“ heben sich in eine fremde, unheimliche Welt, deren Risse und Sprünge registriert werden, wenn auch das Zentrum des unterirdischen Bebens für den Dichter nicht feststellbar ist. Seiner Beklemmungen, Ängste und Visionen wird auch Lichtenstein durch spöttisches, durch höhnisches Gelächter nicht Herr. Die Grimasse wechselt mit dem Ausdruck der Sehnsucht, dieser kalten Welt der Marionetten, in der nur wahnsinnige Frieden zu finden vermögen, zu entfliehen. Schon wird das Ende vorweggenommen:

Die grelle Erde ist ein totes Karussell.

Im Lichtenstein-Heft der Aktion hat der Dichter eine Gliederung seiner Lyrik in drei Gruppen an Beispielen mit Selbstinterpretation versucht. Er unterscheidet „phantastische, halb spielerische Gebilde“ („Der Traurige“, „Die Gummischuhe“, „Der Athlet“ und andere frühere Gedichte), die seinen Stil herausbilden halfen. Als zweiter Komplex stehen Gedichte vom Typ „Die Dämmerung“. Die dritte Gruppe wird von den „Gedichten des Kuno Kohn“ gebildet. In der Anlage unserer Ausgabe ist dieses Prinzip übernommen worden, da das Werk überschaubar und vom Autor sinnvoll geordnet erscheint. Hinzugefügt wurden lediglich die später entstandenen „Soldaten“- und „Kriegsgedichte“. Auf die frühen konventionellen Gedichte konnte verzichtet werden, da auf eine Auswahl des Charakteristischen gezielt wurde. Die Gedichte sind innerhalb der Gruppen chronologisch geordnet.
Das Aufleuchten des Dichters Alfred Lichtenstein, Opfer des ersten imperialistischen Weltkrieges, dessen Schicksal sich mit einer Legion junger Künstler seiner Zeit berührt, hat nichts Spektakuläres. Lichtenstein war kein „Frühvollendeter“ wie Georg Heym. Er stand vielmehr am Anfang einer Entwicklung, die plötzlich und grausam abgebrochen wurde. Müßig zu orakeln, wohin sie hätte führen können. Lichtensteins Leistung liegt übersichtlich vor uns.

Joachim Schreck, Nachwort

 

Die Auswahl

aus dem Schaffen Alfred Lichtensteins (1889–1914) erschließt ein Stück Erbe frühexpressionistischer Lyrik. Seine Großstadtgedichte verdeutlichen das Lebensgefühl der Generation vor dem ersten Weltkrieg. Sie setzen die Traditionslinie Heines, Wedekinds, Hoddis’ fort und spiegeln die Krisenstimmung der Zeit wieder. Neben Lyrik voller Klage, Verzweiflung und Todessehnsucht stehen satirische Verse, z.T. für das Kabarett geschrieben, in denen Lichtenstein seine Kritik am kaiserlichen Deutschland überzeugend zum Ausdruck bringt.

Bibliotheksbeizettel

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber
Fakten und Vermutungen zum Autor 

 

Alfred Lichtensteins „Prophezeiung“ rezitiert von Alexander Nitzberg.

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