Doris Runge: Zu Nelly Sachs’ Gedicht „Wenn nicht dein Brunnen“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

− Zu Nelly Sachs’ Gedicht „Wenn nicht dein Brunnen“ aus dem Gedichtband Nelly Sachs: Fahrt ins Staublose. −

 

 

 

 

NELLY SACHS

Wenn nicht dein Brunnen

Wenn nicht dein Brunnen, Melusine,
aller Märchen zweiten Ausgang
im Herzeweh hätte,
längst wären wir
in die versteinerte Auferstehung
einer Osterinsel eingegangen −

Aber wenn dein Echoangesicht,
mit der Müdigkeiten Akelei bestreut,
Sterben übt im Sabbatgold,
trinkt unser Blut Erinnerung
in einer Landschaft,
die schon da gewesen,
und in der schlummerleichten Vorgeburt
der Seele −

 

Sehnsucht, Flucht, Herzeweh

Seele ist das letzte Wort des Melusinen-Gedichtes, dann bricht es ab, mit einem Gedankenstrich, der stummen Linie in die Vergangenheit (Adorno). Hier endet das Sagbare. Das Senkblei der Worte vermag die Tiefe nicht auszuloten, aus der die Wurzeln dieser Dichtung ihre Nahrung ziehen. Im Raum der Erinnerung, im Brunnen der Melusine ist die stumme Linie der Zeit enthoben. So tief hinab, so weit vor muß stoßen, wer ins Herz dieser Dichtung dringen will: zum Erinnerungsort, der „Landschaft, / die schon dagewesen, / und in der schlummerleichten Vorgeburt / der Seele −.
Der Weg des Gedichtes beginnt mit Flucht und endet mit Verwandlung. Flucht aber heißt in der Metaphorik von Nelly Sachs, im Zustand der Sehnsucht zu sein. Sehnsucht ist die Trieb-Feder, die die Fluchtbahnen schreibt, die Kraft zur Verwandlung verleiht, und die Dichterin, die ihr Stockholmer Exil kaum verließ, unterwegs sein ließ, von Gedicht zu Gedicht, von Zeile zu Zeile. Wir lesen die chiffrierte Botschaft dieser Verse: Melusine.
Aber ist Melusine, die unerlöste Seele, die Gestalt gewordene Sehnsucht nicht ein Relikt der Romantik, ist Sehnsucht nicht das verdächtige, das längst entthronte Königswort, ein Wort für Tagediebe, ein Wort des Versagens an der Wirklichkeit? Nelly Sachs entreißt den Träumern das Wort, macht es zum energetischen Feld ihrer Poesie. Am Anfang, drei Zeilen lang, bedient sie die romantische Klaviatur: Sehnsucht, Flucht, Herzeweh: Das alte Lied, die Melusinen-Klage ist angestimmt. Wir sind eingestimmt, lesen das Märchen noch einmal – aber anders, von seinem zweiten Ausgang her.
Wenn nicht dein Brunnen: die Erinnerung, wenn nicht das Herzeweh: die Klage, das Gewesene beschwörend, zum lebendigen Schmerz machte, was gäbe es, um das geschehene Leid dem Vergessen, dem Schweigen, der Versteinerung zu entreißen? Unerlöst wie im Märchen bliebe das erstarrte Leben, von dem der Stein noch Zeugnis ablegt, rätselhaftes Monument der Vergangenheit, nicht eingelöste Verheißung: „längst wären wir / in die versteinerte Auferstehung / einer Osterinsel eingegangen“.
Wir? Sind das die Schatten der Verstorbenen? Melusine ist Sehnsucht, ist Herzeweh, Leben, Verwandlung, ewige Wiederkehr. Melusine ist das lebenbewahrende Wort: Dichtung, wie Nelly Sachs sie verstand. Aber wenn dein Echoangesicht, wenn das „Wehe“, das die verschmähte Nymphe Echo dem unerreichbaren Geliebten Narkissos zurückwirft, in unendlichen Brechungen widerhallt, wird ihre Klage zur Stimme der verstummten Kreatur. Nelly Sachs gab dem sprachlosen Entsetzen der jüdischen Opfer ihre Stimme. Echoangesicht – ein Wort verwandelt Melusine in die klagende Nymphe, von der die alles verzehrende Liebe zu Narkissos nur noch Stimme und Gebein ließ. Ein Wort, Sabbatgold, läßt das von Müdigkeiten gezeichnete, das alte Antlitz Israels, von dem die Stimme, das Wort blieb, die Heilige Schrift, hinter der griechischen Mythengestalt aufschimmern.
Melusines Bild steht nun für Verwandlung und Auferstehung. Sonnabends im Bade kehrt sie in ihr Element zurück, nimmt Abschied vom Zeichen ihrer Herkunft, übt sterben, um zu werden, um als Sterbliche Unsterblichkeit zu erlangen. Immer wieder muß der Leser die Spiegelschrift aus den Scherben von Mythos und Märchen deuten. Immer wieder entzieht sie sich durch Verwandlung Erst im Schlußvers wird das Symbol für Auferstehung offenbar: trinkt unser Blut Erinnerung. So sagt es das Gedicht, durch die Assoziation an die Widderblut trinke den Schatten im Hades, denen nach dem Opferblut „da, Andenken an die obere Welt“ (Erwin Rohde) wieder zuströmt. Die Sehnsüchtigen stillen ihre Sehnsucht mit Brunnenwasser: trinken Erinnerung – Leben also, das ihnen allein durch das erinnernde Wort verliehen werden kann.
Ist am Ende das Werk der Leib, der auferstehen soll? Er füllt von Echobildern ist die „Landschaft, / die schon da gewesen, / und in der schlummerleichten Vorgeburt / der Seele −. Das Gedächtnis, das Wort, wird imaginiert zum archaischen Bild einer Landschaft, das alle Bilder in sich vereint – auch das neu zu findende Urbild, das die Verse beschwören: die Sehnsucht nach Bewußtsein und Seele nach Menschwerdung.

Doris Runge aus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): 1400 Deutsche Gedichte und ihre Interpretationen. Von Gottfried Benn bis Nelly Sachs. Insel Verlag, 2002

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