3. März

Mit rund siebzig Prozent der abgegebenen Stimmen ist die sogenannte Abzockerinitiative an diesem Wochenende gesamtschweizerisch angenommen worden. Die von einem Kleinunternehmer lancierte Initiative richtet sich gegen überzogene Gehälter, Bonuszahlungen, Vorauszahlungen, Nachzahlungen, Abfindungen an Spitzenmanager im Bankensektor. Hunderttausende haben zugestimmt, kein einziger wird davon in irgendeiner Weise profitieren. Es wird ein paar Änderungen im Aktienrecht geben, die den Missbrauch von Firmengeldern zu Gunsten einiger Wenigen verhindern können, was aber keineswegs ausschließt, dass nicht andere Wege zu ungerechtfertigter Bereicherung gefunden werden. Die Löhne der Arbeitnehmer bleiben sich gleich, und auch die öffentliche Hand wird von den allfälligen Einsparungen nicht profitieren. Warum also stimmt man darüber ab? Warum wird eine Initiative vom Volk … vom Souverän unterstützt, obwohl davon insgesamt höchstens zwei Dutzend entrückte Personen betroffen sind? Diesen Personen soll etwas weggenommen werden, das sie weder verdient haben noch für sich selbst sinnvoll verwenden können. Recht so. Aber diese Spitzenleute werden weiterhin mehr als genug verdienen, und für sie wird sich – außer den abzuschreibenden Zusatzmillionen – ebenso wenig ändern wie für die Stimmbürger, die ja eigentlich mit ihrem massiven Ja zur Initiative lediglich ein Nein zu einer punktuellen Malaise in die Urne gelegt haben. – Finsteres Wochenende bei anhaltender trockener Kälte. Schon jetzt steht angeblich fest, dass dieser Winter der sonnenärmste seit einem halben Jahrhundert gewesen sein wird – in den Medien werden Experten dazu befragt, man spricht von einem kollektiven Mangel an Serotonin: Der zunehmende Ausfall des »Glückshormons«, das durch Sonneneinstrahlung aufgebaut wird, führe zu schweren psychischen Beeinträchtigungen, verursache Schlafstörungen und Albträume, erhöhe die Suizidgefahr usf. Davon profitieren nicht allein die Psychotherapeuten, sondern auch – und in erster Linie – die Hersteller von Tageslichtstrahlern, mit denen man sich künstlich »aufhellen« und damit in der Glückszone stabilisieren kann. Was soll ich von diesen Nachrichten aus der Welt der Normalverbraucher halten, ich, der ich die lichtarme Winterzeit als die glücklichste und produktivste Phase im Kalenderjahr erfahre, ich, der sich vom vollen Licht nie nicht geblendet fühlt … nie nicht entdeckt, entwaffnet, bloßgestellt. – Wochenende mit Ezra Pound. Ich habe die zweisprachige Neuausgabe der ›Cantos‹ zu besprechen, gewinne beim Wiederlesen manche Anregung, bin aber doch auch ernüchtert, stellenweise frappiert von der sprachlichen wie von der intellektuellen Dürftigkeit dieses angeblich »absoluten Meisterwerks«. Die bei dieser Gelegenheit mitgelesenen Dokumente (Briefe, Erinnerungstexte usf.) zeigen Pound als schwachen Analytiker, sturen Ideologen, schmalen Menschen. Irritierend finde ich die stillschweigende Toleranz von Pounds Adepten (darunter Pasolini, Ginsberg, McLuhan) gegenüber dessen peinlichen antisemitischen Vorurteilen und seiner Bewunderung für Mussolini – ein Phänomen, das auch bei andern faschistischen Autoren (bei Céline, bei Cioran) zu beobachten ist, kaum aber bei Stalinisten. Erschwerend kommt bei Ezra Pound dazu, dass er seine Irrungen niemals öffentlich zurückgenommen oder gar bedauert hat. Dass sein Werk letztlich nicht auf der Höhe seines Ruhms ist, wird kompensiert durch dessen enorme Wirkungskraft: Literarische Qualität ist nicht allein im Text begründet, sondern auch darin, ob und in welcher Weise der Text durch andere Autoren – Zeitgenossen wie Nachfahren – produktiv gemacht wird. Ich sehe das auch bei Marcel Proust und Thomas Mann so: Eine über weite Strecken leerlaufende Schreibbewegung intensiviert sich punktuell (gleichsam) zu Katarakten, von denen in der Folge ganz neue, ungewollte und unabsehbare Kraftlinien ausgehen.

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