Dorothea von Törne: Zu Richard Pietraß’ Gedicht „Honigrute“

Im Kern

Im Kern

– Zu Richard Pietraß’ Gedicht „Honigrute“ aus dem Band Richard Pietraß: Randlage. –

 

 

 

RICHARD PIETRASS

Honigrute

Weihnacht, komm zu uns, mit duftenden Flammen
Und ruf meine Tauben und Toten zusammen.

Meinem Vater hilf, vorm Altenverlies
Seine Knochen zu sammeln vom blutigen Kies.

Der Mutter, im Hirnschlag aufgegeben
Hilf, die bleiernen Decken zu heben.

Dem Wichtelbruder, im Typhus verscharrt.
Öffne den Hügel nach Maulwurfsart.

Der Puttenschwester, in blauem Schmerz
Kleb ein Pflaster aufs klaffende Herz.

Unter der zapfenkopfigen Fichte
Behauche den Neffen, bauche die Nichte.

Erlöse den Erlanger Leib aus dem Koma.
Behause den Sinti, behüte die Roma.

Zeig Bruder Rauch und Bruder Schall
Den Königsweg aus Wucherers Stall.

Und Bruder Abel und Bruder Kain.
Wiege den Juden, den Muselmann ein.

Hilf dem Scherben im Kroaten.
Begrün das Gewehr, golde den Spaten.

Gebier die Liebe aus wieherndem Haß.
In Honig ertränke den schlechten Spaß.

Weihnacht, bleib bei uns, daß Graun uns nicht pack.
Pfeif Katze und Knüppel zurück in den Sack.

 

Eine tröstliche Vision inmitten einer heillosen Welt scheint heute den Dichtern kaum mehr möglich. Richard Pietraß ist die Ausnahme. Aus stabreimenden Sprichwörtern und Redewendungen klopft er die Weisheit unserer Kultur, greift die mündlich überlieferte Tradition auf und fügt sie mit Brüchen und Kanten in seine eigene Rede, mit der er das Fest anspricht, als sei es ein leibhaftiges Gegenüber. Der Nähe vermittelnde Gestus des Gebets liefert das Grundmuster; der Paarreim gibt dem intensiven Wünschen Gewicht und nimmt den Versen zugleich die Schwere – durch die Heiterkeit des Sprachspiels. Auf Widersprüche baut schon die Überschrift mit der Anspielung auf heidnisches Brauchtum. Aus den Gegensätzen Rute und Honig besteht das Gedicht selbst, indem es das schwer Vereinbare zusammenführt: die Familienmitglieder mit ihren individuellen Bitterkeiten und die große Menschenfamilie samt ihren Kriegen, widerstreitenden Religionen und Ethnien, mit Bösewichtern und Gebeutelten und mit den inhumanen Experimenten in Wissenschaft und Medizin. Im Mittelpunkt steht die menschliche Würde trotz aller Gefährdung. Der Moralist Pietraß setzt dem Grauen, das aus Haß, Mißbrauch und Tod kommt, das Dennoch und die Hoffnung des Weihnachtsfestes entgegen. Er beschwört mit dessen spezifischem Duft und Geschmack vor allem seinen ursprünglichen Sinn: die Geburt der Liebe. Und ganz nebenbei huscht auch noch jene allseits beliebte sacktrackende Figur vorbei.

Dorothea von Törne

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