Erich Arendt: entgrenzen

Arendt-entgrenzen

HALLO HALLO

Schale nur
von Windjahren
eine leergesogene Muschel
das Haus

an allen Wegen doch
die Wipfel vernistend
meine Traurigkeit
im Sand
im Blind
der einzigen Frage mit
ihrem – Herz, löchrig
wie ein starrer Schwamm −
antwortlosen
Schweigen

mein tiefes Auge
Melancholie
die kein Salz
in die Mundwinkel streut
Fluß ist
und uferlos

entzweiend

Hallo Hallo
wie diesen Morseruf
ich liebte der
verstummt ist

und ich

steh
vorm Mitnachtsfenster
ihr Kopf dahinter ein Schatten
in die Musik
geneigt
dem schmerzjungen Cis
gelingt es
durchs Glas
hinauszuschwimmen

ja was denn…
meine Traurigkeit ja
was…

 

Für Erich Arendt,

den heute Achtundsiebzigjährigen, kann man den Hölderlinschen Begriff der ,Verjüngung‘ beanspruchen, weil er sich eine immer lebendige Zuwendung zu Menschen, Landschaften, zu künstlerischen und gesellschaftlichen Prozessen erhalten hat, ja sie geradezu sucht. Zurückliegende Phasen eines wechselvollen Lebens, gesehen mit jungen Augen, geben seinen Versen neue Dimensionen. Er schiebt die Grenzen seines persönlichen Daseins immer weiter hinaus, zu finden, was ich suchte: Worte / alt wie das Meer / sterblich / mit mir. Worte, das Unsagbar / im Wort dennoch zur Sprache zu bringen.

Gerhard Wolf, Klappentext

Erich Arendt hat seinen letzten Gedichtband 1981,

nur drei Jahre vor seinem Tod, entgrenzen genannt und man kann das Wort als die umfassende, große Metapher für sein Dasein und Dichten nehmen. Wort, Begriff, Vision, wie man nun will, Begrenzungen des Ortes, der Zeit und der Lebensumstände, günstige wie widrige, zu durchbrechen; Kreuzpunkte zu spüren, zu erkennen, andere Wege zu gehen als alle anderen, Gegebenes nicht hinzunehmen, nicht dieses verflixte Gebundensein auch an das einmal gefundene Wort, selbst den geglückten Vers entgrenzen.

Gerhard Wolf

Rezension zu diesem Buch:

Anton Krättli: Bruckstücke eines großen Traums. Bücher von und über Erich Arendt.
Neue Zürcher Zeitung, 17.6.1982.

Horst Nalewaki: Erich Arendt – entgrenzen. Gedichte
Neue Deutsche Literatur, Heft 1, 1982

Utz Riese: entgrenzen – Leid und Utopie in Erich Arendts Dichtung
Neue Deutsche Literatur, Heft 4, 1983

Voodoo-Arendt

Lesung mit Erich Arendt, der jetzt achtundsiebzig Jahre alt ist und rätselhaft wie eh und je: Es leuchtet durchaus ein – obwohl es das Werk Arendts nur partiell trifft −, wenn ein junger nach Haschisch gierender Punkt-Poet entzückt, ja, emphatisch ausruft: „Ein ganzer Opium-Laden, dieser Arendt!“ (Hoffentlich will der Rabiatnik nicht der Vermutung Ausdruck geben, daß Erich Arendts, des sparsamen Wein- und Teetrinkers, späte Poesien der Einnahme bewußtseinserweiternder oder sonstwie aktivierender Drogen zu danken sind, wie sie allerdings manche der von Arendt bevorzugten Künstler und Poeten nicht gerade verschmäht haben, z.B. Henri Michaux.) Unser Punker und Underground-Poet will vermutlich sagen, daß der suggestive Vortrag des kaum merklich vor- und zurückschwingenden Greises ihn unerwarteterweise in einen hypnose-ähnlichen Zustand versetzt hat: „Es kränzt uns ein, / und / wo wir ich – / los werden, ein /spurenloser / Ernst…“; um aus „Zeitsaum“ zu zitieren. – Hölderlin und Voodoo? – Ich will gern gestehen, und andere haben mir beigepflichtet, daß auch ich mich bei Arendt-Lesungen nicht selten als williges Opfer mysteriöser Beschwörungsrituale empfunden habe – bis ins letzte „verstanden“ hat die Texte aus Arendts letzten vier oder fünf Büchern zumindest als Zuhörer bei den Lesungen des alten Schamanen mit Sicherheit keiner, wie fasziniert man auch immer gewesen sein mag −; poetischer Voodoo-Zauber, um den Gedanken auf die Spitze zu treiben, der einen von Minute zu Minute wirksamer die Farbe bzw. Nicht-Farbe „Weiß“ assoziieren läßt, das poesche „Weiß“, das Tekelili-Weiß, erinnern Sie sich? Eigensinn und Sarkasmus Elke Erbs werden voraussichtlich einwerfen wollen: „Rosa ist es gewesen, gelegentlich beige … Adolf, du spinnst wieder ’mal!“ – gut, akzeptiert und geschluckt!, wie so manches, so manches … Neulich hat mich einer in diesem Zusammenhang in gehässiger Absicht gefragt: „Wie kommt es eigentlich, daß Erich Arendt nie etwas mit den Surrealisten am Hut gehabt hat?“ Aber er hat, er hat! Im Mai 76 hat er Gregor Laschen gegenüber erklärt: „Der französische Surrealismus mit seinem automatischen Sprechen, dem Simultanschreiben aus unterschiedlichsten Bereichen heraus, wurde in der Zeit, als ich die ,Flugoden‘ verfaßte, wichtig, ebenso Ezra Pound. Nie selbst automatisches Sprechen benutzend, wurde doch beider unmittelbares Zusammenfassen verschiedenster Weltbezüge auch ein Element des Gestaltens…“ (Ein einigermaßen singulärer Fall in der sogenannten „DDR-Poesie“, und von unserem berauschten Punker offenkundig als etwas höchst Extremes erkannt; allerdings besteht die nennenswerte „DDR-Poesie“ fast ausschließlich aus remarkablen Merkwürdigkeiten, will mich mehr und mehr bedünken.) – Also nicht nur August Stramm, der das Frühwerk beeinflußte; nicht nur Klopstock, Hölderlin, Pablo Neruda, sondern auch die französischen Surrealisten sowie die surrealismusnahen Poeten spanischer Zunge, denen er als Nachdichter gedient hat. Aber Voodoo?, das denkst du dir doch wieder ’mal nur so zurecht! Tatsächlich kennt sich Arendt auch ganz gut aus in den Fibeln der Voodoo-Poesie und ihrer magischen Beschwörungssprüche – seltsam, daß es fast vergessen ist! −, nämlich als Übersetzer der Gedichte z.B. des Kubaners Nicolás Guillén, etwa der „Ballade vom Schwarzwasser-Kobold“ und des „Gesangs, um eine Schlange zu töten“, 1952 in einem Guillén-Band des Verlags Volk und Welt erschienen: „Mayómbe-bombe-mayombé! / Mayómbe-bombe-mayombé!“; und so immer wieder, bis Sensemayá, die Schlange dahin ist. (In der fast gleichzeitig entstandenen Nachdichtung Janheinz Jahns liegt die Betonung ein wenig anders – „Mayómbe-bombe-mayómbe“ −, wodurch der Spruch nicht gar so tödlich-messerhaft klingt…) Erich Arendt, wie in leichtem dennoch zwingendem Wind vor- und zurückschwingend, vor und zurück: „Mayómbe-bombe-mayombé! / Sensemayá ist tot!“ Erich Arendt, die Wörter, die Wortsplitter, die Wortkombinationen in den Raum werfend wie ein Jongleur seine irritierend schwirrenden Bällchen: „Glas-stumm / das Auge, lebt / der Mensch, doch, / einen Tag…“; der Schluß von „Kakteenland“, dem Franz Fühmann gewidmeten Gedicht. – / / −  eine Notiz, in der vorigen Woche stenographiert, einseitig genug, um alsbald wieder zerrissen zu werden?

Adolf Endler, Dezember 1981, in: Tarzan am Prenzlauer Berg, Reclam Verlag Leipzig, 1996

Stimmen

Das weltbürgerliche Kamel

E.A. ist ein Kamel
Mit einem unerschöpflichen lyrischen
Höcker. Also ein Wüstentier.
Es trabt und trabt, dann trabt
Es immer noch. Gern seh ich es
Traben in dieser und jener Wüste
Vor allem in jener. Es gibt
Dort – ja was gibt es dort.
Gibt es Oasen oder Fata Morganen
Oder beides, oder keins. Es gibt
Ein Kamel, das trabt und
Trabt. Gern seh ich es traben
In dieser und jener Wüste, vor allem
In jener
Sarah Kirsch, 1978

Und immer die uranfängliche, alles erhellende Sonne Homers: Das Feuer des Humanismus! Sie scheint streng und verzehrend über dem Inselreich der Arendtschen Dichtung, an dem anzulegen immer noch nur wenige wagen.
Georg Maurer, 1963

Von Erich Arendt wird zu lernen sein, wie sich eine Persönlichkeit durch ihr Werk verwirklicht, nicht unbeeinträchtigt durch die Gunst und Ungunst der Zeitläufte.
Heinz Czechowski, 1967

Das Medium Sprache beansprucht bei Arendt eine nahezu unangefochtene Priorität. Arendts Haltung ist in diesem Punkt radikal. Es kann einem widerfahren, von ihm in Abständen befragt zu werden, ob man nicht wie er der Meinung sei, dass das Gedicht in erster Linie angewandte Sprache zu sein habe. Arendts Frage ist rigoros gemeint: Sprache als alleinige Aufbausubstanz des Gedichts, sozusagen unter Verdampfung des Anekdotischen, ja des Erzählenden überhaupt.
Bernd Jentzsch, 1973

Sensibilität, geistige Kultur und Vitalität bilden das harmonische Fundament seiner Kunst, Pole, die so gern als unvereinbar erklärt werden.
Sie haben ihn vor mancher Fehleinschätzung bewahrt, vor allem davor, sein dichterisches Anliegen der Verflechtung von Gegenwart und Vergangenheit, Vergänglichem und Unvergänglichem, von Lust und Schmerz, Liebe und Hass, von Fließendem und Erstarrtem, von Gluthelle und Nacht unausgereift und eilig vor die Augen der Welt zu bringen.
Wieland Förster, 1973

Die Fähigkeit, durchzuhalten gegen Geschichte, eine stolze wie unersetzbare Behauptung des Ich, innerhalb eines Systems von Bestimmungen, das mit dem Ich nichts im Sinn hat, macht nicht zuletzt die Rebellion des Dichters Erich Arendt aus und seine Unbequemlichkeit, hüben wie drüben.
Gregor Laschen, 1977

Erich Arendts Kosmos ist geschichtslos; ja, geschichtspessimistisch. Der statische Duktus seiner Gedichte ist nicht preziöse Galanterie, sondern tief ernst gemeinte Resignation. Ist Credo – der Mensch ist einsam, auf sich gestellt in einem düsteren Koordinatensysten aus Eros und Tod, Trauer und Verfall.
Fritz J. Raddatz, 1978

Arendts Gedichte sind immer auch Erlebnisgedichte. Denn Erleben heißt ja nichts anderes als Leben in Besitz nehmen. Leben als Tätigkeit, direkt dem Leib verhaftet, als Hauptwort Leben Gegensatz zum Tod.
Gerhard Wolf, 1978

Die für Arendt neuartige Vertracktheit und neue Schlichtheit vieler dieser Gedichte – es fällt mir plötzlich wie Schuppen von den Augen: sie hängen mit dem Versuch zusammen den Tod zu bannen (das Phänomen des Todes poetisch zu fassen, besser so?)
Adolf Endler, 1978

Der Kinderlose verzettelte sich nicht in Möglichkeiten der Dauer, setzte ganz in die Verwandlung seines Leben in Dichtung. So gibt er seine Erfahrung nur in der Poesie weiter, die allein seine Witwe ist, seine Erbin.
Richard Pietraß in der Totenrede am 8. Oktober 1984

Ein Kind unter Wölfen, mit einer tiefen, ansteckenden Liebe zu bildender Kunst Zonen und Zeiten.
Heiner Müller, 1992

Aus: Menschen sind Worttiere – Erich Arendt 1903-1984 Texte und Bilder, Kurt Tucholsky Gedenkstätte Schloss Rheinsberg, 2003.

Beitrag zum 50. Geburtstag des Dichters:

Uwe Berger: Zwei Dichter unserer Zeit. Zum 50. Geburtstag von Peter Huchel und Erich Arendt
Aufbau, Heft 4, 1953

Beiträge zum 60. Geburtstag des Dichters:

Helmut Ullrich: Lobpreis irdischer Schönheit. Zum 60. Geburtstag des Schriftstellers Erich Arendt
Neue Zeit, 13.4.1963

Georg Maurer: Erich Arendt zu seinem 60. Geburtstag
Sonntag, 15.4.1963
Nachgedruckt in: G. M., Essay I. Halle: Mitteldeutscher Verlag 1968

Beiträge zum 65. Geburtstag des Dichters:

Günther Deicke: Dichter und Weltfahrer. Erich Arendt zum 65. Geburtstag
Berliner Zeitung, 16.4.1968

Elke Erb: Erich Arendt zum 65. Geburtstag
Sonntag Nr. 16, 1968

Beiträge zum 70. Geburtstag des Dichters:

Günther Deicke: Poetische Sprache unserer Solidarität. Erich Arendt zum 70. Geburtstag
Neues Deutschland, 15.4.1973

Hinstorff gratuliert seinem Autor Erich Arendt zum 70. Geburtstag
trajekt 7, VEB Hinstorff Verlag, 1973

Beiträge zum 75. Geburtstag des Dichters:

J(ürgen) Sch(midt): Ein lähmendes Gefühl ist das. Dem Dichter und Übersetzer Erich Arendt, fünfundsiebzig Jahre alt, zu Ehren
Stuttgarter Zeitung, 16.9.1978

Gregor Laschen/Manfred Schlösser (Hg.): Der zerstückte Traum. Für Erich Arendt zum 75. Geburtstag
Agora, 1978

Beiträge zum 80. Geburtstag des Dichters:

Hubert Witt: Der flutharte Traum. Erich Arendt zum 80. Geburtstag
Sinn und Form, Heft 2, 1983

Hans Marquardt/Hubert Witt: Himmel und Erde. Erich Arendt zum 80. Geburtstag
Sonntag, 17.4.1983

Fakten und Vermutungen zum Autor

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