Anna Achmatowa: 50 Gedichte

Achmatowa-50 Gedichte

Vieles möchte, wenn ich mich nicht täusche,
Noch von meinem Mund besungen sein:
All die wortlos dröhnenden Geräusche,
Was im dunklen Erdreich höhlt den Stein,
Was im Rauch erahne ich allein.
Fertig bin ich längst noch nicht geworden
Mit der Glut, dem Wasser und der Luft…
Meine Träume öffnen mir die Pforten
Zu so vielen unbekannten Orten,
Wenn von fern der Morgenstern mich ruft.

 

 

 

Vorwort

Mit dem vorliegenden Bändchen erscheint erneut eine Gedichtsammlung von Anna Achmatova im russischen Original nebst beigefügter Übertragung von Christine Fischer in der Reihe „Schriften und literarische Texte“ des Instituts für Slawistik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Die vorangegangene Sammlung war schnell vergriffen, ein bloßer Nachdruck bzw. eine unveränderte zweite Auflage wurde zwar erwogen, aber dann aus verschiedenen Gründen doch verworfen. So werden hier fünfzig Gedichte und deren Übertragung z.T. zum ersten Mal abgedruckt. Die Gedichte sind zwischen 1909 und 1963 entstanden. Sie vertreten Achmatovas lyrisches Werk eines halben Jahrhunderts und umfassen eine Zeit, die sowohl literarisch als auch politisch-historisch von wesentlichen Brüchen gekennzeichnet ist. In deren Wandlung bleibt sich Achmatovas Dichtkunst treu, d.h. vor allem das lyrische Subjekt bleibt unverkennbar identisch, trotz der spürbaren Variabiliät in der Entwicklung vom akmeistischen Beginn zu einem geradezu neoklassischen Schluss. Dieser Schluss ist angesichts der durchgängig katastrophalen historischen und persönlichen Situation, in der die Gedichte geschrieben wurden, besonders bemerkenswert. Das Echo der Situation, d.h. der Stalinzeit, des Zweiten Weltkriegs und nicht zuletzt der Nachkriegszeit mit ihren speziell gegen die Dichterin gerichteten Repressionen, wird als solches allerdings nur hörbar, wenn man die Entstehungsdaten in die eigene Auffassung der Gedichte einbezieht.

Christine Fischers Übersetzungskunst hat, wie könnte es anders sein, Kritik und Anerkennung gefunden. Ihre Übersetzungen aus dem lyrischen Werk von Anna Achmatova sind darüber hinaus auch anderweitig ,verwendet‘ worden, wenn man so sagen darf. Schließlich hat Christine Fischer mittlerweile eine ganze Reihe von Übersetzungen anderer russischer und z.T. polnischer Lyriker veröffentlicht. Sie ist Übersetzerin aus Profession und gleichzeitig Literaturwissenschaftlerin, die beispielsweise über das Thema „Musik und Dichtung. Das musikalische Element in der Lyrik Pasternaks“ promoviert hat.  So kann es nicht überraschen, dass ihre Übersetzungen, besser: ihre Übertragungen, den ,musikalischen‘ Duktus des Originals herüberbringen, nicht nur in der Nachschöpfung einer Musikalität, die auf Versbau, Metrum etc. beruht, sondern auch einer schwer beschreibbaren Musikalität, die aus der Koppelung von Laut und Bedeutung im Hinblick auf den entworfenen Gegenstand entsteht und die ganz wesentlich an der künstlerischen Wirkung beteiligt ist. Diese Wirkung wurde von der Übersetzerin in einer Reihe von öffentlichen (zweisprachigen) Lesungen, v.a. in Erlangen, Nürnberg und Jena, sozusagen immer wieder erprobt.

Der Herausgeber der Reihe verbindet mit dieser Publikation die Hoffnung, dass sich der hohe künstlerische Rang von Anna Achmatovas Dichtung dank der Übertragung durch Christine Fischer dem deutschen Leser noch deutlicher erschließen möge als bisher.

Ulrich Steltner, Vorwort, Oktober 2002

Nachwort

Ihr habt durch Wildnis mich geleitet
Wie Sterne, fallend in die Nacht,
Wart Lüge, habt mir Schmerz bereitet −
Zum Trösten fehlte euch die Macht.

Diesen Vierzeiler hat Anna Achmatova mit dem Titel (oder der Widmung) K sticham (An die Verse) überschrieben. Er kann als eine Art Rückblick auf ihren Lebens- und Schaffensweg betrachtet werden und greift gleichzeitig ein für ihre gesamte Lyrik zentrales Thema noch einmal auf: die Frage des Entstehens von Dichtung. Wesentlich ist dabei, dass die „Verse“, die Gedichte, hier gleichsam als lebendige Wesen angesehen und angesprochen werden; sie werden mit Leitsternen verglichen, die sich aber schließlich als ins Dunkel fallende – und führende! – Sternschnuppen herausstellen. Damit ist ein zweites wichtiges und bei Achmatova mit dem Entstehen von Lyrik untrennbar verbundenes Thema implizit genannt: Leid und Tod. Das Hervorbringen von Kunst macht also offenbar nicht glücklich, zumindest nicht den, der sie hervorbringt (im günstigsten Fall andere Menschen).
Diese tragische Seite im Schaffen Anna Achmatovas wurde in der Literatur über sie immer wieder betont. Mit Erklärungen war man schnell bei der Hand, indem man die meisten ihrer Gedichte einfach biographisch interpretierte, so dass, etwas überspitzt formuliert, der Eindruck entstehen konnte, ihr schweres persönliches Schicksal sei sozusagen tagebuchartig in ihren Werken festgehalten. Immer wieder wurden ihre tragischen Lebensumstände, wie 1921 die Erschießung ihres ersten Mannes, des Dichters Nikolaj Gumilev, als Konterrevolutionär, 1935 die Verhaftung ihres Sohnes und 1946 der Ausschluss aus dem sowjetischen Schriftstellerverband, hervorgehoben. Vielleicht gab die Betonung biographischer Details in (west)deutschen Ausgaben ihrer Lyrik auch zu der Hoffnung Anlass, ihr auf diese Weise hierzulande leichter zu einem gewissen Bekanntheitsgrad zu verhelfen.
Als Anna Achmatova 1946 zusammen mit Michail Zoščenko aus dem sowjetischen Schriftstellerverband ausgeschlossen wurde, warf man ihren Gedichten vor, dass sie „unpolitisch“ seien. Was als Kritik gemeint war, lässt sich mit Leichtigkeit positiv umdeuten: gerade aus diesem Grunde sind sie zeitlos.
Und damit komme ich wieder zum Ausgangspunkt meiner Gedanken, dem eingangs zitierten Vierzeiler, zurück. Ein großer Teil der Gedichte Anna Achmatovas ist autothematisch, und dies von Anfang an.
Im ersten, nach Ansicht von Sonia Ketchian noch stark auf die Romantik Bezug nehmenden Zyklus Večer (Abend) werden im Grunde zwei „Inspirationsquellen“ genannt, zum einen die Natur und zum anderen die Lieder der Bibel – die Psalmen.
Bald aber wird die inspirierende Kraft der in den Gedichten Sprechenden immer mehr personifiziert. Schon im 1914 entstandenen Werk Uedinenie (Vereinsamung) erfahren wir von dem zurückgezogenen Leben, das allein die Entstehung von Gedichten ermöglicht:

Der schlanke Turm des Kerkers schließt mich ein,
Er ragt empor im Kreise der Gefährten.
Und den Erbauern will ich dankbar sein,
Sie mögen leben ohne Leid und Qualen:
Mich grüßt am frühesten der Morgenschein,
Und lange sehe ich den Abend strahlen.

Das im Gedicht zum Ausdruck gebrachte ambivalente Gefühl der Einsamkeit wird hervorgerufen durch das Bewusstsein, gefangen zu sein und doch hoch über allen anderen zu stehen – oben ist man eben ganz allein.
Im „Dank an die Erbauer“ glitzert ein Fünkchen Ironie auf, und auch dies ist ein Aspekt, den die Achmatova-Forschung bisher vernachlässigt hat, obwohl es dafür neben dem zitierten Gedicht noch etliche andere Beispiele in ihrem Werk gibt. Mehr jedoch als durch diesen Anflug von Ironie wird die anfängliche Schwere durch die unerwartete Wendung in den Schlussversen zu einer fast spielerischen Leichtigkeit umgekehrt:

Nun kann ich diese Seite nicht beenden −
Doch göttlich, still und wunderbar entspannt
Schreibt sie die goldgebräunte Musenhand.

Die in Achmatovas Werk geschilderte Muse scheint im wesentlichen von zwei Eigenschaften geprägt zu sein – zum einen von unentrinnbarer Macht über das lyrische Ich und zum anderen von tiefer Traurigkeit. Sie ist Despotin und klagende Mädchengestalt in einem. Dies tritt z.B. im ersten der drei Ėpičeskie motivy (Epischen Motive) zutage:

Im späten Sommer traf ich eine Fremde
Zur Zeit der Sünde und des Abendrots;
Wir badeten zu zweit im warmen Meere,
Und ihre Kleider, schien mir, waren seltsam,
Noch seltsamer die Lippen – jedes Wort
Fiel wie ein Stern in den Septembernächten.
Das schlanke Mädchen lehrte mich zu schwimmen,
Mit einer Hand nur hielt sie meinen Körper,
Der unerfahren war, auf hohen Wellen.
Oft stand sie reglos in der blauen Flut,
Um ohne Eile lang mit mir zu sprechen…

Diese Verse erinnern unwillkürlich an den 1924 von Leonid Grossman gezogenen Vergleich zwischen Achmatova und Sappho.
Im zweiten der Epischen Motive wird von der Freundschaft zwischen einer Dichterin und einem Maler erzählt, und in den Schlussversen ist davon die Rede, dass jeder Künstler natürlich seine eigene Muse hat:

Befreundet sind, das spür ich, unsre Musen
In sorgenloser, zauberhafter Freundschaft,
Wie Mädchen, von der Liebe nicht berührt.

Auch dieses Gedicht lebt ganz aus der Verwobenheit von Leichtigkeit und Schwere, nicht nur in den zitierten letzten drei Versen, in denen die Abwesenheit der Liebe mit einem tiefen Aufatmen festgestellt wird, sondern schon früher – durch die Art und Weise, wie der Maler beschrieben wird:

Er klagte heiter und erzählte traurig
Von einer Freude, die dann doch nicht kam.

In Achmatovas Lyrik ist die Muse Freundin, Schwestergestalt, aber auch Spiegelbild, ja sogar Doppelgängerin, indem das lyrische Ich beispielsweise selbst zur Muse für jemand anderen wird:

Er sagte, eine andre gäb es nicht,
Denn ich sei keine Frau von dieser Erde,
Vielmehr der Wintersonne tröstend Licht,
Das Lied der Heimat, das er manchmal hörte.

Die Muse ist ein ambivalentes Wesen, das Schmerz und Freude gleichermaßen verursacht. Sie erlaubt dem lyrischen Ich nicht, ein „normales“ Dasein zu führen, doch sie hält es am Leben in Zeiten, da dieses leer, verlustreich und nicht mehr „lebbar“ erscheint. Viele Gedichte Achmatovas, auch das eben zitierte, behandeln gescheiterte oder nicht zustande gekommene zwischenmenschliche Beziehungen, in denen schließlich zur Muse Zuflucht genommen wird, die diese ungewöhnliche Art zu leben eben diktiert, so dass sich das lyrische Ich nur noch fügen kann.
In mehreren Gedichten erscheint die Muse als verschleierte Frau, deren Kommen mit Angst und Anspannung erwartet wird. Sie ist nicht ständige Begleiterin, sondern, wie z.B. in Muza (Die Muse) zutage tritt, „lieber Gast“, und dennoch geht auch etwas Bedrohliches von ihr aus:

Wenn ich sie nachts erwarte, hängt mein Leben,
Scheint mir, an einem Haar, zerrissen fast.

Schon zu Lebzeiten Anna Achmatovas wurde in der russischen Literaturkritik die Wiederkehr von Bildern in ihrer Lyrik kontrovers erörtert, wobei die Motive der Muse und des Gartens besondere Beachtung erfuhren. Lidija Čukovskaja hat in ihren Aufzeichnungen die diesbezügliche Reaktion der Dichterin überliefert:

[…] Wieso soll die Wiederholung des Bildes vom Garten und der Muse in meinen Gedichten Manieriertheit sein? Im Gegenteil, wenn man zum Kern vorstoßen will, muß man die Wortnester der ständig wiederkehrenden Bilder in den Gedichten des betreffenden Dichters ergründen, gerade in ihnen verbirgt sich die Persönlichkeit des Autors und der Geist seiner Dichtung. Wir, die wir durch die harte Schule der Puschkin-Forschung gegangen sind, wissen, daß ,der Wolken Zug‘ bei Puschkin Dutzende Male vorkommt.

Mit den Symbolstrukturen speziell in Poėma bez geroja (im Poem ohne Helden) hat sich z.B. Elisabeth von Erdmann-Pandžić beschäftigt, doch kommt sie dabei zu Erkenntnissen, die auch auf Achmatovas Lyrik im allgemeinen zutreffen, wenn sie etwa Spiegel, Traum und Stille als zentrale und mit den Werken anderer Dichter korrespondierende Symbole hervorhebt. Verwiesen sei in diesem Zusammenhang z.B. auf das Gedicht „Son“ („Traum“), dem ein Motto von Blok vorangestellt ist (S. 95).
Viele Werke Anna Achmatovas wirken sehr intim, doch lässt sich zum Leidwesen so mancher Forscher nicht ermitteln, an wen das eine oder andere Liebesgedicht ursprünglich einmal gerichtet war. Umso mehr erstaunt es dann, wenn man auf den zweiten Blick der zahlreichen intertextuellen Bezüge gewahr wird, die sich, mehr oder weniger deutlich markiert, in ihrer Lyrik finden. Neben Puškin haben für sie u.a. die russischen Symbolisten, Shakespeare, Dante sowie die Bibel große Bedeutung. Auf ihre „Verwandtschaften“ mit anderen Dichtem hat z.B. Lev Kopelev hingewiesen:

Maßgebend für ihre Gedankenwelt und für ihr Schaffen waren die Überlieferungen der russischen Literatur von alten Heldenliedern und Sagen bis zur Folklore der letzten Jahre, von Klassikern und Romantikern des 18./19. Jahrhunderts – Puschkin blieb für sie ihr Leben lang ganz besonders wichtig – bis zu den Werken ihrer älteren und auch jüngeren Zeitgenossen.
Doch fast ebenso bedeutend waren für sie die großen Dichter der Antike: Homer, Sophokles, Sappho, Horaz, Vergil und andere. Seit frühester Jugend verband sie eine wahre Wahlverwandtschaft mit Dante, Shakespeare, Byron und Shelley.

Wie wichtig für sie das „Zitat“ – hier wohl in einem weiter gefassten Sinne zu verstehen – ist, hebt der Dichter Anatolij Najman hervor, mit dem Achmatova in ihren letzten Lebensjahren eng zusammengearbeitet hat:

Achmatowa […] dichtete nicht, um etwas zu illustrieren und fand immer genau das, was sie suchte. Mit anderen Worten. „Was wird zitiert?“ ist nur die erste Frage, unfruchtbar ohne die zweite. „Warum wird es zitiert?“ Welches kulturelle Umfeld, welches Sujet, welcher Mythos wird durch das ausgewählte Zitat in die Verse einbezogen (und – gespiegelt: welcher konkrete Ort des kulturellen Universums ist von da an durch neue Verse gekennzeichnet)?

Auch in der vorliegenden Auswahl der Lyrik Anna Achmatovas lassen sich viele Beispiele für intertextuelle Bezüge finden, die nicht selten durch die den jeweiligen Gedichten vorangestellten Motti kenntlich gemacht werden, vgl. etwa die Verweise auf Mandel’štam (S. 75) und Annenskij (S. 97). Ein Bezug zu Shakespeare liegt z.B. in der Predvesennjaja ėlegija (Voflrühlingselegie) durch das Ophelia-Motiv vor (S. 107). Versteckter, und dadurch vielleicht auch reizvoller, findet sich dieses Motiv implizit in einem anderen Gedicht, in welchem durch die Schilderung einer Weide an einem Bach indirekt auf den Tod Ophelias angespielt wird:

Am Ufer neigt die silberhelle Weide
Hin zur Septemberflut die Zweige still.
Und auferstanden ist aus frühern Zeiten
Mein stummer Schatten, der mich treffen will.

Sogar Eifersucht auf eine von Puškin besungene Statue in Carskoe Selo kommt auf, wobei der komische Effekt vor allem dadurch entsteht, dass es sich beim „lyrischen Du“ um ein Mädchen aus Stein handelt, das psychisch und physisch zu keinerlei Empfindung fähig ist und somit auch keine wirkliche „Bedrohung“ darstellt:

Ich habe wirre Furcht gefühlt
Vor ihr, die einst besang der Dichter.
Der Abend streute aus verspielt
Auf ihren Schultern bunte Lichter.

Wieso verzieh ich dieser Frau
Dein Lied voll Glück, voll Liebesflehen?..
Sie trauert froh, ich seh’s genau,
Ist nackt so herrlich anzusehen!

Zu betonen ist in diesem Zusammenhang die Bedeutung von Carskoe Selo, dem Ort, an dem Puškin das Lyzeum besucht hatte und Annenskij gestorben war, für ihre künstlerische Entwicklung. In ihrer Dichtung wird der Name „Carskoe Selo“ so oft erwähnt, dass ihm geradezu leitmotivische Funktion zukommt. Marina Cvetaeva, die andere große Lyrikerin der russischen Literatur, hat Anna Achmatova sogar als „Muse von Carskoe Selo“ bezeichnet.
In besonders enger Beziehung zu Achmatovas Muse steht auch Dante, wie am Ende des bereits erwähnten Gedichtes „Muza“ („Die Muse“) zutage tritt:

Ich frage sie. Hast Dante du die Lieder
Der
Hölle vorgesprochen? − Sie sagt. Ich.

Spielerischer geht sie mit der Thematik des Entstehens von Dichtung im späten „Epigramm“ um:

Wie Dante dichten konnte Bice nicht,
Und konnte Laura von der Liebe singen?
Die Frauen lehrte sprechen doch erst ich…
Mein Gott, wie soll ich sie zum Schweigen bringen?!

Manche der angeführten Beispiele könnte man geradezu als Argumente dafür verwenden, warum man sich in der Forschung vielleicht einmal mit Scherzgedichten Achmatovas befassen sollte, denn solche gibt es tatsächlich auch.
Die Hinwendung zu Dante sowie zur italienischen Literatur im allgemeinen ist ein Erbe des russischen Symbolismus; viele Akmeisten haben sich mit diesem Thema befasst, so übersetzte z.B. Achmatovas Dichterfreund Lozinskij die Divina Commedia, und Mandel’štam schrieb einen berühmten Essay mit dem Titel „Razgovor o Dante“ („Gespräch über Dante“). Auch übersetzte er einige Petrarca-Sonette.
Sehr wichtig für Anna Achmatova ist zweifelsohne die Bibel, und hier vor allem das Alte Testament, z.B. der Psalter und das Hohelied Salomos. Zum Ausdruck gebracht hat sie dies etwa in einem kurzen Gedicht aus dem Jahre 1915, in dem der durch die vier- bzw. dreihebigen Amphibrachen erzeugte leichte, tänzerische Rhythmus zunächst zur Aussage im Widerspruch, letztendlich aber vielleicht doch im Einklang mit ihr zu stehen scheint:

Durchfroren und leer ist mein ärmliches Dach,
Ich zähl nicht die leblosen Tage.
Ich lese das Wort der Apostel still nach,
Des Psalters gesungene Klage.
Die blauenden Sterne, des Raureifes Flaum,
Begegnungen wieder und wieder −
Ein Ahornblatt, rötlich, vom herbstlichen Baum,
Gelegt in das Lied aller Lieder.

Neben biblischen Motiven ist auch die Auseinandersetzung mit der Religion als solcher, ja mit Gott selbst wesentlich in vielen ihrer Gedichte. Und um eine Auseinandersetzung handelt es sich dabei im wahrsten Sinne des Wortes, denn Demut und Aufbegehren wechseln miteinander ab. Gott wird in ihren Versen oft gesucht, aber selten gefunden. Manchmal gehen religiöse und Liebesthematik eine enge Verbindung ein, so dass erstere durch den unvermuteten Bezug zur Erotik eine Verfremdung erfährt, denn erwartet wird nicht mehr der christliche Erlöser, sondern der Geliebte, und eine „Kirche“ wird zum Treffpunkt für die Liebenden:

Der See erstrahlte tief im blauen Schimmer −
Des Täufers Kirche, nicht von Menschenhand.

Du warst vom ersten Treffen noch erschrocken,
Als ich schon flehte um ein Wiedersehn…

Dass Dichtung die Essenz des Lebens ist, nicht aber das „tatsächlich gelebte“ Leben, und dass es daher eigentlich sinnlos ist, in Achmatovas Lyrik nach den „realen Liebschaften“ zu suchen und diese mehr oder weniger erfolgreich zutage zu fördern, hat Josif Brodskij in seinem feinsinnigen Essay „Die klagende Muse“ zum Ausdruck gebracht:

Im Laufe des Lebens redet die Zeit den Menschen in verschiedenen Sprachen an: in denen der Unschuld, Liebe, Treue, Erfahrung, Geschichte, Erschöpfung, Schuld, in denen des Zynismus, des Verfalls usw. Von allen diesen ist die Sprache der Liebe eindeutig die lingua franca. Ihr Wortschatz nimmt den aller anderen Zungen in sich auf, und ihre Äußerung beschwingt ein Sujet, so unbeseelt es auch sein mag. […] Liebe ist im wesentlichen eine bestimmte Haltung des Unendlichen gegenüber dem Endlichen. Die Umkehrung begründet entweder Glauben oder Dichtung. […]
Es ist die Sehnsucht des Endlichen nach dem Unendlichen, die der steten Wiederkehr des Liebesmotivs in den Versen der Achmatova zugrundeliegt […].

ln der vorliegenden Auswahl werden Musen- und ,Dichtungsgedichte‘ besonders berücksichtigt. Sie umfasst 50 Werke aus allen Schaffensperioden; die Mehrzahl von ihnen enthält auch das 1998 erschienene, mittlerweile vergriffene Bändchen Anno Domini. Aufgrund der großen Resonanz haben wir uns entschlossen, für Achmatova besonders charakteristische und wichtige Texte (in teilweise überarbeiteten Übersetzungen) hier nochmals in Buchform zu vereinen und ihnen weitere, verwandte Gedichte zur Seite zu stellen…

Christine Fischer, Nachwort, September 2002

Das Fontänenhaus

– Erinnerungen an Anna Achmatowa. –

… Dort schaut, ein Zeuge für alles
Auf der Welt, bei Auf- und Untergang
Der Sonne der alte Ahorn ins Zimmer…

„Poem ohne Helden“

Nikolaj Nikolajewitsch Punin ähnelte einem Porträt Tjutschews. Diese Ähnlichkeit blieb anderen Menschen nicht verborgen: A.A. Achmatowa pflegte zu erzählen, daß der Dichter N.N. Assejew, als sie, noch in den zwanziger Jahren, mit Punin in einem Moskauer Haus erschien, das ein Treffpunkt für Literaten und Literaturliebhaber war, ihre Ankunft als erster bemerkte und effektvoll verkündete:

Achmatowa mit dem jungen Tjutschew!

Mit den Jahren wurde diese Ähnlichkeit immer augenfälliger: große fliehende Stirn, nervöses Gesicht, schütteres, immer ein wenig zerzaustes Haar, leicht erschlaffte Wangen, Brille.
Sie beschränkte sich wohl nicht auf das bloße Äußere: Dahinter zeichnete sich eine gewisse geistige Verwandtschaft ab.
Beide – der große Dichter und der herausragende Kritiker – waren Romantiker. Beide liebten mehr als alles auf der Welt die Kunst, strebten aber zugleich danach, bis zu einem gewissen Grade auch politische Denker zu sein.
Als charakteristischsten Zug Punins würde ich seine ständige und starke geistige Anspannung nennen. Es war, als wäre sein Bewußtsein unablässig mit irgendeiner schwierigen und anstrengenden inneren Arbeit beschäftigt. Er wirkte immer beunruhigt. Diese Anspannung entlud sich in einem nervösen Zucken, das oft sein Gesicht durchzog.
Im Herbst 1932 war ich im dritten Jahr Fernstudent der historischen Fakultät und begann, im Russischen Museum zu arbeiten.
Die leitenden Mitarbeiter des Museums zeichneten sich damals durch ein ungewöhnlich hohes wissenschaftliches Niveau aus, das man später, scheint mir, nie mehr erreichen konnte.
Einmal hatte ich das Glück, einen Fund zu machen, der Nikolaj Nikolajewitschs besonderes Interesse weckte: In einem der Skizzenbücher Benois’ entdeckte ich eine Porträtskizze, die den Dichter Innokentij Annenskij während einer Redaktionsbesprechung der Zeitschrift Apollo darstellte.
Ich glaube, es war noch kein Porträt Annenskijs bekannt gewesen; der Fund war somit von allgemeinem Interesse, von besonderem für Punin. Dieser war auf dem Gymnasium in Zarskoje Selo sein Schüler gewesen und blieb sein ganzes Leben lang ein treuer Verehrer des Dichters.
Auch A.A. Achmatowa mochte Annenskij und schätzte ihn sehr.
Nach dem Fund lud mich Nikolaj Nikolajewitsch zu sich nach Hause ein, um mich ihr vorzustellen.
Abends begab ich mich, nicht ohne Aufregung, zu Punin in den Gartenflügel des alten Scheremetjewschen Hauses an der Fontanka.
Im 18. Jahrhundert nannte man es Fontänenhaus. Unter den Fenstern des Gartenflügels wuchs ein riesiger Ahorn, er wird im Poem ohne Helden erwähnt. In der Folge war ich sehr oft dort. Nikolaj Nikolajewitsch lebte bis zu seiner letzten Verhaftung in diesem Haus, das heißt bis zum Herbst 1949, und Anna Andrejewna zog erst in den fünfziger Jahren, zusammen mit der Tochter Punins, in eine neue Wohnung beim Taurischen Garten.
Der erste Besuch im Fontänenhaus ist mir für immer im Gedächtnis geblieben. Anna Andrejewna war damals um die fünfundvierzig. Hochgewachsen, schlank, sehr mager, mit einem schwarzen Pony, sah sie fast genauso aus wie auf dem Porträt, das Altman gemalt hat.
Mir kamen damals die Zeilen aus Graf Sollogubs Erinnerungen über seine Begegnung mit Puschkins Frau in den Sinn. Sollogub schrieb:

Das Zimmer betrat eine Dame, schlank wie eine Palme.

Das hätte man auch über Achmatowa schreiben können.
Punin stellte mich vor. Ich verbeugte mich ehrerbietig und übergab Achmatowa ein Foto von Benois’ Zeichnung.
Mich versetzte ihre Stimme in Erstaunen, die vielen inzwischen von Schallplatten und Tonbandaufnahmen bekannt ist, – eine Stimme, klangvoll und tief, wunderbar ausgebildet, ausgestattet mit einer ungewöhnlichen Reinheit und Fülle des Klangs; eine Stimme, die man nicht vergißt.
Achmatowa sprach mich auf meine Nachforschungen und Funde in den Archiven an
„Sie bringen Ihnen die Atmosphäre jener Zeit viel näher, unserer Zeit“, sagte sie und sah dabei Punin an.
„Das Archiv von Apollo ist hochinteressant“, antwortete ich. „Aber mir ist ein seltsamer Umstand ins Auge gesprungen. Dort gibt es Briefe von Annenskij, Gumiljow, Kusmin und fast allen anderen Mitarbeitern der Zeitschrift. Aber es gibt keine einzige Zeile, die Sie geschrieben haben. Und dabei haben Sie doch oft in Apollo publiziert.“
Achmatowa lächelte.
„Ich schreibe niemals Briefe“, sagte sie. „In äußerst dringenden Fällen schicke ich Telegramme.“
In den fünfundzwanzig Jahren meiner Bekanntschaft mit Anna Andrejewna habe ich mich oft mit ihr getroffen; sie hat mich mehr als einmal angerufen, aber ich habe von ihr nicht nur keinen einzigen Brief bekommen, sondern nicht einmal eine kurze Notiz – und nur ein Telegramm, das herzliches und freundschaftliches Beileid anläßlich des Verscheidens meiner Mutter zum Ausdruck brachte. Doch wir müssen zu den Eindrücken meines ersten Abends im Fontänenhaus zurückkehren.
Ich schaute mir diskret, aber äußerst aufmerksam die außergewöhnlichen Menschen an, mit denen mich das Schicksal zusammengeführt hatte. Sie schienen mir eine lebendige Verkörperung des Geistes ihrer Jugendzeit zu sein. Der Zeit eines erstaunlichen, nie dagewesenen, seither nicht wiedergekehrten Aufstiegs der russischen Kultur. Ich habe diese Zeit schon damals liebgewonnen, in meiner Jugend, habe sie dann mein ganzes Leben lang erforscht und bin Achmatowa und Punin, die mir dabei geholfen haben, ihre Zeit zu verstehen und unmittelbar mit ihr in Berührung zu kommen, auf ewig dankbar.
Ich schreibe dies 1972, aus meiner heutigen Sicht; vor über dreißig Jahren hätte ich meine Gefühle wohl kaum genau so formulieren können. Aber etwas in dieser Art spürte und ahnte ich auch vor dreißig Jahren – und es war unvermeidlich, daß es meine Beziehung zu Achmatowa und Punin in gewisser Weise prägte.
Die Beziehung war anfangs nicht ganz einfach und, wie mir heute klar ist, etwas unbehaglich. Das Bewußtsein, daß mein eigenes Format mit dem Format solcher Menschen wie Achmatowa und Punin nicht vergleichbar war, machte mich verlegen und hielt mich fortwährend in einer gewissen Anspannung. Es mußte nicht wenig Zeit vergehen, bis Nikolaj Nikolajewitsch und Anna Andrejewna für mich zu vertrauten, lieben und teuren Menschen wurden und ich endlich in der Lage war, sie nicht nur zu bewundern, sondern auch ins Herz zu schließen. Sie kamen mir aber auch entgegen und waren so großmütig, meine Verlegenheit nicht zu bemerken.
Sie ähnelten sich und ähnelten sich nicht.
Damals, Anfang der dreißiger Jahre, erweckten sie den Eindruck eines sehr zärtlichen verliebten Paares, fast wie Jungvermählte, obwohl sie schon rund zehn Jahre, wenn nicht länger, zusammen waren. Achmatowa war wohl verliebter als Punin.
Ihre Anschauungen und Geschmäcker stimmten, wenn nicht in allem, so jedenfalls im Wichtigsten überein; ich hörte sie nie über etwas streiten. Aber sie unterschieden sich in ihrer Natur, waren darin vielleicht sogar einander entgegengesetzt.
Was Achmatowa angeht, so war sie überhaupt keine Romantikerin; in ihr machte sich außerordentlich deutlich der Geist hoher Klassik bemerkbar, so stark wie bei Puschkin und Goethe. Ich denke, daß man als stärkste und charakteristischste Eigenschaft Anna Andrejewnas das tadellose Gefühl für die Form nennen kann; es schlug sich bei ihr in allem nieder, vom Schaffen bis zur Sprech- und zur Verhaltensweise.
Ich weiß nicht, ob mein Gedanke nachvollziehbar ist und ob man den Charakter von Menschen überhaupt mit Hilfe von Kunststilen kategorisieren kann, aber die Menschen, über die ich spreche, waren ja auch selbst Erscheinungen der Kunst. Ich füge zur Erklärung hinzu, daß ich unter „Gefühl für die Form“ und „Geist der Klassik“ eine bewußt voreingestellte innere Harmonie und Takt im weitesten und genauesten Sinne dieser Begriffe verstehe. Achmatowas klassisch klarem Bewußtsein standen Punins romantisches Chaos und scharfe Intuition gegenüber.
Anna Andrejewna wirkte majestätisch und würdevoll wie eine Kaiserin – „Anna von Rußland mit der Goldenen Zunge“, nach dem hellsichtigen Wort Marina Zwetajewas. Mir scheint allerdings, daß es der majestätischen Würde Anna Andrejewnas an Natürlichkeit mangelte – vielleicht versagte nur in diesem Fall ihr Gefühl für die Form.
Angesichts des gewaltigen Intellekts Achmatowas schien dies seltsam. Was braucht sie ihre Größe und Würde zu betonen, wo sie doch Achmatowa ist! Aber hier würde ich mir kein Urteil erlauben, weil ich das schwierige Innenleben Anna Andrejewnas zu wenig und nur von außen kenne. Von außerhalb, aus den dreißiger Jahren selbst, die so unheilvoll und unglückselig waren, strömte fortwährend etwas in ihre Seele hinein und zerstörte die voreingestellte Harmonie. Zu den geheimen Ecken ihrer Seele aber gewährte Achmatowa wohl niemandem Zutritt.
Vielleicht mag, neben einer Vielzahl anderer Gründe, Anna Andrejewnas in bezug auf Punins Familie zum Teil zweideutige Lage ein Grund für die äußere Selbstbehauptung gewesen sein. Er lebte mit seiner ersten Frau in einer Wohnung. Dort wohnte auch ihre kleine Tochter.
Wenn wir abends Tee tranken, saßen beide Damen am Tisch. Von der Seite hätte man den Eindruck gewinnen können, daß zwischen ihnen Eintracht herrsche. Aber ob es wirklich so war, weiß ich nicht.
Die Atmosphäre der Unglückseligkeit, die tief in der ganzen Zeit verwurzelt war, über die ich erzähle, war vielleicht nirgends so spürbar wie im Fontänenhaus. Über seinem Gartenflügel zogen bedrohliche Wolken umher und trugen das Unglück in sich, das über Punin und Achmatowa hereinbrechen würde. Das Leben führte sie schließlich zu einer schmerzvollen Trennung.
Doch das war nicht zu der Zeit, von der ich hier spreche – es geschah erst einige Jahre später.
Damals wirkte der alte Ahorn, der im Poem ohne Helden beschrieben wird, noch grün und frisch.

Wsewolod Petrow, Sinn und Form, Heft 1, Januar/Februar 2015
Aus dem Russischen von Daniel Jurjew

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Zum 100. Geburtstag der Autorin:

Ilma Rakusa: Kompromisslos im Leben und im Wort
Tagesanzeiger, 21.6.1989

Birgitta Ashoff: Anna von ganz Rußland
Die Zeit, 23.6.1989

Fakten und Vermutungen zur Autorin
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Anna Achmatowa Begräbnis.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.