Andreas Reimann: Poesiealbum 336

Reimann/Reimann-Poesiealbum 336

ARCHE DER DINGE

Zu paaren traben nach den kakerlaken
die autos in die arche, cola-dosen
nebst plastik-tüten und silastik-hosen.
Aus kinderzimmern kriechen gummi-kraken
behende auf das deck, recorder beaten,
um einlaß bittend. Spuckende computer
verdrängen noah hackerisch vom ruder.
Das bier büchst aus, die einweg-flaschen mieten
als deponie sich das ge-fährschiff an.
Und treibt aus einer planke auch ein reis:
Ist es gerecht, o herr, daß du uns schonst?
Die gülle steigt. Hebt so nur ab der kahn?
O herr, verzeih mir, daß ich ahnend weiß:

Die sintflut kostet viel. Und ist umsonst.

 

 

 

Stimmen zum Autor:

Reimann ist der unbekannteste unter den bedeutenden deutschen Dichtern.
Karl Corino

Reimann ist der Wort-Wechsler im Widerstand gegen das Verwechseln der Worte geblieben. Er ist der formbewußte Lyriker, der sich der Verlotterung der Inhalte durch verlotterte Formen widersetzt.
Bernd Heimberger

Reimann schrieb über das Land, an dem er litt, weil es ihn ausgrenzen wollte, politisch wegen widersetzlichen Charakters, moralisch wegen Liebe zum gleichen Geschlecht, und eben überhaupt, weil er schrieb und zeichnete, was die Behörde lieber beschlagnahmte und in Akten verschloß, als es der Öffentlichkeit preiszugeben.
Gerhard Wolf

Reimann setzt auf Aufbruch, Bewegung, Widerstand gegen Verfestigungen. Bei aller klassischen Strenge verleugnet er nicht ein anderes Erbe: das der lyrischen Moderne. Besonders in der Metaphorik und in den Bildverknüpfungen erscheint er als Nachfahre Arthur Rimbauds. Er weiß die Bennschen „Wallungswerte“ in Klangmagie und harten Fügungen ebenso für sich zu nutzen wie die Möglichkeiten der Bildparadoxa. Der dialektische Sprachwitz Brechts scheint durch.
Peter Geist

Reimann insistiert zur Vergewisserung. Mit lauter Trotz-alledem-Lust verfaßt er deftig-zärtliche Liebesgedichte, kleidet Unmut in feinste Ironie und verschenkt in gebotener Verzweiflung dennoch positive Energien.
Janina Fleischer

 

Poesiealbum 336

Andreas Reimann trat zwar schon als 11jähriges „Wunderkind“ mit Lyrismen in Erscheinung; der später der DDR unbequeme Dichter durfte aber nur punktuell publizieren – und auch kein Poesiealbum. So wurde er zum Geheimtip, zu einem der unbekanntesten, aber bedeutendsten Lyriker der , Sächsischen Dichterschule‘. –
Aus diesen Erfahrungen, seinen Schlängelbewegungen durch die Sperrverhaue der DDR-Kulturpolitik, gelangen ihm Gedichte, die zum Stärksten gehören, was die DDR- und Post-DDR-Literatur hervorgebracht hat. Nach den Choraltexten für die Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche zur Wendezeit schlossen sich seither großartige Lieder und Balladen an, in denen sich der formbewußte Lyriker der Verlotterung der Inhalte durch verlotterte Formen widersetzt.

Märkischer Verlag Wilhelmshorst, Klappentext, 2018

Andreas Reimann

Ein zu DDR-Zeiten vom ersten Herausgeber der Reihe beflügeltes Heft war nach dessen Weggang aus dem Leseland obsolet; zudem war der Obrigkeit Reimanns Lebens- und Arbeitsweise und deren Resultate suspekt. – „Andreas Reimann gehört gewiß zu den Autoren der DDR, denen – nicht allein durch die Haft, sondern durch fortwährende Publikationsverweigerung und ständige Observierung – am übelsten mitgespielt wurde. Daß er dieser Zerstörungs- und Zermürbungstätigkeit mit ästhetischer wie philosophisch-politischer Kreativität entgegnete, ist bewundernswert“, schätzt Peter Geist das damalige und seitdem entstandene Œuvre.

aus Adolf Glaßbrenner: Poesiealbum 335, Märkischer Verlag Wilhelmshorst, 2018

 

Fürchtegott

„Land, laß mich fahrn“, schreibt Andreas Reimann in einem seiner frühesten Gedichte, um 1964. Ein großer Lyriker der sächsischen Dichterschule wurde siebzig in diesen Tagen. Zum Festakt kann ich leider nicht kommen, denn ich fahre. Gen Hainichen, der Stadt Gellerts, über Chemnitz.
Zu Werner Heiduczeks Neunzigstem, auch nicht lang her, traf ich Andreas Reimann, und er verstand meine Entschuldigung, mein Fernbleiben. „Ach, du hast eine Mugge“, sagte er, was will man machen als Freiberufler, Schreiber, Künstler, die Zeiten sind hart, jeder Euro muss mitgenommen werden, Herbst der Dichter, Geburtstage, Totentage.

Es wächst der heerwald unentwegt:
o holz, aus dem man keulen schlägt…

Und im Zug Richtung Chemnitz verwundert mich dieser Zug Richtung Chemnitz, alte Abteile, chromblitzende Türgriffe…, und ich frage die Schaffnerin. Der Zug sei Ende der Dreißiger erbaut wurden. Nun wieder im Einsatz. Und wie er dahinfliegt, durch unsere Städte und Dörfer!

Weh uns, weh uns!: wie eine Fahne, rot,
rast hin der zug, ein langer feuerstrich…
der lack zerspringt: ein brauner anstrich kot.

Wie friedlich es ist in Hainichen, Stadt Gellerts. Und wie heimisch ich mich fühle auf dem leeren Bahnhofsvorplatz und wie fremd. Jugendliche, um ein Auto versammelt, zwei Flüchtlinge vorm Penny. Und Fürchtegott Gellert flüstert:

Ein Tier folgt den Fesseln der Natur, ein Mensch dem Licht der Seelen.

Und an Hubert Witt muss ich denken, bei meinem Gang durchs nächtliche Hainichen. Am Vormittag zu Grabe getragen im Norden von L., der Lektor Hilbigs, der Nachdichter, der Reclam-Mann, wacher Geist und waches Herz der Stadt L., die die Geister und Herzen so dringend braucht! Wie Heiduczek, wie Reimann, „doch abschied nahm ich, odysseen / erwarten mich. Fällt stein auf stein / und nennt sichs welt? Werds überstehn, / nehm abschied ich, um hierzusein.“

Clemens Meyer, Die Zeit, 1.12.2016

 

 

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50 Jahre 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6

 

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Fakten und Vermutungen zum Autor

 

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