Dieter P. Meier-Lenz: hirnvogel

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Dieter P. Meier-Lenz: hirnvogel

Meier-Lenz/Brennenstuhl-hinrnvogel

und morgen zerfall ich zu staub
den mund voll codiertem gestein
verstumme ich lallend und taub
ein morden ein hingemähtsein

dann wird mein gedicht noch entbeint
in kalter gebärde zerschrien
die Worte schon trockengeweint
mit zitternder zunge gespien

im Kopf – meinem wortsterbefeld
mit stummen vokalen besungen
wird sprache sprachlos gebellt

kein inhalt und ohne gewicht
und schon im entstehen zersprungen
so endet mein letztes gedicht

 

 

 

Im Frühling lügt Rot grün

Ja, das mag spannend sein: „er knöpfte der nacht / die bluse auf / und ging / ihren brüsten nach“, schreibt Dieter P. Meier-Lenz in dem Gedicht „abenteuer“. Und lässt vorm Leser ein surreales Bild entstehen. Bildhaft und dabei eher knapp gehalten sind die aus seinen früheren Büchern ausgewählten Gedichte, die der Autor jetzt unter dem Titel  hirnvogel  zusammengestellt hat.
Das erste Kapitel ist ganz den Farben gewidmet. Es charakterisiert sie („schamlos lacht das rot“ und „im frühling / lügt das rot grün“). Und es sieht auch Klänge farbig:

der gesang der zikaden ist braun
aber in ihrem echo
steckt der regenbogen

Doch während die Wandlungsfähigkeit des Rots eher betrügerisch wirkt, lassen die „variationen über das weiß“ dieses positiv erscheinen:

im wald ist das weiß grün
in der liebe reicht es von
ultraviolett bis infrarot

Leicht erotisch untermalt sind einige dieser Gedichte, beim „karneval“ der Wörter bemerkt das lyrische Ich:

das wort liebe
hat sich für immer
als hexe verkleidet

Auch Eindrücke aus Frankreich, wo der langjährige Redakteur der Literaturzeitschrift die horen lebt, finden sich. Er beobachtet die allabendliche „wiedergeburt der stadt“ und schmeckt den „mundgeruch von paris“ am späten Vormittag, wenn „lutetia“ aus dem Bett steigt.
Über das Dorfleben („dörflich“) gelingt ihm ein doppeldeutiges Verspaar:

die kirche bleibt im dorf
sie ist kein thema

Ist sie der Normalfall, oder spielt sie keine Rolle mehr? Für den Autor eher nicht, ist, immerhin aber im Titelgedicht, Gott, „den es in tausend einbildungen gibt / hirnvogel der aufgestiegen ist“, doch einer, der „ganz klein vegetiert“ da oben.
Nein, weder religiösem noch einem Reimzwang unterwirft sich der 1930 geborene, gewiefte Schreiber, zeigt aber natürlich, dass er reimen kann. Und so lässt es sich Dieter P. Meier-Lenz auch nicht nehmen, den Band mit einem kraft der Souveränität des Seniors gefügten Sonett zu beschließen, endend:

kein inhalt und ohne gewicht
und schon im entstehen zersprungen
so endet mein letztes gedicht

Dies also kann es noch nicht gewesen sein.

Rolf Birkholz, am-erker.de

 

„Die Worte schon trockengeweint…“

– Eine Erinnerung an Dieter P. Meier-Lenz. –

Als der „Wortmetz aus Serralongue“ wurde er dank des von Ludwig Harig pointensicher geprägten Image-Etiketts in Autoren- und Leserkreisen wie auch in germanistischen Fachzirkeln weithin bekannt, Paul Wühr gar verpasste ihm das weniger geglückte, aber auch flott popularisierte Wiedererkennungspappschild „… ein Chagall der Poesie“, als hätte Dieter P. Meier-Lenz, dem diese besonders eingängige Zuschreibung galt, statt mit der schwarzen Tinte des Lebens- und Ideenwelten versiert hinterfragenden Skeptikers, Ironikers und Wortbalancierers mit einer kunterbunt vollgeklecksten Farbpalette und hochartistischer Pinselführung ewig pittoreske Worthimmel ausgemalt. Da traf die nuanciertere Qualifizierung, die Hans-Jürgen Heise wählte, Meier-Lenz sei aufgefallen als ein gewiefter, sprachschöpferisch kundiger „Pfadfinder der Einbildungskraft“, wohl am ehesten zu.
Zuletzt schmückten diese und andere Lobpreisungen honoriger Dichterkollegen und Lyrik-Kritiker das Rücken-Cover des noch kurz vor seinem Tod im Sommer diesen Jahres im Ludwigsburger POP Verlag erschienenen Auswahlbandes hirnvogel (mit ausgewählten Gedichten aus den Jahren 1990 bis 2014, künstlerisch ergänzt mit Zeichnungen von Brigitte Kühlewind Brennenstuhl); eine Lyrikernte, die das weit gefächerte Gedicht-Repertoire des 1930 in Magdeburg geborenen Autors, der seit Mitte der 60er Jahre in einer Vielzahl von Buchveröffentlichungen auch als Erzähler, Kurzprosa-Virtuose, Essayist und Anthologist hervorgetreten ist, in überzeugender Weise anschaulich macht. – Im Gedicht „Anfang“ heißt es da zum Beispiel programmatisch verknappt:

wenn etwas anfängt
wird ein kapitel aufgeschlagen

man sieht eine ferne landschaft
die man vermessen will…

Dieter P. Meier-Lenz war Jahrzehnte hindurch dieser planvoll agierende Vermessungsspezialist im Gelände der Literatur – und dies vor allem auch weit mehr als vierzig Jahre lang in löblicher Konstanz und mit nie ermüdendem Engagement als horen-Redakteur, vielfach auch mit dem Status des fachkompetenten Herausgebers (beispielsweise von Auswahlbänden zur Kriminalliteratur). – Leidenschaft und Neugierde, Interessenvielfalt und Wissbegierde waren da seine hervorstechenden Eigenschaften im Umgang mit Texten und Autoren. Schiller, Heine, Brecht wohl seine ihm wichtigsten Wegweiser.

* * *

Dieter P. Meier-Lenz, hat sich spät noch (von 1969–74) in Hannover ins Fachstudium (Germanistik. Politologie, Soziologie und Philosophie) eingeschrieben, wo er – nach Begegnungen mit Hans Mayer – ins Glück einer nachhaltigen Einwirkung exclusiver Wissensvermittlung geriet. Nach dem Staatsexamen wirkte er einige Jahre als Schulleiter an einer Orientierungsstufe in Anderten, bevor er 1984 mit seiner Frau Ingeborg sein selbstgeschaffenes Dauerrefugium in Serralongue in den französischen Ostpyrenäen fand.
Meier-Lenz debütierte 1968 mit je einem Lyrik- und Prosaband: Gefälle in Oktaven und Kleine nackte Männer im Gehirn, seinerzeit von der hannoverschen Lokalpresse mit Emphase begrüßt – und so dem spätjungen Debütanten mit Nachdruck die Wegspur eröffnend: Ein Debüt, „worin Meier-Lenz entschlossen, aber auch besonnen den Weg des Modernen geht, der ein wenig an Kafka denken läßt.“
Eröffnet wurde der Reigen der Geschichten im Band Kleine nackte Männer im Gehirn mit der Kurzgeschichte „Der Luftkünstler“. Dieser (Atem)Künstler und selbsternannte Weltverbesserer mit dem schönen Namen Luigo glaubte (und folgte dieser Überzeugung bis in die allerletzte Konsequenz, seine Auflösung in Luft), „die Kunst wäre nichts anderes als Einatmen und Ausatmen. Und das Ausatmen wäre das Wichtigere, weil sich damit ein Stück von der Seele, ein Stück von ihm selbst löse und ihn erleichtere.“
Und im Nachhinein fällt auf, dass man hier unter Umständen schon früh ein verstecktes Selbstporträt des Autors dieser kleinen Merkgeschichte lesen konnte: In Kenntnis des ausufernden, aber oft wie hingehaucht, mühelos ersonnen und nicht weniger unangestrengt zu einer großen Summe gefügten Œuvres dieses Autors könnte man leicht den Eindruck gewinnen, dass diese Schreibarbeit scheinbar unangefochten vonstatten ging, alles mit der berühmten „leichten Hand“ zu Papier gebracht wurde.
Von Luigo heißt es im „Luftkünstler“:

Er schritt durch seine Räume und eratmete seine Werke, die in der Luft lagen…

– und dann aber auch weiter:

Er machte es sich nicht leicht mit seiner Kunst.

* * *

Der „kolossale Poet“ Dieter P. Meier-Lenz, der einst in einem dubiosen Ranking der Zeitschrift Das Gedicht als einer „… der 100 wichtigsten deutschsprachigen Lyriker des 20. Jahrhunderts“ ermittelt wurde (was der so Gerühmte besser weise als nie postuliert hätte verschweigen sollen), hat aber – im Gegenteil – immer, wie’s anders ja auch gar nicht denkbar ist, kompromisslos und penibel an seinen Wortereignissen herumgeprokelt, obwohl er über die Jahre natürlich auch immer stilsicherer wurde, seine Mittel genau kannte – und der Webart, die sich gefestigt hatte, nicht mehr abschwören musste und wollte.
„und was mach ich mit dem rest / den mir das zeitgemetzel lässt…“, fragte er märchensüchtig und seine Belesenheit hurtig ins Reich der (wichtigsten Nebensächlichkeiten vertreibend: „rumpelstilzchen wird gefoltert / bis es seinen namen sagt…“ lernen wir neu. Und zuguterletzt heißt es hier, im frühen Gedicht „Märchenverwertung“ (aus dem Band Gefälle in Oktaven, das später, 2007, in einer dem „Märchenland“ als „Anderland“ gewidmeten horen-Ausgabe den Titel „abgesang“ bekam):

das hasen- und das igelfell
schenk ich der fetischbraut
und wer das fürchten lernen will
der kriech in meine haut

Manche Kritiker überschlugen sich mitunter in ihrem Fleiß, die Wortarbeit des ganz und gar „eigen“-artigen Lyrikers Meier-Lenz zu loben und zu plakatieren, die solcherart „Anschläge“ aber tatsächlich nicht nötig hatte:

Diese Lyris begeistert den Poesieliebhaber, weil sie fernab jeglicher appellativer Larmoyanz auf einem souveränen Grad handfester Sensibilität wandelt.

– So rummst die streichelnde Kritikerfaust auf den Tisch des Hauses – und legt nach:

Wortschatz und Themen offenbaren einen romantizistischen Realismus („ein quasi-mond lügt“), in dem sich die Unbestechlichkeit wahrer Ästhetik dokumentiert.

Dieter hatte aber zum Glück auch weniger „schlaue“ Freunde und Sachwalter seines verdienten (Nach)Ruhms, zum Beispiel den eingangs schon erwähnten – leider auch schon zu früh verstorbenen – Hans-Jürgen Heise, der wusste:
Nicht die Dogmen des ,Surrealistischen Manifests‘, sondern die Surrealität, die Schräglage des Lebens selbst, geben diesem (Autor) jene Portion Leichtigkeit, die nötig ist zu wirkungsvollen Übergängen von Tag zu Tagtraum und Alptraum.

* * *

Ludwig Harig hat sich, Meier-Lenzens 70. Geburtstag zum Anlass nehmend, für die horen als Laudator an seinen heimischen Schreibtisch gehockt – und auf das „Geschrei des Gedichts“ gelauscht, das Meier-Lenz gleich im ersten Vers seine „regensonett“[s] als Auslöser einer Naturkatastrophe (die aber keineswegs in der Natur stattfindet) benennt.

durch das geschrei des gedichts
ist unser bach angeschwollen
und das versinken des lichts
hat einen übervollen

tag in der sänfte getragen
langsam verschwindet der regen
hat die metaphern zerschlagen
wird auch die syntax wegfegen

rhythmus erstickt schon im keim
stabreim ist heute verboten
ebenso jambus und reim

wind ist das beste vom wort
oder das knallen der ginsterschoten
diese geburt setzt sich fort

Harig meldet da zunächst raffiniert-bescheiden Zweifel an, ob er sich seiner „Rolle als Laudator gewachsen“ fühlen könne, er kenne den zu Würdigenden (und dessen „Ringen mit den […] tückischen Eigenheiten der Sprache“) eigentlich viel zu wenig. Dennoch: Dieses Sonett, „das durch die ekstatische Kraft seiner Sprache das Wasser des Bachs fast bis zum Überlaufen gebracht hat, ist“, betont Harig forciert, „ein poetologisches Gedicht, eine ars poetica des Dichters Dieter P. Meier-Lenz.“
Und gleich dringt der Dichter der „neuen saarländischen Freude“, der sich wahrlich auskennt mit „Eier(n) und Bücher(n)“, tiefer ein in den Text – und erklärt:

Nicht also schiere Naturkräfte werden beschrieben, sondern geheime Potenzen, die aus den Wurzeln der Wörter ihre rätselhaften Säfte pressen. Mit nachlassendem Regen und schwindendem Tageslicht allerdings wähnt der Dichter die Kräfte erschöpft, die sein Gedicht ermöglicht haben: Unter dem Trommeln der Regentropfen scheinen ihm die Schönheiten der Bilder zerstört und die Ordnungen des Satzbaus zugrunde gerichtet. Der Dichter, im vertrauten Umgang mit seinen Mitteln der Poesie, ist skeptisch geworden: Es soll wohl nicht der Anschein erweckt werden, er operiere mit unwirklichen Wörtern und nicht mit realen Dingen.

Harig ist klar ein Sympathisant dieses Sprachgrüblers aus den Pyrenäen, sieht wohl hier und da auch leise Nah-Sichten, über die man reden könnte (hat auch zuvor schon einmal für einen Gedichtband von Dieter P. Meier-Lenz, für den Band Die Schönheit einer Fledermaus [1996], ein Nachwort verfasst), und korrigiert so, spitzbübisch lächelnd, nehme ich an, den zuvor listig erweckten Eindruck, er sei in der Beurteilung dieses Kollegen unter Umständen im Handicap.
Klartext Harig:

Meier-Lenz nennt seine Verse zu Tode gereimte Weltendgedichte, ausgeblutete Gebete, Buchstabenkarzinome. Obwohl er alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel nutzt, dem immer wieder notdürftig reparierten gesellschaftlichen Kartenhaus einen Keil in die bröckligen Fugen zu treiben, weiß er wohl, dass es umsonst ist: Die Schäden werden provisorisch geflickt, man verlacht den Dichter, der mit seinem brüchigen Fingernagel am Mörtel kratzt.

Und dennoch – Ludwig Harig traut seinem Geburtstagskind-Gegenüber, dem er hier nun doch sehr kennerisch auf den Pelz gerückt ist, auch dies zu:

Nichts bringt die Gesellschaft mehr in Rage als das subversive Spiel der Poesie.

Harig hat ihn erlebt, den skeptischen, ironischen, flapsig-lakonischen – und dennoch mit nicht selten hemdsärmeliger Couragiertheit Alarm trommelnden „Wortmetz“, daheim in Serralongue, „eingesponnen in den Kokon seiner Vor- und Familiennamen, im Innern einer Seifenblase vor der Welt versteckt…“

* * *

Das waren nun immer wieder zuvörderst Zuspruchbeispiele für die Kunst und das Können des Lyrikers Meier-Lenz. Laut und lange zu rühmen ist aber insbesondere auch die umfangreiche essayistische Arbeit von Meier-Lenz (gleich in mehreren Auflagen erschienen und immer wieder zitiert: seine mustergültig kompilierte Untersuchung „Heinrich Heine – Wolf Biermann / Deutschland. Zwei Wintermärchen / Ein Werkvergleich“), für mich aber hervorstechend der Großessay „Brecht und der Pflaumenbaum“ (anlässlich seines 70. Geburtstags in den horen, Band 197/2000, nachgedruckt; Erstveröffentlichung nach einem Vortrag an der Universite Paul-Valéry in Montpellier in Brecht 98. Poétique et Politique, Montpellier 1999), der – weil so wunderbar frei von gelehrter Bescheidwisserei und frei auch von fleißig angelesener Didaktik, eigentlich vorzüglich geeignet ist als Arbeitsmaterial (besser: Einstiegsdroge) für – noch – lernwillige Schülerinnen und Schüler an guten Schulen (die man ja sicher noch ausfindig machen kann, hier oder da im Lande).
Fast möchte ich hier von einem Erzähltext sprechen (den man sich auch als klug aufbereitetes Feature oder aufgeführt als Lesestück an einer Schultheaterbühne denken könnte), in dem die herbeigerufenen eingestreuten Beispiel-Gedichte aufregend schillern und in ihrem Wortglanz und Gedankenreichtum faszinieren.

Im Hofe steht ein Pflaumenbaum
Der ist so klein, man glaubt es kaum.
Er hat ein Gitter drum,
So tritt ihn keiner um.

Der Kleine kann nicht größer wer’n,
Ja, größer wer’n, das möchte er gern. 
’s ist keine Red davon,
Er hat zu wenig Sonn…

Der Baum, so führt es Meier-Lenz eingangs seiner „Erzählung“ an, wurde von Walter Benjamin in seiner Symbolik stellvertretend „für die Unterdrückung und Benachteiligung des Menschen, sicher aber auch für die persönliche Existenz des nach Skovsbostrand geflüchteten Brecht“ gedeutet. „Nicht nur seine physische, sondern auch seine kreative Existenz waren in jenen Jahren“, bringt Meier-Lenz in Erinnerung, „bedrohlich in Frage gestellt. In Svendborg bot sich ihm ein vorläufiges Refugium, von dem er (Brecht) schreibt: ,Das Haus hat vier Türen, daraus zu fliehen.‘“ – Für eine kurze Weile also war alles gut.
Hier umkreist Meier-Lenz auch Brechts großen (Liebes-)Gesang „Erinnerung an die Marie A“ (den Brecht in der Urfassung in seinem Notizbuch in Sütterlinschrift als „Sentimentales Lied No 1004“ fixiert) – und schon ist im Erzählfluss des vom großen BB so sichtlich wild berührten Dieter P. Meier-Lenz der Weg freigeschaufelt bis hin zur legendären „Leporello“-Liste des liebestollen Don Giovanni aus der gleichnamigen Mozart-Oper, aus der zu entnehmen ist, dass es der „Liebesaffären“ des berühmten Gockels und Verführers nicht nur ein paar, sondern allein in Spanien, „ja, in Spanien… schon tausendunddrei!“ gegeben hat. Klar also, dass dieser Mann tatsächlich besser war, „besser und potenter als Don Juan“. – Meier-Lenz liebte diese Verweise auf die angeblich „letzten Dringlichkeiten“, deren man teilhaftig sein möchte, irgendwann, irgendwo zwischen Anfang und Ende, Liebe und Tod, Alltag und Poesie.
Spät, im Alter, das belegt Meier-Lenz noch einmal mit Brechts nicht minder berühmtem Gedicht „Schwierige Zeiten“, gelangte der Augsburger in-alle-Weltvertriebene Dichter zu der Erkenntnis, „dass Bäume, gesehen durch die Brille des Alters, (durchaus) wieder Früchte tragen“. Der Pflaumenbaum, erst jung, dann abgeholzt – und schließlich wieder erblüht: das ist der Kreislauf der Natur. Und für Brecht, wie dann wohl auch für Meier-Lenz, ist das am Ende auch der Kreislauf der Liebe und des Lebens. Und dennoch nur schwer (oder nie) zu enträtseln. Deshalb also die „ewige Mühe“ des Schreibens.

* * *

Dieter P. Meier-Lenz hat sie lang genug auf sich genommen (seine umfangreiche schriftstellerische Hinterlassenschaft hat ihr natürliches Gewicht). Der Schlusstext im Summenband hirnvogel geht so:

und morgen zerfall ich zu staub
den mund voll codiertem gestein
verstumme ich lallend und taub
ein morden ein hingemähtsein

dann wird mein gedicht noch entbeint
in kalter gebärde zerschrien
die Worte schon trockengeweint
mit zitternder zunge gespien

im kopf – meinem wortsterbefeld
mit stummen vokalen besungen
wird sprache sprachlos gebellt

kein inhalt und ohne gewicht
und schon im entstehen zersprungen
so endet mein letztes gedicht.

Johann P. Tammen, die horen, Buden. Lichter. Volk. Vermessungen, zusammengestellt von Thorsten Arend, Kai Bremer, Sascha Feuchert und Jürgen Krätzer, Heft 260, 4. Quartal 2015

 

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Ludwig Harig: Im Geschrei des Gedichts
die horen, Heft 197, 1. Quartal 2000

Zum 75. Geburtstag des Autors:

Christoph Leisten: Am anderen Ort
die horen, Heft 217, 1. Quartal 2005

Fakten und Vermutungen zum Autor

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