Elke Erb: Gedichte und Kommentare

Mashup von Juliane Duda zum Buch von Elke Erb: Gedichte und Kommentare

Erb-Gedichte und Kommentare

SCHLUSZ

Nervös gemacht von dem & dem.
Das Gelauf in die Küche, immer war noch was.
Danach das Post-dies-&-das.

Mir fiel jetzt auf (bei „nervös geworden“)
dieses gewisse kleine dünne Brennen –

Sagen wir, unten im hohen Laubwald
der viel ältere Schachtelhalm
siedet nervös.

Richtig. Schnecken. Langsame.
Betont eindeutige Häuschen-Schnecken.
Vor sich hin.

Schlusz!

11.2.12

 

Schlusz – die altertümlich wirkende Schreibung illustriert das Nervös gemacht. Das Wort ist als Imperativ gemeint. Wenn Sie eine solche Möglichkeit haben, wäre das fein. Man muß mit dem Wort sagen können: Schlusz jetzt! Aber ohne „jetzt“! Als Text-Ende hat das Wort den zusätzlichen Sinn, auf das Text-Ende hinzuweisen mit seinem Ausrufezeichen. Ohne den Vergleich mit dem „nervös siedenden“ Schachtelhalm wäre aus der Klage über die ständige Nötigung, noch etwas zu erledigen, kein Gedicht geworden! // Nervös gemacht (ist man, bin ich) von dem & dem. / Das Gelauf in die Küche, immer war noch was. – zu tun da. (Man drückt sich so korrekt aus, wenn man nervös ist oder bei Alltagskram überhaupt.) / Danach das Post-dies-&-das. dies & das an Post zu erledigen. // Mir fiel jetzt auf (bei nervös geworden“) / dieses gewisse kleine dünne Brennen – für welches ich nun natürlich eine Definition suche (eine Art, es zu erledigen, nicht wahr?) – und auch tatsächlich finde: // Sagen wir, unten im hohen Laubwald / der viel ältere Schachtelhalm – er ist ein Pflanzenfossil, älter als unsere Bäume – siedet nervös. Das läßt meine Empörung erkennen darüber, daß man keine Ruhe hat vor dem Kram. Die Empörung läßt sich nun an den Schnecken aus, den langsamen, mit ihrem Häusle-Niveau und ihrem fehlendem Horizont. (Häusle-Bauer ist ein Synonym für Kleinbürger.) // Richtig. Schnecken. Langsame./ Betont eindeutige Häuschen-Schnecken. – sie zeigen es ja, daß sie auf ihr Häuschen und ihre Langsamkeit beschränkt sind – Die Nervenzellen der Weichtiere besitzen keine Markscheide. Es kann daher keine Erregungsleitung stattfinden. – Nein, es geht bloß so: Vor sich hin. kriechen sie. Kann man dieses Vor sich hin separieren? Wenn nicht, dann vielleicht: Kriechen vor sich hin. Oder: Kriechen geradeaus. // Schlusz!

 

 

 

Der unendliche Diskurs

– Anmerkungen zu Elke Erbs Gedichten und Kommentaren. –

Mit dem vorliegenden Buch liegt uns eine außergewöhnliche Arbeit der 1938 in der Eifel geborenen und heute in Wuischke und Berlin lebenden außergewöhnlichen Dichterin Elke Erb vor. Sie öffnet sozusagen den Dichtraum unter und neben ihren Texten und legt ihn in Kommentaren frei.
Um eines vorauszuschicken: Es fällt schwer, den künstlerischen Kommentar von der Kunst selbst zu unterscheiden, denn wenn er gelingt, speist er sich aus der Form und wird selbst Form. Insofern könnte man vielleicht den Gedichtkommentar als jene eigene Kunstform begreifen, die diskursive mit ästhetischen Ansprüchen verbindet und der Hybridtext schlechthin ist.
Laut Duden ist ein Kommentar ein Zusatz[werk] mit Erläuterungen und kritischen Anmerkungen zu einem Gesetzeswerk, einer Dichtung, wissenschaftlichen Ausgabe o.Ä., eine kritische Stellungnahme zu einem aktuellen Ereignis oder Thema (in Presse, Rundfunk o.Ä.) oder eine persönliche Anmerkung. Die politischen Kommentare der Abendnachrichten können wir hier getrost außen vor lassen, aber das sie Umschließende ist sehr interessant. Spannend vor allem ist die eckige Klammer, die in der Begriffsbestimmung das Wort Werk heraushebt. Die Autoren des Artikels also waren sich nicht ganz sicher, ob dem Kommentar Werkcharakter zukommt, ob ein Kommentar autonome wissenschaftliche oder künstlerische Ansprüche formuliert oder ob er immer nur Appendix eines anderen, an sich eigenständigen Werkes ist. Wahrscheinlich ist er beides.
Ich war überrascht, als ich im Herbst 2014 bei einer Tagung in Greifswald, auf der auch Elke Erb zugegen war, einen Vortrag von Immanuel Musäus hörte, „Pindars Traum“, so der Titel, in dem es unter anderem auch um antike Kommentare ging. Mich erstaunte vor allem, dass die Griechen, wie Musäus erklärte, bereits Gräzisten hervorbrachten, lange bevor es die Worte Grieche und Gräzist oder eine Gattung von Philologen, die als Altphilologen bezeichnet werden, gab.
Die Kommentierung literarischer Texte beginnt also mit der Dichtung selbst oder wenn später, dann angesichts der Zeit nur ein paar Tage später. Ein Gedicht, scheint es, provoziert seinen Kommentar geradezu, und seit der Antike bringt die Kunst ihre Kommentatoren hervor.
Sicher könnte man einwenden, dass ein Gedicht auch ohne seinen Kommentar auskommt, und wahrscheinlich stimmt das. Aber jedes Kunstwerk, sei es Gemälde, Symphonie oder eben ein Gedicht erzeugt um sich eine Welt, die man ergründen kann. Es bildet so etwas wie das Zentrum eines unaufhörlichen Diskurses, weil es andererseits sich in der Übersetzung in einen Aussagesatz nicht erschöpft.
Kunstwerke stehen im Zentrum eines Gespräches, das der Rezipient mit sich selbst führen kann, aber auch mit anderen Lesern oder Betrachtern, und im Vorliegenden sogar mit der Dichterin. Das Werk erzeugt im besten Fall eine Community.
Meist sind es nicht die Künstler, die kommentieren, sondern Leser, Literaturwissenschaftler oder Kritiker, deren gesellschaftliche Aufgabe es ist, um die Texte ein Geflecht von Sekundärtexten zu bauen, die es einordnen, erläutern, ihrer Genese nachgehen, Konnotationen aufzeigen usw.
Hier nun, im vorliegenden Buch, steigt glücklicherweise die Dichterin selbst in den Diskurs ein. Die Gründe dafür waren anfangs mehr oder weniger banal. Ursprünglich waren die Selbstkommentare als Erläuterungen für eine Übersetzung ins Slowenische gedacht.
Beim Übersetzen geht es darum, Sprachen miteinander kommunizieren zu lassen. Wenn ein Text seine Ausgangssprache verlässt, verlässt er auch den sprachlichen Erfahrungsraum, in dem er entstanden ist, und wird in einen anderen, ihm ursprünglich fremden verpflanzt. Dabei macht er eine nicht unerhebliche Metamorphose durch.
Elke Erbs Kommentare dienten der Bewahrung der Ausgangserfahrung. In ihnen aber passiert darüber hinaus etwas ganz Außerordentliches: Es stellte sich nämlich heraus, dass diese Kommentare auch innerhalb der Ausgangssprache, also des Deutschen, jene Mittlertätigkeit für sich beanspruchen können.
Dass alle Kunst Übersetzung sei, sagt der Romantiker Novalis. Und wenn man den Begriff übersetzen aus dem nationalsprachlichen Rahmen herauslöst, ist auch die Rezeption eines Textes innerhalb einer Sprache übersetzen, und zwar zwischen den Erfahrungswelten der Autorin und des Lesers.
Elke Erbs Ideal literarischer Übersetzung – sie selbst übersetzte aus verschiedenen Sprachen, vor allem aus dem Russischen – besteht darin, den Leser in die Lage zu versetzen, das Original lesen und verstehen zu können.
Vielleicht kann man dieses Verstehen als Nachvollzug der Bewegungen im Werk, sinnlich und gedanklich, begreifen. Hier kehrt sich ein sehr alter Begriff in sein Gegenteil, nämlich der der Mimesis.
Wenn in vormodernen Ästhetiken davon ausgegangen wurde, dass Kunst sich mimetisch (nachahmend) zur Natur verhalte, ist es nun der Leser, der sich auf diese Weise der Kunst, dem Gedicht widmet. Verstehen hieße also, den Bewegungen der Gedichte zu folgen, und die Kommentare sind, wenn man so will, choreografische Anweisungen. Darüber hinaus aber entfalten sie eine eigene sprachliche Schönheit.

Jan Kuhlbrodt, Nachwort

 

Mit dem vor­lie­gen­den Buch

liegt uns ei­ne au­ßer­ge­wöhn­li­che Ar­beit der 1938 in der Ei­fel ge­bo­re­nen und heu­te in Wuisch­ke und Ber­lin le­ben­den außer­ge­wöhn­li­chen Dich­te­rin El­ke Erb vor. Sie öff­net so­zu­sa­gen den Dicht­raum un­ter und ne­ben ih­ren Tex­ten und legt ihn in Kom­men­ta­ren frei.
Um ei­nes vor­aus­zu­schi­cken: Es fällt schwer, den künst­le­ri­schen Kom­men­tar von der Kunst selbst zu un­ter­schei­den, denn wenn er ge­lingt, speist er sich aus der Form und wird selbst Form. In­so­fern könn­te man viel­leicht den Ge­dicht­kom­mentar als je­ne ei­ge­ne Kunst­form be­grei­fen, die dis­kur­si­ve mit äs­the­ti­schen An­sprü­chen ver­bin­det und der Hy­brid­text schlecht­hin ist.
Wenn in vor­mo­der­nen Äs­the­ti­ken da­von aus­ge­gan­gen wur­de, dass Kunst sich mime­tisch (nach­ah­mend) zur Na­tur ver­hal­te, ist es nun der Le­ser, der sich auf die­se Wei­se der Kunst, dem Ge­dicht wid­met. Ver­ste­hen hie­ße al­so, den Be­we­gun­gen der Ge­dich­te zu fol­gen, und die Kom­men­ta­re sind, wenn man so will, cho­reo­gra­fi­sche An­wei­sun­gen. Dar­über hin­aus aber ent­fal­ten sie ei­ne ei­ge­ne sprach­li­che Schön­heit.

poetenladen, Ankündigung

 

Wenn man nur die Gestik einhält

– Zwischen Schreibtraining und Meditation: Die Lyrikerin Elke Erb kommentiert ihre Gedichte. –

Vermutlich fänden nur wenige Leser die folgende Notiz sonderlich erklärungsbedürftig:

Muß Koffer packen. Stehe deshalb gekränkt.

Eine scharfsinnige Selbstbeobachtung, witzig und lapidar, also doch wohl selbsterklärend. Die Dichterin Elke Erb aber, die mit dieser Zeile ein am 1. April 2013 notiertes und wie stets exakt datiertes Gedicht eröffnet, bemerkt das Fehlen eines zu erwartenden Wortes. Und sie kommentiert es sogleich.

Wenn ich schriebe: stehe deshalb gekränkt da, wäre das Stehen (samt Kränkung) weniger vorgängig, d.h. weniger wirklich.

Das ist nun ebenso scharfsinnig wie die kommentierte Zeile selbst; es trifft das in der winzigen Lücke sichtbar werdende Augenblickshafte und Flüchtige des Zustands. Ebendies aber, so bemerkt der Satz weiter, sei die Beschaffenheit des Wirklichen, und auf die Erfassung dieser gleitenden Wirklichkeit komme es dem Gedicht gerade an. Knapper und beiläufiger lässt sich eine Poetik nicht zusammenfassen. Das ist in nuce dieselbe Poetik, die Gedichte wie Bertolt Brechts „Radwechsel“ bestimmt hat, es ist dieselbe Wahrnehmung der Welt als Bewegung und Übergang. Die Dialektik, so hat Brecht – wie so oft im Einklang mit Karl Marx und Laotse – erklärt, sehe „jede gewordene Form im Flusse der Bewegung“. Dass Elke Erb diese Einsicht just beim Anblick des zu packenden Koffers formuliert, in einem der rasch verstreichenden Zeit entsprechenden Telegrammstil, ist nur folgerichtig.
Dabei geht es eigentlich gar nicht um Poetik, sondern um praktischen shop talk und um kollegiale Nachbarschaftshilfe. Adressat der Bemerkung ist (wie Jan Kuhlbrodt im Nachwort erläutert) der Übersetzer, der das Gedicht ins Slowenische übertragen möchte und dessen Arbeit durch solche sprachlichen Klärungen erleichtert werden soll.
Ein ganzes Konvolut von Gedichten aus zehn Jahren wird auf diese Weise kommentiert, von 2003 bis 2013, stets mit einem Gedicht auf der linken und einer Glossierung auf der rechten Buchseite; am Ende hat sich daraus eine umfangreiche poetologische Selbstreflexion ergeben, wie sie anschaulicher und textnäher nicht ausfallen könnte. Eine bessere Einführung in die Voraussetzungen und Verfahren von Elke Erbs Poesie als diese eigentlich gar nicht zur Veröffentlichung bestimmten Handwerks-Notizen wird sich kaum finden lassen. Minutiös, Vers für Vers, manchmal Wort für Wort führen sie vor Augen, wie sorgsam diese Dichterin arbeitet, der Kritiker mitunter das Tempo und die Fülle ihrer Produktion vorgehalten haben, wie energisch und nuanciert. Sie zeigen auch, wie diese Dichterin liest – nicht nur eigene Texte, die sie selbstkritisch und gänzlich frei von Eitelkeit mustert, sondern auch die Wörter und Wendungen, deren sie sich darin bedient.
Gleich das erste der gut siebzig Gedichte fragt:

Wie komme ich dazu, aus etwas
(etwas ,Gegebenem‘, wie man sagt, immer noch)
Worte zu machen?

Vorangegangen ist nur die Einwortzeile „Windig.“, die einfache Benennung eines Phänomens, das ein Vorgang ist. Die Frage nach der Redensart vom „Gegebenem“ führt den Selbstkommentar nun sogleich in die Grenzgebiete von Ästhetik und Theologie. „Das Wort“, so erläutert Elke Erb ihrem Übersetzer, „enthält die Auffassung, als sei die Welt von Gott gegeben“; auf die Nähe zur „Begabung“ weist sie hin, die ja derselben Auffassung entspringe. Die Frage richte sich also auf das Verhältnis der Schreibenden zu diesem Weltbild:

Als sei meine Reaktion so etwas wie eine Einmischung.

Ob sie das ist oder nicht, wird dann der Gegenstand des Gedichts sein, das vom ersten Wort an durchweht wird von einem Wind, der die Wörter in eine so unaufhaltsame Bewegung bringt wie die Gedanken. „Übung“ heißt das Gedicht; dank des Selbstkommentars changiert dieses Wort angenehm unaufdringlich zwischen Schreibtraining und Meditation.
Immerfort geht es der ihre eigenen Texte kritisch wiederlesenden Elke Erb um das, was sie einmal die „Kritik-Nuance“ nennt. Das kann die „lautliche Stimmigkeit“ eines Vokalgebrauchs sein und ein Reim, der „das Ganze sarkastisch abschließt“, eine unauffällige Alliteration oder ein veraltetes Suffix wie „-sal“:

Mühsal – wo man Mühe hat, Irrsal – wo man irrt.

Zuweilen schlägt die Dichterin gleich selbst ein slowenisches Wort vor, das dem Gemeinten am nächsten kommen könnte. Zu einem Zweizeiler notiert sie, da sei eigentlich „nichts zu erklären, denke ich“ – und fügt hinzu:

Wenn man nur die Gestik einhält.

Wieder so eine Brechtsche Idee, und in Anbetracht des Zweizeilers so einleuchtend, dass sie keiner weiteren Erörterungen bedarf.
Jederzeit, und im selben nüchternen Ton, können die Kommentare ausgreifen in Erwägungen über dieselben letzten Dinge, die in den kommentierten Gedichten selbst aus präzise gesehenen Wirklichkeitspartikeln hervorleuchten. Dass der ländliche Himmel leer ist, dass diese Leere „ein Blenden“ bewirke und dass „Dein Lebewesen“ dieses Blenden schon in sich selber kenne: diese rätselhaft einfache Notiz führt zu der Erläuterung:

Dein Lebewesen = Du. Nicht Tier.

Sollte die verfremdende Formulierung aber in der Übersetzung nicht recht wiederzugeben sein, dann ließe sich sinngemäß „doch vielleicht“ sagen:

Du, Tier, kennst es in dir. Oder: Deine lebende Seele?

Mit dieser Frage endet die Notiz, unter dem leeren ländlichen Himmel und seinem vertrauten Blenden; und wie so viele von Elke Erbs Selbstbefragungen führt sie in ein sehr weites und wildes Terrain.
Je länger man in diesem Band liest, je häufiger man vor- und zurückblättert, weil sich Querbeziehungen einstellen zwischen Motiven und Metaphern, desto klarer und geheimnisvoller zeigt sich nicht allein diese Dichtung, sondern erst recht die Welt, in der sie sich bewegt, die sie – und in der sie sich selbst – mit nicht nachlassender Hingabe und Aufmerksamkeit beobachtet. Das Handwerk der Meisterin, die uns hier bei der Arbeit zusehen lässt, ist in emphatischer Weise ein Werk der Hände: eine nicht endende Gestaltung und Umgestaltung, die es der Sprache zutraut, diese Welt als fortwährende Wandlung lesbar zu machen.
Einem Gedicht aus dem Mai 2011 stellt sie als Motto zwei Verse voran, die sie bei dem mittelalterlichen Dichter Heinrich von Veldeke gefunden hat (und vermerkt auch gleich den Fundort im aktuellen Lyrikkalender):

Die dâ wellen hoeren mînen sanc,
ich will, daz si mir sîn wizzen danc.

Recht hat sie, und diesmal ohne jeden Kommentar.

Heinrich Detering, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.6.2016

Bewegungen in tieferen Schichten

Leichte Kost sind die Gedichte von Elke Erb nie gewesen. Oft genug sieht man sich ihnen als Leser in zwiespältiger Lage gegenüber: Die Worte liegen offen, doch betrachtet man sie wie von außen, erhascht da eine Klangspur, dort das eine oder andere Bild, doch es wirkt wie abgerissen. Wieder und wieder gerät man an Brüche, von denen diese äußerst verknappten Verse wie zerklüftet scheinen. Als würden sie Haken schlagen, richten sie einem den Blick plötzlich ganz woanders hin. Aber sie haben ihren inneren Zusammenhang, nur ist es nicht der uns vertrauter Verbindungen. Unerhörtes kann man darin entdecken: „Es könnte alles allenthalben hiesig sein“ – solche Wendungen. Diese Verse nehmen ihre eigenen Wege, die in tieferen Schichten unter dem kontrollierenden Bewusstsein hindurch zu führen scheinen.
Jetzt sind einige ihrer Gedichte aus den Jahren 2003 bis 2013, veröffentlicht in verschiedenen Bänden, erstmals zusammen mit ihren Kommentaren erschienen. Es ist, als hätte die Dichterin zur Taschenlampe gegriffen, erhelle bald diese, bald jene Stelle, nie jedoch das ganze Gedicht. Geschrieben hat sie die Erläuterungen einzelner Worte ursprünglich als Hilfe für die Übertragung ins Slowenische. Doch der Herausgeber, der Leipziger Dichter Jan Kuhlbrodt, hält Elke Erbs Kommentare eigener Verse nicht nur für ein Hilfsmittel. Für ihn haben sie die Qualität einer eigenen Kunstform.
Da hat er Recht: Sie öffnen uns Türen in diese Zeilen, vor deren rätselhaften Fügungen wie „installierte Aufmerksamkeit“, eine „auf Zehen“ stehende Scheune oder eine „Diemenwand“ wir sonst womöglich ein wenig entmutigt stünden. Eine „Dieme“ übrigens bezeichnet einen Heuhaufen; eines dieser wunderbaren ausgestorbenen Worte, welche die Dichterin neben bildkräftigen alten Redewendungen sprechen lässt.
So können wir uns im Verstehen üben, „als Nachvollzug der Bewegungen im Werk, sinnlich und gedanklich“, wie Kuhlbrodt im Nachwort schreibt. Genau das begreift man damit vor allem: Welche verschlungenen Wege Erinnerungsmomente, Assoziationen unterhalb des „Oberbewusstseins“ nehmen, diesen „Gang der Imagination“ also. Äußerst lebendige Gebilde erschließen uns diese Anmerkungen – Gedichte, die in innerer Bewegung sind.

Tomas Gärtner, Ostragehege, Heft 84, 10.6.2017

 

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Elke Engelhardt: Elke Erb – Gedichte und Kommentare
signaturen-magazin.de

Bettina Hartz: Der Aufflug bleibt aus
fixpoetry.com, 11.10.2016

Nina Janz: Wie komme ich dazu, aus etwas Worte zu machen?
literaturkritik.de, September 2016

 

Es lebe Elke Erb!

Warum bis Samstag warten? Am Samstag den 31.10. wird die Dichterin Elke Erb mit dem Büchnerpreis ausgezeichnet. Endlich! Sagen zumindest die, die sie und die Lyrikszene im deutschsprachigen Raum kennen. Der Jubel in den Feuilletons war auch einhellig. Was ein Missverhältnis offenbart, denn die größeren Verlage im Lande haben in der Zeit nach dem Zusammenbruch der DDR im Grunde einen Bogen um das damals schon beträchtliche aber immer weiter wachsende Werk gemacht. Dass jetzt der Suhrkamp Verlag eine Werkschau veranstaltet, indem er einen Auswahlband in seiner Edition veröffentlicht, hat sicherlich mit dem Büchnerpreis zu tun, spricht aber auch von einer, wenn man es weniger angriffslustig formulieren will, gewissen Vorsicht in den vergangenen Jahren dem Werk gegenüber.
Erbs Werk jedenfalls zeigte sich in den Neunzigern auf verschiedene Verlage wie Galrev oder Steidl verteilt, bis der Schweizer Urs Engeler sich seiner annahm, und die folgenden Arbeiten in seinem Verlag veröffentlichte. Auch für diesen Verlag und seinen nimmermüden Betreiber sollte der Büchnerpreis für Elke Erb also eine Genugtuung sein, und ich hoffe darauf, dass sich wiederaufgelegte Titel wie Sonanz wie warme Semmeln verkaufen. Von mir geht an dieser Stelle bezüglich der Titel von Elke Erb eine uneingeschränkte Kauf- und Leseempfehlung aus!
Einen Titel, den ich als Herausgeber mitzuverantworten habe, und der im Verlag Poetenladen erschienen ist, möchte ich hier auch erwähnen. Er trägt den Namen: Gedichte und Kommentare und ist in der Reihe Neue Lyrik des Leipziger Verlags Poetenladen erschienen. Das besondere an diesem Band ist, dass Erb eigene Texte kommentiert um einer Übersetzung zuzuarbeiten, die Kommentare selbst aber wiederum die Aura authentischer Kunstwerke entfalten.
Dabei zeigt sich vielleicht die Verzahnung von schriftstellerischem und übersetzerischem Werk Elke Erbs. Wenn man einmal darauf achtet, wie oft ihr Name im Zusammenhang mit Übersetzungen aus dem Russischen, aber auch Amerikanischen auftaucht, wird man erstaunt sein. Jessenin, Zwetajewa, Jurjew, Waldrop…
Und damit bin ich an der Stelle, auf die ich recht eigentlich hinweisen wollte, auf die Beziehung von Dichtung zur Übersetzung.
Erb hat eine ganz eigene Theorie, oder sagen wir Utopie der Übersetzung, die im Zusammenhang mit dem Text von Poetics 12 zu Tage tritt. Sie beschäftigt sich hier mit einem Kindergedicht Mandelstams und ihr Ziel und das ihrer Arbeit ist es, den Leser in die Lage zu versetzen, das Original zu verstehen.
Die Poetics sind im übrigen eine Reihe kürzerer Einlassung Elke Erbs zwischen Poetik und Essay, denen zu folgen sich lohnt.

Jan Kuhlbrodt, piqd.de, 28.10.2020

 

DRESDEN, 19.9.2013
für Elke Erb

Dass Sie so alt noch rauchen, macht mich Ihnen
Im nachhinein noch etwas mehr gewogen.
Nach Ihrem Vortrag wartenden Granits
Der Treppe, Schwelle werden will und auch
Des Lobs des Bauern, der den Sellerie
Gebären ließ aus seiner schwarzen Erde.
Ich bitt Sie, mir noch zwanzig Jahre beizuwohnen
Im guten Abstand Ihres Pankower Domizils
Die Zeit, die alles hinnimmt, soll an Ihnen
Auch weiter nur verebben wie am Fels
Der Sie nicht sind, bei Gott, jedoch soll nichts erschüttern
Die Insel, deren Zauberin in Ihnen
Sich figuriert und zuverlässig weiter sendet.
Berührung soll auch weiter nur am Rand
Sich Ihnen auferlegen. Dass der fixe Punkt
Den Sie für weiten Raum in sich erhalten
Noch zuverlässig länger jedem strahlt
Der seiner so wie ich bedürftig ist.
Mir ward in Ihnen immer ausgeschenkt
Wes mir die Spur ging, dass es in mich denkt.
Mich selbst zurück vom Spiegel wieder wendend
Kann ich den Stimmen, die mich öd befallen
Ganz einfach Ihren Sound befehlen.
Dann hab ich sie im Griff
Und es ist Ruhe im Schiff
Sie haben darin recht: Man muss sich selber
Manchmal Befehl erteilen, dann geht’s weiter
Ich hätte gern noch über Schnelligkeit.
Jetzt länger ausgeführt. Jedoch mir scheint
Dass dieser kurze Gruß bewenden sollte
Sie mögen lange noch gesund und munter
Wie heute hier in Dresden weiter flechten
An Ihrer Lyrik, die wie Körbe aufkommt
Die sich dem einen fülln, dem andern nicht.
Vielleicht kann man, was in die Dauer geht
An kleinen Dingen nur vertäun. Das zeigt sich spät.

Andreas Paul

Wir gehen im Walde bei Wuischke, stolpern über Stock und Stein. Die Steine im Weg rufen: „Fragen stellen, Antworten finden, Fragen stellen, Antworten finden, sie wieder verwerfen und neue finden!“
Der Blick ins Tal auf die Hochkirch-Kirche, die Straßenbänder, besäumt von Obstbäumen…
Einen Steinwurf entfernt steht die Linde von Kito Lorenc. Gern war er hier, als er noch konnte. Schönheit weitet das Herz, schärft die Sinne, und so finden wir zu dem Satz: „Poesie ist alles, was sich nicht verwalten lässt.“ Weiß Gott, das Gehen lässt sich nicht verwalten, diese Linde nicht, diese Schönheit nicht, Liebe und Freundschaft, Denken und Handeln ohne Vorschrift, im Grunde alles, was das Leben ausmacht: „Poesie ist alles, was sich nicht verwalten lässt“. Der Satz kreiste, beginnend, dass Poesie eigentlich Erschaffen heißt und Verwaltung Verschaffen. Elke hasste Verwaltung, und ich nicht minder. Die Verwaltung hat sich in das Leben mit Gewalt verbissen, Gewalt, die man dem Leben antut, „damit es läuft“.
Wir stolpern weiter mit Walther von der Vogelweide. Neben „Ich saß auf einem Steine(!)“ konnte ich den hochdeutschen und Elke den mittelhochdeutschen Text von „Erziehung“. Ich stolpere los. „Nimmer wirds gelingen / Zucht mit Ruten zwingen…“
Elke schiebt hinterher: „Niemand kann mit Gerten / Kinder Zucht beherten“, und wir staunten beide über den Urtext. „Viel dichter dran.“
Den Stein des Anstoßes nehmen wir in die Hand und tragen ihn nach Hause, in Elkes neues Zuhause bei Elmar und Geli im alten Forsthaus, letzte Feldsteinscheune. Der Vogelweide-Stein kommt in die steinreiche Sammlung. Elke hat auf der Kommode einen Korb mit Steinen stehen, woran ein kleines Schildchen lehnt: „Bitte nicht wegwerfen, es sind meine Lieblinge.“
„Unten haben wir Grasufer, Wasser“, und wir gehen über die Geröllhalden zwischen Wuischke und Meschwitz. Ein Stein rollt die Halde herab, und Elke ruft ihm hinterher: „Uljana Wolf schreibt so, dass es einem in den Ohren klingt, aber so wie der rollende Stein.“ Übrigens: „Habe am Schränkchen neben dem Bett ein kleines Bild von den Rolling Stones kleben. Ein Eckchen des Fotos unten rechts rollt sich auf.“ (Ende Oktober 2016)
Beim Anblick der Ziege auf einer Weide: „dass wir Tiere sind…“ „Poesie heißt eine bilanzfreie Stickstoffdüngung!“, fällt mir ein. Sie wiegt den Kopf und sagt nur „Wachstum“.
In Berlin, wenn Elke aus dem Wedding zu mir kam, mit dem 150iger Bus, ging sie zum Schluss die Waldemarstraße lang. Sie hatte, wenn sie ankam, meistens das Lied auf den Lippen:
„Ja, er hieß Waldemar, weil es im Walde war“, und hatte einen Stein in der Hand.

für Elke Erb
Brigitte Struzyk

 

Gedichtverdachte: Zum Werk Elke Erbs. Im Rahmen der Ausstellungseröffnung In den Vordergrund sprechen Hendrik Jackson, Steffen Popp, Monika Rinck und Saskia Warzecha über Elke Erbs Werk.

 

Franz Hofner: Hinter der Scheibe. Notizen zu Elke Erb

Elke Erb: Die irdische Seele (Ein schriftlich geführtes Interview)

Elke Erbs Dankesrede zur Verleihung des Roswitha-Preises 2012.

Im Juni 1997 trafen sich in der Literaturwerkstatt Berlin zwei der bedeutendsten Autorinnen der deutschsprachigen Gegenwartslyrik: Elke Erb und Friederike Mayröcker.

 

 

Klassiker der Gegenwartslyrik: Elke Erb liest und diskutiert am 19.11.2013 in der literaturWERKstatt berlin mit Steffen Popp.

 

Lesung von Elke Erb zur Buchmesse 2014

 

 

Zum 70. Geburtstag der Autorin:

Steffen Popp: Elke Erb zum Siebzigsten Geburtstag
literaturkritik.de

Zum 80. Geburtstag der Autorin:

Waltraud Schwab: Mit den Gedanken fliegen
taz, 10.2.2018

Olga Martynova: Kastanienallee 30, nachmittags halb fünf
Süddeutsche Zeitung, 15.2.2018

Michael Braun: Da kamen Kram-Gedanken
Badische Zeitung, 17.2.2018

Michael Braun: Die Königin des poetischen Eigensinns
Die Zeit, 18.2.2018

Karin Großmann: Und ich sitze und halte still
Sächsische Zeitung, 17.2.2018

Christian Eger: Dichterin aus Halle – Wie Literatur und Sprache Lebensimpulse für Elke Erb wurden
Mitteldeutsche Zeitung, 17.2.2018

Ilma Rakusa: Mensch sein, im Wort sein
Neue Zürcher Zeitung, 18.2.2018

Oleg Jurjew: Elke Erb: Bis die Sprache ihr Okay gibt
Die Furche, 8.3.2018

 

Annett Gröschner: Gebt Elke Erb endlich den Georg-Büchner-Preis!
piqd.de, 27.6.2017

Zum Georg-Büchner-Preis an Elke Erb: FR 1 & 2 + MOZStZSZ +
EchoWelt + WAZ + BR24 + TTB + MAZ + FAZ 1 & 2 + TS + DP +
rbb +taz 1 & 2 + NZZ +mdr 1 & 2 + Zeit + JW + SZ 1 & 2 +

 

 

Zur Georg-Büchner-Preis-Verleihung an Elke Erb: BaZBZStZ +
AZ + FAZ + SZ

 

Verleihung des Georg-Büchner-Preises 2020 an Elke Erb am 31.10.2020 im Staatstheater Darmstadt.

 

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Im Universum von Elke Erb. Beitrag aus dem JUNIVERS-Kollektiv für die Gedenkmatinée in der Volksbühne am 25.2.2024 mit: Verica Tričković, Carmen Gómez García, Shane Anderson, Riikka Johanna Uhlig, Gonzalo Vélez, Dong Li, Namita Khare, Nicholas Grindell, Shane Anderson, Aurélie Maurin, Bela Chekurishvili, Iryna Herasimovich, Brane Čop, Douglas Pompeu. Film/Schnitt: Christian Filips

 

Bild von Juliane Duda mit den Übermalungen von C.M.P. Schleime und den Texten von Andreas Koziol aus seinem Bestiarium Literaricum. Hier „Die Elkeerb“.

 

Beitragsbild von Juliane Duda zu Richard Pietraß: Dichterleben – Elke Erb

 

Elke Erb liest auf dem XVII. International Poetry Festival von Medellín 2007.

 

Elke Erb liest bei OST meets WEST – Festival der freien Künste, 6.11.2009.

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