23. Mai

Zwei Milliarden US$ hat J. P. Morgan Chase durch spekulative Aktivitäten verzockt, die Bank wird deshalb nicht untergehen; mit der Verlustsumme hätte man sämtliche gefährdeten Kunstdenkmäler und Kulturinstitutionen in Europa sanieren können, aber Ungeist, Dünkel, Mediokrität triumphieren auch hier über Kopf und Geist. Milliarden gewonnen, Milliarden zerronnen – mir kann’s egal sein, aber auf irgendeiner lebenspraktischen, weit von mir abgehobenen Ebene ist es dann doch vielleicht nicht ganz so irrelevant, wer die Milch wann und wo und wieso verschüttet hat. Der russische Milliardär Boris Beresowskij hat sich vor kurzem in seinem Londoner Exil das Leben genommen, Gründe und Hintergründe sind unklar – war er tatsächlich bankrott? Hat ihn tatsächlich das Heimweh zermürbt? Hat ihn tatsächlich seine dritte Ehefrau verlassen? Hat er tatsächlich nachts in der Küche beim Öffnen eines Tetrapaks die Magermilch verschüttet und dabei jäh begriffen, dass alles nichts ist? Kann tatsächlich dies – oder auch jenes – die selbstzerstörerische Verzweiflungstat verursacht haben? Oder war’s vielleicht doch ganz anders? Der Freitod vorgetäuscht? Der ebenso sentimentale wie despotische Oligarch vom SFB liquidiert? Wie auch immer – es hat keine Bedeutung; an der Weltlage, an den Wolkenformationen über der Londoner City oder über dem Kreml, an der Nullität des Potentaten, am Fortgang der Menschheitsgeschichte ändert sich nichts. Mit seinem Tod ist Beresowskij Jedermann geworden, ein Niemand. – In Burgdorf muss die Eröffnung des neuen Gefängnisses verschoben werden – die Zellenschlösser funktionieren nicht, es gibt Nischen und Schlitze in den Wänden, durch die Nachrichten oder Drogen weitergereicht werden könnten usf. Der Triumph der Inkompetenz – Kontrastprogramm zum Hightectaumel – zeichnet sich hier wie anderswo dadurch aus, dass eben das, worauf es wesentlich ankommt, nicht bedacht, vernachlässigt, oft sogar übersehen wird – was für den Burgdorfer Provinzknast gilt, gilt ebenso für Millionen- und Milliardenprojekte wie die Elbphilharmonie, den Willy-Brandt-Flughafen, die Zypernkrise, das weltweite Bankendesaster. – Fernando Pessoa durfte sich – ein Jahrhundert ist es her – die politische Unkorrektheit erlauben, den Großteil der Menschheit als Abschaum dem Tierreich zuzuordnen – sein ›Buch der Unruhe‹ ist voll von provokanten Schlusssätzen und melancholischen Zynismen, die das Tier nicht weniger pauschal ins Unrecht setzen als den Menschen. Wenn einst Wladimir Majakowskij von links außen sagen (singen) konnte, er liebe es, Kindern beim Sterben zuzusehen, so meint – gleichzeitig – der rechtslastige Obskurantist Pessoa, das Schwinden des Abendrots oder das Verstummen des Nachtigallengesangs sei bei weitem ein größerer Verlust als der Tod eines Kindes, und der Protofaschist Filippo Tommaso Marinetti kann hochgemut den »Krieg als Hygiene der Menschheit« empfehlen. Und dergleichen mehr. Man mag solche Verlautbarungen für abstrus und geschmacklos halten, sollte sich aber nicht daran hindern lassen, nachzufragen und zu reflektieren, ob nicht doch vielleicht etwas dran ist. Die allgemeine spontane Abwehr könnte darauf schließen lassen. – Seit dem frühen Morgen bin ich im Wald zugange, umgeben von einem fächelnden Klangraum, von einer unermesslichen, in sich höchst gegensätzlichen Farben- und Formenwelt, die sich aber als ein harmonisches Ganzes zu erkennen gibt – kein Misston ist zu vernehmen, Knirschen und Zwitschern und Knacken und Rauschen sind völlig versöhnt, alle Sinneseindrücke – auch der Augenschein – vermählen sich einer zeitlosen Hochzeit, gestört nur von mir, der ich mit meinen Reminiszenzen, Ideen, Ahnungen, Irritationen diesen Naturraum abschreite und ihn, eben dadurch, verunkläre. Immer wieder muss ich den Kopf hochreißen, um überhaupt zu realisieren, wo ich bin, dass ich da bin. Das Bewusstsein meiner selbst macht mich der Umwelt gegenüber taub und blind. Nur wenn ich mit mir breche, kann ich der Welt, in der ich lebe, einigermaßen … kann ich der Welt notdürftig gerecht werden. – Muschi, Möse, Fotze – das weibliche Genital entspricht dem normalen Gefallen und Mögen in keiner Weise, weder optisch noch vom Geruch, vom Geschmack her; ein paar rosagraue Falten, dazwischen allenfalls ein stumpfes Glitzern oder träges Bluten, drum herum mal borstige, mal strähnige, stets unerwünschte Behaarung. Woher denn also dieses ungeheure Faszinosum, das unter Missachtung ästhetischer Ansprüche und Rücksichten alle Interessen auf sich zieht, ständig, überall, beim Drandenken, beim Träumen, beim Draufsehen, beim Dranlutschen, beim Drinruckeln, man kommt als Mann nicht weg davon, auch dann nicht, wenn das Begehren danach fehlt. Hat mit dieser Unansehnlichkeit des Geschlechts (des weiblichen wie des männlichen) die Scham etwas zu tun, das Schamgefühl? Ist Scham nicht vielleicht eher ein ästhetisches denn ein moralisches Phänomen? Das Geschlecht, in unmittelbarer Nähe zu den Ausscheidungsorganen verortet, ist der am konsequentesten verborgene … ist der am besten geschützte Körperteil, nicht mal die Nutten entblößen es, um ihre Freier anzumachen. Erst wenn die Geschlechtslust geweckt ist (durch das Vorzeigen von Knien, Knöcheln, Brüsten, Zunge usf.), entsteht auch das Begehren, die Vulva, den Penis zu sehen; erst die Vorstellung des Lustgewinns scheint den Wunsch nach Anblick und Einsicht und damit die Überwindung der Scham- und Ekelgrenze zu ermöglichen – was auf den Mann vermutlich noch mehr zutrifft als auf die Frau, denn das nicht erigierte, als schrumpliger Hohlmuskel zwischen den Leisten baumelnde Glied ist diesseits geschlechtlicher Erregung tatsächlich nichts anderes als eine auf die Schwerkraft … eine auf den Erdmittelpunkt ausgerichtete Abflussröhre. Bleibt als Erklärung bloß das Diktat der Natur? Ich soll meine ästhetischen Ansprüche und Erwartungen in der Irritation des sexuellen Begehrens zurückstellen und eine Körperansicht attraktiv finden, die sonst schamhaft verborgen wird und deren Schönheit nur dann aufblüht, wenn ich außer mir bin? – Weiter mit Lew Schestow (übersetzen); erneut diese seltsame Leseerfahrung – da wird nicht Philosophie praktiziert, da wird einfach philosophiert, aufs Geratewohl, kolloquial, redundant, widersprüchlich, begriffsschwach, und doch bleibt man am Text, spürt man Satz für Satz, dass es hier stets um ein Wesentliches geht, es geht um mich, es geht nicht um Gott und die Welt (obwohl davon unentwegt die Rede ist), es geht um etwas, das nicht zu sagen ist, etwas Unerhörtes, Vordringliches, um »das Allerwichtigste«, also um das, was man in aller Regel aufschiebt oder verdrängt, weil es ja außerdem die alltäglichen Erfordernisse und die trivialen Probleme gibt. – Die wohl schlimmste Lektüre und den vielleicht tiefsten Einblick in heutige Befindlichkeiten eröffnen die massenhaft im Internet fluktuierenden Leserkommentare – ein kollektives Zeugnis von Intoleranz, Inkompetenz, Vorurteilen, Bequemlichkeit, Arroganz und Hass, aufschlussreich aber als unmittelbarer Ausdruck der öffentlichen Meinung, das Meiste davon auch durchaus mehrheitsfähig und insofern – auf tiefstem intellektuellem und sprachlichem Niveau – demokratisch. Wäre der Demos … käme »das Volk« tatsächlich an die Macht, würde sicherlich erst mal Ruhe und Ordnung im Verständnis der normalisierten Mehrheit geschaffen – durch Säuberung, Ausweisung, Einsperrung, Entlassung usf. Alles andere würde ausgetrieben oder eingeebnet, das Eigene überhöht, spezifiziert und vorbehaltlos als gemeinschaftliche Qualität ausgewiesen. Die Tatsache, dass Leserkommentare fast ausschließlich anonym abgegeben werden, macht sie keineswegs obsolet, beglaubigt vielmehr ihre Authentizität. Zu berücksichtigen ist allerdings auch, dass besonders scharfe, politisch oder ideologisch suspekte Kommentare unpubliziert bleiben, wenn sie den gesetzlichen Anforderungen nicht entsprechen; berücksichtigen sollte man außerdem, dass Leserkommentare auf kulturellen Plattformen – insgesamt eine kleine Minderheit von Meinungsmachern – durchaus professionelles Niveau erreichen können. Anders als das konservative Medium der gedruckten Presse (Leserbriefe, Gastkommentare, Repliken usf.) bietet das Internet einen niederschwelligen Zugang, der von den Kommentatoren weder Sprachbeherrschung noch Sachkompetenz erfordert. Was man hier geliefert bekommt, ist tatsächlich Volkes Stimme und Volkes Meinung. Mich packt bei der Lektüre solcher Verlautbarungen oft der blanke Horror, doch ich erkenne deren … wie soll ich’s sagen? … ich erkenne deren gleichsam meteorologische Qualität: Warnung, Drohung, Prognose. Dazu kommt, was ich selbst schon ahne, vermute, befürchte, erwarte usf., was ich aber immer nicht ganz ernst nehmen kann, weil ich es ahne, vermute usf. – ich als einer, der mit den Vielen ohnehin nicht Schritt halten und deshalb auch nichts zum Gang der Dinge beitragen kann. Dennoch mag ich mich damit nicht abfinden, ich kämpfe … ich strample unbedarft dagegen an, mache mich durch entsprechende Interventionen lächerlich und unbeliebt, abgesehen davon, dass ich damit nichts erreiche. Alles Dunst. – Ich suche via Google eine Textstelle in Georg F. W. Hegels ›Philosophie des Geistes‹, bekomme gleich auf der ersten Seite angeboten: Philosophisch- sinnlich – gemeinsam Zähneputzen, süße Datteln, Romane, Malerei & Design bei www.philsinn.ch.

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