Erich Arendt: entgrenzen

Arendt-entgrenzen

HALLO HALLO

Schale nur
von Windjahren
eine leergesogene Muschel
das Haus

an allen Wegen doch
die Wipfel vernistend
meine Traurigkeit
im Sand
im Blind
der einzigen Frage mit
ihrem – Herz, löchrig
wie ein starrer Schwamm −
antwortlosen
Schweigen

mein tiefes Auge
Melancholie
die kein Salz
in die Mundwinkel streut
Fluß ist
und uferlos

entzweiend

Hallo Hallo
wie diesen Morseruf
ich liebte der
verstummt ist

und ich

steh
vorm Mitnachtsfenster
ihr Kopf dahinter ein Schatten
in die Musik
geneigt
dem schmerzjungen Cis
gelingt es
durchs Glas
hinauszuschwimmen

ja was denn…
meine Traurigkeit ja
was…

 

 

Für Erich Arendt,

den heute Achtundsiebzigjährigen, kann man den Hölderlinschen Begriff der ,Verjüngung‘ beanspruchen, weil er sich eine immer lebendige Zuwendung zu Menschen, Landschaften, zu künstlerischen und gesellschaftlichen Prozessen erhalten hat, ja sie geradezu sucht. Zurückliegende Phasen eines wechselvollen Lebens, gesehen mit jungen Augen, geben seinen Versen neue Dimensionen. Er schiebt die Grenzen seines persönlichen Daseins immer weiter hinaus, zu finden, was ich suchte: Worte / alt wie das Meer / sterblich / mit mir. Worte, das Unsagbar / im Wort dennoch zur Sprache zu bringen.

Gerhard Wolf, Klappentext

 

Erich Arendt hat seinen letzten Gedichtband 1981,

nur drei Jahre vor seinem Tod, entgrenzen genannt und man kann das Wort als die umfassende, große Metapher für sein Dasein und Dichten nehmen. Wort, Begriff, Vision, wie man nun will, Begrenzungen des Ortes, der Zeit und der Lebensumstände, günstige wie widrige, zu durchbrechen; Kreuzpunkte zu spüren, zu erkennen, andere Wege zu gehen als alle anderen, Gegebenes nicht hinzunehmen, nicht dieses verflixte Gebundensein auch an das einmal gefundene Wort, selbst den geglückten Vers entgrenzen.

Gerhard Wolf

 

Büchertelegramm

Gedichte eines heute Achtundsiebzigjährigen, der in vorderster Linie daran beteiligt war, der Lyrik unseres Landes eine unverwechselbare Prägung zu geben.
Das ist Kunst, wirkliche Kunst, und nicht Konfektion. Diese Dichtung erfordert Kopf-Anstrengung, aber auch Einfühlsamkeit, Empfindsamkeit, Mitleben, Bildung. Ein unausschöpflicher Reichtum an Assoziationen und Reflexionen, dennoch ist aus jedem Gedicht etwas ablesbar vom Ich des Dichters, seinen Hoffnungen, die Siege und Niederlagen der Vergangenheit einschließen. Visionär sind diese Verse, immer offen den weiten Räumen, randvoll mit Welt, voller Glauben an die einmal geschaute Utopie, vertrauend den alten Erfahrungen, feind aller Dogmen und starren Formen.
Eine Lyrik mit weiten Dimensionen, wie es sie nur selten gibt. Eben wirkliche Kunst.

Roland Mischke, Neue Zeit, 14.9.1981

„entgrenzen“ Leid und Utopie

in Erich Arendts Dichtung

Übertreibungen können klären. Machen Haltungen klar. Ich halte dafür: Der eigentliche Arendt setzte in den sechziger Jahren ein mit den Gedichten der Ägäis: Einsatz mit der Erfahrung des realen Sozialismus, des geschichtlichen. Die unmittelbar vorausgehende Phase umfaßt die fünfziger Jahre, nach der späten Rückkehr aus dem kolumbianischen Exil, und ist noch unmittelbare Vorbereitung. Die Periode der dreißiger und vierziger Jahre, nach dem Eintritt in den Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller 1928, hat sehr unterschiedliche Texte hervorgebracht und ist aufs Ganze gesehen Durchgang. Die drei, vier Jahre aber, seit 1925, da Arendt Expressionist ist, waren der entscheidende Auftakt. Der Autor, 1903 geboren, hat also im Lauf seines Lebens den Widerspruch zwischen ästhetischer und politischer Avantgarde überdauert. Wir werden auch an seinem Gedichtband entgrenzen (Insel-Verlag) sehen, mit welchem Ergebnis. Die wachsende Produktivität des Alters macht ihn in der Hinsicht einzig unter den Schreibern unserer Nationalliteratur: Die Moderne des ersten Jahrhundertdrittels war nicht nur sein Beginn, die Moderne wird seine Vollendung.
Der Aufbruch seinerzeit in eine neue Kunst ist Aufbruch in die Utopie:

Pflanze Stein Mensch sind kosmisch gesehen, gefühlt. Keine provinzielle Idyllik eines dumpfen und engen Geistes. Das Erdrund Aufgabe, zu heimatlichen für alle Menschen.

Dies sagt Arendt jetzt über einen anderen, den französischen Dichter Saint-John Perse; es darf aber auch auf seinen Anfang bezogen werden. Schon 1926 spricht er (wie wenig anders heutzutage): „AUS dem Schweigen / aller Herzen / erdenkahl…“; und noch 1928: „der Menschen Wunden schreien Erde“. Heimat ist die Erde nicht, „Folterung“ herrscht (für „Szantó und Genessen“):

… Die Scheiben knicken
Blut
Licht erfüllt den Raum
Erstickt
Des Grauens voller Mund!

Die gefolterte Erde zur Heimat zu machen, und zwar allen Menschen, das ist Programm. Der menschheitliche Ansatz, der ebensosehr sozialer Leiderfahrung entspricht, wie er sie unkompromittiert, also unpraktisch, also utopisch überwindet, mündet ins Planetarische:

Das All klingt uns
Allüberall
Wir Schwingen Ringen Singen
Und Lieben
Uns
Zu Gott
(„Wir“, 1925).

Das meint nicht Unio mystica, das ist der emphatische Ausdruck der Einheit, der Gleichheit aller Menschen. Was die Wirklichkeit nicht hergibt, gestattet sich die subjektiv komponierte Sprache. Der absolute Anspruch auf Weltverbesserung treibt die Wörter ins Absolute. Sie umstellen einen Raum der Innerlichkeit, in welchem deren Utopie der Weltgerechtigkeit zum einzigen Erfahrungsgrund avanciert. Die Poetik des „Totalworts“, wie Gregor Laschen (von Arendt mehrmals bestätigt) diesen Tatbestand nennt, bildet nicht die schlechte Wirklichkeit nach, vielmehr schafft sie sich ein Territorium, in dem die Gesetze der Utopie, der Einheit von Mensch-Gattung-Natur, die geschichtlichen aufgehoben haben.
Noch ist es nicht die Geschichte selbst, die als zerstörerisch erscheint. Noch zielt das radikale Bemühen um Weltveränderung nicht nur auf Umstülpung der Kunstübung, es geht über in die Radikalität der politischen Aktion (muß sich dort aber, so liegen die Dinge, jeder künstlerischen Radikalität entschlagen). Der Bürgerkrieg in Spanien, das Exil in Kolumbien werden wichtige Stationen historischen Erlebens. Danach, im Jahre 1950, auf dem Wege zurück, schreibt Arendt seinen „Gruß an Europa“, der den alten Dualismus zwischen Leid und Utopie in neuer Form darbietet. Von Geschichte ist die Rede, und zwar für den Dichter von nun an richtungsweisend so:

… während
mit gnadenlos fallendem Würfelschlag
hier über Dächer und Schollen
die Geschichte ging.

Sie ist das Verderben der vielen Menschen. Aber noch ist sie in dieser Gestalt nicht allein maßstabgebend:

Doch im fensterlos lastenden
Felsblock der Tage
ein Lächeln!

Dieses Motiv, das in den späten Texten wieder auftaucht als Lächeln der Kouroi, wird in Beziehung gebracht zu „Lenins unsterblichem Lächeln“ – „stündlich und im Herzen / der Völker“ geboren:

Sieg
des Menschen, der
seine Heimat hat.

Der alte Dualismus hat sich auf merkwürdige Art und natürlich nur scheinbar aufgelöst. Das Leid der Erde heißt jetzt Geschichte, aber noch wird die Utopie denen zuerkannt, die wirkliche Geschichte machen. So sagt Arendt selbst Anfang der fünfziger jahre, in der Einleitung zu seiner Gedichtsammlung Tolú über den Bogotáner Aufstand von 1948:

Zutage trat: unter dem Schutt verstummter, zerbrochener Herzen hatte ein Traum weitergelebt, berufen, die unbarmherzige Welt… zu verändern von Grund auf:… Es reift ein Menschenmaß… Und unter den dunklen neugeborenen Händen wird auch hier eine humane Landschaft erwachsen…, das frohe Gesetz der Gemeinsamkeit, die Freiheit… Aufgang der Gesittung, auf einer Erde, die das Leben feiert.

Diesem Oszillieren des Bewußtseins von der Geschichte entspricht ein Schwanken der in der DDR neu geschriebenen Lyrik zwischen Modernität und Konventionalität, Originalität und Zitat. So enden die 1959 veröffentlichten Flug-Oden recht sentimental:

Zerstörend ist
und segnend, Erde,
Erderschütternder
dein Mensch.

Oder davor, ganz im Sinne eines „Grußes An Europa“:

Und zerbrechend
das steinerne Antlitz,
jahrtausendalt – o Schmerz
o Flamme! – Aurora
kündete den gesetzlichen Tag,
eine Möglichkeit
dem Menschen.

Unzweifelhaft waltet da noch der ziemlich verbreitete utopische Impetus, der sich von den zwanziger und dreißiger Jahren her tradiert hat, in der Erwartung sowohl eines schnellen Fortgangs der revolutionären Weltbewegung als auch eines gleichsam nachgeschichtlichen, also herrschaftsfreien Funktionierens der postrevolutionären Gesellschaft.
Doch auch die neue Gemeinschaft der Menschen, das zeigt sich bald, hat ihr Maß in der Geschichte. Damit ist der – sowieso nur scheinbar – ausgeglichene Widerspruch zwischen Leid und Utopie wieder aufgerissen. Die Geschichte als Prinzip wird bei Arendt jetzt zum „Blutreigen“, ihr „Wolfshunger“ ist vernichtend. Ein Gegenprinzip gibt es nur noch im „Menschheitsmythos“, mythisch allein sind die Verhältnisse menschlich, produzieren eine „Humanität“, die den Menschen „nicht als Person allein, nicht als Teil einer Gemeinschaft nur, sondern als die Wesenhaftigkeit, die gelebt sein will, unbedingt und ungeschmälert, will“ – wie es in der Bildband-Prosa des Autors heißt. In bestimmten Phasen des klassischen Altertums findet er solche Bedingungen. Die Kouroi, Jünglingsstatuen, drücken diesen Zustand in ihrer Haltung aus, „nicht mehr der Immerunterlegene sein, des Todes, der Schicksalsblindheit“:

Das entgrenzend Kosmische hat nach Jahrtausenden furchtsamen Daseins eine Grenze gefunden, und selbstsicher, Gott und Mensch in einem, schreitet der Kouros großoffenen Augs durch seinen Tag, in einem wachen Angehn gegen die dunklen, verschlingenden Mächte, die möglich, immer.

Die Produktion „mythischer“ Verhältnisse geschieht natürlich nicht im Realen, sie mag bestenfalls als Widerstand des subjektiven Daseins, des je eigenen Allgefühls gegen die Schicksalsmacht der Geschichte gedacht werden. So können wir in dem bereits 1961 verfaßten Gedicht „Kouros“ lesen:

Nach Sternäon, zwischen Halm
und Trauer ein Erstes:…
geschlossenen Augs
ein Lächeln, fast
wie am höhlenden Tod vorbei…

Doch dies Lächeln der Menschenbefreiung ist nicht schlechthin der Vergänglichkeit abgetrotzt, der existentielle „Tod“ hat zugleich die Dimension der Geschichtlichkeit:

Über uns
schwebend, im stierhäuptgen
Dunkel, die Doppelaxt
Mond, eisiger
Zeitgang…

Dieserart ist das Geschichtliche, anders als im „Gruß an Europa“, im Existentiellen aufgehoben. Damit aber hat sich die Ästhetik des Autors erneut grundlegend verändert. Er nimmt wieder die Poetik des Totalworts auf, die Worte setzen einen Innenraum, schaffen einen Ort jener „mythisch“ genannten Lebenszusammenhänge, wo „Heroik“ im Befreiungsstreben und „Tragik“ im Scheitern vor der Allmacht der Geschichte die Grenzen abstecken, das Menschenmaß.
Seit über zwanzig Jahren nun bewegt Arendt dieses Rückbesinnen auf die Moderne. Anders als der Modernismus seiner Frühphase ist es nicht nur von einem intensiven Erleben der konkreten Geschichte animiert, sondern zugleich aus dem Zwang zu einer nichtutopischen geschichtlichen Existenz gespeist. Die Annahme der eigenen Geschichtlichkeit freilich und die Absage des Glaubens an eine realsozialistische Überwindung der Geschichte (indem sie bloße „Vorgeschichte“ bleibe), ihrer Auflösung nämlich in ein seltsames Reich der Freiheit, dieser so begrüßenswerte Vorgang ist zugleich problematisch. Denn er ist trotz alledem getragen von einem Prinzip Hoffnung, das sich nicht im Realen beweisen muß und nur wenig im Realen wurzelt. Zu dieser, wie ich es nennen würde, Inkonsequenz sogleich mehr, wenn ich auf den Gedichtband entgrenzen unmittelbar zu sprechen komme. Wie auch immer, ganz klar ist, daß Arendt in seiner Hauptphase nicht schlechthin eine besondere „Handschrift“ im weiten und vielfältigen Rahmen des sozialistischen Realismus entwickelt, sondern daß er eine eigenständige Position vertritt. Sie wäre eher als modernistisch zu bezeichnen, in einem sachlichen und vor allem historischen Sinn des Wortes.
Entgrenzen. „… das Entgrenzen… bestehen!“ heißt es. Damit, wie auch im Vorausgehenden, ist schon angedeutet, daß die Vorstellung des Entgrenzens einen zweischneidigen, zunächst negativen Inhalt hat. Er steht in Korrespondenz zu dem in der Postmoderne bestimmend gewordenen Begriff der Entropie: das Auseinanderstreben, der Verlust der Humanität im „Unmaß“ der gesellschaftlichen Strukturen. Das „mythische“ Menschenmaß, das Arendt in der Inselwelt des Mittelmeeres gefunden hat, sieht ganz anders aus. Es resultiert aus dieser „Klarheit bis an die Horizonte“:

Transparent ist der ägäische Raum und sein Mensch abhold allem Verschwommenen, Verfließenden. Er geht nicht in einem Unendlichkeitsstreben auf.

Nicht entgrenzt, sondern horizontgemessen: Dort „erscheint alles eindeutig und klar und erhält die ihm gemäße Ordnung im Ganzen, sein Maß, immer greifbar für Menschenhand und -geist.“ Der Titel verweist also zum einen auf die Gefahr, daß wir das Maß menschlicher Nähe verlieren. (So in dem Gedicht „Genießend“: „… keine Berührung der Haut / schändet / … es wächst das Unverbindliche.) Derart ist mit „entgrenzen“ des Autors Anschauung von Geschichte berührt.
Aber dies Wort indiziert auch die Rückkehr seiner Utopie. In seinem Allgefühl wird das subjektive Dasein zu dem Ort, wo Gattung und Natur menschengemessen angeeignet werden. Wie Arendt über die „Ekstasis“ (des Dionysos-Kultes) mitteilt: „In seinem Außersichsein wird der Mensch des Gottes voll, wird das Ich aufgesprengt, und er tritt in den Kreislauf der Natur ein“; sie ist „ein Mittel, um in tiefere Bezirke des Daseins einzudringen“. Aufsprengung des Ichs zur utopischen Vereinnahmung der Welt („ein Amphorengefühl“, so im Gedicht „Gebirg“) oder die Entropie der Menschenordnung zur Unverbindlichkeit – das sind die Pole unter des Schreibers „Späthimmel“ (wie es in „Mitternacht“ heißt):

… meine späthimmel aber die
stürzen wollen
und
mitsterbend
du.

Das Gedicht „entrindet“, Albert Einstein gewidmet, sei beispielhaft für den ganzen Band betrachtet. Einmal, weil es einen praktischen Vergleich zu der Einstein-Elegie aus den Flug-Oden ermöglicht und insofern den Standpunkt der danach verfaßten Texte klarmachen kann. Zum anderen, weil darin Wörter vorkommen; die ebenso im Zusammenhang der Arendtschen Hauptphase neu sind. Sicher heißt es auch schon in jener Elegie (ihre Sprache passiere an diesem Punkt unkommentiert): „Das rote Cello seines Herzens / schwieg, das uns die Melodie / gestimmt der ungebrochnen Welt“; gefolgt von solchen Zeilen:

… und wanken erst,
die ihn überdauern einen Atem lang,
die Berge, erlischt,
was menschlich war,
im Auge ihm…

Doch die ungebrochne Welt, „der heile Ort“, sie sind kräftig noch in die Zukunft, wenigstens in den Weltentwurf Einsteins projiziert:

Wie reifte da
im Weltgedichte seiner Zahlen
und voll Geheimnis uns
die Nacht!

Das glatte Gegenteil nun im neuen Gedicht:

aber am grund
deiner augen längst
die mythe
tot

Das Menschliche nicht erst tot, da im Wanken der Berge die unbeherrschten Folgen jenes Zahlenwurfs spürbar werden. Schon viel früher die „Mythe“, das Menschenmaß, abgestorben. Gewiß: „stein und mensch / erd- und / himmelgebürtig // eins waren wir“ – aber das ist Vergangenheit. Einsteins Zahlenformel ist kein Weltgedicht mehr, ist leer: „welt / eine leer-formel / verziffert nun alles / gespeicherte nullen wir / computer-entseelt / gefangen // spalten! entleeren! und / spalten! bis – / fehlgeboren / der ball“ – und weiter: „und hautlos und mundlos / plastikglasauge / bloß kein umarmen / … im gummifluß-speech / eine gleichung / letztletzten grades“. So konsequent hat Arendt bisher selten die Gefahr benannt, daß aus dem Bauch der Geschichte die Fehlgeburt Menschheit kommen kann.
Was auffällt: die Sprache ist dem Umfeld moderner Technik entlehnt. Aus der Archaik in die Gegenwart:

es gleitet
motor-verhurt die hand
ins autogekröse
…?

Dennoch läßt sich selbst an diesem Gedicht demonstrieren, was ich oben als Inkonsequenz bezeichnet habe. Es endet für mich unmotiviert:

die materie
erlöst

Einstein
hat aus dem kasten
die geige genommen

er spielt

Da klingt noch arg „das rote Cello seines Herzens“ nach, „das uns die Melodie gestimmt der ungebrochnen Welt“. Der Versuch, „die winzige Ande Hoffnung: fatamorgan“ zu setzen (so in „Hafenviertel II“ aus Memento und Bild), will angesichts der Abgrundtiefe der Desillusionierung nicht immer gelingen. Doch dieser Versuch, manches Mal trotzdem erfolgreich, kommt in unserem Gedichtbuch öfter vor, und das Aufrechthalten der Utopie noch nach der Verkörperung des Schwärzesten unterscheidet Arendt beispielshalber von der Postmoderne. Etwa wenn in „Schwarz-hin“ steht:

und die eine
bemessene Nacht
öffnet ihre
unbemessene,
  drüben der Berg –
unsere Stunde

gipfelab
wenn du nicht bist
geht der Sturz

doch himmelsunter
ein Pochen ist

ein kaum
vorbestimmtes
Lächeln

,halsbrecherisch
jung‘

Oder „ Unter des Zeigers unwissendem Kreisen“ hat als letztes Wort:

ein Trost.

Oder „Ungeflüster“ bestätigt:

nun aber
als gäb es nur
dich und mich
das Wort.

Aber natürlich ist das, das ich als Inkonsequenz ansehe, dies verhallende Echo des Prinzips Hoffnung, Wesenszug der Texte von Arendt. Ihre Stärke, „die große Leere Gott“. So schließt das Buch.

Utz Riese, neue deutsche literatur, Heft 4, April 1983

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Anton Krättli: Bruckstücke eines großen Traums. Bücher von und über Erich Arendt
Neue Zürcher Zeitung, 17.6.1982.

Horst Nalewaki: Erich Arendt – entgrenzen. Gedichte
Neue Deutsche Literatur, Heft 1, 1982

 

Voodoo-Arendt

Lesung mit Erich Arendt, der jetzt achtundsiebzig Jahre alt ist und rätselhaft wie eh und je: Es leuchtet durchaus ein – obwohl es das Werk Arendts nur partiell trifft −, wenn ein junger nach Haschisch gierender Punkt-Poet entzückt, ja, emphatisch ausruft: „Ein ganzer Opium-Laden, dieser Arendt!“ (Hoffentlich will der Rabiatnik nicht der Vermutung Ausdruck geben, daß Erich Arendts, des sparsamen Wein- und Teetrinkers, späte Poesien der Einnahme bewußtseinserweiternder oder sonstwie aktivierender Drogen zu danken sind, wie sie allerdings manche der von Arendt bevorzugten Künstler und Poeten nicht gerade verschmäht haben, z.B. Henri Michaux.) Unser Punker und Underground-Poet will vermutlich sagen, daß der suggestive Vortrag des kaum merklich vor- und zurückschwingenden Greises ihn unerwarteterweise in einen hypnose-ähnlichen Zustand versetzt hat: „Es kränzt uns ein, / und / wo wir ich – / los werden, ein /spurenloser / Ernst…“; um aus „Zeitsaum“ zu zitieren. – Hölderlin und Voodoo? – Ich will gern gestehen, und andere haben mir beigepflichtet, daß auch ich mich bei Arendt-Lesungen nicht selten als williges Opfer mysteriöser Beschwörungsrituale empfunden habe – bis ins letzte „verstanden“ hat die Texte aus Arendts letzten vier oder fünf Büchern zumindest als Zuhörer bei den Lesungen des alten Schamanen mit Sicherheit keiner, wie fasziniert man auch immer gewesen sein mag −; poetischer Voodoo-Zauber, um den Gedanken auf die Spitze zu treiben, der einen von Minute zu Minute wirksamer die Farbe bzw. Nicht-Farbe „Weiß“ assoziieren läßt, das poesche „Weiß“, das Tekelili-Weiß, erinnern Sie sich? Eigensinn und Sarkasmus Elke Erbs werden voraussichtlich einwerfen wollen: „Rosa ist es gewesen, gelegentlich beige … Adolf, du spinnst wieder ’mal!“ – gut, akzeptiert und geschluckt!, wie so manches, so manches … Neulich hat mich einer in diesem Zusammenhang in gehässiger Absicht gefragt: „Wie kommt es eigentlich, daß Erich Arendt nie etwas mit den Surrealisten am Hut gehabt hat?“ Aber er hat, er hat! Im Mai 76 hat er Gregor Laschen gegenüber erklärt: „Der französische Surrealismus mit seinem automatischen Sprechen, dem Simultanschreiben aus unterschiedlichsten Bereichen heraus, wurde in der Zeit, als ich die ,Flugoden‘ verfaßte, wichtig, ebenso Ezra Pound. Nie selbst automatisches Sprechen benutzend, wurde doch beider unmittelbares Zusammenfassen verschiedenster Weltbezüge auch ein Element des Gestaltens…“ (Ein einigermaßen singulärer Fall in der sogenannten „DDR-Poesie“, und von unserem berauschten Punker offenkundig als etwas höchst Extremes erkannt; allerdings besteht die nennenswerte „DDR-Poesie“ fast ausschließlich aus remarkablen Merkwürdigkeiten, will mich mehr und mehr bedünken.) – Also nicht nur August Stramm, der das Frühwerk beeinflußte; nicht nur Klopstock, Hölderlin, Pablo Neruda, sondern auch die französischen Surrealisten sowie die surrealismusnahen Poeten spanischer Zunge, denen er als Nachdichter gedient hat. Aber Voodoo?, das denkst du dir doch wieder ’mal nur so zurecht! Tatsächlich kennt sich Arendt auch ganz gut aus in den Fibeln der Voodoo-Poesie und ihrer magischen Beschwörungssprüche – seltsam, daß es fast vergessen ist! −, nämlich als Übersetzer der Gedichte z.B. des Kubaners Nicolás Guillén, etwa der „Ballade vom Schwarzwasser-Kobold“ und des „Gesangs, um eine Schlange zu töten“, 1952 in einem Guillén-Band des Verlags Volk und Welt erschienen: „Mayómbe-bombe-mayombé! / Mayómbe-bombe-mayombé!“; und so immer wieder, bis Sensemayá, die Schlange dahin ist. (In der fast gleichzeitig entstandenen Nachdichtung Janheinz Jahns liegt die Betonung ein wenig anders – „Mayómbe-bombe-mayómbe“ −, wodurch der Spruch nicht gar so tödlich-messerhaft klingt…) Erich Arendt, wie in leichtem dennoch zwingendem Wind vor- und zurückschwingend, vor und zurück: „Mayómbe-bombe-mayombé! / Sensemayá ist tot!“ Erich Arendt, die Wörter, die Wortsplitter, die Wortkombinationen in den Raum werfend wie ein Jongleur seine irritierend schwirrenden Bällchen: „Glas-stumm / das Auge, lebt / der Mensch, doch, / einen Tag…“; der Schluß von „Kakteenland“, dem Franz Fühmann gewidmeten Gedicht. – / / −  eine Notiz, in der vorigen Woche stenographiert, einseitig genug, um alsbald wieder zerrissen zu werden?

Adolf Endler, Dezember 1981, in: Tarzan am Prenzlauer Berg, Reclam Verlag Leipzig, 1996

Stimmen

Das weltbürgerliche Kamel

E.A. ist ein Kamel
Mit einem unerschöpflichen lyrischen
Höcker. Also ein Wüstentier.
Es trabt und trabt, dann trabt
Es immer noch. Gern seh ich es
Traben in dieser und jener Wüste
Vor allem in jener. Es gibt
Dort – ja was gibt es dort.
Gibt es Oasen oder Fata Morganen
Oder beides, oder keins. Es gibt
Ein Kamel, das trabt und
Trabt. Gern seh ich es traben
In dieser und jener Wüste, vor allem
In jener
Sarah Kirsch, 1978

Und immer die uranfängliche, alles erhellende Sonne Homers: Das Feuer des Humanismus! Sie scheint streng und verzehrend über dem Inselreich der Arendtschen Dichtung, an dem anzulegen immer noch nur wenige wagen.
Georg Maurer, 1963

Von Erich Arendt wird zu lernen sein, wie sich eine Persönlichkeit durch ihr Werk verwirklicht, nicht unbeeinträchtigt durch die Gunst und Ungunst der Zeitläufte.
Heinz Czechowski, 1967

Das Medium Sprache beansprucht bei Arendt eine nahezu unangefochtene Priorität. Arendts Haltung ist in diesem Punkt radikal. Es kann einem widerfahren, von ihm in Abständen befragt zu werden, ob man nicht wie er der Meinung sei, dass das Gedicht in erster Linie angewandte Sprache zu sein habe. Arendts Frage ist rigoros gemeint: Sprache als alleinige Aufbausubstanz des Gedichts, sozusagen unter Verdampfung des Anekdotischen, ja des Erzählenden überhaupt.
Bernd Jentzsch, 1973

Sensibilität, geistige Kultur und Vitalität bilden das harmonische Fundament seiner Kunst, Pole, die so gern als unvereinbar erklärt werden.
Sie haben ihn vor mancher Fehleinschätzung bewahrt, vor allem davor, sein dichterisches Anliegen der Verflechtung von Gegenwart und Vergangenheit, Vergänglichem und Unvergänglichem, von Lust und Schmerz, Liebe und Hass, von Fließendem und Erstarrtem, von Gluthelle und Nacht unausgereift und eilig vor die Augen der Welt zu bringen.
Wieland Förster, 1973

Die Fähigkeit, durchzuhalten gegen Geschichte, eine stolze wie unersetzbare Behauptung des Ich, innerhalb eines Systems von Bestimmungen, das mit dem Ich nichts im Sinn hat, macht nicht zuletzt die Rebellion des Dichters Erich Arendt aus und seine Unbequemlichkeit, hüben wie drüben.
Gregor Laschen, 1977

Erich Arendts Kosmos ist geschichtslos; ja, geschichtspessimistisch. Der statische Duktus seiner Gedichte ist nicht preziöse Galanterie, sondern tief ernst gemeinte Resignation. Ist Credo – der Mensch ist einsam, auf sich gestellt in einem düsteren Koordinatensysten aus Eros und Tod, Trauer und Verfall.
Fritz J. Raddatz, 1978

Arendts Gedichte sind immer auch Erlebnisgedichte. Denn Erleben heißt ja nichts anderes als Leben in Besitz nehmen. Leben als Tätigkeit, direkt dem Leib verhaftet, als Hauptwort Leben Gegensatz zum Tod.
Gerhard Wolf, 1978

Die für Arendt neuartige Vertracktheit und neue Schlichtheit vieler dieser Gedichte – es fällt mir plötzlich wie Schuppen von den Augen: sie hängen mit dem Versuch zusammen den Tod zu bannen (das Phänomen des Todes poetisch zu fassen, besser so?)
Adolf Endler, 1978

Der Kinderlose verzettelte sich nicht in Möglichkeiten der Dauer, setzte ganz in die Verwandlung seines Leben in Dichtung. So gibt er seine Erfahrung nur in der Poesie weiter, die allein seine Witwe ist, seine Erbin.
Richard Pietraß in der Totenrede am 8. Oktober 1984

Ein Kind unter Wölfen, mit einer tiefen, ansteckenden Liebe zu bildender Kunst Zonen und Zeiten.
Heiner Müller, 1992

Aus: Menschen sind Worttiere – Erich Arendt 1903-1984 Texte und Bilder, Kurt Tucholsky Gedenkstätte Schloss Rheinsberg, 2003.

 

Zum 50. Geburtstag des Autors:

Uwe Berger: Zwei Dichter unserer Zeit. Zum 50. Geburtstag von Peter Huchel und Erich Arendt
Aufbau, Heft 4, 1953

Zum 60. Geburtstag des Autors:

Helmut Ullrich: Lobpreis irdischer Schönheit. Zum 60. Geburtstag des Schriftstellers Erich Arendt
Neue Zeit, 13.4.1963

Georg Maurer: Erich Arendt zu seinem 60. Geburtstag
Sonntag, 15.4.1963
Nachgedruckt in: G. M., Essay I. Halle: Mitteldeutscher Verlag 1968

Zum 65. Geburtstag des Autors:

Günther Deicke: Dichter und Weltfahrer. Erich Arendt zum 65. Geburtstag
Berliner Zeitung, 16.4.1968

Elke Erb: Erich Arendt zum 65. Geburtstag
Sonntag Nr. 16, 1968

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Günther Deicke: Poetische Sprache unserer Solidarität. Erich Arendt zum 70. Geburtstag
Neues Deutschland, 15.4.1973

Günter Gerstmann: Der geistigen Welt der Väter verpflichtet
Neue Zeit, 15.4.1973

Hinstorff gratuliert seinem Autor Erich Arendt zum 70. Geburtstag
trajekt 7, VEB Hinstorff Verlag, 1973

Zum 75. Geburtstag des Autors:

J(ürgen) Sch(midt): Ein lähmendes Gefühl ist das. Dem Dichter und Übersetzer Erich Arendt, fünfundsiebzig Jahre alt, zu Ehren
Stuttgarter Zeitung, 16.9.1978

Gregor Laschen/Manfred Schlösser (Hg.): Der zerstückte Traum. Für Erich Arendt zum 75. Geburtstag
Agora, 1978

H. U.: Kunde von Siegen und Niederlagen durch die Poesie
Neue Zeit, 15.4.1978

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Hubert Witt: Der flutharte Traum. Erich Arendt zum 80. Geburtstag
Sinn und Form, Heft 2, 1983

Hans Marquardt/Hubert Witt: Himmel und Erde. Erich Arendt zum 80. Geburtstag
Sonntag, 17.4.1983

Zum 85. Geburtstag des Autors:

Uta Kolbow: In Raum und Zeit
Berliner Zeitung, 15.4.1988

Zum 100. Geburtstag des Autors:

Uwe Grünging: Erinnerungen an Erich Arendt
Ostragehege, Heft 30, II/2003

Fakten und Vermutungen zum Autor + Archiv 1 + 2 + KLG
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Nachrufe auf Erich Arendt: Grabrede ✝ Neue Zeit ✝ ndl ✝
Neues Deutschland ✝ LITFASS ✝ Sinn und Form

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