Edmond Jabès: Verlangen nach einem Beginn, Entsetzen vor einem einzigen Ende

Jabès/Kohlmann-Verlangen nach einem Beginn, Entsetzen vor einem einzigen Ende

So wie die Gestirne dem Abgrund der Nacht
entstiegen sind, ist der Mensch der zweiten Hälfte
des zwanzigsten Jahrhunderts aus der Asche von
Auschwitz geboren.

 

 

 

 

Der Autor als Jude

– Edmond Jabès zum Beispiel. –

… daß in dieser christlichsten der Welten alle Dichter Juden sind…
Marina Zwetajewa

1
Exodus und Exil, Weg und Absenz, Schrift und Buch – das sind die thematischen Koordinaten, anhand derer Jabès die jüdische Existenz in ihrer Prozessualität zu deuten sucht; nicht der Frage, ob einer Jude sei, vielmehr der Frage, wie und warum einer zum Juden werde, gilt sein Interesse. Die Bücher, die Jabès dieser Frage gewidmet hat, sind als ein Buch – sein einziges, unabschließbares Werk zu lesen, als radikale Frage- und Infragestellung, die der automatisierten Rede dessen, der das Sagen und also die Macht hat, kritisch zuwiderläuft. Doch gerade als Frager ist der Jude, dies hält Jabès verschiedentlich fest, nicht gefragt; als Schriftsteller wird er – wie die Schriftsteller zum Ruhestörer, lästig, bestenfalls entbehrlich. Doch gilt auch umgekehrt, was jener eine Vers Marina Zwetajewas besagt: daß „alle Dichter Juden sind“. Wer die Schrift (und nur die Schrift) zu lehren und zu stellen vermag, bringt einen Nutzen, ist fraglos ein „Jude“, fällt zur Last. In einer Parabel aus Micha Josef bin Gorions Born Judas ist das grundsätzliche Außenseitertum des Schriftstellers, des Schriftgelehrten – auch jenseits der Juden-Frage exemplarisch aufgezeichnet; es heißt dort (in „Die Wiedervereinigung der Getrennten“):

… Als die Einwohner des fernen Eilandes den nackten Mann sahen, fragten sie ihn, woher er käme. Er erwiderte: Ich bin ein armer Mann, ein Judäer. Sie sprachen: Was ist dein Handwerk? Er antwortete: Ich kann andere lesen und schreiben lehren. Die Leute sprachen: Das brauchen wir nicht…

2
Seine jüdische und seine schriftstellerische Existenz erfährt Edmond Jabès als permanentes Unterwegssein, als unbefristetes Wegsein, das einzig im Buch einen Ort findet und seinen Sinn bekommt. Der Schriftsteller – wie der Jude – ist, so Rilke, den „Bienen des Unsichtbaren“ verwandt, er bleibt verschwunden, seine Stimme ist unhörbar geworden. Was sein Buch ausmacht und zusammenhält, ist sein Schweigen, dieses wiederum – Voraussetzung dafür, daß sich, im Buch und durch das Buch, alle andern Stimmen, selbst jene der Leser, Gehör verschaffen können:

Wenn ein Satz, ein Vers das Werk überleben, so ist es nicht der Autor, der ihnen diesen besonderen Vorzug zuungunsten anderer verschafft – es ist der Leser.

3
Die Arbeit des Schriftstellers am unendlichen kryptogrammatischen Text, der die Welt darstellt und den die Welt enthält, erweist sich als Paradigma jüdischer „irrer“ – Existenz; sie bedeutet Warten und Wandern, Suchen und Hoffen zugleich. Der Schriftsteller, nunmehr weit davon entfernt, Autor zu sein, geht in die Symbolgestalt des ewigen – ewig „irrenden“ – Juden ein; der labyrinthisch strukturierte Universaltext, den er absucht und erschließt, ist sein Weg, jener endlose Weg unter andern endlosen Wegen, der ihm zum Ziel geworden ist, zu einer Bestimmung, die schon immer seine „Auserwähltheit“ war. Es ist der vom Sand verwehte, der von Steinen verlegte Weg, der stets von neuem ins Exil führt und der mit dem Exil identisch wird. Ein Weg, der, wie das Gedicht, zu nichts führt außer zu sich selbst.

4
Bei Edmond Jabès gewinnt die vernichtende und deshalb verzweifelte Gewißheit, daß alles schon geschrieben ist, eine metaphorische Dimension, indem sie zur condition humaine des Juden in vielfältige Beziehung gesetzt wird. Im Buch der Abwesenheit (aus dem Buch der Fragen) heißt es dazu:

Das jüdische Universum beginnt mit uns, mit unsern ersten Schritten im Universum. – Das jüdische Universum beruht auf dem geschriebenen Gesetz, auf einer verbalen Logik, die unumstößlich ist. – So steht denn das Land der Juden hinter ihrem Universum nicht zurück, denn es ist ein Buch. – Jeder Jude bewohnt ein personifiziertes Wort, das ihm den Eintritt in alle geschriebenen Wörter ermöglicht. – Jeder Jude wohnt in einem Schlüsselwort, in einem Schmerzenswort, in einem Erkennungswort, – welches die Rabbiner kommentieren.

5
Der Schriftsteller müßte es, nach Jabès, wagen, seine „Auserwähltheit“ als Bewährungsprobe (nicht als Auszeichnung) zu begreifen und durchzuhalten; er müßte einsehen, daß die freie Wortwahl nicht bei ihm, sondern bei den Worten liegt; diese wählen den Autor, nicht der Autor sie. Der Schriftsteller zieht sich – wie jener chinesische Meister, den Canetti als Zeugen für Kafka aufgerufen hat – in sein Werk und hinter es zurück, geht darin auf, vergeht; seine Kunst besteht darin, die Wörter allmählich dazu zu bringen, daß sie „sich für seine Bücher interessieren“. Im Buch der Ähnlichkeiten, dem vorerst letzten Projekt von Edmond Jabès, findet sich dazu die folgende Entsprechung:

Ich glaube. Ich schreibe; glaubt aber das Buch an mich? Käme man doch nur so weit, daß einen die Wörter für glaubhaft hielten. Man muß ihnen ein Unterpfand bieten.

6
Der wesentliche Dialog ist der stumme Dialog; ein Händedruck. Das Gedicht. „Worte und Gegenstände wären demnach“, so könnte man… in ganz anderm Zusammenhang bei Canetti weiterlesend… wohl vermuten, „Ausfluß und Ergebnis eines einzigen einheitlichen Erlebnisses, eben der Darstellung durch die Hände.“ Die Hände wiederum… „Unsre zwei offenen Hände“… sind das aufgeschlagene Buch, durch das wir während wir lesen darin lesbar werden. Das Buch so Jabès gegenüber Velter ist „zutiefst unser eigen“; wir eignen es uns im Akt des Lesens an, der auch ein Liebesakt ist… Akt der Selbstfindung, der Selbsterfindung; denn beim Lesen des Buchs verlieren wir uns.

7
„Schreibt man“, fragt Jabès, „mit dem Blut der Vokabel, die mit dem eigenen Blut vermischt ist?“ Auch wer mit Blut schreibt… und sei’s das eigene… schreibt bloß mit Tinte… rot „wie“ Blut.

8
Hunger, Lesehunger; und also, zu Tisch bei Lagercrantz, „wieder und wieder den Text lesen, bis er beginnt, in einem zu leben, als hätte man ihn verschluckt – das ist die Methode“. Selbst der Prophet… Künder vom Ende der Welt… ißt das Buch, das der Engel ihm reicht, in sich hinein; das Buch, mithin, ist Himmelsgabe… der Text unser tägliches Manna. Aufgelesenes… Gelesenes… wird verdaut… zerfällt… was bleibt, ist ein Haufen von Lettern. Der Sprachverfall ist Voraussetzung für die Wiederherstellung der Würde des Buchstabens… für die Wiedererkennung seiner Physiognomie. Die Pflege des Buchstabens… sagt Heidegger… tut niemals so not wie in Zeiten der Not.

9
Alle Literatur ist sichtbar gemachte, sichtbar gewordene… gerettete… Schrift. Der Schriftsteller… „ich bin abwesend, da ich der Erzähler bin, wirklich ist nur das Erzählte“… erfindet seine Texte nicht, er findet sie; er stellt sie nicht her, er entziffert sie, schreibt sie nach. Der Schriftsteller ist der ideale Leser, das Lesen geht dem Schreiben notwendigerweise voran, gibt ihm die Perspektive, vermittelt und erbringt erst eigentlich den Text. Darin liegt, vordergründig, das poetisch „Rätselhafte“, von dem Gottfried Benn in seinem späten Vortrag über „Probleme der Lyrik“ gehandelt hat:

Das Gedicht ist schon fertig, ehe es begonnen hat, er (der Autor) weiß nur seinen Text noch nicht. Das Gedicht kann gar nicht anders lauten, als es eben lautet, wenn es fertig ist.

– Jeder Text wäre somit als Zitat aus… beziehungsweise als Kommentar zu… einem in seiner Gesamtheit unübersehbaren und undurchschaubaren kontextuellen Zusammenhang zu verstehen… eine Vorstellung, die wohl nicht zufällig an Mallarmés kosmologische Konzeption eines totalen Buchs erinnert, in dem alle denkbaren Bücher aufgehoben, alle Konstellationen des gestirnten Himmels festgehalten sein sollten; eine Vorstellung auch, die manches mit der Borges’schen Vision der Bibliothek von Babel gemeinsam hat, in der alle „Bücher“ selbst die ungeschriebenen verwahrt sind, darunter vielleicht… gar jenes eine Buch, „das Inbegriff und Auszug aller ist“.

10
„… bis zu den Zähnen mit Sprache bewaffnet…“ (Thomkins); die Sprache als selbstmörderisches Waffenarsenal… Man spricht, um sich von sich selber abzubringen; um sich daran zu hindern… wie Nietzsche es gefordert hat…: „ich“ zu tun. Die Angst, bei sich selber anzukommen; die Angst, mit sich allein zu sein… ist eine Todesangst.

11
Ich stelle den Autor als Autorität in Frage, weil… erst nach Preisgabe der eigenen Autorität das heißt nach Aufgabe des Primats der Aussage des Sagen-Wollens… das Sagen der Sprache kraft des sprechenden Subjekts sich artikulieren kann als ein Sagen-Lassen. Das Verschwinden des Autors ist Voraussetzung für die Wiederkehr des Subjekts, und vielleicht könnte man, ein Wort von Musil variierend, sagen, die Auflösung des auktorialen Ich-Bewußtseins, das „nun schon seit Jahrhunderten im Schwinden“ ist, sei „endlich beim Ich selbst angelangt“; und… aber… also… wo?… bei wem?

12
Von der „immensen Genugtuung“, sich restlos ausgesprochen… sich ausgeschrieben und schreibend sich vernichtigt zu haben… ist die „panische Angst“, unwiderruflich zum Schweigen verurteilt zu sein, nicht zu trennen. Oder wird… umgekehrt die beharrliche, auf die Einnahme extremer Domänen der Wüste, der Weiße… angelegte Schreibarbeit überhaupt erst Voraussetzung dafür, daß einer die eigene Sprache findet und zur Rede fähig wird?
Doch wozu?
Was hätte er davon?
Und was gäbe es für den, der das Sagen hat, noch zu sagen?

13
Das ist das Desaster; daß gerade die Kunst… und gerade die Wortkunst auch… uns zu „Verbrechern“ macht und zu Gebrochenen; indem sie uns in unserm Einssein entzweit. Die Kunst… und gerade die Wortkunst auch… ist die am höchsten entwickelte Form menschlicher Selbstrepräsentation und verhindert… als solche… die einfache die schweigende Präsenz des Subjekts diesseits von Wort und Bild… jenseits jeder Ähnlichkeit und jeglichen Vergleichs. Unsere präsenzlose Verlorenheit hienieden wird durch den Tod „beschlossen“… und nur in der Fiktion, nur in der Selbstherrlichkeit unsrer Repräsentationen überleben wir. Die Krypta des Kunst-Werks ist Lebens-Raum. Lebens-Raum für die Gestorbenen; die meisten Autoren, deren Texte wir lesen… deren Bilder und Bauten wir betrachten… sind tot.

14
Edmond Jabès’ poetisches Denken ist, mit Bezug auf die übliche philosophische Rhetorik, ein dezidiert anderes Denken; und es ist, im wesentlichen, ein Denken des Andern – ein Denken freilich auch, das den Andern (und das Andere) nicht zu verstehen, nicht zu erklären, nicht als Erkenntnisgewinn zu verbuchen sucht. Den Andern (das Andere) anders zu denken – für Jabès heißt dies, daß die Einsicht in die Andersheit des Andern nur durch Selbsterkenntnis zu gewinnen ist, und nicht im objektivierenden Blick auf ein Du, schon gar nicht in der subjektivistischen Verschmelzung des Selbst mit dem Andern.

15
Nicht was ich habe, muß ich dem Andern schuldig bleiben; vielmehr was ich bin. Was… oder wer… ich ist.

16
Doch wer würde diese Würde verdienen… nämlich nichts bedeuten zu müssen.

17
Was ich… unverlierbar… weiß, ist das… was ich vergessen habe; also habe.

18
Wer bin ich… was ist Ich… heute früh um drei Uhr zwölf; zu spät.

19
Schwör… so heißt es an einer Stelle bei Shakespeare… auf dich selbst; dann erst kann ich dir glauben. Ein leichter Glaube; denn auf wen ist weniger Verlaß als auf den, der an sich selber glaubt.

20
Ein Fremder mit einem kleinformatigen Buch unterm Arm – so hat Jabès seinen jüngsten Prosaband betitelt. (Edmond Jabès, Un Etranger avec, sous le bras, un livre de petit format. Editions Gallimard, Paris 1989). Vordergründig verweist er damit auf eine jüdische Gepflogenheit aus der Zeit der Großen Inquisition, welche, bedingt durch die damalige Praxis der Zwangsbekehrung, darin bestand, die wesentlichen Glaubenssätze und Gebetsformeln des Judentums in ein kleines Büchlein einzutragen, das dann (als portables Gedächtnis) im Futter des Jacken- oder Mantelärmels versteckt und überallhin – auch in die katholische Dorfkirche – mitgenommen werden konnte. Der Text selbst macht allerdings klar, daß die Lektüre, unabhängig von ihrer historischen Perspektivierung, zwei zusätzliche Bedeutungsebenen zu berücksichtigen hat die autobiographische und die poetologische. So kann der „Fremde“, zumindest stellenweise, mit dem Autor identifiziert werden, der sowohl im islamischen Ägypten, wo er bis zu seinem fünfundvierzigsten Altersjahr lebte, wie auch im christlichen Frankreich, wohin er 1957 emigrieren mußte, sein Judesein als unaufhebbares Anderssein als ein être autre – erfahren hat; doch der „Fremde“ repräsentiert auch die Andersheit – das soziale Außenseitertum – des Schriftstellers, des Künstlers, des Intellektuellen. Und beides zusammen, die „jüdische“ und die „künstlerische“ Existenz, wird bei Jabès, in einem noch allgemeineren Verständnis, zum Paradigma des Menschseins schlechthin; denn jeder ist jedem – wie auch sich selbst ein „Fremder“: der Andere. „Du bist der Fremde. Und ich? – Für dich bin ich der Fremde. Und du?“
Und der Jude? Er ist der Irre, der Irrende; er bleibt der Fremde, für den allein die Fremde Heimat werden kann. Die Fremde, das Exil, die Wüste – jüdisches Universum, wo „einzig der Sand das stumme Wort begleitet bis zum Horizont“; der Auszug ins gelobte Land ist Weg und Ziel zugleich – Passage ins Niemandsland der Sprache. „Meine Heimat“, schreibt Jabès, „ist meine Sprache. Und das Land meiner Sprache ist das meinige geworden…“ Und weiter: „Die Sprache hat die Sprache zu ihrem Ort gemacht. – Das Exil der Sprache ist die Befindlichkeit des Exilierten.“
Das Buch – Versprechen des Geschriebenen – begleitet, geleitet den Juden „auf seinem Gang durch die Wüste“:

Ich habe ein Land verlassen, das nicht meines war, und bin in ein Land gelangt, das ebenfalls nicht meines ist. Ich habe Zuflucht gesucht in einer Vokabel von Tinte, so ist denn mein Raum das Buch; dunkles Wort aus Nirgendwo, Wort der Wüste.

Und der Schriftsteller? Auch er ein „Fremder“; auserwählt auch er zum beschwerlichen Gang durch die Wüste, durch die Schwärze der Texte, die er zu entziffern und in die abgründige Weiße des leeren Blatts zu übertragen hat. Als Schriftsteller auserwählt zu sein, das heißt, für Jabès, dem Diktat der Sprache gehorchen zu müssen, heißt also nicht nur – zu schreiben; heißt auch – sich schreiben zu lassen. Doppelte Fremdheit dessen, der schreibt, ist er doch „Autor eines Buchs, das er nicht geschrieben hat, und Leser eines Buchs, das ihn schreibt“.
Der Schriftsteller wäre demnach der Ort, wo das Wort sich tut; wo die Sprache das Schweigen des Körpers bricht. Der Schriftsteller hat einzustehn „für das Wort, das ihn geschrieben hat“, so wie der Jude einzustehn hat „für das, was immerfort zu lesen bleibt im Buch Gottes, und was weiterhin zu schreiben bleibt im Buch des Menschen“. Dialog zu dritt: der Text ist das Du, kraft dessen der Schriftsteller als Ich sich konstituiert; der Text ist aber auch das Es, durch welches Ich und Du zusammengeführt werden. Wer den Text schreibt – wer am Text schreibt schreibt nichts anderes als das, was er gelesen hat. Zuerst ist der Schriftsteller – Leser; und stets ist der Schriftsteller erster Leser seiner selbst – Subjekt und Objekt der Lektüre in einem. Denn „man liest“, nach Jabès, „bloß die eigene Lektüre“.
Und also Ich? Ich bin das Du des Andern; „Ich“ ist die dritte Person. Nur als der Andere des Andern komme ich zu mir und kann Ich „ich“ sagen. „Die Distanz, die uns vom Fremden trennt, ist dieselbe, die uns von uns selber trennt.“ Der „Fremde“ wäre demnach ich – ein gewiß befremdliches Ich; Jabes findet dafür die unübersetzbare (die fortan unersetzbare) Wortfügung „l’étranger: l’étrange Je“. Der Befremdlichkeit jenes Andern, der „Ich“ – auch bin, entspricht mein – mithin sein – Bild im blinden Spiegel: „Der Andere (autrui) ist der Einwegspiegel, wo ein Anderer (autre) sich spiegelt.“ Das Paradoxon ist nicht aufzulösen; die Antwort auf die Frage nach dem Andern ist die Frage nach dem Selbst. Diese Frage immer wieder und immer wieder neu – gestellt zu haben, ist Jabès’ Antwort darauf; sein Werk.

Felix Philipp Ingold, manuskripte, Heft 106, 1989

Im Bund mit der Wunde. Über Edmond Jabès

Wie kommt es, daß wir, wenn wir vor uns die Spur unseres Weges – oder unserer möglichen Wege – gezeichnet haben, im allgemeinen denjenigen einschlagen, der uns von unserem Ziel entfernt?

Eine Frage ohne Antwort. Eine Frage von Edmond Jabès, dessen Sprechen häufig eine Folge von Fragen ist; der einmal sagt: „Wissen ist Fragen“ oder „Die Zeit der Erde ist die einer Frage“ oder „Die Frage ist Schöpfung“. Ein frühes Werk von Jabès heißt Buch der Fragen. Es war das erste, das – vor zehn Jahren, übertragen von Henriette Beese – auch bei uns erschienen ist, voller „unentrinnbarer Fragen“ nach dem Sehen, dem Wort, der Freiheit, der Wahl, dem Tod – Fragen, auf die fiktive Rabbiner, deren Stimme die Stimme von Jabès ist, Antworten zu geben versuchen.
Dabei hat eine Antwort für diesen Schriftsteller immer etwas Unbefriedigendes, bedeutet immer eine „gewisse Form von Macht“. In einem Interview (mit Paul Auster) antwortete er auf die Frage, ob man aus seinem Werk eine Lehre ziehen könne:

Ich glaube, wenn meine Bücher dem Leser etwas sagen, dann das, daß er die Last, die ihn bedrückt, auf sich nehmen, daß er sein Fragen bis zum Ende weiterführen soll. Und das heißt, sich selbst in Frage zu stellen… Bis zum Letzten.

Die Bücher von Edmond Jabès sind Meditationen voller (scheinbarer) Paradoxien, Spruchweisheiten, Prophezeiungen, Auslegungen. Daß die Niederlage ein uns zugesagter Preis ist; daß der Tod kein Verlust des Gedächtnisses ist, sondern seine Verherrlichung; daß man sich von einem Gegenstand befreien kann, einem Gesicht, einer Besessenheit, aber nicht von einem Wort, weil das Wort unsere Geburt und unser Tod ist; daß es in jeder Freude einen „See von Bitternis“ gibt und bei jedem Schmerz „in einer Ecke einen Freudengarten“; daß Unglück uns zugleich zerbricht und schützt; daß man gerechter wird, wenn man sich oft geirrt hat; daß wir auf Stetigkeit, Ähnlichkeit und Wechselseitigkeit ebenso angewiesen sind wie auf Brot; daß die Bilder unseres Lebens allmählich im Unbewußten verdämmern, aber nicht verlöschen, sondern – wunderbarer Fund – zu einem „Vergessensschimmer“ werden; daß man spricht, um die Einsamkeit aufzubrechen, und schreibt, um sie zu verlängern; daß es unmöglich ist, mit dem eigenen Denken, mit sich selbst fertigzuwerden; daß unsere unablässigen Versuche, das Leben, die Welt zu verstehen, in Ratlosigkeit münden – solche Gedanken sind aufregende Stationen einer inneren Reise, an der wir als Leser von Jabès’ Büchern teilnehmen.
Meditationen. Und zugleich ein in hohem Maß poetisches Denken. Die Bücher dieses Autors sind auf weite Strecken hin Prosagedichte. Jabès sieht in jedem Wort einen Docht brennen. Die Geheimnisse des Universums nennt er Feuerknospen, die aufbrechen werden. Er spricht von den vielen gehißten und dann zerrissenen Segeln. Märzwinde haben für ihn einmal das Gehabe von Falken, die einem die Augen aushacken und einen danach niederschlagen. Er erlebt sich als herabhängenden Zweig, der versucht, das Wasser eines Sturzbaches aufzuhalten. Ein Schritt im Schnee erschüttert den Berg. Die Sprache erscheint als Uferkerbe, die von der Meeresbrise berauscht ist. Der Mensch bewegt sich als Aschenhändler durch das Leben. Ein Frauenarm wird zu einem Wasserfall, ein Nacken zu einem Nest, das bewohnt ist von furchtsamen Vögeln. Die Nacht verwandelt sich in die uns gemeinsame Matrize, von der wir abgestoßen werden. Die Wahrheit ist eine schimmernde Pforte zu einem unbewohnbaren Ort. Liebe geht über in die kristallene Helligkeit des Todes.
Die Vorstellungswelt von Edmond Jabès ist geprägt von jüdischer Sprachmystik, wie sie sich in der Kabbala ausgeformt hat. Wenn sich nur ein Buchstabe aus unserem Namen löst, gibt es uns nicht mehr. Man schreibt einen Namen nieder und er wird zu dem Menschen, den man liebt. Unaufhörlich gilt die Aufmerksamkeit dieses Autors dem Wort. Einmal ist es ein Königreich. Einmal ein Pferd, das in seinem Lauf den Staub der Straße aufwirbelt und den Vorübergehenden zwingt, die Blicke zu senken. An Tagen der Trockenheit wird es zu Wasser. Gelegentlich erscheint es als Schattengeschöpf, als Sinnbild des Mangels, an dem wir zugrundegehen. Auf dem Weiß des Papiers ist es eine schwarze Sonne. Worte sind Fenster oder halboffene Türen. Einmal heißt es:

Wir werden in den Worten sterben.

Schreiben kann man nach Jabès nur, wenn man die Worte vorher zum Schweigen bringt, wenn man auf die unter jedem Wort lebenden anderen Worte achtet, wenn man sich auch die Frage stellt, ob die Worte nicht mit uns spielen, so wie die Gegenstände, die Lebewesen, das All, denen wir ausgeliefert sind – „wie auch immer, diese gefahrvollen Spiele reißen uns oft sehr weit mit sich fort, in Fernen, wo es nichts Festes, keinen Halt mehr gibt“. (Interview mit Marcel Cohen.) Oder er sagt, man öffne ein Wort, wie man ein Buch öffnet, man breche es auf und gebe sich Rechenschaft darüber, „wie weitgehend der Sinn eines Wortes in der Praxis eine abgekartete Sache ist; und wie wenig verläßlich die einhellige Annahme eines Wortsinns zu sein pflegt“.
Jabès spielt gern mit Worten. In „marbre“ (Marmor) nimmt er „arbre“ (Baum), nimmt er vergleichbare Strukturen wahr. „L’un“ (der eine) bringt er dadurch, daß er das Wort umgekehrt liest, mit „nul“ (keiner) in eine aufregende Verbindung. Die Freiheit, die man sich auf diese Weise herausnehme, eröffne einen Abgrund, betont er, nämlich den Abgrund der unabsehbaren Möglichkeiten, die uns der Umgang mit Buchstaben erschließe, denen wir niemals etwas anderes abverlangen könnten als das willkürliche Zusammenstehen. Das Wort werde sich uns deshalb stets entziehen. Jabès weist selbst darauf hin, daß man sich über diese Art des Umgangs mit Buchstaben, Silben, Worten auch lustigmachen könne; daß es ihm einzig darum gehe, des „ursprünglichen Sprachrausches erneut teilhaftig zu werden, jener Trunkenheit des Kindes welches dem Wort instinktiv das entnimmt, was ihm unvergänglich zu sein scheint“. Felix Philipp Ingold, dem wir hervorragende Übertragungen vieler Arbeiten von Jabès verdanken, formuliert den Zusammenhang so:

Der Sprache das Wort zu lassen und in Permanenz es zu befragen, das ist, generell, ein Merkmal jüdischen Denkens, welches grundsätzlich dem Poetischen zugewandt bleibt und dessen Ethos im Poetischen seine Basis findet.

Es gibt bei Jabès von früh an eine Art Mystik des Buches. Alles vollziehe sich bei der Arbeit so, stellt er einmal fest, als handle es sich für den Schriftsteller darum, ein vergessenes Buch in seiner ursprünglichen Anlage nachzuschreiben. Anstoß zum Schreiben sei bei ihm oft eine Furcht gewesen, ein Schmerz. Das Buch nennt er sein Universum, sein Land, sein Dach, sein Rätsel, seine Atmung, sein Ausruhen. Und wenn er zuspitzt: „Die Welt existiert, weil das Buch existiert“, so wird deutlich, wie sehr ein solcher Satz einerseits ein Echo auf bestimmte Vorstellungen der Kabbalisten im Blick auf die Tora ist und wie Jabès zugleich Gedanken Mallarmés und Maurice Blanchots aufnimmt. Letzterem gilt ein Kapitel in seinem Buch Es nimmt seinen Lauf.
Wer zum erstenmal ein Werk von Jabès öffnet, dem fällt auf, daß sich die Seiten zu überraschenden „Bildern“ fügen, daß ein Mosaik von Sequenzen entsteht, aus (meist scheinbaren) Zitaten, aus „Splittern“ (so die eigene Kennzeichnung des Autors), Maximen, Aphorismen, um die viel weißer Raum ist; aus kursiv gesetzten Texten, die Jabès als Buch im Buch versteht. Schon diese eigenwillige Typographie macht augenfällig, daß wir es nicht mit einem diskursiven, linearen Denken zu tun haben sondern mit einem dichterischen Weiterfragen, für das Sätze gleichsam Elementar-Ereignisse sind; das aus der Erfahrung kommt, daß es keinen Weg schon gibt, sondern daß er jederzeit beim Suchen erst entsteht; das aus großen Spannungen, Widersprüchen lebt; das etwa zu der folgenden Bemerkung findet:

Was für eine Antwort hast du? Die, die mich zerreißt.

Auch Dialoge gehören zu dieser Abfolge von „Fragmenten“.
Ein besonders bedeutsamer Dialog im Werk des Autors ist der zwischen Sarah und Yukel. In der Geschichte der Trennung zweier Liebender in der Zeit der Deportationen durch die Nazis ist Yukels Stimme die von Jabès. Nach Sarahs Tod schreibt er an sie:

Eine dichte Schneeschicht liegt über unseren Worten. Sie sind von uns so weit entfernt, so sehr vergessen von unsresgleichen, daß sie vielleicht schon gar keine Menschenworte mehr sind, sondern verzerrte Echos unserer verschütteten Schreie.

Edmond Jabès wurde 1912 als Sohn ägyptischer Juden geboren und wuchs in Kairo auf. Als Student verbrachte er einige Jahre in Frankreich. 1957 mußte er – weder praktizierend noch gläubig, wie er hervorhebt – seine Heimat verlassen. Er ließ sich in Paris nieder. Im Jahr darauf veröffentlichte er einen Band Gedichte, die er in den vierziger und fünfziger Jahren geschrieben und in mehreren kleinen Sammlungen veröffentlicht hatte. Er trug den Titel: Ich baue mir eine Behausung. Freunde, denen er menschlich und künstlerisch viel verdankt, waren Max Jacob, Paul Eluard und René Char.
Der Bruch in seinem Leben, die plötzliche Erfahrung der Fremde sei ihm wichtig gewesen, sagt Jabès. Erst im Exil habe er zum Beispiel ganz verstanden, was Wüste ist, wo „einzig der Sand das stumme Wort begleitet bis zum Horizont“. Eine „völlig neue Art des Fragens“ habe für ihn begonnen, und vor allem das Studium jüdischer Texte. So habe sich seine Bindung an jüdisches Denken und jüdische Geschichte – da er in Ägypten keine jüdische Unterweisung erhalten habe – erst hergestellt und befestigt. Im Exil sei das Buch – mit dem Schwarz der Buchstaben auf dem Weiß des Papiers, „schwarzem Feuer auf weißem Feuer“ – sein wahrer, praktisch sein einziger Platz geworden und „die Bedingung, ein Schriftsteller zu sein, nach und nach fast dasselbe… wie die Bedingung, Jude zu sein.“
Es gibt von Edmond Jabès mehrere Werkgruppen, das Buch der Fragen, das Buch der Ähnlichkeiten, das Buch der Grenzen. Immer wiederkehrende, immer wieder befragte Worte, die die Aufmerksamkeit auf sich konzentrieren, sind: Abwesenheit, Schweigen, Nichts, Exil, Leben, Tod. Dazu „Gott“, der einmal als der „rebellische Name des Abgrunds“ bezeichnet wird, oder „Wahrheit“, von der es heißt, nur die Hoffnung, sie zu haben, sei real, die Wahrheit selbst aber die Leere. Worte wie die genannten sind verhalten glühende Punkte auf den Seiten von Jabès, die zu einem Werk zusammengewachsen sind, das – so formulierte es Michael Krüger in seiner Laudatio zur Verleihung des Petrarca-Übersetzerpreises 1989 an Felix Philipp Ingold – „in seinem wesentlichen Kern so winzig und verschlossen und gleichzeitig so weiträumig entfaltet“ ist.
Das neueste Prosabuch von Edmond Jabès (es ist bisher nicht auf deutsch erschienen) trägt den Titel Ein Fremder mit einem kleinformatigen Buch unterm Arm. Der Fremde – das ist jeder. Jeder ist jedem ein Fremder. Vor allem aber sich selbst. Aus „l’étranger“ (der Fremde) wird bei Jabès „l’étrange Je“ (das fremdartige Ich).
Hat man sich in die Bücher dieses Schriftstellers einmal eingelesen, ihre bezwingende Kraft erfahren, so scheint der Reichtum an Einsicht unaufhörlich zu wachsen; auch rational nicht nachvollziehbare, in ungreifbarer Schwebe bleibende Rätsel-Sätze leuchten weiter durch ihre Intensität. Etwa:

Wenn der Stein durchsichtig wird oder – genauer – wenn die Durchsichtigkeit Stein wird, lassen sich alle Träume der Erde lesen.

Für deutschsprachige Leser hat Jabès – unter dem Titel Vom Buch zum Buch – mit Texten aus seinen in den vergangenen vier Jahrzehnten entstandenen Büchern ein neues vielstimmiges Buch komponiert, das im letztem Herbst im Hanser Verlag erschienen ist und einen Weg zu einem außerordentlichen Lebenswerk zeigt, das aus einer großen „Verwundung“ entstanden ist, im „Bund mit der Wunde“ lebt.

Walter Helmut Fritz, Park, Heft 37/38, Juli 1990

 

Zum 100. Geburtstag des Autors:

Felix Philipp Ingold: Innere Echos
Neue Zürcher Zeitung, 14.4.2012

 

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