Christophe Marchand-Kiss: Zu Gottfrieds Benn Gedicht „Innerlich“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Gottfried Benns Gedicht „Innerlich“ aus dem Band Gottfried Benn: Sämtliche Werke Band II. –

 

 

 

 

GOTTFRIED BENN

Innerlich
[Fassung von 1921, Veränderungen der 2. Fassung von 1922 in Klammern]

I

Innerlich, bis man die Schwalbe greift,
Schwermut lagernd vor das Harngebilde,
B[b]is man sich das Seelchen überstreift
K[k]nack die Braut, Gemüt und Schützengilde –

Aber dann gehörig ausgeschlammt
S[s]chließt sich die politische Kaverne,
F[f]ort den Kleister! und die Hölle flammt
F[f]risch die Zentren an und Schädelkerne.

II

Knochen, schamlos, unbewohnt,
Nacht von Trümmern braun und brüchig,
A[a]lles faul und alles flüchig,
Jurtenjahr und Raidenmond,

Palmbusch, Klatschmohn, Coquelicot,
Asphodelen, Gangesloten,
Strauchsymbole, Affenpfoten
A[a]us dem großen Nitschewo.

III

Mein Blick, der über alle Himmel schied
U[u]nd alle Flüsse, Styxe und Saline,
K[k]ennt nur noch eine Reise: in das Lid
U[u]nter die Konjunktiven-Baldachine

Was war der Trall, was ward das Gottgefäß –
Furunkelhiob, Lazarusgehäuse,
Stinknase, Rotz, Karbunkel am Gesäß,
Kniewasser und den Hodenschurz voll Läuse.

IV

Auf alte Weiber stürzt man sich, zur Blüte
D[d]es Greisentums, zu letzter Kommunion
E[e]ntleide mich, entlichte mich, entwüte –
Zementfabrik, Treuhandel-Kommission

An kalte Euter klotzt man die Gedärme
N[n]ach Mutterkuchenfett und Molkenkuh,
S[s]chon halben Leichen scheucht die Bärme
Z[z]ersetzten Hirns den Schädelkranken zu.

V

Das Dichterpack, der abgefeimte Pöbel,
D[d]as Schleimgeschmeiß, der Menschheitslititi,
E[e]in Stuhlbein her, ein alter Abtrittsmöbel,
E[e]in Schlag – der Rest ist Knochenchirurgie

Und dann den Mörtel auf die Strafgalionen
V[v]erlötet und den After zugespickt,
Gehirn-Kamorra, Barrabas-Kujonen,
N[n]un den gestirnten Himmel angenickt.

VI

Prometheus, los, den Wudki an die Schnauze,
aaaaaaaaaaaaaaa[O Seele, futsch die Apanage]
Für diese Blase Leber und Ragout –
aaa[Baal-Bethlehem, der letzte Ship,]
Syndetikon! und schmier’s dir auf die Plauze
aaaaaaaaaaaaaaa[hau ab zur Augiasgarage,]
Und dann im Cutaway zum Rendez-vous –
aaaaaa[friß Saures, hoch der Drogenflipp –]

Die Zeuse Kitsch, wo du die Fackeln klautest,
aaaaaa[im kalten Blick Verströmungsdränge,]
Und sonst die Viehheit über Stall und Haus
aaaaaaaaaaaa[Orgasmen in den Leeren Raum,]
Wird schrein, als ob du die Pauke hautest:
aaaaaaaaaaa[Visions-Verkalkungsübergänge,]
Herr Branddirektor, Mensch, so siehst du aus!
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa[Geröll im Traum.]

 

Zwei Mal „Innerlich“

–  Ein Vergleich. –

Schwelle
Zunächst eine Distanz: zwischen dem inneren Ich und dem äußeren Ich, dem denkenden Subjekt und dem sozialisierten Subjekt oder Objekt. Und was ist mit der Lyrik von Gottfried Benn, die für ihn einem sozialisierten Objekt gleicht (das das denkende Subjekt verlassen hat)? Verse schreiben oder sein Leben lang hinter dem Ladentisch Zigaretten verkaufen, ist schlußendlich (und vielleicht letztendlich) ein und dasselbe. Hat das Gedicht das innere Ich verlassen, kann es nicht mehr dorthin zurück. Es ist, unwiederbringlich, woanders.

Gegeben sind
zwei Gedichte mit dem Titel „Innerlich“; eines von 1921, das andere von 1922, beide fast identisch, abgesehen vom unterschiedlichen Gebrauch der Großbuchstaben am Versanfang und den beiden letzten Vierzeilern des Gedichts „Innerlich“ von 1922. Innerlich, doppelt (oder annähernd doppelt), hier ist es – die Fassung von 1922 steht in Klammern und ist hervorgehoben:

Die beiden letzten Vierzeiler von „Innerlich“ aus dem Jahre 1922 sind auch die beiden letzten von „Der späte Mensch“ aus dem Jahre 1921 – die beiden ersten Vierzeiler des letzteren findet man hingegen in der zweiten Version von „Der späte Mensch“ („Das späte Ich“) von 1922 wieder, mit denselben veränderten Anfangsbuchstaben wie bei „Innerlich“ von 1922. Verdoppelung des Doppelten. Zwischen den vier Gedichten, die Benn in einem sehr kurzen Zeitraum geschrieben hat (zwei Jahre), entsteht ein Widerhall, und sie zeigen die Bewegung des Denkens in seiner Strukturiertheit und zugleich in seiner Unvollkommenheit: Wiederholungen, Echos, Korrekturen, Streichungen – Collage. Oder Montage: unterschiedliche Anordnungen desselben Materials, die zu unterschiedlichen Rhythmen, Bedeutungen, Geschwindigkeiten und Intensitäten führen.
Ein Beispiel, das einfachste: der Wegfall der Großbuchstaben am Versanfang, wenn es sich nicht um ein Substantiv handelt, prosaisiert das Gedicht. Prosaisiert sind die Gedichte von Benn allein schon deshalb, weil sie, wie auch bei Baudelaire, von einem ungewöhnlichen Wortschatz Gebrauch machen (es ist bekannt, daß nach Benn das Substantiv dem Adjektiv und vor allem dem Verb überlegen ist), seien dies medizinische Begriffe, Wörter aus fremden Sprachen, ungewöhnliche Wortzusammensetzungen (die das Deutsche zuläßt), und, immer noch nach Benn, weil ein Kursbuch, eine Gesangbuchstrophe und ein Mikoschwitz drei Verse, also ein Gedicht bilden; aber auch weil, wie Pasternak schrieb, Poesie „die Prosa des organischen Fakts“ ist, und es bei Benn genau darum geht (und sogar um ein Fließen und um Elastizität, auf den ersten Blick widersinnige Begriffe, zumal seine Lyrik, zumindest während der expressionistischen Zeit, so abgehackt und wie von innen heraus aufgegessen scheint). Doch durch diese Verdoppelung eines Doppelten, durch diese Verflechtung (diesen Dialog gar) der beiden Fassungen von „Innerlich“ mit den beiden Fassungen von „Der späte Mensch“, macht Benn das Gedicht nicht nur frei, indem er ihm seine innere sowie auch äußere Beweglichkeit zurückgibt. Er nimmt ihm vielmehr etwas von seiner Heiligkeit, er raubt ihm jegliche Anwandlung, ein vollendeter, abgegrenzter Gegenstand (ein „Kleinod“ würde man sagen) zu sein, und darüber hinaus eine Quintessenz, da manche Teile der Gedichte geborsten, zersplittert sind und das, was das „Reinste“ an ihnen darstellt (ihr Wesen: das eines Gedankens), woanders ist, und zwar woanders aus der Fassung gebracht – die Teile verändern nicht ihre Form, sondern, indem sie durch Reibung neue Verbindungen eingehen, ihr Substrat.

Doppeltes Jenseits und diesseits des Doppelten
In Doppelleben führt Benn verschiedene Gründe für den Titel seines Werkes an, die, wenn sie sich nicht widersprechen, unterschieden werden können. Er ist ein Doppelwesen, denn die Gestalten in den Anfängen unserer Kultur, Sphinx oder Zentaur, sind es auch. Es läßt sich nicht leugnen, daß diese Kultur ihn voll und ganz ausmacht, und folglich, wesensgemäß könnte man sagen, muß er doppelt sein. Er ist ein Doppelwesen, denn das Innere ist nicht das Äußere, das Denken ist nicht, was wir sind, unser denkendes Sein ist nicht unser handelndes Sein. Benn versucht, diese gespaltene Persönlichkeit systematisch zu leben, obwohl er sich der extremen Schwierigkeiten dieser Haltung bewußt ist und, was nicht verwundert, das Ganze aber noch schwieriger macht, er den Schreibakt an sich ausschließt, der das Streben nach Einheit in einer bestimmten Zeitspanne und einem gegebenen Raum darstellt (und deshalb kurz ist). Den Menschen aus seiner Einheit entbinden, bedeutet nicht nur, darauf zu verzichten, Gegensätze zu versöhnen und damit dem Zufall, der Unbeständigkeit, den Wechselhaftigkeiten und gar der Paradoxie zu erliegen, sondern auch den Verzicht auf jegliche Identität, und vor allem auf eine bewußte Identität. Bei Benn geht es nicht um eine Vielzahl von Identitäten innerhalb einer sie umfassenden Identität, sondern um zwei voneinander getrennte Identitäten, eine innere und eine äußere, um eine binäre Trennung, wie die Trennung von Tag und Nacht. Während es bei der Entstehung und dem Ergebnis der beiden Fassungen von „Innerlich“ und von „Der späte Mensch“ um Überlagerung, Überdeckung, Verflechtung und um einen Dialog ging, steht 1950 bei Benn die Gegenüberstellung zweier Begriffe, und folglich zweier Arten von Identität (also Leben) im Vordergrund, wobei die Undurchlässigkeit zwischen beiden natürlich noch keinesfalls bewiesen ist. Benn bedient sich eines rhetorischen Arguments, das eine unüberwindbare Linie zieht zwischen dem Denken und dem Schreibakt als logischer Folge (was man Schreibaugenblick nennen könnte) einerseits und dem Rest, allem, was mit Alltag, mit dem Anderen zu tun hat, andererseits: mit der verweigerten Realität (wir werden später in zahlreichen Gedichten sehen, daß sie es nicht ist, und daß genau hierin ein täuschender Kniff liegt. Und eine Einstellung – aus der niemals Verstellung wird, aus einem triftigen Grund: eine Identität, selbst einfach doppelt, ist zwangsläufig voller Widersprüche. Aber ist das nicht eine Binsenweisheit?).

Das Andere, die Anderen
Gehen wir, im Gegensatz zu Benn in Doppelleben, davon aus, daß das Innere nicht über das Äußere gestellt ist. Weil sie miteinander verbunden sind (Porosität): Das Innere wird von Äußerem durchdrungen, das Äußere von Innerem. Der Lärm des Äußeren hallt im Inneren wider, wie in einem großen Resonanzkasten. Doch das Äußere gründet auf dem Inneren, selbst wenn man still mit sich selbst spricht. Man geht auf jeden Fall; man beugt die Knie, man drückt sich herum: Man geht ein ganz klein wenig aus sich heraus; man ist lebendig. Unsere Knochen knarren, unsere Haut wirft Falten, unser Magen knurrt; und mitunter denkt es. Man hat Hunger, man ißt, man trinkt, man verrichtet seine Notdurft. Man schläft, man träumt.
Was Gottfried Benn in „Innerlich“ sagt, ist doch nichts anderes: diese starke Gleichwertigkeit zwischen dem Außen (allem Äußeren; und allen Äußerlichkeiten) und dem Innen (allem Inneren, die mögliche oder Pseudo-Innerlichkeit eingeschlossen, und das Innerste, alles, was zusammen mit dem Rest tief in einem selbst ruht – ob es nun von außen kommt und sich festsetzt oder ob es von innen heraus zutage tritt, herauskommt, entrinnt: Läuse, Rotz, Karbunkel.)
Bei Benn gibt es etwas Versiegeltes, etwas wie es, das ihm offensichtlich entgeht, und uns zu lexikalischen Ausbrüchen führt. Pack, Pöbel, Geschmeiß, noch immer und immer noch. Tiere, weil die Tiere nicht über die Menschen gestellt sind; und die Menschen selten das sind, was sie wirklich sind: selbst Tiere. (Louis Zukofsky behauptet im zweiten Satz das Gegenteil: „People are pigs / Precisely pigs are not people“.) Bei Benn gibt es kein Tier-Werden. Wir sind alle welche (erinnern wir uns an Rönne: Maulwurfhügel und Maulwurf zugleich; und an die Milben und Käfer, die, nach ihm, die Romane von Hamsun heimsuchen); und wir haben im Dreck zu liegen (oder zu plantschen). Kein Ausweg. Keine Illusionen: Körper und Geist, untrennbar, frohlocken und genießen nicht; sie verfaulen, produzieren Orgasmen im leeren Zimmer – was soviel heißt wie, sie heben sich gegenseitig auf, und jegliche Art von Wollust, indem sie sich konstituieren.
Sein Expressionismus ist ein Juckreiz (oder, wenn man so will, ein epidermischer Expressionismus). Es muß jucken, es muß sich schälen. Hier schreibt ein Dermatologe, und da gibt es endlich einmal keine Zufälle: Spezialist für das Äußere des Körpers, für dessen Oberfläche und somit für dessen Erscheinung; aus diesen fragilen Geweben sollen Pickel, Eiter, Karbunkel und Furunkel verschwinden – ein hoffnungsloses Unterfangen. Im Gegenteil, sie wuchern. Spiegelungen, in denen das Selbst, sein Bewußtsein, sein Denken und die Außenwelt (jene traurige, absurde Gesellschaft, in der man leben, oder eher überleben muß) vereint sind. Die Hülle ist nicht dicht. Man kann in sie hineinblicken, und diese physichen oder aber mentalen Einblicke liefern so etwas wie eine Bestandsaufnahme der Welt, die man im Augenblick oder aber für immer mit sich trägt, Stigmata einer durch und durch dekadenten Kultur.
All das stimmt, nicht für Benn, aber für das Andere, für die Anderen. Benn ist eigentümlich, nicht nur, weil er denkt und sein Denken in Gedichte umwandelt, sondern auch, weil er aus einem „eigentümlichen Erbmilieu“ hervorgegangen ist (siehe die Beschreibung seiner Herkunft und im besonderen die seines Vaters und seiner Mutter in Doppelleben). Benn spricht von einer „Rasse“, die er ausschließlich in ihren Widersprüchen betrachtet: ebenso rein (und folglich arisch) wie von den unterschiedlichsten „Krankheitsbildern“ durchdrungen (Homosexualität, Bisexualität, Psychopathie, Alkoholismus, Neurose, Degeneration, Tuberkulose, Wahnsinn), das Ganze (ohne Witz) statistisch bewiesen. Über den Wahnsinn, der in dieser Äußerung liegt, hinaus existiert für Benn eine solche „Rasse“: Es ist die der Kunstschaffenden. Eine paradoxe „Rasse“, denn in ihrer extremen (den Nazis so lieben) Reinheit und in ihrer extremen Degeneriertheit (Benn verehrt die „entartete Kunst“) hat der wahre Künstler seinen Ursprung, aus ihnen geht er hervor.
Nun versteht man besser, warum in Pameelen eine Großmutter nicht mehr wert ist als eine Haarnadel, daß Rönne alles oder irgendwas ist (und nicht irgendwer), daß letztlich das Er oder das Sie, das Dies und das Jene, und vor allem das Du lediglich das Ich (das heißt also sein eigenes) vernichten sollen. Ist Benn deshalb ein Menschenfeind, führt er einen ewigen Kampf gegen die Alterität? Nein, das beweist sein Leben, sein intimes wie auch sein berufliches – Ehefrauen, Geliebte, Freundinnen und Freunde; und als Arzt eine gewisse Aufopferung, insbesondere, wenn er die Prostituierten aus dem Berliner Milieu behandelt.
Nach dem Ersten Weltkrieg muß der Mensch neu erfunden werden; er wurde erniedrigt, hat sich aber auch erniedrigt; er hat sich kompromittiert – er wurde beschmutzt. So ist der Mensch, den Benn beschreibt. Für den Verfasser von Morgue bedeutet das, ihn so zu sehen wie er ist (objektive Feststellung), und nicht, wie er ihn gerne sehen würde. Der Mensch wird weder verneint noch gehaßt – er könnte etwas anderes sein; aber er ist so, und so beschreibt ihn das Gedicht: Er ist erniedrigt, weil er angesteckt wurde, angesteckt von seinen Werken selbst, die er ebenso in sich trägt wie sie ihm entgleiten: in erster Linie die Geschichte, gewaltsames Eindringen von kollektiven Legitimationsverfahren, die das intime Ich zunichte machen, und die Realität, irreales Sammelbecken für das sich vollständig zersetzende soziale Ich. Selbst wenn er denkt (man könnte sogar sagen: vor allem, wenn er denkt), ist der Mensch nicht imstande, die Natur der Dinge zu verändern (die Körper zerfallen, verwesen) und, a fortiori, kollektiv eine Geschichte (welche Geschichte auch immer) zu erschaffen. Deshalb ist die Geschichte absurd, nichts wird sich in ihr verwirklichen, nicht einmal eine Idee. Benn gesteht jedoch ein, daß mit der Machtergreifung der Nazis eine kollektive Geschichte entsteht, unaufhaltbar, und daß diese Geschichte plötzlich das Wort ergreift, die Menschen hingegen schweigen müssen (eine Geschichte, wie er dann selbst sagen wird, von Grobianen und Nutznießern, von Betrügern und Dieben; und insbesondere eine Geschichte, die die Nazis versuchen werden durch Mythen zu ersetzen). Durch diesen plötzlichen Umschwung wird die Absurdität dieser Geschichte jedoch lediglich doppelt so stark und ihr hervorstechendster Wesenszug somit noch mehr hervorgehoben.
Die Irrealität der Realität ihrerseits hat ihren Ursprung in diesem Fehlen von Geschichte, von jeglicher Bewegung, die das menschliche Tun bestimmt, und von jeglichem Werden, das dessen Verankerung möglich machen würde. In Doppelleben beschreibt Benn eloquent die Kaserne, in die er gegen Ende des Krieges geschickt wurde. Alles Äußere ist nichts als Gewalt (gegen andere, gegen sich), eine vergängliche Theaterbühne voller falscher Schauspieler mit abscheulichen Masken; so nimmt er die Irrealität der Realität wahr. Alles Innere ist nichts als Stille. Selbst in der Beschreibung der Kaserne von innen und außen findet man bei Benn ganz deutlich die Zweiteilung zwischen wahrem, ursprünglichem Ich und sozialem, falschem Ich wieder. Man findet auch die Illusion des Kollektiven (starkes Betäubungsmittel) wieder, die Benn dazu bringt, jeglichen Universalitätsbegriff abzulehnen, da das Sein unwiderruflich geteilt, gespalten ist.
Die Realität wird jedoch nicht verneint (läßt sie sich überhaupt verneinen?), und zahlreiche Gedichte wie „Jena“ (1926) oder „Einsamer nie“ (1936) beweisen das. Die Schönheit der Welt, auch wenn dieser Ausdruck abgegriffen zu sein scheint, wird ebensowenig verneint. Benn besingt sie, schweren Herzens fast, wahrscheinlich weil ein Wort (todt zum Beispiel), ein Ausdruck schon genügt, um dem Inhalt dieser Realität oder dieser Schönheit eine negative Wendung zu geben – nicht um sie zu zerstören, sondern um sie irreal zu machen, menschenlos, ausweglos.

Ich, das Wort, die Kunst
Das Ich ist das Wort. Oder alle Wörter, die das Gedicht hervorbringen werden. Das Ich ist das Denken, und das gedachte Gedicht, nicht das geschriebene Gedicht, das entgleitet seinem Verfasser, wird sozial. Anders ausgedrückt: Es gibt kein Ich (und keine Möglichkeit, es zu erschaffen) ohne Kunst, die Ausdruck des Denkens ist. Es gibt kein Ich ohne jene Fähigkeit zu schaffen, die sich, wie die „Rasse“ (daher ihre gemeinsame Wirkung auf die Gene), dem Leben, ein anderes Wort für Realität, entgegenstellt. Für Benn ist die Kunst eine Tautologie. Sie ist das Andere (oder ein eigener Raum), das, obwohl es die Kultur oder die Bildung berührt, das alles nicht ist, und vor allem nicht Kultur, sondern Kunst; und zwar reine Kunst, wenn man an die des Lyrikers denkt, was sie von der des Romanschriftstellers, der ein Publikum hat, für das er produziert, unterscheidet.
Wenn sich die Kunst dem Leben entgegenstellt, und dies heftig, dann beseitigt sie auch, als Kunst, die Geschichte und folgerichtig die Zeit. Die Kunst bewegt sich im Inneren des Menschen, in dessen Denken, niemals im Äußeren, wo sie mehr oder weniger durch die Kultur ersetzt wird. Aus diesem Grund träumte Benn von einer Kunst an sich, befreit von jeglicher Zufälligkeit, von all den Lasten (Realität, Kultur, Geschichte), die sie tragen muß und die sie in Ketten legen, und von Worten, die sich in sich und für sich in einem Buch anordnen. Das ist ein Ding der Unmöglichkeit, aber in Doppelleben glaubt Benn sie zu finden, diese Worte, diese Werke: Paludes von Gide und Bebuquin von Carl Einstein. Auch hier gibt es, einmal mehr, einen Widerspruch zwischen dem Denken, das Totalität an sich ist, das innerlich ist und das, wenn es rein bleiben möchte, mit dem Außen nicht kommunizieren darf, weil es dort erniedrigt und zersetzt wird, und den Büchern, die, auch wenn sie reines Denken waren, von dem Moment an, wo man sie liest, nur Fragmente einer Kultur sind. Folglich kann das, was das Denken ausmacht, was es formt, nur die Kultur sein (wie ließe sich denn sonst zum Beispiel Prometheus denken?), die ganze Kultur, und nur sie. Und an dieser Schnittstelle, wo das Denken und die Kultur aufeinandertreffen, entsteht Kunst. Diesem indessen eine Bedeutung zu geben, heißt womöglich, den Irrationalismus von Benn, ob er nun von Nietzsche oder eher von George kommt, zu reduzieren und zu versuchen, ihn zur Vernunft zu bringen. Gleichzeitig sind nicht so sehr die Widersprüche und Sackgassen störend, in die Benns bemerkenswerter Irrationalismus führt, sondern der beträchtliche Widerspruch zwischen seinem vor allem theoretischen Diskurs und seinem an sich komplexeren lyrischen Werk, dessen Materialien eher Vielfältigkeit, Überlagerungen und Zerstreuung evozieren als Verdoppelungen, eher Poröses als angeblich dichte (aber verfallene) Trennwände. Genau in diesem Widerspruch ist das „Ich“ von Benn zu suchen, ein „Ich“ in der Schwebe, zerrissen zwischen einem Innen, um dessen Schutz das Subjekt bemüht ist, und einem Außen, vor dem es geschützt werden muß, das er nicht versteht und das ihn fast gänzlich ausmacht. Genau da ist Benn, in dieser Zerrissenheit, dieses Ich, das darunter leidet, niemals rein, niemals einzig und Einheit zu sein.

Christophe Marchand-Kiss, in Jan Bürger (Hrsg.): Ich bin nicht innerlich, Klett-Cotta, 2003
aus dem Französischen von Katja Simon

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