Edlef Köppen: Poesiealbum 341

Koeppen/Meidner-Poesiealbum 341

FALSCH-SPIELER

Wort ward verspielt: Ja ist und Nein vertauscht,
Die Seiten fielen klirrend zu Ruinen.
Der Ton, der dich in Reinheit oft berauscht,
Dem du Fanfarenecho abgelauscht :
Ist hart zerschellt im Falle der Lawinen.

Sinn stob in Nichts, zerschlug zu stummem Grad,
Ausweg zerstückte, Stein verschob die Fluchten.
Was über lauteren Himmeln rollend Sonnenrad :
Nun bannt es Klippenschutt zerklafften Pfad,
Der ziellos rinnt zu tiefearmen Buchten.

Groß droht das Dunkel. Stern zerflog.
Hinschallend stockt der Schrei, der dich versteint.
Gebärde berstet, weil der Anfang log.
Das Maß zerbricht, das Zittern überbog.
Die Welt stürzt Chaos, das verneint.

 

 

Stimmen zum Autor

Einige der Gedichte der Jahre 1915–1919, von Krieg und seinen Schrecken geprägt, veröffentlicht in expressionistischen Zeitschriften, vor allem in Franz Pfemferts berühmter Aktion, ein Organ des Aufbegehrens, wurden in die bekanntesten Lyriksammlungen des Expressionismus in Ost und West aufgenommen. In seinem Nachlaß wurde aber auch ausdrucksstarke Lyrik ohne Bezug zum Krieg entdeckt.
Wilhelm Ziehr

Gemeinsam ist Köppens und Benns Gedichten „die Wirklichkeitszertrümmerung“, die Benn als das Einheitliche des Expressionismus bezeichnete, nämlich das „rücksichtslose An-die-Wand-der-Dinge-Gehen bis dorthin, wo sie nicht mehr individuell und sensualistisch gefärbt, gefälscht, verweichlicht, verwertbar in den psychologischen Prozeß verschoben werden können, sondern im akausalen Dauerschweigen des absoluten Ich der seltenen Berufung durch den schöpferischen Geist entgegensehen.“
Jutta Vinzent

Köppens Nachkriegsgedichte sind artifizieller, bisweilen gereimt, die verwendeten Bilder werden dichter – vor allem in den Dichtungen ab 1921. Die Worte werden zu Chiffren, gelegentlich bis zur Unverständlichkeit gepreßt und dem Rhythmus und Klang untergeordnet.
Siegmund Kopitzki

Die scheinbar so spezielle expressionistische (Anti)-Kriegslyrik ist mit ihrer frühen Sachlichkeit bis heute frischer geblieben als die einst so beliebte ,O-Mensch-Dichtung‘. Ihr Kern wird gebildet vom Dreigestirn Plagge, Klemm und Köppen.
Peter Salomon

Edlef Köppen

Er war weder Jude noch im aktiven Widerstand, genoß aber auf Grund der Weigerung, seinen Antikriegstext zum 1. Weltkrieg „Heeresbericht“ zu verfälschen, die besondere Aufmerksamkeit des Propaganda-Ministers Goebbels: „An den Galgen!“ – Seine frühen Gedichte, in expressionistischen Zeitschriften jener Zeit veröffentlicht sowie zum Teil subtil in diesen Kolportageroman eingestreut, zeugen von seiner errungenen tiefen pazifistischen Haltung. Als Spätfolge einer Kriegsverletzung starb Köppen viel zu früh; im verstreuten Nachlaß finden sich intensivierte Verse, komprimiert und chiffriert.

Aus Marie Luise Kaschnitz: Poesiealbum 340, MärkischerVerlag Wilhelmshorst, 2018

Poesiealbum 341

Köppen entschuldigte sich nach einer Attacke des Völkischen Beobachters bei Goebbels für seine arische Herkunft; verbrachte aber deshalb oder trotzdem die NS-Zeit in „Innerer Emigration“. –
Die ausgewählten Gedichte sind zusammengetragen aus verstreuten Nachlässen sowie einem verloren geglaubten Fund und wurden bisher nicht als Ganzheit veröffentlicht. Sie dokumentieren das entsetzliche Leid und die Sinnlosigkeit der durch Krieg verursachten Katastrophe; Köppens Empathie mit der leidenden Kreatur berührt zutiefst.

MärkischerVerlag Wilhelmshorst, Klappentext, 2018

 

Zum Erscheinen des Poesiealbums „Edlef Köppen“

Am 24. Oktober fand in Genthin, der Geburtsstadt Edlef Köppens in der Stadt- und Kreisbibliothek, die seinen Namen trägt, ein Podiumsgespräch statt. Teilnehmer daran waren der Lyriker Wulf Kirsten, der zu den bedeutendsten Lyrikern der Gegenwart zählt, der Schriftsteller Wolfgang Haak, der in Genthin geboren wurde. Beide reisten aus Weimar an, zu ihnen gesellte sich auch der Verleger des Märkischen Verlages, Wilhelmshorst, Dr. Klaus-Peter Anders, Herausgeber des Poesiealbums, und Wilhelm Ziehr, der die Auswahl der Gedichte besorgte. Es wurde durch die Beiträge von Kirsten über den Expressionismus und Haaks Ausführungen zu den Gedichten eine gelungene Veranstaltung, die auch auf Video aufgenommen wurde, um ein Dokument von Zeitzeugen zu schaffen. Ein zweifacher Anlass führte zu diesem Podiumsgespräch: Das war einmal der aktuelle Anlass, nämlich das Erscheinen des Poesiealbums, das Edlef Köppen gewidmet ist, und ein für die weitere Köppen-Forschung noch bedeutenderer Anlass, und das ist die Auffindung des Teilnachlasses von Köppen im Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte von Anfang 2014. Gekrönt wurde dieses Ereignis durch seine Digitalisierung und die damit verbundene Zusammenführung mit dem Genthiner Nachlass zu einem gewaltigen Konvolut, das die Forschung nun vor große Aufgaben stellt und alle Publikationen bisher überarbeitungsbedürftig macht. Vor allem hat sich das Bild, das man sich von Köppen als Erzähler, Essayist und Lyriker machen kann, deutlich verändert. Auch wurde eine neue Seite Köppens entdeckt, die des Mitgestalters am deutschen Film der dreißiger Jahre. Jede Auswahl von Gedichten aus einem Lebenswerk ist abhängig vom persönlichen Kenntnisstand des Herausgebers. Bereits in seiner Auffassung, was denn zu einem gelungenen Gedicht gehört und was typisch wäre für den vorzustellenden Dichter, könnten eigenwillige Kriterien stecken. Ziehr hat sich aber leiten lassen von dem ihm bekannten lyrischen Werk Köppens, das zu seiner Zeit veröffentlicht wurde und das die literarischen Strömungen und ihre sprachlichen Optionen wiederzugeben vermag. Ziehr hat wohl alle in den Teilnachlässen dokumentierten Verse Köppens gelesen. Bei der Auswahl ließ er sich von der Überlegung leiten, einen Überblick zu geben über die bekanntesten der bereits veröffentlichten Gedichte und einige der ihm als köppentypisch erschienenen im unveröffentlichten Nachlass. Sicher wäre Ziehr nicht als neutrale Instanz dabei zu verstehen, denn von seinem Köppen-Bild hängen Präferenzen ab, aber schließlich auch von seinen eigenen Vorstellungen von Lyrik in seiner Zeit.
Mit der Auswahl von Gedichte für das Poesiealbum ist eine Beschäftigung mit Köppens Lyrik nicht beendet. Es galt zuerst die Texte orthographisch zu vereinheitlichen, denn Köppen schrieb auch nach der Rechtschreibereform zu Beginn des Jahrhunderts substantivierte Verben klein, ab nicht ab. Selbst „Sein“ schrieb er mitunter klein. Die Vereinheitlichung war aber geboten. Mitunter nicht immer einfach zu entscheiden. Doch eine solche Herausgeberaufgabe wäre noch zu unterscheiden von der Beschäftigung mit der Lyrik als solcher. Dazu gehören Fragen nach der Erstveröffentlichung, dem Wo und Wann. Das ist deshalb ein Problem, weil Köppen die wenigsten Gedichte genau datiert hat. Dazu ist es auch nicht einfach festlegbar, in welcher Zeitschrift oder auch Zeitung Köppen nicht datierte Texte zuerst veröffentlichte. Die Nachlässe können da oft nicht helfen. Hier kann nur manchmal die Erfahrung beistehen oder etwa ein Papiervergleich. Auch nach dem „Gut zum Druck“ für das Poesiealbum hat sich Ziehr weiter mit Köppens Werk und Lyrik beschäftigt. Noch im Oktober habe er einen Beitrag Köppens in einer heute unbekannten Zeitschrift gefunden, in der Westdeutschen Wochenschrift für Deutsche Kunst, Jahrgang 1925 mit dem Titel „Vom Märchen der Romantik und dem Märchen unserer Tage“. Die Sprache wie auch unsere Gefühle und Gedankenwelt bringen uns zum Schreiben. Aber mit dem Schreiben fangen die Probleme an. Keiner unser großen Lyriker verfasste Gedichte ohne Vorgänger, ohne ältere Gedichte vorher zu kennen, ohne von ihnen direkt oder indirekt beeinflusst worden zu sein. Ein Kennzeichen gelungener Lyrik ist, das die eigenständig geformte Sprache, durchaus auch mit stilistischen Eigenarten der Zeit verbunden, führt und sich sinnvoll im Bewusstsein eines Lesers entfalten kann. Man muss den Intuitionen des Lyrikers folgen können selbst in Richtung auf Transzendenz, auf die Substanz menschlichen Lebens und Fühlens oder sogar auf die drohende Selbstaufgabe in den Wirren seiner Zeit. Das „innere Gestimmtsein“ im Sinn sentimentalischer Augenblicke wäre damit aber nicht gemeint. Dichtung ist insoweit mit der Lebenserfahrung des dichtenden Individuums verbunden, und die muss in kein logisches System passen. Vor allem seit Rimbaud, dem fast vergessenen Maximilian Dauthendey und dem immer präsenten Gottfried Benn dringen in die Verse unbewusst aufgestiegene Wortverbindungen ein. Rimbaud war der erste, der Farben bewusst gegen ihre natürliche Erscheinung setzte, was dann als eines der Charakteristika von der Malerei und darauf von der Dichtung übernommen wurde. Johannes R. Becher war in seiner Sammlung Verfall und Triumph einer der ersten, der dies konsequent umsetzte.

Der Umfang der Lyrik Köppens
Wenn man von seinen Jugendgedichten vor seinen ersten Veröffentlichungen 1915 in Franz Pfemferts Zeitschrift Aktion absieht (etwa 40 Gedichte) hat Köppen über 130 Lyriktexte geschrieben. Veröffentlicht wurde weniger als die Hälfte. In drei von Pfemfert herausgegebenen Schriften wurden rund 20 Texte veröffentlicht. Die übrigen befinden sich in zum Teil bekannten, manche auch in heute vergessenen Zeitschriften. Die bekanntesten der zwischen 1910 und 1920 aufblühenden Publikationsreihen mit Köppen-Gedichten sind Die Dichtung, begründet und herausgegeben von Wolf Przygode (Kö mit 13 Gedichten vertreten), die Rote Erde (mit fünf Gedichten Köppens), Kündung (ebenfalls 5). Die anderen Zeitschriften sind kaum noch Spezialisten bekannt: so Menschen (drei Gedichte), Romantik, die Horen (immerhin vier). Doch wenn man dächte, dass die weniger bekannten Zeitschriften obskure Autoren herausgebracht hätten, so täuscht man sich. In Die neue Dichtung 1922/23 ist Köppen mit zwei Gedichten vertreten, aber mit ihm veröffentlichten darin auch Theodor Däubler, Ernst Toller, Klabund und Johannes R. Becher. In Menschen traten hervor Jan Jakob Haringer, Georg Kulka, Oskar Maria Graf, Kurt Heynicke, in Romantik veröffentlichte auch Carl Hauptmann, in Die Horen (Kö 4) Alfred Mombert, Hermann Kasack, Ernst Bloch, Rudolf Pannwitz. Erst 2004 brachten Siegmund Kopitzki und Peter Salomon 23 Gedichte in ihrem Heft Einen Tag lang nicht töten heraus, davon vier unveröffentlichte aus den Jugendgedichten, insgesamt zwölf Gedichte von der Front und sieben Gedichte aus den zwanziger Jahren. Im Poesiealbum befinden sich 50 Gedichte, davon 17 unveröffentlichte. Das wäre die größte Zahl der jemals herausgebrachten Gedichte Köppens. Das Verhältnis von Erlebnisgedichten des Krieges und der späteren Lyrik liegt bei 13 zu 37. Eine umfassende Anthologie von Köppen ist also niemals erschienen, obwohl Pfemfert eine solche angekündigt hatte. Hier läge also noch eine Aufgabe, um Köppens Werk zu dienen und das Schwergewicht seiner lyrischen Arbeiten auf die Zeit der „Avantgarde“ der zwanziger Jahre zu legen. Abgesehen von den Kriegsgedichten in der Aktion, die vor allem 1915 und vereinzelt noch 1918 geschrieben wurden, entstanden die meisten Gedichte Köppens in den zwanziger Jahren. Eine letzte Veröffentlichung plante Köppen 1934 unter dem Pseudonym Ed Lefkoe (Die Einsamkeit), doch damit hat es eine besondere Bewandtnis.

Wilhelm Ziehr, Märkischer Bogen 12/2018

Zeugnisse einer früheren Realität

Ziemlich vergessen sind Edlef Köppen und sein Hauptwerk, der Antikriegsroman Heeresbericht (1930), den viele für das wichtigste Buch über den ersten Weltkrieg halten. Nun ist in der Reihe Poesiealbum eine Auswahl seiner Gedichte, von Wilhelm Ziehr besorgt, erschienen. Auch hier wieder dominiert das Kriegsthema, ergänzt durch Liebesgedichte, Beschreibungen expressionistischer Naturbilder:

Der fahle Mond fletscht seine Zähne,
Die sterne taumeln haltlos ihren Pfad.
Und manchmal tropft vom Himmel eine Träne

„Wirklichkeitszertrümmerung“ steht da als Charakteristik dieser Verse. Aber vielleicht sind diese Gedichte auch Zeugnisse einer poetischen und historischen Erkundung der Realität.

kw, FreiePresse, 22.2.2019

Vorträge von Wilhelm Ziehr anlässlich des Edlef-Köppen-Jahres in der Stadt- und Kreisbibliothek Edlef Köppen in Genthin.

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