Brigitte Kronauer: Zu Jan Wagners Gedicht „Störtebeker“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Jan Wagners Gedicht „Störtebeker“ aus Jan Wagner: Guerickes Speerling. –

 

 

 

 

JAN WAGNER

Störtebeker

Ich bin der neunte, ein schlechter Platz.
Aber noch läuft er.
GÜNTER EICH

noch läuft er, sieht der kopf dem körper zu
bei seinem vorwärtstaumel. aber wo
ist er, er selbst? in diesen letzten blicken
vom korb her oder in den blinden schritten?
ich bin der neunte und es ist oktober;
die kälte und das hanfseil schneiden tiefer
ins fleisch. wir knien, aufgereiht, in tupfern
von weiß die wolken über uns, als rupfe
man federvieh dort oben – wie vor festen
die frauen. vater, der mit bleichen fäusten
den stiel umfaßt hielt, und das blanke beil,
das zwinkerte im licht. das huhn derweil
lief blutig, flatternd, seinen weg zu finden
zwischen zwei welten, vorbei an uns johlenden kindern.

 

Der sagenumwobene Klaus Störtebeker

war im 14. Jahrhundert Anführer der Vitalienbrüder, auch Likedeeler (Gleichteiler) genannt, die von Gotland aus als Freibeuter operierten und angeblich in ihrer sehr wechselhaften Geschichte sechs Jahre lang das belagerte Stockholm mit Nahrungsmitteln versorgten. Die äußerst geschickt manövrierenden, zeitweilig mit Kaperbriefen ausgestatteten Seeräuber wurden später von den Schiffen der Hanse, besonders seitens der Hamburger, verfolgt. Im Oktober 1401 nahm man 72 Piraten gefangen und enthauptete sie zusammen mit ihrem Anführer Störtebeker. Dieser hatte um die Freilassung derjenigen Kameraden gebeten, so die Legende, an denen er als Geköpfter noch vorbeilaufen könne. Als er elf passiert hatte, brachte ihn der Scharfrichter zum Stolpern. Bürgermeister und Rat hielten ihr Versprechen nicht. Die Seeräuber mußten ausnahmslos sterben.
Günter Eich hat, mit leichtem Brecht-Anklang, in einem gedichtähnlichen, vierzeiligen Prosatext die Szene der Enthauptung aus der Sicht des neunten Piraten geschildert. Den letzten Satz stellte Wagner seiner kleinen Ballade voran.
Wie in Jandls „legende“ stoßen bei Wagner persönliches Erlebnis und Legendäres aufeinander, nur macht dieser es umgekehrt: Der berühmte Lauf des hingerichteten Störtebeker mündet ein ins Private, während Jandl sein Isaak-Ich aus der Wohnküche in die Bibel katapultierte. Zwei entgegengesetzte Halluzinationen der Erzähler, die aber beide den Kontrast zum machtvollen Hintergrund eines hochdramatischen Geschehens nutzen.
Es gelingt Wagner offenbar mühelos, die alte, balladenschwere Geschichte trotz der blutigen Umstände in eine filigrane Reminiszenz zu transformieren. Aber ist die Vorstellung der Federwolken und des kopflos rennenden Huhnkörpers und erst recht der zwei Welten nicht ein wenig zu chimärisch für einen mit allen Wassern gewaschenen Seeräuber, der dem ziemlich sicheren Tod entgegensieht?
Was bringt überhaupt einen 570 Jahre nach Störtebekers Tod geborenen Autor dazu, sich mit dieser Helden- und Schauergeschichte noch einmal zu beschäftigen, deren Hauptfigur eher Gegenstand einer Ballade des nordischen Typs sein könnte? Die rätselhafte Verbindung zwischen Kopf und Körper, das plötzlich aufgetane Niemandsland zwischen Leben und Tod, Materie und Bewußtsein, eventuell sogar die prekäre Zone zwischen Diesseits und unvorstellbarem Jenseits?
Vielleicht war der Dichter als belesenes Kind, das die Sage kannte, Zuschauer, als ein Huhn geköpft wurde, hat sich damals die Szene in das Störtebeker-Schauspiel hinein verlängert und sie hier als brenzliges Erinnerungsbild, nicht pittoresk, sondern von innen heraus, im neunten Mann aufleben lassen? Das hieße, es gibt für ihn eine lebendige Identifikation mit dem heroisch aufwühlenden Geschehen aus der eigenen Kindheit.
Ist es noch eine Ballade? Der Rhythmus wird bis auf die zweite, prosaisch abgerückte Hälfte der letzten Zeile durchgehalten, der Reim fehlt, und doch entsteht ein unüberhörbarer, gezielt „unsauberer“, wie in Alliterationen und Assonanzen lallender Paarreim, der sich an ehemalige Regeln unvollkommen zu erinnern scheint.
Wagner schafft es, das Alt-Balladeske, ohne es zu belächeln und dadurch zu zerstören, ohne es zu konservieren und dadurch lächerlich zu machen, in sanftem Übergang ins neuzeitlich Lyrische einzuschmelzen und – erstaunlich – beide Welten zu vereinen.
Im Tourismus übrigens lebt Nikolaus oder Claas oder Johann Störtebeker oder Storzenbecher oder Stürzebecher, unserm kindlichen Bedürfnis nach Legenden schmeichelnd, ungebrochen fort. Die neuere Forschung dagegen bezweifelt, daß es ihn je gab.

Brigitte Kronauer, aus „Die Augen sanft und wilde“. Balladen, ausgewählt und kommentiert von Brigitte Kronauer, Philipp Reclam jun., 2014

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