Eckart Kleßmann: Zu Georg Trakls Gedicht „Die Kirche“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Georg Trakls Gedicht „Die Kirche“ aus dem Band Georg Trakl: Das dichterische Werk. –

 

 

 

 

GEORG TRAKL

Die Kirche

Gemalte Engel hüten die Altäre;
Und Ruh und Schatten; Strahl aus blauen Augen.
In Weihrauchdünsten schwimmen schmutzige Laugen.
Gestalten schwanken jammervoll ins Leere.

Im schwarzen Betstuhl gleichet der Madonne
Ein kleines Hürlein mit verblichnen Wangen.
An goldnen Strahlen Wachsfiguren hangen;
Weißbärtigen Gott umkreisen Mond und Sonne.

Ein Schein von weichen Säulen und Gerippen.
Am Chor der Knaben süße Stimmen starben.
Sehr leise regen sich versunkene Farben,
Ein strömend Rot von Magdalenens Lippen.

Ein schwangeres Weib geht irr in schweren Träumen
Durch diese Dämmerung voll Masken, Fahnen.
Ihr Schatten kreuzt der Heiligen stille Bahnen,
Der Engel Ruh in kalkgetünchten Räumen.

 

Geistliches Panoptikum

In der Welt des Dichters Georg Trakl ist Gott zwar präsent als Wort und Begriff, aber er bleibt den Menschen fern, spricht nicht mit ihnen, gibt auch keine Zeichen. Er schweigt, denn er hat sich von den Menschen abgewandt. Die Welt, wie sie sich in Trakls Lyrik abbildet, ist eine gottverlassene, ohne Barmherzigkeit, ohne Gnade, ohne Hoffnung auf Erlösung, vor allem aber ohne Christus. Und doch bekannte der Dichter in einem Gespräch im Januar 1914 vor Freunden ganz dezidiert, er sei ein (evangelischer) Christ. Fügte aber auch gleichzeitig den für einen Christen ungewöhnlichen Satz hinzu:

Ich habe kein Recht, mich der Hölle zu entziehen.

Wenn eine Kirche ein Gotteshaus ist, so hat Gott in diesem Gedicht sein Haus längst aufgegeben und als eine Rumpelkammer mit geistlichem Nippes zurückgelassen, als ein Arsenal „voll Masken, Fahnen“. Das Interieur ist aus katholischen Barockkirchen vertraut: Gemalte Engel, in gläsernen Sarkophagen verwahrte Gerippe, Bildnisse der Heiligen, ein wächserner Gottvater zwischen Gestirnen, Weihrauch.
Aber der Jubel aus Farben und Formen, den so viele Kirchen des achtzehnten Jahrhunderts verströmen, ist verstummt und einer bedrückenden Stimmung von absoluter Gnadenlosigkeit gewichen. Und die im ersten und letzten Vers genannten Engel sind nicht etwa die Boten Gottes, sondern nur sinnentleerte Staffage.
Das Kircheninnere als eine Ansammlung von Requisiten und Kulissen, darin „Gestalten schwanken jammervoll ins Leere“, da ihre Gebete niemand erhört. Dem Weihrauch sind „schmutzige Laugen“ beigemischt, der Gesang ist verstummt, das Schweigen des entschwundenen Gottes breitet sich aus. Die Hure sieht aus wie die Madonna, die Schwangere ist mit ihren Ängsten allein. Diesen Mühseligen und Beladenen bleibt die vom Erlöser verheißene Erquickung versagt. Nicht allein der „weißbärtige Gott“ ist eine Wachsfigur in einem geistlichen Panoptikum.
Nur an einer einzigen Stelle löst sich die modrige Erstarrung: im „strömend Rot von Magdalenens Lippen“. Von Maria Magdalena, die man mit der „Sünderin“ aus dem Lukas-Evangelium gleichsetzte, hatte Jesus gesagt:

Ihr sind viele Sünden vergeben, denn sie hat viel geliebt.

Im Mittelalter galt Magdalena als Schutzpatronin der Huren. Es sind „Magdalenens Lippen“, die einst die Füße des Heilands geküßt hatten, deren Rot zu strömen beginnt wie Blut. Es ist das Rot der Sünde und das Rot des Opfers von Golgatha.
Das erklärt, warum das „kleine Hürlein mit verblichnen Wangen“ ganz unblasphemisch dem Gesicht der Madonna verglichen wird. Auch das „schwangere Weib“, das sich offenbar nicht „gesegneten Leibes“ empfindet, vielmehr von Ängsten heimgesucht wird, gesellt sich dieser schwesterlichen Trinität. Soll mit ihr das Bild der Maria – „gebenedeit sei die Frucht deines Leibes“ – assoziiert werden? Der Gedanke liegt nahe, diese Magdalena selbdritt der Erlösung, der Gnade, der Vergebung näher zu wissen als andere, hätten diese Begriffe in Trakls Vorstellungswelt ihren Ort.
Zu Beginn und am Ende dieses zwischen 1909 und 1912 entstandenen Gedichtes erscheint das Wort „Ruh“. Aber es ist dabei nicht gedacht an den am siebten Tag ausruhenden Schöpfergott der Genesis, zufrieden mit seinem Werk. Hier entspricht die Ruhe der Stille des Grabes, aus dessen Moder es keine Auferstehung geben wird.

Eckart Kleßmann, aus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Hundert Gedichte des Jahrhunderts, Insel Verlag, 2000

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