8. Dezember

»Gut gebrüllt, Lyon!« – unter diesem Titel wird im Sportteil der heutigen NZZ von einem Sieg Lyons gegen Paris Saint-Germain in der Ligue-1 berichtet. »Gut gebrüllt, Löwe!« ist eine alltagssprachliche Redewendung, mit der gemeinhin eine wegweisende Leistung belobigt wird. Das französische Wort für »Löwe« ist lion; lion ist gleichlautend mit dem Namen der Stadt Lyon. Der Titelmacher operiert hier also mit einer doppelten Übertragung. Einerseits geht er davon aus, dass deutschsprachige Leser die Gleichsetzung beziehungsweise den Austausch von »Löwe« und lion realisieren, anderseits muss er damit rechnen können, dass die Homophonie lion/Lyon erkannt wird. Dass ein derartiges poetisches Verfahren für die Titelgebung zu einem kurzen Sportbericht eingesetzt wird, ist durchaus bemerkenswert. Denn die Dekodierung des zwischensprachlichen Wortspiels setzt beim Durchschnittsleser die gleiche Kompetenz und Sensibilität voraus, die auch bei der Lektüre dichterischer Texte gefragt sind. Ein Gleiches gilt, wie man weiß, für die Sprache der Werbung. Auch Werbetexte beruhen heute größtenteils auf einem Sprachdesign, das von poetischen und rhetorischen Kunstgriffen geprägt ist. Das Publikum scheint damit keine Probleme zu haben: Sprachspiele, Sprachrätsel, Wortwitze, sprachliche Allusionen und Assonanzen sind weithin beliebt und beeinflussen auch den alltäglichen Sprachgebrauch. Merkwürdig nur, dass dieselben Kunstgriffe Befremden auslösen, wenn sie dort praktiziert werden, wo sie herkommen. Der gleiche Leser, der einen wortspielerischen Werbespruch oder den genannten Zeitungstitel problemlos begreift, scheitert an entsprechenden Formulierungen, wenn er sie in einem Gedicht vorfindet. Offenbar haben sich die Leser von Gedichten und Sportberichten so weit auseinandergelebt, dass sie keine übereinstimmende Optik … dass sie kein Ohr mehr haben für ein und dieselben sprachlichen Phänomene. Der Grund dafür ist wohl der, dass eine homophone Laut- oder Wortfügung leichter zu erkennen ist, wenn man – wie in der Werbung, im Sport, in der Politik – bereits weiß, was »dahinter« steht, als wenn – wie beim Gedicht – der Gegenstand beziehungsweise die Bedeutung dessen, was dasteht, überhaupt erst erschlossen werden muss. – Bei Michel Serres kann ich als Leser überall – auch bei voller Fahrt – zusteigen. Ich kann seine Texte … ohne sie verstehen zu müssen, ohne sie verstanden zu haben … rezitieren, redigieren, resümieren, kann sie in Verse und Strophen umschreiben, kann sie vor mich hin summen, sie laut singen. Nur parodieren geht nicht, dafür sind sie der Parodie zu nah, zu ähnlich. Wenn ich Serres lese – und ich lese ihn in seinen Texten tatsächlich als persona mit –, befinde ich mich, in gedanklicher wie stilistischer Hinsicht, auf einem rasanten Schleuderkurs. Serres ist, seinem enzyklopädischen Wissen zum Trotz, ein Hingerissener, und als solcher vermag er seinerseits hinzureißen. Doch zu welchem Ziel hin? Zu welchem Sinn und Behuf? Man weiß es … ich weiß es noch immer nicht so recht; lese zur Zeit die Versuche über Malerei, die Akademierede auf René Girard, die kulturologischen Lehrfabeln (›Détachement‹), die Dialoge mit Bruno Latour. Zufällige Auswahl – alles ein Text; und alles noch riskanter gedacht und geschrieben, als es bei den exakten Fantastereien von Deleuze/Guattari der Fall ist – irritierend in seiner Inkohärenz, seinem behauptenden Gestus, der konsequenten Widersprüchlichkeit. Irritierend auch, dass Serres sein umfassendes Wissen durchweg in der fragmentarischen Form von Reminiszenzen vorträgt, meist ungenau und unbelegt, so dass man als Leser nicht darauf zurückgreifen, sich nicht daran festhalten, nicht darauf sich verlassen kann – da steht’s! Nimm und lies! Mach damit, was du willst! Doch Seite für Seite gibt es jäh aufblitzende Fundstücke, die das Dunkel des Unwissens punktuell erhellen und plötzlich den Durchblick ins Offene, Andere ermöglichen. Erstaunlich doch, dass Serres seit vierzig Jahren über Tausende von Druckseiten hin den immer gleichen, bald episch ausufernden, bald aphoristisch sich verdichtenden Fließtext durch seine Bücher, durch Magazine, Ausstellungskataloge, Fachzeitschriften, literarische Almanache mäandern lässt, ohne sich an vorgegebene Formate im geringsten anzupassen – er ist ein polyphoner Autor in dem Verständnis, dass er viele, auch dissonante Stimmen und Stile in seinem Text zu einem unverwechselbaren Gemenge gerinnen lässt. Hier fallen, meine ich, Stärke und Schwäche in eins; denn der Serres’sche Text lässt sich nur als ein literarischer begreifen, taugt aber nicht als anschlussfähiger Diskurs, weist Dialog und Debatte, Kritik und Kommentar ab, konterkariert jede Vernunft, Verbindlichkeit und Disziplin mit wilder rhetorischer Gestikulation, mit Lachen, Schreien, Radebrechen, Sprachspielen. »Mitleid« und »Frömmigkeit« kann Michel Serres, der Agnostiker, nur deshalb zusammendenken, weil die beiden Begriffe im Französischen durch Lautähnlichkeit Verwandtschaft vortäuschen: la pitié erwächst aus la piété. Ein Gleiches ergibt sich, wenn »der Selbe« (le même) mit dem »Mimen« (le mime) zusammentrifft: »Woher denn also rührt die Gewalt? Vom Mimen, sagten Sie. Es regnet vom Selben (du même) in den Feldern des Begehrens, des Gelds, der Macht und des Ruhms, kaum Liebe. Es regnet vom Mimen (du mime) so, wie es einstmals in der Leere des Selben geregnet hat – Atome, Wörter und Buchstaben zur Erschaffung der Welt.« Was heißt das? Was soll das? Es heißt … es soll nichts anderes als das, was ich mir dabei denke, was mir beim Lesen dazu einfällt. Der Autor liefert mir lediglich das Glacis, auf dem ich meine eigenen Exkurse … meine Exkurse ins Eigene starten kann. Nur muss ich dann eben mit eigener Anstrengung aus den Serres’schen Verdunkelungen in die Helle gelangen … muss mir die Klarheit selber schaffen. Tu ich’s? Will ich’s? Bringt’s was? Ich lese die Aufzeichnungen von Bruno Latour zu den weitläufigen Gesprächen, die er in den frühen 1990er Jahren mit Michel Serres geführt hat. Vielleicht lässt sich daraus doch ein wenig Klarheit dazugewinnen? – Wir alle bereiten uns auf eine Gruppenreise nach Zhanghay in den USA vor. Großes Gedränge in der Garderobe, jeder kramt in seinem Schrank herum, sucht nach dem Notwendigsten, das mitzunehmen wäre. Wir stehen einander sozusagen auf den Füßen, es ist eng und heiß, über uns gleißt die Deckenbeleuchtung. Die meisten dieser Leute kenne ich, und doch kommen sie mir allesamt fremd vor. Ausgenommen Helmut Eisendle, der an einem niedrigen Klubtisch sitzt und einen Artikel für die NZZ schreibt. Von ihm erfahre ich, dass Hanno Helbling aufgrund einer Nachfrage von Christina Viragh mich auffordert, aus Xanghai oder auch aus Ganghei weiter fürs Feuilleton zu schreiben. Ich frage mich nur, ob und wie man über so große Distanz auf dem Postweg vernünftig kommunizieren kann. Das Herumkramen geht weiter, man kann sich kaum um sich selbst drehn. Vor mir in den Regalen des Wandschranks sind haufenweise Gegenstände für den Alltagsgebrauch gestapelt. Wäsche, Toilettenartikel, Papeteriewaren, Bücher, Konservendosen, Feuerwerkskörper, Gewürzstreuer usf. Ich packe mein Davidoffwasser ein, das graue Oberteil meines Pyjamas ziehe ich gleich über, bleibe aber unschlüssig, kann nicht entscheiden, was wirklich wichtig ist … was »dort oben« (im hohen Norden) gebraucht wird. Mit einem gemeinsamen Seufzer beugen wir uns über die Landeskarte, Ganghei wie auch Xanghai liegen ungeheuer weit »ab von der Welt« – wie nur soll man … wie kann man sich in jenen Gegenden bewegen oder gar sich verständigen? Kurz vorm Abflug resigniere ich, werfe ein paar zufällig daliegende Dinge in meine Reiseschachtel, die ich nun fest in die feuchte Achselhöhle klemme. Obama, Trainer der Nationalmannschaft, kommt mit einer attraktiven Assistentin – seiner Schwester? seiner Geliebten? seinem Patenkind? – in die Garderobe, er muss sich um nichts kümmern, wird mitfliegen, geleitet die Schöne vorsichtig, fast zärtlich den Arm um ihre Schulter legend, durchs Gedränge und überragt uns alle. Wie nachlässig und elegant er gekleidet ist, derweil seine Frau ein verstaubtes Ballettröckchen trägt, das rundum von ihren schmalen Hüften absteht und aus dem ein Paar perfekt geformte junge Beine in mausgrauen, satt sitzenden, sichtlich abgetragenen Strümpfen in die Höhe ragen. Aber schon ist sie mit Obama in der wartenden Menge verschwunden. Doch wohin? Ja, und für immer! – Mit der früh einfallenden Dämmerung setzt auch wieder leichter Schneefall ein. Wie lose Mückenschwärme umschwirren die schwarzen Flocken die Leuchtkörper der Straßenlaternen. – Die Dunkelheit, die unnötige »Schwierigkeit«, die man Michel Serres gemeinhin vorwirft und die seine Rezeption bis heute massiv behindert, liegt darin, dass er jede diskursive Ordnung und Logik ebenso strikt vermeidet wie die gängige wissenschaftliche oder philosophische Terminologie; dies zu Gunsten einer begriffsschwachen, aber bildstarken und unentwegt flutenden Rhetorik, die lieber dem Paradoxon vertraut als dem bündigen Argument. Radikale Subjektivität tritt hier auf mit dem souveränen Anspruch auf Objektivität (ich bin es, das da spricht): »Man muss sich ein Fundament vorstellen, das Flügel hat.« – »Es sieht so aus, als ließen sich die Humanwissenschaften am besten auf Tiere anwenden.« – »Es hängt nicht mehr von uns ab, dass alles von uns abhängt.« Usf.

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