Elke Erb: Vexierbild

Erb-Vexierbild

LANGER SCHLAF

Dreimal hat der Hahn gekräht bereits, jetzt schweigt er,
Und der Tag, ein Schutzmann, holt mich auf die Wache,

Daß aus goldener Kehle ihm mit lauteren Arien
Ich bekenne seine Sonne und bezahle.

Daß ich im Revier den Mund auftu und singe,
Will er, und die Luft erschüttere bis Dienstschluß,

Wie an Puttenmünder, viele, die Posaunen
Man in Stein gemeißelt hat für taube Ohren.

 

 

Bericht über eine neue Darstellungsweise

… Ich wußte nicht, daß sich mir für den Porträttext gefundene Notlösung als Lösung mit noch viel mehr Möglichkeiten nämlich mit sich neu eröffnenden Möglichkeiten, und auch als Lösung einer viel allgemeineren Not, einer Not in viel weiterem Sinn in die Hand gegeben hatte. Das spürte und erfuhr ich bei der Notiz und Ausführung des nächsten stärkeren Gedankens, der mir kam, und dessen Verlauf und Zusammenhang der Text ALEX IN M. ODER DER WEG ZUM ZIEL getreu wiedergibt.
Ich wollte diesen Gedanken zunächst ohne schriftstellerische Absicht, nur aus Gewissengründen notieren, aber die sofort eintretende Formulierungsnot rief die Erfahrungen der vorhergegangenen Arbeit sofort zu Hilfe. Formulierungsnot ist zu einem erheblichen Teil eine Not des Gewissens gegenüber dem, was man weiß und eigentlich auch benennen kann. Sie entsteht aus dem Drang, Voraussetzungen und andere zusammenhangsbildende Aspekte zu berücksichtigen und zu bedenken, ohne das eigentliche Ziel, das eigentlich Bedenkliche, dem das Gewissen zustrebt, aus den Augen zu lassen. Jetzt, erlöst von Erleichterungen, ging ich ohne Arg (ohne Theorie und frisch drauflos) und mit der Freude, im Dienst des Gedankens, frei und ungehindert, unbehindert meinem realen Gewissen folgen zu dürfen hinein in ein geöffnetes und sich weiter öffnendes Feld. (Das reale Gewissen ist jenes Gewissen, das sich real meldet, nicht das einer relativ außenseitigen Norm bereits verpflichtete.)
− Doch was hat mich eben zu Tränen gebracht?: Ich setzte die Position „im Dienst des Gedankens“ nachträglich ein vor der Position „frei und ungehindert“, und zwar, nachdem ich bei den Worten „folgen zu dürfen“ unschlüssig gezögert hatte. (Ich bin ziemlich sicher, daß diese Tränen ohne die Erfahrung mit der neuen Darstellungsweise, über die ich hier Auskunft zu geben versuche, unerwähnt geblieben wären und mit ihnen wahrscheinlich auch ihr Grund nicht erörtert worden wäre). Es bestürzte mich, daß Freiheiten, die ich mir zu nehmen scheine (ich nehme sie nicht, ich gewinne sie), eigentlich Freiheiten für einen Dienst sind. Und ich verlasse jetzt diese Bestürzung, oder die Emotion, oder die ausgelöste Bewegung und gehe (ihr entgehend) zu der Feststellung über, daß Freiheit nur dort ist, wo auch Gefangenschaft ist, und sich das, was wir als Identität erstreben, jenseits von Gefangenschaft und Freiheit befindet. Daran halte ich unentwegt fest, das heißt, ohne daß ich z.B. dem Impuls nachgebe, alle unsere geistigen Nabelschnüre – mit einem Buschmesser, diesen Dschungel! – durchzuschneiden; auch ohne daß ich der deutlich öderen Aufforderung – ich fühle sie wie eine Qual −, folge leiste, dem Netz dieser Schnüre, das heißt unserer bewußten Existenz als dialektischer Verflechtung von Mittel und Zweck den gewohnten Respekt zu zollen: diesem vermittelten Zweck und ermittelten Zweck und bezweckten Mittel. −
Will ich von den Vorteilen der das Blatt (auch für die Zeile) nutzenden Schreibweise vor jener, die auf dem Blatt nur über die Zeile verfügt, mit oder jemand anderem etwas sagen, dann heben sich, wie ich es bei dem Gedankengang in DER WEG ZUM ZIEL erlebt haben, zwei Gruppen ab:
Die erste bildet die Möglichkeit, das einen Text weiterführende Wort in seiner Gesellschaft zu zeigen, eine Äußerung also aus der Not zu befreien, alles das, woraus sie abstrahiert (abgezogen) ist oder vortritt, wenn sie sich in Reih und Glied der fortlaufenden Zeile einschließt, einsam zu übergipfeln und dennoch dort neben den eigenen Interessen die Interessen dieser Stellvertretung wahrzunehmen. Aus dieser ihrer Pflicht rühren leicht entweder überfrachtete und deshalb auseinanderfallende Zusammenhänge her, oder, weil sie zu viele Aspekte draußen lassen/nur gestalten, inhuman gespannte Texte. – Inhuman ist die Spannung eines Textes nicht, wenn sie, da sie konzentriert, das Verständnis erschwert; auch nicht, wenn sie inhumane Spannungen getreu spiegelt, das heißt klarlegt; sondern wenn diese Spannung von inadäquaten, nicht ausreichenden Mitteln/Anpassunsformen/Wunschbefriedungen/Lösungen erzwungen ist.−
Die Absetzung der ausschließlich herrschenden linearen Schreibweise hat mir auf dem Blatt eine Verteilung und Zusammenstellung von Wortgruppen ermöglicht, die in den linearen Ablauf nicht mehr einzugliedern gewesen wären (oder nur auf langen Wegen und unter Anwendung aller möglichen Einfühlungs-(und Humanisierungs-)Tricks unserer der Zeile angepaßten Kultur). Sie stehen zu dem Wort, das zunächst den eingeschlagenen Gedankengang weiterbahnt, und untereinander in einem bleibend aktiven Zusammenhang, ohne Einhelligkeit einerseits, Trotz andererseits vorspiegeln zu müssen, also nicht in einer zur Aggressivität verfremdeten, auf Sieg oder Niederlage zielenden Kollektivität. Sie haben vieles andere und sehr verschiedenes anderes zu tun.
Mein zweites hervorragendes Erlebnis bei dieser Schreibweise war, daß ich bisher einzeln (und von den Gelegenheiten/Anlässen) geprägte Gedanken jetzt in der Art einer Stoffsammlung zu einem aufgegebenen Aufsatzthema sammelte, weil ich die Möglichkeit wußte, sie offen zusammenzustellen. Ich habe diese Gedanken bisher einzeln gedacht und nicht verbunden wohl auch deshalb, weil die Mittel, sie in einen linearen Gedankengang zu verbinden, nicht adäquat vorhanden sind. (Daß es oft so ist in unserem Bewußtseinshaushalt, bezeugen Sätze wie „Das ist ein weites Feld“ oder „Wollte ich das alles ausführen, es würde Bände füllen“ oder „Das führt jetzt zu weit/zu weit ab“.) Es erweist sich, daß, verzichtet man auf diese/weitläufigen/verbalen/linearen Verbindungen, sich nicht nur erstrebte, im Bewußtsein vorbereitete Zusammenhänge präsent machen lassen – und in einer Kürze, die nicht vernachlässigt! – sondern sich auch andere Zusammenhänge herausstellen, die in wieder andere, nie sonst gedachte Konstellation und Eröffnung führen. So wußte ich z.B. nicht, als ich Stichworte (darunter echte Zwischenrufe, Redewendungen, Zitate, kurz, heterogenes Material) zu der Gruppe in BEZUG AUF sammelte, daß Hemmungen, sich unpräzis/locker/frei/provisorisch/auszudrücken, nicht nur aus dem Bedürfnis nach Gründlichkeit, Sorgsamkeit usw. zu verstehen sind, sondern auch aus der Furcht und Angst, sich zu gefährden, und zu tun haben z.B. mit verachteten Sauberkeits- und Perfektionsneurosen. Die Zusammenstellung macht es evident, ohne andererseits die Beziehungen solcher Setzungen untereinander mit falschen, z.B. mutlos übertreibenden Gleichungen oder dem Buschmesser zu entstellen. Ein Romanautor, Novellist, Dramatiker verschafft sich gewiß ähnliche Möglichkeiten (produktive Erweiterungen), wenn er seine Anliegen in fremde Gestalten gibt. Für mich ist DER WEG ZUM ZIEL mein erster Text, der nicht resultativ, sondern prozessual geschrieben wurde, das erste Schreiben, das nicht bloß feststellte, sondern sich sofort selbst auf seine Folgen einließ und mein Bewußtsein während der Arbeit veränderte. Ich spürte diesen Gewinn auch als Befreiung beim Schreiben fortlaufender Zeilen und sogar von Versen.

Elke Erb, aus dem Nachwort, August 1981

Vorbemerkung zu Vexierbild

Texte von Elke Erb haben immer etwas Unbedingtes, das uns herausfordert.
Entweder wir können uns auf ihre Seh- und sprechweise einstellen, um in einem durchaus nicht widerspruchslosen Vorgang an ihrem prozessualem Schreiben teilzunehmen; oder wir lassen es auf die Teilnahme gar nicht erst ankommen und lehnen ab, weil wir anders zu sehen, zu sprechen gewohnt sind.
So sind diese Prosastücke, unbeabsichtigt, immer eine Provokation für den Leser: Eine Beobachtung, ein Gegenstand, ein Kunsteindruck – wie immer wir diese Segmente der Wirklichkeit nun nennen – wird ohne jeden Vorbehalt, ja scheinbar voraussetzungslos-naiv vor uns hingestellt; und die Dar-Stellung geschieht zugleich aus einer so eigenwilligen, verkürzten Pespektive – also ganz ohne beschriebende, erklärende epische Ambition −, daß, kann man sich nicht auf sie einstellen, man ausgeschlossen bleibt:
So und nicht anders sehe ich eben! Scheint sie zu sagen. Dabei halten sich ihre Texte, anekdotisch pointierte Stücke, wiederum frappierend an tatsächliche Erfahrungen, wie wir sie alle aus dem Alltag kennen. Und nur durch ihren zweiten Blick hebt die Autorin alltägliche Momente aus der Belanglosigkeit heraus und macht sie uns wichtig und merkwürdig.
Denn was uns nun fasziniert, ist die eigenartige Blickweise auf das gegebene Milieu: die Episode als Lebensausschnitt, als Vexierbild.
Vexier-Bild heißt zum einen nichts anderes, als auf den Kopf gestelltes, damit ungewöhnliches Bild. Bild nicht nur auf den ersten Blick zu begreifen, sondern auch immer rätselhaft. Und vexieren hat auch die Bedeutung von irritieren, quälen, necken. So wie uns Träume Wirklichkeit verkehren, so wie uns Traumelemente auch im Alltag erscheinen…
Elke Erbs Text sind Versuche, vorgegebene Denkformen zu überwinden, indem sie vermittelte Wirklichkeit dem Leser unvermittelt ins Bewußtsein zu rücken suchen. Also gar nicht so einfach doch frei heraus.

Gerhard Wolf, 1983

Beiträge  zum Buch:

dh: Spiel mit der Sprache. Texte in ungewöhnlicher Anordnung
Norddeutsche Zeitung, 20.10.1984

J. Glenn: Elke Erb: Vexierbild
World Literature Today, Heft 4, 1985

Ulrich Schacht: Neue Literatur aus der DDR
Deutschlandfunk, 3.9.1984

Werner Voigt: Rätsel über Rätsel
Wochenpost, Heft 46, 1984

 

Jan Kuhlbrodt: Das Buch meines Lebens

Jayne-Ann Igel: Da kommt was – Abendgespräche

Avantgardistin, Mittlerin und… Mentorin?

Während sich die jüngeren Autorinnen nur auf wiederholte Nachfrage zu Irmtraud Morgner, Sarah Kirsch oder Christa Wolf äußern, stimmen die positiven Aussagen zur eigenwilligen Poetik Elke Erbs überraschenderweise fast überein:1

Kerstin Hensel:
Sie war früher nicht wichtig für mich, da kannte ich sie nicht. Aber sie wird mir von Jahr zu Jahr interessanter. Sie ist eine große Dichterin. Auch wenn wir völlig fremde Welten sind […] aber das zieht uns an. Sie ist nicht Vorbild, weil das was anderes ist, aber es gibt Texte von ihr, die ich hoch achte, das ist Form, das ist groß.

Annett Gröschner:
Das ist auch eine, die ich erst viel später für mich entdeckt habe, in den letzten drei Jahren. Das, was sie macht, wird mich noch ganz lange begleiten, mit so einem Buch wie Winkelzüge wirst du ja nie fertig. Ich habe große Hochachtung zu sehen, wie eine ihren Weg so unbeirrt geht. Ich kann mir vorstellen, wieviele Kämpfe und Erfahrungen du über Jahre ansammeln mußt, um zu so einem Text zu kommen. Ich finde, sie ist im Moment die wichtigste Autorin.

Heike Willingham:
Ich lernte Elke Erb kennen, und die hat mich sehr interessiert, leider ist es nie zu einem Kontakt gekommen, die Kommunikation war für mich eher schwierig. Ich bin aus einer anderen Generation, sie hat sich zu der Zeit, so schien mir, stark mit den 50er Jahren auseinandergesetzt, da wäre sie die Person gewesen, die mir immerzu die banalsten Dinge hätte erklären müssen, was da politisch und ganz persönlich bei ihr abgelaufen ist, weil ich das zum größten Teil nicht wissen konnte. Außerdem hatte ich gesehen, ihre Art zu schreiben war schon so weit entwickelt, daß sie mit mir als Schreibanfängerin wohl wenig anzufangen gewußt hätte.

Cornelia Schleime:
Ja, sie interessiert mich sehr. Sie geht nochmal hinter Sprache und hinter Schreiben zurück. Für mich ist sie eine der größten schreibenden Frauen im Osten, eine Analytikerin, ganz anders als ich. Ich bin in Berlin, bei Lesungen so um 1981/82, auf sie aufmerksam geworden. Da habe ich bemerkt, daß sie in einer eigenen Welt lebt, ganz konzentriert. Daß sie ihre andere Welt auch daraufhin eingerichtet hat. Sie ist, was ich hier im Westen nicht so getroffen habe, eine Intellektuelle. Ich habe auch Lesungen mit Christa Wolf erlebt. Aber bei ihr gibt es eine Logik, der kannst du Schritt für Schritt folgen. Elke Erb folgst du zwei Schritte, dann machst du den dritten, aber sie ist schon wieder beim fünften. Das finde ich toll.

Barbara Köhler:
Von der DDR-Literatur ist auf alle Fälle Elke Erb von Bedeutung für mich. Faden der Geduld, das war das erste, was ich von ihr gelesen hatte. Auch Vexierbild und Kastanienallee waren […] ganz wichtig, weil da was anderes passierte […] als das, was üblich war. Eine andere Art, sich in der Sprache zu bewegen, überhaupt ein anderes, nicht-instrumentalisiertes Verhältnis zur Sprache. […] Was mich interessiert, ist dieser Eigensinn und die Art zu leben, also Schreiben als Lebensart. Das ist wirklich ein ganz eigener Zugang zu und Umgang mit Sprache, was gar nichts mehr mit Herkunft zu tun hat.2

Offensichtlich ist Elke Erb den zwischen 1952 und 1964 geborenen Autorinnen näher als Christa Wolf, die nur neun Jahre älter ist als Erb. Die besondere Affinität hat mehrere Gründe, wie sich in den Gesprächspassagen andeutet: Da ist einerseits die Poetologie Elke Erbs, ihr Umgang mit Sprache und poetischer Form, und da ist andererseits eine soziale Nähe zur Lebens- und Denkart der Jüngeren.
Die „Wahl“ einer Mentorin innerhalb einer Gruppe oder Generation (wobei Elke Erb selbst diese Rolle vehement bestreitet) ist nicht zufällig. Sie läßt Rückschlüsse zu auf Denkweisen, Verhaltensmuster, Überzeugungen und Lebensmaximen dieser Generation oder Gruppe. Deshalb soll der Dichterin und Theoretikerin Elke Erb im folgenden etwas größere Aufmerksamkeit gewidmet werden.

Die Mittlerin
Ein frühes Interview mit Christa Wolf gibt Auskunft über die Entwicklung ihres Selbstverständnisses als Autorin in der DDR-Gesellschaft: Auf die Frage Wolfs, ob sie meine, daß ohne ihren poetischen Beitrag „etwas fehlen würde in der Welt“ antwortet Erb:

Ich lebe, also denke ich. Ich brauche nicht das Bewußtsein, daß etwas fehlen würde, wenn ich fehle.3

Frage und Antwort weisen auf eine nicht unerhebliche Differenz im künstlerischen Selbstverständnis hin. Im Verlauf des Gesprächs werden diese als differierende Vorstellungen von der Funktion und dem Ort der Kunst und der Künstlerinnen in der Gesellschaft präzisiert. Erb grenzt ihre Generation von derjenigen Wolfs ab und spricht davon, daß sie selbst „in Dogmenverheißungen“ erzogen worden sei, worauf ihre Generation mit einem „Pochen aufs Konkrete“ in der Lyrik reagiert habe.4 Das Wort „Dogmenverheißungen“ deutet einen Unterschied an: Was Wolfs Generation noch als Aufbruch erlebt hat, ist für Erb bereits pure „Dogmenverheißung“. Auch hinsichtlich ästhetischer und poetologischer Grundfragen treten Differenzen zutage: Während für Erb die Reflexion des dichterischen Produktionsprozesses ganz selbstverständlich Bestandteil ihrer Dichtung ist, bezeichnet Wolf dies als „Entzaubern“. Ihrer Meinung nach gehört die Meta-Ebene nicht in den Text, ja sie wirke der lyrischen Bewegung sogar entgegen. Im Unterschied zu Erb sieht Wolf die Analyse der Denkvoraussetzungen nicht als das Eigentliche, poetisch Darstellenswerte an. Das ästhetische Konzept Erbs beruht auf Autoreflexivität. Die Analyse der gesellschaftlichen Prägungen jedes Subjekts und die Befreiung vom „Folgenwollen, Verführtwerden, Glaubenwollen und -müssen“5 ernennt sie explizit zum Thema ihres Schreibens. Dabei meint sie keineswegs nur die ideologische Ebene, sondern ebenso die Gefahr des „Verführtwerdens“ im Alltagsdenken. Immer wieder will sie die eigenen Wahrnehmungs- und Erklärungsmuster durchkreuzen, aus dem „Horizont der Fremdbestimmung“ ausbrechen,6 immer wieder geht es ihr darum zu verhindern, daß sie in „den Schlaf der übernommenen Autorität“7 verfällt.
Ein solches Konzept und Textverständnis ist 1977, zum Zeitpunkt des Gesprächs, in der Literatur der DDR singulär. Entscheidend ist das Verhältnis zur Sprache: Während Wolf fragt, warum Erb „Sprachmaterial“ als Zeichen „an die Stelle des wirklichen Materials setzt“ wird Erb gerade diesem „Sprachmaterial“ in den nächsten Jahren immer mehr Raum geben, und zwar nicht, indem es auf etwas verweist. Am Medium Sprache selbst, seinem Widerstand, seinen Eigengesetzlichkeiten, entzündet sich ihr Interesse. Insbesondere das „nicht-instrumentalisierte Verhältnis zur Sprache“ (wie Barbara Köhler es nennt) wird von den Jüngeren (Autorinnen wie Autoren) später aufgegriffen. Schreiben ist für Elke Erb „nicht Beschreiben, es ist Ändern. Sich zur Welt bringen. Die Welt zu sich bringen.“8 Neben diesen poetologischen Positionen ist es wohl vor allem der analytisch-kühle Blick auf die DDR-Gesellschaft, der Erb mit den Jüngeren verbindet, und die Anerkennung des eigenen Tuns als etwas, das sich selbst genügt und keiner Legitimation durch „gesellschaftliche Nützlichkeit“ bedarf.
Solche Berührungspunkte sind die Voraussetzung dafür, daß Elke Erb eine Rolle als Mentorin, Vermittlerin und Beraterin der „Szene“9 einnehmen konnte, und zwar gerade, weil sie eine solche Rolle zurückwies und auch im Nachhinein nicht beansprucht.10 Ihre Offenheit, Gesprächsbereitschaft und Vermittlungsfunktion sowie ein unbestechlicher Blick für Innovation, werden insbesondere in ihrem Vorwort zur Anthologie Berührung ist nur eine Randerscheinung von 1985 deutlich. Verständnisvoll und eindringlich –11 spricht Erb über die Jüngeren, schildert deren soziale Situation, erklärt ihren Denkhorizont, ihre Lebenshaltung und deren Wurzeln und wird damit zur Verteidigerin der jüngeren Generation.12 Es ist dabei entscheidend, daß sie in ihrem Vorwort nicht nur auf die für die DDR-Literatur innovativen Schreibkonzepte eingeht, sondern diese auch in einen sozialen Kontext einordnet. Gerade die Verweigerungshaltung der (überwiegend männlichen) Aussteiger, die in den 80er Jahren kein Einzelphänomen mehr innerhalb der jungen Generation war, wurde zu diesem Zeitpunkt innerhalb der DDR ja immer noch nicht öffentlich wahrgenommen. Nicht nur die Staatssicherheit, sondern auch kulturpolitische Institutionen versuchten, die bewußte Entscheidung gegen die „normale“ DDR-typische Sozialisierung als Spleen „asozialer Elemente“ zu kriminalisieren.13 Erb beharrt darauf, daß sich in den fremdartigen, ungewohnten Texten ein „neues (korrektives, verantwortendes) Denken“,14 ein „neues gesellschaftliches Bewußtsein“15 zeige. Im historisch-politischen Selbstverständnis stimmt sie mit den Jüngeren sogar weitgehend überein:

Eine Vielseitigkeit wie in der Renaissance könnte man sagen, stünde sie am Anfang einer neuen Zeit (und Utopie) und nicht am Ende einer alten. Sie leben auch nicht „der Zukunft zugewandt“ sondern der Gegenwart, und sie warten nicht, weil sie die Gegenwart kennen. Vor klaren Grenzen braucht man nicht zu warten.16

Die Anthologie konnte in der DDR nicht erscheinen. Als schließlich der Verlag Kiepenheuer & Witsch 1985 die Textsammlung ohne die Zustimmung der DDR-Institutionen publizierte, richteten sich die Sanktionen gleichermaßen gegen Autorinnen und Mentorin, wie Dokumente des Büros für Urheberrechte und des Schriftstellerverbands der DDR gezeigt haben.17 Trotz mehrfacher „Belehrung“ durch das Büro für Urheberrechte, den Schriftstellerverband und den Leiter des Aufbau-Verlages, Elmar Faber, war Elke Erb nicht bereit, die Anthologie von Kiepenheuer & Witsch zurückzuverlangen und eine Publikation zu untersagen. Ebensowenig stimmte sie einem Eingriff in die Zusammensetzung der Anthologie zu.
Mit ihrem kompromißlosen Engagement für das „neue gesellschaftliche Bewußtsein“
18 und für den Kunstbegriff der in der DDR offiziell nicht anerkannten Autorinnen stieß sie auch in ihrer eigenen Generation auf Widerspruch: Volker Braun attackierte Erb in seinem Rimbaud-Essay als „Outorin“ und bezichtigte sie einer „neuen Romantik“19 Der Grund für seinen Unmut wird in jener Textpassage deutlich, die er (ohne Quellenangabe) aus Erbs Vortrag auf einer Tagung der Evangelischen Akademie in Berlin-Weißensee zitiert (die übrigens zu diesem Zeitpunkt bereits vier Jahre zurücklag). Bei Erb lautet die Stelle wie folgt:

Freisetzung und Entgegensetzung nichtintegrierter und nicht einzuordnender Realität, des Klangs oder der lexikalischen Assoziation, des Schriftsbildes oder der Bedeutung, gegen ein verantwortungslos lineares, aggressiv totalitäres Verständnis. Oder anders gesagt: eine spielerisch willkürliche Bevorzugung des Unwillkürlichen und Unterdrücktgewesenen.20

Braun interpretiert:

Aber die Erbin glaubt, dies Vermögen zu erhalten, müsse sie es dem öffentlichen Zugriff entziehn, der sattsam bekannten Forderung des Tages. Es diene nicht sozialen Zwecken […] sie brauche es für sich. Weitergehenden Ansprüchen müsse sie sich verweigern. Sie müsse das Vermögen einsetzen, der, wahrlich dubiosen, Arbeit der Gesellschaft eine unbehelligte Individualität entgegenzusetzen; jedes Verausgaben in den größeren Widersprüchen (in den Sozialismus z.B.) sei Preisgabe des Eigenen.21

Da sich Erb einer „littérature engagée“ wie Braun sie versteht, entzieht, ordnet er sie, abwertend, einer „poésie pure“22 zu. Diese Zuordnung verfehlt jedoch in ihrer Polemik die Haltung Erbs, denn von einem Konzept der „poésie pure“ kann bei der politisch und sozial engagierten Autorin und Mentorin keine Rede sein. Auch wenn sich ihre Reflexionen einem schnellen und eindeutigen Lese-Verständnis entziehen, geht es um brisante Gegenwartsfragen. Im Zentrum ihres autoreflexiven Denkens und Schreibens steht der Prozeß des Denkens und Schreibens selbst, seine Assoziativität, seine sich wiederholenden Grundmuster und blinden Flecken, und seine unauflösbare Bindung an Sprache.23 Dabei geht sie immer wieder radikal an eigene Grenzen und Tabus, reißt Mauem des Selbstschutzes ein. Gerade diese Freiheit und ihr Mut, sich mit der ganzen Person dem Schreiben auszusetzen, beeindrucken die Jüngeren. Ihre Texte kommen in den frühen inoffiziell publizierten Zeitschriften Anschlag und Mikado ebenso zu stehen wie in den späteren Ariadnefabrik und verwendung.24 Was Braun als „poésie pure“ bezeichnet, ist eine Erkundungsrichtung ihrer Poesie, die seinem eigenen Denken und Schreiben fremd bleibt. Es lag durchaus ein hohes Maß an sozialem Sprengstoff in dem Entschluß, sich selbst so wichtig zu nehmen. Während Braun für diese Art der Subversion blind war, wurde sie von der Staatssicherheit klar erkannt.25 Vor dem Hintergrund des Zusammenbruchs der DDR erscheint die restriktive Reaktion der Staatsmacht auf derartige Kunstkonzeptionen keinesfalls als Überreaktion. Vom Ende der DDR her gesehen ergibt sich sogar die Frage, ob dieses Unternehmen in einer autoritären Gesellschaft politisch und sozial wirklich weniger brisant gewesen sein sollte als Brauns gesellschaftskritische Analyse der „äußeren Welt“ Es bleibt eine offene Frage, ob nicht gar Brauns Konzept vielleicht sogar leichter von staatlicher Seite zu paralysieren war als die Strategien Erbs und der jüngeren sprachkritisch arbeitenden AutorInnengeneration.
Mit ihrer Anregung zur theoretischen Reflexion poetologischer Konzepte, die im Zusammenhang der genannten Anthologie zu wirken begann, hatte Erb bedeutenden Einfluß auf jüngere Autoren. Ihre Neugier auf die Arbeitsmethoden der anderen, ihre Prämissen – Dialogizität und kommunikative Offenheit – wurden später ebenso von den Jüngeren aufgegriffen wie das Prinzip der ,,wandlosen Werkstatt“
26 Dies löste eine ganze Welle theoretisierender Betrachtungen aus, die sich z.B. in der 1985/86 von Egmont Hesse initiierten Interview-Reihe im schaden27 und in der theoretisch angelegten Zeitschrift Ariadnefabrik niederschlugen. Im Editorial des Abriss der Ariadnefabrik beziehen sich die Herausgeber Rainer Schedlinski und Andreas Koziol ausdrücklich auf Elke Erb:

als elke erb 1984 die anthologie Berührung ist nur eine Randerscheinung […] zusammenstellte und die autoren zu ihren texten befragte, fiel ihr auf, daß unter den worten häufig eine theorie lagerte, die vordem eher verschwiegen, als verfahrensordnung existierte; die das lesen der texte veränderte und nun ihr system offenzulegen begann […]28

Das theoretisierend-reflexive Interesse Erbs wurde allerdings vorrangig von den männlichen Autoren aufgegriffen, Autorinnen entzogen sich vielfach dem ,,Theorie“-Boom innerhalb der Szene.

Keine Feministin?
Unter allen Argumenten, die für ein Interesse an Person und Werk der Älteren sprechen, spielt eines gar keine Rolle: Der Zusammenhang zwischen Ästhetik und weiblicher Autorschaft. Eine wichtige Ursache liegt in Erbs weitgehendem Desinteresse gegenüber feministischen Fragestellungen. Im Zentrum ihrer Auseinandersetzung mit überkommenen, verfestigten Denk- und Verhaltensstrukturen steht nicht der Geschlechterkampf, hier stehen die Kategorien „Herrschaft“ und „Hierarchie“

In der DDR war nicht die Frage „Mann oder Frau“ die entscheidende, sondern: Was ist das für eine Herrschaft, was ist los mit dem Gemeinwesen? Da stößt man auf eine hierarchische Ordnung, die beide Geschlechter unterordnet. […] Die Formel Eins, die herrscht, die du kulturell vorfindest, habe ich als eine des Verunglückens, der Hierarchie – mit allgemeingesellschaftlichen Codes besetzt – verstanden, nicht als „männlich“29

Äußerungen zum Verhältnis der Geschlechter lassen sich erst in letzter Zeit, vor allem auf Nachfrage von außen, finden. Zu DDR-Zeiten scheint die Kategorie „Geschlecht“ überhaupt keine Rolle in Erbs Denken und Schreiben gespielt zu haben.
Das wird u.a. auch in ihrem Vorwort zu Berührung ist nur eine Randerscheinung deutlich. Sie zitiert fast ausschließlich Texte männlicher Autoren, um das Innovative dieser Anthologie zu zeigen, ohne daß ihr die Abwesenheit der Dichterinnen zumindest auffallen würde. Nur einmal bezieht sie sich auf eine der insgesamt vier in der Anthologie vertretenen Autorinnen; diese Bemerkung bleibt jedoch seltsam nebulös:

Gabi Kachold setzt sich der Obdachlosigkeit von Klischeebildungen und Allgemeinplätzen aus.30

Gerade zu den Texten Gabriele Stötzer-Kacholds scheint Erb keinen Zugang zu finden.31 Ein Zusammenhang zwischen der Eigenart der Texte und dem Geschlecht der Autorin liegt außerhalb von Erbs Betrachtung. Dabei werden in den Prosa-Texten, mit denen Gabriele Stötzer-Kachold in Berührung ist nur eine Randerscheinung vertreten ist, weibliche Rollen und Masken so eindeutig problematisiert, daß sich die Diskussion geschlechsspezifischer Fragen fast aufzwingt.
In den wenigen Äußerungen zu Fragen des Feminismus, die alle aus den 90er Jahren stammen, formuliert Erb zugleich wachsende Aufmerksamkeit wie vorsichtige Distanz gegenüber der Verbindung von Dichtung und feministischem Engagement:

„Liebe Frauen“ so schreibt sie 1992 in einer Frauenzeitschrift, „bei mir finden Sie sich nicht als unterdrückte Abdrücke, nicht als die arme Marie“.32 Die Rolle der Künstlerin als stellvertretende Sprecherin für ihr Geschlecht weist sie für sich klar zurück. Zu ihrer eigenen Verwunderung stößt sie allerdings gegen Ende des zitierten Textes auf eine Beobachtung, die darauf hinweist, daß Geschlechterfragen auch aus ihrem eigenen Denken und Verhalten nicht einfach auszugrenzen sind. Erstaunt beschreibt sie, wie sie erkennt, „wenn es ernst wird also, wendest du dich an die Frauen […] In einer nicht männlich dominierten Welt könnte eine solche Entdeckung mich nicht überraschen, nicht wahr?“33 Was irritiert Elke Erb? Daß ihr, die so viel Kraft in die Analyse eigener, auch unbewußter Voraussetzungen steckt, erst jetzt die eigene geschlechtliche Determiniertheit bewußt zu werden scheint? Steht das weitgehende Desinteresse am eigenen Geschlecht in einem Zusammenhang mit der männlichen Dominanz in der Szene vom Prenzlauer Berg? Wurde es dadurch eventuell erleichtert, in diesem Kreis als schreibende Frau zu bestehen?34 Immerhin ist Elke Erb die einzige Frau, die sowohl bei Autorinnen als auch bei Autoren unbestritten als Autorität galt und gilt.
Begründet sich Erbs frühere Position zur Geschlechterproblematik vor allem in der Art und Weise, wie sie (gleich vielen anderen Frauen) die DDR-Zustände wahrnahm, so erklärt sich ihre heutige Distanz zu feministischer Bewegung und Literatur m.E. vor allem aus der Ablehnung jeglichen konfrontativen Denkens. Das Verlassen konfrontativer Strukturen bildet von Beginn ihres Schreibens an einen Fixpunkt der Erbschen Texte und Kommentare.35 Im 1993 veröffentlichten Gespräch mit Kerstin Hensel rückt sie beides in einen Zusammenhang:

Weißt du, daß diese Selbstbestimmung, wie sie die Frauen machen, nur aufs Soziale geht, nur so politisch-konfrontativ, das ist sehr traurig. Denn wenn es eine echte Befreiung wäre, – das weiß ich nun einfach –, dann würde dieses Mannwesen auch davon Licht bekommen, den Raum bekommen, diesen, daß es gefühlt wird.36

Ihre Position erscheint seltsam sicher und feststehend, was vor allem angesichts des diskursiven, offenen Charakters ihrer Äußerungen zu anderen Fragen überrascht. Weibliche Emanzipation führt ihrer Beobachtung nach häufig in die Konfrontation, in den Dualismus Mann – Frau, männliche Kunst – weibliche Kunst. Gerade um die Durchbrechung eines dualistischen und kausalen Denkens37 bemüht sie sich in ihren Texten. Mit ihrem Unbehagen gegenüber der Konfrontativität und Aggressivität, die sie vor allem in der westlichen Frauenbewegung sieht, formuliert Elke Erb einen Vorbehalt vieler Frauen aus der DDR. Nicht nur aus diesem Grunde ist es von Interesse, in welcher Weise sie heute das Verhältnis der Geschlechter denkt: Von einem Selbstverständnis als emanzipiert lebende und arbeitende Frau ausgehend, nimmt sie weniger eine abgrenzende Position zum anderen Geschlecht ein als vielmehr eine des Interesses am Anderen in seiner Andersartigkeit. Selbstkritisch fragt sie nach der eigenen Ignoranz und Beschränktheit in der Wahrnehmung des anderen Geschlechts,38 wobei sie auch in dieser Selbstkritik im Unterschied zu vielen anderen DDR-Frauen äußerst offensiv bleibt. Die Abgrenzung und Befreiung von fremden, männlichen Normen ist für sie selbstverständlich,39 denn sie faßt diese Normen nicht als männlich, sondern als „hierarchisch“ auf. Sie fordert von sich wie von anderen Frauen, die traditionelle Geschlechterrolle zu durchbrechen, behandelt dies allerdings vorrangig als individuelles, weniger als strukturelles Problem.40 Für ihre eigene Bewegungsart im männlich dominierten Bereich der Literatur benutzt sie das Bild von der „Zwitterung“ die ihr ermögliche, „mit den gültigen, also eventuell doch männlich bestimmten Formen“ zu spielen:

provokant, ausreizend, spielerisch. Es ist sowas wie die zweite Verarbeitungsstufe. Die erste wäre, Du bist wirklich ein Mann, du bist jemand, der gilt. (Was für mich soziologisch schon dasselbe ist.) Die zweite Stufe ist: Du bist ja kein Mann, so kannst du frei mit ihnen spielen, du kannst so offen sein wie du willst.

In ihren poetischen Texten finden sich, etwa im Gegensatz zu Stötzer-Kachold, auf den ersten Blick wenig Hinweise auf das Geschlecht der Autorin. Nicht selten spricht sie gar von sich als „dem Autor“41 In der Schreibweise Erbs zeigen sich jedoch Besonderheiten, die bei keinem männlichen Autor ihrer oder der Folge-Generationen in dieser Ausprägung anzutreffen sind.

Grundzüge der poetologischen Entwicklung
Die Frage, die Erb in ihrem Band Winkelzüge von 1991 (auszugsweise in Mikado 4/1984 nachzulesen) zum Ausgangs- und Ziel-Punkt ihres fast 450 Seiten starken Dokuments eines „prozessualen Schreibens“ macht, ließe sich in ihrer Intimität als eine traditionell „weibliche“ bezeichnen, sie lautet:

Aber werde ich denn noch lieben?

Die Frage, als syntaktische Figur, wird zur „Heldin“ des Textes, sie hat die Macht, ihn „novellistisch aus(zu)lösen“ (S. 8). Erb läßt diese „Heldin“ zum personifizierten Subjekt, zum Agens der Textbewegung werden, das sich klar vom auktorialen „Ich“ abhebt, das kommentiert, der „Heldin“ folgt oder ausweicht, vorauseilt und auf der Spur bleibt. Der grammatische Kunstgriff ermöglicht die direkte Auseinandersetzung mit der Sprache, die damit Gestalt geworden ist. Diese scheinbar private Tagebuchnotiz mutet als Auslöser für einen Text, der die Klärung seines eigenen Werdegangs zum Ziel hat, schon etwas eigenartig an. Erb engt die Frage im Verlauf der mehrjährigen Schreibarbeit keineswegs auf die individuelle Dimension ein, sondern verlagert ihre Klärung auf eine allgemeinere Ebene der Frage nach Glück, Liebe, Übereinstimmung mit sich selbst.
Die Winkelzüge, in denen sich das „Ich“ auf Anregung der „Heldin“ bewegt, führen in „nicht vermutete, aufschlußreiche Verhältnisse“ (so der Untertitel des Bandes). In der Metaphorik der (zu Beginn des Bandes eingeführten) „aufgesperrten Vogelschnäbel“ (S. 5) wird der geometrisch gedachte „Winkel“ zum „Blickwinkel“ wird teils abstrakt und teils konkret gestaltet, reflektiert und diskutiert. Nur im zurückschauenden Lesen ist eine Stelle wie die folgende überhaupt verständlich:

Bevor die zur Vergangenheit zurückgezogene Heldin
sich der Zukunft unterstellt,
ist, der Zukunft ihres Textes oder Landes wegen,
über die getilgte Bahn zu sagen,
daß ihr Gesichtspunkt an ihrem Ende lag,
während an ihrem Ausgangspunkt
der Blickwinkel dieses Gesichtspunktes
hungernd aufgesperrt war.
(S. 13)

Erst, wenn die/der Lesende an den Anfang des Textes zurückgeht, wird die Vermischung von abstraktem und konkretem Sprechen verständlich. Sprache hat nicht nur symbolisch ein Eigenleben. Sätze, Fragen werden zu Figuren, die sich bewegen, und deren Handlungen auch von der Autorin nicht immer vorhersehbar sind.

Die Namen der Umstände waren Begriffe.
Die Umstände blieben nicht stehen. Es zeigte sich,
daß sie zu Themen wurden, Themen, die handelten,
ein Schicksal hatten, eine Rolle spielten: Figuren.
(S. 338)

In ähnlicher Weise wie die oben erwähnte „Frage“ werden auch Begriffe (z.B. „Entzweiung“) und Begriffspaare wie „richtig-falsch“ „Folge-Ursache“ oder „Herz-Papier“ bis ins Grenzenlose abstrahiert. Die Erbschen Winkelzüge entstehen aus der Lust an einer „Gymnastik logischer Operationen“ (S. 244). Schon in früheren Bänden waren Worte42 oder Buchstaben, die „ihre eigene Materialität erhalten“43 hatten, Ausgangspunkt der Assoziation gewesen, wie beispielsweise in „Meine Letteratur“:

Ach, Abraham-A, ach, Ammenbrust-B,
Oh lala! C-Dur-C, Dehnungs-D, edles E
Und eifaules Fund, eia, Gag-G

[…]
Ach, ihr erbenden Vettern und Bäschen,
I
hr leiblichen Zinken und Bläschen,
Wer, Menschenskinder, geht hin
Und schlägt euch aus dem Sinn?44

Die Sprache hat ein Eigenleben, schreibt sozusagen am Text mit. Damit wird „der Autor“ als vermeintlicher Urheber des Textes seiner Herrschaftsrolle enthoben.

Wie sollte ich auch: mich in den kalten Sattel des Autors schwingen können, aufs hohe Pferd? Da ist niemand, nichts, was ich suche. Selbst das Pferd ist weg. Ein Phantom. Der Sattel seelenverlassen. Da sehe ich klar. (S. 17)

Schon in Faden der Geduld (1978) war die Herrschaft „des Autors“ über die Worte suspekt geworden:

Sind die Worte Diener, ist der Autor der Herr?
Vorsicht, Herrschaft naht sich!
45

Die Autorin läßt sich von Einfällen und Assoziationen ebenso überraschen wie von den „Bedürfnissen“ des Textes, seinem „Reifen“ (S. 20) und „Wachsen“ (S. 168) „Der Text sagte es, ohne mein Wissen.“ (S. 394) Dieses rezeptive Schreibmodell folgt den Mechanismen der Kreativität im Unbewußten, der Intuition. Die Autorin verzichtet auch im Schreiben selbst auf Macht, sie ist auf ein offenes Verhältnis gegenüber dem Text aus. Ein wichtiges Charakteristikum der Erbschen Texte ist die Bedeutung, die dem Alltag darin zugestanden wird. Die Autorin richtet ihre Aufmerksamkeit auf die kleinen, scheinbar unwichtigen, äußerlichen Anlässe für Gefühlsausbrüche, Stimmungen und soziale Handlungen: Auch hier geht ihr Blick hinter emotionale Zustände zurück und legt die Voraussetzungen frei. In „beinahe naturalistischer Optik“46 werden Details aus dem Alltagsleben erfaßt: Der Vorweihnachtsabend, der Gang durch die Kastanienallee, das Erwachen im fremden Hotelzimmer, die Situation am Küchentisch, der Einkauf.47 Sie macht damit etwas sichtbar, was sonst nicht als literaturwürdig gilt.48 Ja, es gelingt ihr sogar, die Trennung zwischen den „großen“ Lebensfragen (Glück, Tod, Liebe, Altern) und dem profanen Alltag aufzuheben. Damit wird (wie übrigens bei vielen Autorinnen) ,,der Anspruch auf Selbstwerdung […] aus der Höhe der Ideenwelt herabgeholt und an die Alltagsexistenz gebunden“,49 was Ursula Heukenkamp als „anti-utopisch“ bezeichnet. Erbs Texte künden von alltäglichen Kämpfen um das Einssein mit sich selbst und um die Abgrenzung von äußeren Zwängen. Die Alltagssituationen, die Erb beschreibt, sind fast immer an traditionelle weibliche Rollen gebunden: Die der Hausfrau, Mutter, Ehefrau, Geliebten. Das „Ich“ der Texte weist sich stets auch als Trägerin von Rollenkonflikten aus, ohne daß diese in den Vordergrund gerückt werden. Eher beiläufig beobachtet sie fehlende Durchsetzungskraft von Frauen gegenüber Männern, eine größere Bereitschaft, Verantwortung für andere Menschen zu übernehmen, oder auch die Gewöhnung an die Opferperspektive.50 An manchen Stellen der Winkelzüge beschreibt die Autorin, wie sich die Alltagssphäre mit Einkauf, Kochen, Wäsche, Kinderbetreuung in den Schreibprozeß hineindrängt. Dann nähert sich der Gestus des Textes dem Tagebuch:

Ich fühle mich erbärmlich, verzettele mich,
nähe Bezüge für die Küchenstühle, Applikationen,
weine leicht,
entbehre die Gesellschaft
[…]51

Die Notizen bleiben eher privat, sie enthalten einen klagenden Ton, der im Verlauf der Reflexion wieder aufgefangen und allmählich überwunden wird. Dem Schreiben selbst wird therapeutische Wirkung zugesprochen. (Das gilt übrigens für den Band Winkelzüge insgesamt.)52 Über das Notieren der profanen alltäglichen Handlungen rückt die Autorin diese Sphäre und die mit ihr verbundene Ablenkung von sich weg. Die kreative Krise, ausgelöst durch mehrfache Störung des Arbeitsprozesses, wird überwunden, indem Erb sie zum Gegenstand des Textes macht – ein Vorgehen, das an Morgners Montageromane erinnert.53 Der Versuch, die eigenen Wahrnehmungen und Bilder möglichst genau festzuhalten,54 hat inhaltliche und ästhetische Konsequenzen für das Gesamtwerk von Erb: Das „Ich“ rückt immer stärker ins Zentrum der Texte. Während der Arbeit am Band Kastanienallee zeigte sich:

[…] daß ich das Ich nicht vorauszusetzen, […] sondern Ort für Ort zu erkunden hatte.55

In der „Idee [. ..], bei meinen Texten […] zugegen zu bleiben, selbst gegenwärtig zu sein“,56 sucht sie eine Möglichkeit, den Abstand zwischen „erlebter“ Wirklichkeit und deren sprachlicher Formulierung möglichst klein zu halten. Vermittelte Wirklichkeit will sie „unvermittelt“ ins Bewußtsein rücken.57 Genau darin besteht allerdings auch die Herausforderung für die Leserinnen: Die „Darstellung aus einer eigenwilligen, verkürzten Perspektive […] – ganz ohne beschreibende Zutat oder episch-erklärende Ambition“58 erfordert, sich ganz auf Erbs Gedankenwege einzulassen.59
Dieses Konzept der „Unmittelbarkeit“ stößt an Grenzen der schriftlichen Darstellung. Eine Konsequenz dessen ist der Versuch, die Linearität des Denkens aufzulösen. Bereits zu Beginn der 80er Jahre, im Band Vexierbild (geschrieben 1977–81, erschienen 1983), entwickelte Erb eine neue Darstellungsweise, die „prozessuale Felderörterung“60 Die lineare Anordnung der Schriftzeile kann die beabsichtigte Gleichzeitigkeit und Komplexität verschiedener Eindrücke ihrer Meinung nach nur unzureichend darstellen, die Autorin gerät in „Formulierungsnot“.61 Sie nutzt zunächst Freiräume in den Zeilen, Absätze und Einschübe, um diese Linearität aufzubrechen, und experimentiert schließlich mit der räumlichen Anordnung des gesamten Textes, wie sie auch theoretisch erläutert:

Die Absetzung der ausschließlich herrschenden linearen Schreibweise hat mir auf dem Blatt eine Verteilung und Zusammenstellung von Wortgruppen ermöglicht, die in den linearen Ablauf nicht mehr einzugliedern gewesen wären (oder nur auf langen Wegen und unter Anwendung aller möglichen Einfügungs- (und Humanisierungs-)Tricks unserer der Zeile angepaßten Kultur.) […] mein zweites hervorragendes Erlebnis bei dieser Schreibweise war, daß ich bisher einzeln (und von den Gelegenheiten/Anlässen) geprägte Gedanken jetzt in der Art einer Stoffsammlung zu einem aufgegebenen Aufsatzthema sammelte, weil ich die Möglichkeit wußte, sie offen zusammenzustellen.  Es erweist sich, daß, verzichtet man auf diese weitläufigen/verbalen/linearen Verbindungen, sich nicht nur erstrebte, im Bewußtsein vorbereitete Zusammenhänge präsent machen lassen […], sondern sich auch andere Zusammenhänge herausstellen, die in wieder andere, nie sonst gedachte Konstellationen und Eröffnungen führen. […] Für mich ist DER WEG ZUM ZIEL mein erster Text, der nicht resultativ, sondern prozessual geschrieben wurde, das erste Schreiben, das nicht bloß feststellte, sondern sich sofort selbst auf seine Folgen einließ und mein Bewußtsein während der Arbeit veränderte.62

Im Band Kastanienallee (geschrieben 1981–84, erschienen 1987) verlagert sich ihr Interesse auf den Blick hinter den Text, auf eine noch stärker reflexive Ebene: „Mir schwebt vor, den Denkprozeß zu erfassen, dessen Ausdruck das Reden und Schweigen der Texte ist.“63 Immer stärker geht die Denkbewegung vom poetischen Text selbst aus. Auch Text-Schwächen werden genutzt, um gedanklich „Haken zu schlagen“ sich „ins Offene“,64 in die „offene Verbindlichkeit/verbindliche Offenheit“65 zu wagen. Die Irritation wird zum Prinzip. Auf die Abweichung von der Norm (und sei es nur ein Tippfehler) reagiert die Autorin nicht mit Ablehnung, sondern positiv, mit Verwunderung. Sie erhebt „den Mangel zum Gewinn“66 Der Text entfaltet sich ähnlich der „écriture automatique“ zwischen den Polen „Selbstlauf’“ und „strenge Vorgabe“.67 Elke Erb bedient sich dieses Verfahrens, indem sie zugleich versucht, es „rational streng zu kontrollieren, ohne ihm wiederum Regeln oder Zügel anzulegen“.68
Setzt Erb die reflexive Ebene als (oben genanntes) „Zugegenbleiben der Autorin bei ihren Texten“ zunächst noch vom poetischen Text durch eine Kommentarebene ab,69 so macht sie diese in den Winkelzügen (geschrieben 1983–89, publiziert 1991) zu deren Bestandteil. Die Auseinandersetzung des „Ich“ mit dem geschriebenen Text wird genauso wichtig wie dieser selbst.70
Das Augenmerk der poetischen Bewegung verlagert sich vom Resultat auf den Prozeß.71 Unter Nutzung rhetorischer Formen wie dem Ausruf, der Verfluchung, der Schimpfrede erfolgt die Auseinandersetzung mit Denk-Hindernissen, zwischen Wutausbruch und Lust:

Ich kann einen Satz sagen, spontan, der eine Erkenntnis trägt. Monate später sage ich einen zweiten. Wieso konnte ich, als ich den ersten sagte, nicht gleich zu dem zweiten weitergehen? […] Warum bin ich so eifrig, sobald es um etwas Negatives geht? Warum gehe ich selber denn nicht endlich mal in das Andere?72

Damit entsteht eine neue Text-Form, in der die Grenzen zwischen poetischem Text und Essay verfließen, eine Form, in der die Texte „in der gewohnten Geschlossenheit nicht mehr zu halten“ sind.73 Die Selbstauskünfte der Autorin über das Schreiben sind Bestandteil des Textes geworden, sie sind Ausdruck der Suche nach neuen Kommunikationsmöglichkeiten und dienen gleichzeitig als Rezeptionshilfe.
Das „Ich“ der Reflexion rückt nun in die Nähe des Autorinnen-Ichs, das über die Voraussetzungen und Vorgänge des Schreibens selbst Auskunft gibt. Ziel der Auseinandersetzung mit den eigenen Texten ist ja ein „Ich-Gewinn“ im Schreiben, was allerdings das „Ich“ als Schreibinstanz meint und vom Erschreiben einer Identität zu unterscheiden ist. Erbs „Ich“ „erzählt“ aus der Schreibgegenwart heraus, es reflektiert und kommentiert nicht nur den vergangenen, sondern auch den aktuellen Schreibprozeß. Wenn das Ich zum Zentrum der Winkelzüge wird, so geschieht dies aus ganz anderen Gründen als bei Autorinnen, die das Schreiben als Frau explizit reflektieren. Anders als in den meisten Ich-Texten von Autorinnen versichert sich Elke Erb nicht erst im Schreibprozeß ihres „Ich“:

Ich setze, wenn ich schreibe, meine Souveränität voraus.74

Ich benutze rücksichtslos dieses „Ich“ Wenn ich „ich“ sage, kann überhaupt niemand mehr bestreiten, daß ich das gesehen habe, daß ich das jetzt meine usw. Dieses Ich ist unbestreitbar, so wie dieser Stein unbestreitbar dort liegt […]75

Ihr Interesse ist nicht auf das Ich, seine Konstituierung und Konsolidierung gerichtet. Die Winkelzüge haben dementsprechend nicht den Charakter eines inneren Monologs, sondern den einer „Erörterung“ wie sie Erb versteht, als „ein Gehen von Ort zu Ort, ein Orte Erkennen, Aufsuchen, Erwandern, Durchwandern“.76
Elke Erb distanziert sich vom Ich-Schreiben anderer Autorinnen, das wird in ihren Äußerungen zu Texten jüngerer Autorinnen deutlich, in denen sie, wie beispielsweise bei Heike Willingham, eine Metaphernbewegung um ein „Ich-Integral“ zu erkennen glaubt, dem sie etwas „Bewahrendes“ zuspricht, und von dem sie ihr eigenes Interesse absetzt:

[…] Es geht aber nicht nur um Bewahrung, es geht um Leben, auch Zertrümmern, Zersetzen, Fruchtbarmachen, um Glockenläuten, nicht nur um Bewahren.77

Gleichzeitig sieht Erb die Gefahr einer solchen nicht-problematisierten Ich(Voraus-) Setzung:

Das ist natürlich auch eine soziale Schwäche, wenn man das Ich nicht ausbaut, als eine Figur mit mehreren Schichten und Gewebeteilen […] Das ist asozial: Du bist kein Stein als ,Ich‘. Ich bin die Zeugin dessen, wovon ich rede, ich bin die Blackbox, ich kann mich zu allem gebrauchen, das ist eine Art ichloses Ich. Funktionalisiert, aber nicht weitergeführt, es geht nicht um das Ich.78

Gegen Ende der „Winkelzüge“ sind Leben und Schreiben zur Deckung gebracht. Die Erkundung der eigenen Person und die Geschichte des eigenen Schreibens sind nicht mehr zu trennen:

Erst als es das Schreiben in Leben verwandelt sah,
konnte es das Leben als Schreiben begreifen,
nämlich die Möglichkeiten erkennen,
die das Leben hat, wenn es Schreiben heißt
.79

Zwischen der Souveränität im Alltag und derjenigen im Schreiben gibt es keinen Unterschied.

Bei meinem zweiten Band hatte ich das Gefühl,
mich an meine Grenzen herangeschrieben zu haben.
Viele Texte des dritten Bandes
sind aus gelebten Grenzsituationen entstanden.
Der dritte Band durchbrach die Grenzen einer Textform,
mit der ich Selbständigkeit erworben hatte
.80

Der Zusammenhang zwischen „gelebtem“ und geschriebenen Gedicht, zwischen „Textleben“ und „Lebenstext“,81 läßt sich nicht mehr auflösen.

und aus einer namen- und titellosen Gesamterinnerung herauf
dämmerte mir das frei schwingende Gedicht
und sagte mir, daß ich es nicht schreiben konnte,
weil ich es nicht leben konnte
.82

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß Elke Erbs Schreibweise, ungeachtet ihrer Distanz gegenüber feministischen Positionen, durch Merkmale gekennzeichnet ist, die in ihrer Bündelung mehrfach an Texten von Autorinnen beobachtet werden: Die intensive Selbstwahrnehmung und Offenheit im Text, der Bruch mit der Linearität von Sprache und Denken, das Mißtrauen gegen überkommene Sprachstrukturen, der assoziative Denkfluß, die Präsenz der Alltagssphäre im Text und der Verzicht auf die Position „des Autors“83 als Herrscher über den Text. Jedes dieser Merkmale läßt sich durchaus auch in Texten männlicher Autoren finden, insbesondere in solchen der literarischen Moderne. Ihre Bündelung ist hier jedoch auffällig. Eine diesbezügliche Analyse konnte nur angedeutet werden, verspricht aber interessante Ergebnisse.

Birgit Dahlke, aus Birgit Dahlke: Papierboot. Autorinnen aus der DDR – inoffiziell publiziert, Verlag Königshausen & Neumann, 1997

Geburtstagsgruß

In meinen ersten Studienjahren in Halle, Anfang der 60er, trat Gerhard Wolf im Klubhaus des Hallenser Kulturbunds auf. Vielmehr: Er trat nicht auf, sondern lehnte lässig dort vorn auf der Bühne in einem Klubsessel, leger bekleidet mit einem Rollkragenpullover. Und verteidigte Ingeborg Bachmann. Alle drei, die Haltung, der Rollkragen und das Thema, dazu die in Gerhard Wolf personifizierte freie Vernunft, griffen die unsichtbaren, aber ringsum fühlbaren Von-der-Stange-Wächter an, die das sozialistische Klassenbewußtsein zu schützen hatten. Dieses war ja an sich unangreifbar („die marxistisch-leninistische Weltanschauung ist allmächtig, weil sie wahr ist“), aber doch nicht gleichermaßen bei „unseren Menschen draußen im Lande“, wenn sie uns auch stets mit an hundert Prozent grenzender Stimmenzahl wählen.
Das ist meine früheste Erinnerung an Gerhard. Sie erlischt erst in mir, wenn ich selbst sterbe.
Auch ist wohl viel zu wenig Dank gesagt worden für die ständige Förderung anderer, vor allem Schreibender, mit privater Hilfe, als Schutz gegen Verfolgung (sie konnten nicht unentdeckt unterdrücken, wenn man mit Namhaften wie den Wolfs bekannt war) und auch Hilfe zur Publikation. Eklatant war die von Gerhard Wolf beim Aufbau-Verlag herausgegebene Reihe Außer der Reihe mit Autoren der Prenzlauer-Berg-Generation.
Und Dank will ich auch in eigener Sache sagen: Wie Christa Wolf mein zweites Buch Der Faden der Geduld (Aufbau-Verlag 1978) mit einem Interview und Nachsatz, so beförderte Gerhard mein drittes, Vexierbild (ebendort 1983): Er gab ihm ein Geleitwort und die Textanordnung. Es brauchte die Hilfe, weil es mit innovativen Anlagen aufwartete. Als ich die Sammlung zusammenstellte, dachte ich noch: Wenn es durchkommt, werde ich eine Mauer eingerissen haben. Als es dann an die Veröffentlichung ging, zeigte sich diese Mauer bereits gefallen.
Als die andere gefallen war, war es mir, Gerhards Aktivität als Verleger zu sehen, die reine Freude.
Nun wünsche ich, daß sein Hoch in den Jahren ein Glück auch kennt, das ihm gewachsen ist.

Elke Erb aus Friedrich Dieckmann (Hrsg.): Stimmen der Freunde. Gerhard Wolf zum 85. Geburtstag, verlag für berlin-brandenburg, 2013

 

Elke Erb: Die irdische Seele (Ein schriftlich geführtes Interview)

Elke Erbs Dankesrede zur Verleihung des Roswitha-Preises 2012.

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Im Juni 1997 trafen sich in der Literaturwerkstatt Berlin zwei der bedeutendsten Autorinnen der deutschsprachigen Gegenwartslyrik: Elke Erb und Friederike Mayröcker.

Elke Erb, Christian Filips lesen Bo Wiget komponiert und spielt: Haushaltsfragen

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Klassiker der Gegenwartslyrik: Elke Erb liest und diskutiert am 19.11.2013 in der literaturWERKstatt berlin mit Steffen Popp.

 

Lesung von Elke Erb zur Buchmesse 2014

 

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Zum 70. Geburtstag der Autorin:

Steffen Popp: Elke Erb zum Siebzigsten Geburtstag
literaturkritik.de

 

Annett Gröschner: Gebt Elke Erb endlich den Georg-Büchner-Preis!
piqd.de, 27.6.2017

Fakten und Vermutungen zur Autorin und weiteres  12 + 3 + 4
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shi 詩 yan 言 kou 口

 


 

Richard Pietraß: Dichterleben – Elke Erb

 

Elke Erb liest auf dem XVII International Poetry Festival von Medellín 2007.

 

Elke Erb liest bei OST meets WEST – Festival der freien Künste, 6.11.2009.

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