Attila József: Poesiealbum 90

József/Hincz-Poesiealbum 90

VIELLEICHT WERDE ICH PLÖTZLICH VERSCHWINDEN

Vielleicht, wie eine Tierspur in den Wäldern,
Werd ich auf einmal gänzlich verschwinden.
Eines Tages muß ich Rechenschaft ablegen.
Was ich besaß, verging mit den Winden.

Der Kinderleib, der einer Knospe glich,
Ward in bittrem Rauch gedörrt und ist verwittert.
Wenn ich zurückschau auf das, was mein Leben war.
Fühl ich, wie der Verstand mich verläßt und das Herz mir erzittert.

Die Gier hat ihren Reißzahn in mein Fleisch geschlagen.
Zu früh spürte ich sie in meinem Mark brennen.
Dann kam die Reue, und ich sagte mir:
Warum hast du nicht zehn Jahre warten können?

Meine Mutter redete mir zu, und ich wollte
Sie grad nicht verstehn und gab auf sie nicht acht,
Dann war ich Waise, schlecht oder gar nicht geliebt,
Und hab mich auch über meine Lehrer lustig gemacht.

Du, meine Jugend, bist wie ein grüner Wald gewesen,
Endlos schienst du zu sein und ewig zu dauern.
Jetzt hör ich weinend auf den Wind und hör ihn im
Trocknen Geäst, aus dem jedes Blatt fiel, schauern.

Übertragung Stephan Hermlin

 

 

Dieser Sohn einer Wäscherin

und eines grillenhaften, abenteuerlichen Vaters erblickte sein poetisches Universum auf ganz natürliche Weise im Stoff seiner Vorfahren. Und sein Leben, so verworren bis in die Verzweiflung und den Selbstmord hinein wie gleichzeitig von Klarheit geprägt – ist es nicht der Widerschein der schwierigen Lage der Enterbten in einem Regime, das materielles und moralisches Elend absondert wie ein unentbehrliches Produkt zur Aufrechterhaltung seiner Macht?

Tristan Tzara, Verlag Neues Leben, Klappentext, 1975

 

 

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