16. April

Der April ist der Minnemonat für Migräne, die Wetterkapriolen tragen dazu bei. Zur Zeit – schon am späten Nachmittag – steht irgendwo oben der Vollmond, verfangen in strähnigem Regen. Rascher als sonst fällt die Dämmerung ein, mit Verspätung kommt Krys an, sie hat die CD mit den Klavierkonzerten von Beethoven dabei, Klemperer als Dirigent, Clifford Curzon als Solist – unser Abendprogramm. Diese Kunst! Solches Spiel! Was man auf diesem Niveau hören kann, darüber muss man schweigen. – Danach bin ich mit Krys auswärts, ich vermute, wir sind erstmals gemeinsam in Paris, und ich weiß, wir sollen hier gemeinsam auftreten – keine Ahnung, in welchem Stück, in welcher Rolle. Wir brauchen … wir beschaffen uns einen Stadtplan, doch wohin sollen wir fahren, wo erwartet man uns? Es wird eine lange Fahrt sein dorthin. Unterwegs in einem Kleidergeschäft holen wir unsre bestellten Kostüme und Requisiten ab, kommen mit der adretten, aber doch etwas spießigen Vermieterin ins Plaudern, ich stelle plötzlich fest, dass wir zeitlich schon recht knapp dran sind. Trotzdem kehren wir auf der Weiterfahrt kurz noch bei meiner Mutter ein, die jetzt in einem unscheinbaren Mehrfamilienhaus lebt und – für mich völlig unerwartet – ihre Wohnung vermieten will. Wir treffen sie beim Bügeln an, wollen sie nicht stören und suchen uns in der weitläufigen Wohnung ein Zimmer aus. Krys zieht die Gardinen zu, auf dem Bett sehen wir fern, beginnen nebenbei mit Zärtlichkeiten, ziehn uns dabei halbwegs aus, da stürmt Mutter herein, gefolgt von einem halben Dutzend junger Frauen, alle theatralisch kostümiert, alle wollen die Wohnung sehen und wollen sie auch gleich besetzen. Kopfschüttelnd setzen wir uns auf, Mutter beginnt zu schimpfen, erinnert uns daran, dass wir Morris doch längst im Kindergarten hätten abholen sollen, er sei dort »abgewählt« worden und also wieder zu »haben«. Nicht schlecht erstaunt frage ich Krys, wie alt wohl der Kleine sein werde, wenn ich mal sechzig bin? – Chancengleichheit, Rechtsgleichheit, Menschenrechte werden vielleicht dem Menschen gerecht, sicherlich nicht den Menschen. Für den Einzelnen … für zahlreiche Einzelne führt Gleichstellung notwendigerweise zu Ungerechtigkeiten. Gleichgestellte Immigranten, gleichgestellte Behinderte, gleichgestellte Nigerianer, Juden, Alleinerziehende, Schwule, Hochbegabte, gleichgestellte Gelegenheitsarbeiter, Schwarzarbeiter, Heimarbeiterinnen, Schülerinnen, Jungmanager, Bestsellerautoren, Bestsellerautorinnen, Nordkoreaner, Norweger, Christkatholiken, Orchestermusiker, Polizeirekruten, Polizeirekrutinnen, Teilzeitbeschäftigte und noch mehr Gleichgestellte – doch wer wird mit wem gleichgestellt? Wer oder was gibt den Ausschlag? Gleichstellung ist immer auch Anpassung, wird zum Normzwang, übersieht die Qualität von Differenzen. Obwohl doch letztlich alles – vor allem das Kriterium der Qualität – an Differenzen orientiert ist. Differenzen zu stärken und durchzusetzen, wäre sicherlich produktiver, als auf Gleichstellung, Gleichberechtigung, Gleichmacherei zu beharren. Oder konkret: Wieso wollen homosexuelle Paare mit »normalen« Paaren gleichgestellt und gleich behandelt werden? Heiraten! Kinder haben! Kinder adoptieren! Kirchlich getraut werden! Gemeinsam besteuert werden! Anpassung – in allen Dingen – an die bestehende und akzeptierte Normalität. Warum entwickeln die Differenten nicht auch eigene, eben abweichende Verhaltens- und Spielregeln, in diesem Fall – eigene, also andere Modelle des Zusammenlebens, von denen vielleicht auch einmal die Normalverbraucher profitieren könnten? – Bei Teresa von Avila lese ich ein Gebet, in dem sie Unglück, Schande, Verachtung auf sich herabruft, um selig zu werden. Das Paradoxon hat seine Richtigkeit insofern, als der, welcher grundsätzlich auf Ungemach abhebt, nie enttäuscht sein wird; die Glücksuchenden hingegen, die stets guter Hoffnung sind, die Harmoniesüchtigen, die militanten Optimisten, sie warten meist vergeblich auf Bestätigung und Erfüllung ihrer Wünsche. – Papst Franziskus möchte der Papst der Armen sein und eine Kirche für die Armen ins Feld führen; im gleichen Atemzug spricht er sich strikt gegen jede Form von Geburtenregelung aus – was einem Verdikt gegen die Armen und damit gegen einen Großteil des Kirchenvolks gleichkommt. Doch global wird nun die »Kirche der Armen« propagiert und … aber wo bleibt das Denken der Gläubigen? – Für den Asketen ist alles, was am Menschen tierisch ist, etwas zu Überwindendes – Sex, Hunger, Beuteinstinkt, Revierkämpfe, das »Recht des Stärkeren« usf. Zu überwinden hat er aber auch manches, was den Menschen in negativer Ausprägung zum Menschen macht – Habgier, Neid, Stolz, Eifersucht, Verachtung. Erst wenn beides, rein Menschliches wie bloß Tierisches, überwunden ist, kommt das Göttliche zur Geltung. Also nie. Das uneinholbare Vorbild ist der göttliche Menschensohn – sich diesem anzunähern heißt Askese und Martyrium zu akzeptieren. Nichts für den Menschen. Aber eine Möglichkeit für diesen und jenen Menschen, für den Einzelnen. – TV-Film über eine Ameisenart, die sich im Kollektiv große Pilze heranzüchtet, deren äußere Form, nebenbei bemerkt, an jemenitische Lehmarchitekturen erinnert. Alle Funktionen sind in diesem Lebens- und Arbeitskollektiv streng geregelt und werden auch streng eingehalten – Träger, Polizisten, Boten, Dekonstrukteure (zum Zersägen der Pflanzennahrung). Begattung wie Bestattung verlaufen ebenfalls nach bestimmten rituellen Vorgaben, alles läuft hocheffizient und ohne Kämpfe ab. Erst das Bewusstsein würde – notwendigerweise – Ungemach über diesen Staat bringen … würde vielleicht dessen Untergang bewirken. Von daher versteh ich schon eher, weshalb Fjodor Dostojewskij das Bewusstsein als solches verfluchen konnte – weil es zur Transzendierung der funktionalen Regelhaftigkeit und damit zum permanenten Kampf um Macht, Besitz und Wissen führt. – Ich absolviere meine täglichen Waldgänge ohne Absicht, ohne Ziel, der Weg ist jedes Mal ein Rundgang, eine Schlaufe, die dort endet, wo ich herkam. Doch es geht auch gar nicht um den Weg oder dessen Ziel, es geht um das Gehen, es geht darum, wenigstens einmal am Tag dem eigenen Schritt zu folgen, dem vom Körper insgesamt diktierten Rhythmus und nicht bloß der Schreibbewegung, die den Körper nur von der Schulter über den Ellenbogen bis zum Handgelenk und zu den Fingerspitzen aktiviert. Dazu kommt, dass das Schreiten an frischer Luft auch dem Denken und der Vorstellung und dem Erinnern ganz andere Impulse gibt als das Räsonieren in hockender, vorgebeugter Haltung. Kaum etwas von dem, was ich hier notiere, ist mir am Schreibtisch eingefallen oder klar geworden, das Meiste unterwegs beim Stapfen und Staunen. Doch da ist auch ein Problem … noch eins. Je mehr mir – wenn ich im Wald unterwegs bin – einfällt, desto weniger fällt mir auf. Nicht selten kehre ich zurück nach Haus, setze mich hin, versuche schreibend festzuhalten, was mir unterwegs an Ideen und Erinnerungen aufgegangen ist. Doch was es am Wegrand zu sehen gab, ist bereits vergessen oder hat mein Bewusstsein erst gar nicht erreicht. Das, was ist, tritt zurück hinter das, was sein könnte … hinter das, was gewesen ist. Die Welt … das Wirkliche zerläuft, franst aus in eine vielfältige ungestalte Möglichkeitsform. Also hänge ich wohl noch immer einem Weg … einer Wegvorstellung nach, die auf so etwas wie die Wahrheit angelegt ist, auf etwas Letztes, auf abschließendes Verstehen. Mag ja sein, dass ich der Wahrheit auf der Spur bin, dass ich mich ihr beim Gehen millimeterweise annähere und … aber nie ist mir nicht bewusst, dass ich … dass keiner dort ankommt. Wozu denn also die Suche, das Streben? Warum erkennen und wissen wollen, was als Wahrheit doch nie gewiss und definitiv sein kann? Übereinstimmung finden statt Wahrheit suchen! Dingwelt statt Gedankenwelt. Ob das eine mögliche (dabei die radikalste!) Variante sein könnte? Zulassen statt durchsetzen. Wahrnehmungen statt Ideen. Annehmen, was da ist, statt wissen wollen und haben wollen, was da sein könnte … was da sein sollte! Den Weg abschreiten, ohne sich … ohne mich mit Gedanken zu tragen, ohne in Erinnerungen, Spekulationen, Reuegefühlen, Projekten, Begehrlichkeiten zu schwelgen. Sich zu verwirklichen – das hieße vielleicht, den Weg so zu nehmen, wie er läuft, die Welt so, wie sie ist, und die Dinge wahrzunehmen, wie sie sich – hier am Rand des Wegs – im jetzigen Licht darbieten. Nichtig, wie sie sind, können sie dann – auch das weiß der Kalauer besser – erst richtig wichtig werden.

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