Erich Fried: Befreiung von der Flucht

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Erich Fried: Befreiung von der Flucht

Fried-Befreiung von der Flucht

BITTE

Komm wieder auf die Wiese
auf die du noch niemals kamst
und leg dich ins Gras
in dem du schon immer liegst
laß den Uferstaub durch die Finger rinnen wie Mehl:
Wieder ist nie Immer zum ersten Mal

Komm wieder über den Sand
der über dich weht
komm wieder über das Wasser
das dich bedeckt
still der noch Unbegegneten Trennungskummer:
Nie ist nun zum ersten Mal wieder Immer

Sag wieder daß du da bist
klopf wieder an
sing dein Vergessen
daß ich es lernen kann
Wein in die Augen zurück die Tränen mach neu:
Immer ist zum ersten mail wieder Nie

 

 

 

Nachwort zur Erstausgabe von 1958

Dies ist eine Auswahl aus vielen Gedichten, die ich 1946 bis 1957 in London geschrieben habe, wo ich 1938 mit 17 Jahren ankam.
Ich weiß mich nicht nur von der modernen englischen Lyrik und einzelnen älteren englischen Dichtern beeinflußt, sondern vor allem von der Art und Weise, wie man in England – in jedem Land anders – mit Gedanken und Gefühlen umgeht, wie man sie gestaltet oder verschweigt, gegen sie oder mit ihnen lebt.
Ich hatte das Glück, in eine Zivilisation verschlagen zu werden, die den Fremden kaum heimisch werden läßt. So blieb mir meine Sprache erhalten, bereichert und zugleich bedroht und fruchtbar in Frage gestellt durch die Möglichkeit des Abstandes vom Gebrauch und Mißbrauch des Alltags, bereichert ferner dadurch, daß ich in London zu avantgardistischer und experimenteller Literatur, besonders auch zu Werken des deutschen Expressionismus, freieren Zugang hatte, als ein junger Leser in meiner Heimat ihn in jenen Jahren gefunden hätte. Zudem ist das Englische dem Deutschen gerade nahe und fern genug, seine literarischen Bewegungen und Versuche sind uns gerade fremd und verwandt genug, um nicht nur zu Manieren anzuregen, sondern uns Möglichkeiten zur Erweiterung des Sagbaren zu geben. Hätte ich mehr Talent oder Willen zur Assimilation an eine andere Kultur, so schriebe ich vielleicht „englische Gedichte in deutscher Sprache“, ja vielleicht sogar in englischer Sprache; aber dort, wo in einem Menschen Dichtung entsteht, ist er nur sehr selten anpassungsfähig oder anpassungswillig.
So sind diese Gedichte nicht „englische Lyrik in deutscher Sprache“, sondern ein Teil jener zweiten Generation deutscher Lyrik auf englischem Boden, die in Deutschland noch so gut wie unbekannt ist. Die erste Generation emigrierter Dichter und Schriftsteller sprach oft vom Einfluß der Kultur ihres Gastlandes, doch war ein solcher Einfluß in ihren Werken selbst kaum zu merken oder doch nur in der Thematik: Emigration, Fremde, Unrecht, Zeitgeschehen. Die zweite Generation wuchs in der anderssprachigen Umgebung heran und wendete sich trotz aller Zeitverbundenheit wieder den längerwährenden Grundthemen der Dichtung zu. Aber je weniger sie sich in ihrer Aussage von ihrer Heimat zu distanzieren versuchte, desto mehr neue Elemente drangen verführend oder bereichernd in ihre Arbeiten. Dabei können sich deutsche Gedichte nur an Menschen deutscher Muttersprache wenden; jede Veröffentlichung ist ein Versuch, Rilkes unwiderlegbares Wort zu überwinden, daß einer, der fortgeht, nicht mehr nach Hause kommt. Überwinden aber kann man nur kraft dessen, was man geworden ist, was man ist. Im übrigen reichen soziologische Erklärungen nicht aus, um einen Dichter oder auch nur eine einzige Zeile eines einzigen Gedichtes ganz zu erklären.
Weil ich in den letzten Jahren in Deutschland als Übersetzer des walisischen Dichters Dylan Thomas bekannt wurde, hat man Ungewohntes in meinen Gedichten gelegentlich seinem Einfluß zugeschrieben. In Wirklichkeit aber haben mich schon vorhandene Ähnlichkeiten der Auffassung, gemeinsame Einflüsse und Interessen (z.B. Bewunderung für Hopkins, Joyce, Owen, Cummings) zu ihm hingezogen. Erst drei Jahre vor seinem Tod begann ich, einige seiner Arbeiten zu übersetzen.

Erich Fried, London 1958, Nachwort

Erklärung zur erweiterten Neuauflage von 1968

Der Gedanke, Gegengedichte zu meinen eigenen Versen zu schreiben, kam mir, als mein vergriffener (1958 bei Claassen in Hamburg erschienener) Band Gedichte neu aufgelegt werden sollte. Dieser Band enthielt eine Auswahl aus den Gedichten, die ich 1946 bis 1957 geschrieben hatte.
Beim Wiederlesen wurde mir klar, wie sehr ich mich seither geändert habe, aber auch, daß ich nicht nur deshalb und nicht nur aus ästhetischen Gründen anders schreibe, sondern mehr noch, weil die Zeit, die sich auch in Gedichten spiegelt, nicht mehr dieselbe ist.
Als ich die alten Gedichte schrieb, war in der Sowjetunion Stalin noch am Leben oder wurde noch verehrt. Auch die Kämpfe und Unruhen in Vietnam waren damals noch nicht der Krieg, der sie heute sind. Den damaligen Zuständen entsprachen andere Stimmungen. Die Zeit seither zwang zu neuen Gedanken, zu neuem Formulieren.
Es liegt mir aber nicht, alte Gedichte zensierend zurechtzuschreiben oder zu unterdrücken. Der englische Dichter Auden, der auf diese Weise frühere Arbeiten verleugnen will – bei ihm die antifaschistischen Gedichte seiner besten Zeit –, war mir eine Warnung, derlei auch nicht mit umgekehrtem Vorzeichen zu versuchen. So habe ich auch keines der „versponnenen“ oder „unengagierten“ Gedichte des alten Bändchens unterschlagen. Aber dort, wo ich jetzt beim Wiederlesen fand, daß ich eine Aussage durch ein anderes Gedicht ergänzen, erweitern, vertiefen oder einem einseitigen Gedicht durch ein Gegengedicht widersprechen könnte, habe ich – wo mir etwas dazu einfiel – diese Gegengedichte geschrieben. Sie sind mitbestimmt von Form und Inhalt der Gedichte, an die sie anknüpfen, manchmal gar nicht unabhängige Gedichte, nur Postskripte, aber doch Zeichen einer Befreiung von jener Flucht und Hoffnungslosigkeit, die in vielen der alten Verse den Ton angab, so daß sogar Auflehnung und Protest oft fast bis zur Unkenntlichkeit verschlüsselt waren. Daher der neue Name des so erweiterten Bandes: Befreiung von der Flucht Gedichte und Gegengedichte. Daß so Entwicklungen erkennbar werden, scheint mir wichtiger als die Wahrung einer überholten Einheitlichkeit. Die Gegengedichte sind durch ein Quadrat vor dem Titel kenntlich gemacht. Der Vierzeiler „Spruch“ (als Gegengedicht nach „Im Hofe der Hoffnung“) ist meinem Prosaband Ein Soldat und ein Mädchen (Claassen 1960) entnommen. Das alte Bändchen endete mit einem Zyklus „Die letzte Hand“, der mittlerweile in meinem Band zyklischer Gedichte Reich der Steine (Claassen 1963) erschienen ist. An seine Stelle tritt hier ein 1966 entstandener und 1967 umgeschriebener, noch unveröffentlichter Zyklus „Mutter in Vietnam“. Der neue Zyklus entlehnt sein Motto einem englischen Zeitungsbericht, der das furchtbare Ineinander der Ereignisse zeigt. Der alte Zyklus trug ein Motto aus Des Knaben Wunderhorn. Dort stand auf der letzten Seite:

Wenn die Knaben beim Spiel das letzte, was sie haben, einsetzen, singen sie:

Die letzte Hand klopft an die Wand,
Die wird mich nicht verlassen.

Wenn wir das letzte, was wir haben, einsetzen, dürfen wir das vielleicht auch noch hoffen.

Erich Fried, London 1968, Nachwort

Nachwort zur erweiterten Neuauflage von 1983

Diese Neuauflage ist gewissermaßen eine Synthese aus dem ursprünglichen Band Gedichte (1958) und der erweiterten Neuauflage Befreiung von der Flucht (1968). Der Zyklus „Die letzte Hand“, der in der Ausgabe von 1968 weggelassen war, ist wieder aufgenommen, der Zyklus „Mutter in Vietnam“ ebenso wie die Gegengedichte zu einigen der 1958 veröffentlichten Gedichte sind beibehalten.
Zum Zyklus „Mutter in Vietnam“ möchte ich sagen, daß ich meine Meinung über Amerikas Vietnamkrieg nicht geändert habe, daß aber dieser Zyklus vor der Veröffentlichung der sogenannten „Pentagon Papers“ entstanden ist, so daß ich – dem damaligen Informationsstand entsprechend – die Schuld Kennedys etwas zu niedrig und dementsprechend die Schuld Lyndon B. Johnsons an diesem Krieg zu hoch eingeschätzt habe.
Zu den Gedichten – und Gegengedichten – ebenso wie zum Zyklus „Die letzte Hand“ stehe ich nach wie vor.
Diese Ausgabe enthält auch das ursprüngliche Nachwort zur Erstausgabe von 1958, ohne das meine Bemerkungen zur erweiterten Neuauflage von 1968 eigentlich nicht ganz verständlich waren.
Eines noch: Die Gegengedichte hatten nicht, wie einige Leser meinten, die Absicht, die Gedichte, an die sie anknüpften, zu widerlegen oder zurückzunehmen, sondern wollten nur andere, zum Teil antithetische Aspekte aufzeigen, an deren Artikulierung mir lag.

Erich Fried, London 1982, Nachwort

 

Über dieses Buch

Als Erich Fried 1958 zum ersten Mal in der Bundesrepublik seine Gedichte der Jahre 1946 bis 1957 veröffentlichte, fanden sie wenig Beachtung; der Durchbruch kam erst mit den Warngedichten 1963 und dem Band und Vietnam und 1966. Zehn Jahre nach dieser Erstveröffentlichung konfrontierte er seine frühen „versponnenen und unengagierten Gedichte“ (Fried) der 50er Jahre mit „Gegengedichten“, die seine Entwicklung als Lyriker während der turbulenten und vom Protest bestimmten 60er Jahre belegen, und nannte diesen selbstkritischen Band Befreiung von der Flucht. Zwar knüpfen die „Gegengedichte“ in Form und Inhalt an die frühen Gedichte an, doch sind sie für Fried nun – so schreibt er selbst im Nachwort 1968 – „Zeichen einer Befreiung von jener Flucht und Hoffnungslosigkeit, die in vielen der alten Verse den Ton angab, so daß sogar Auflehnung und Protest fast bis zur Unkenntlichkeit verschlüsselt waren“.
Die vorliegende Neuausgabe der „Gedichte und Gegengedichte“ – erweitert um den 1968 fortgelassenen Zyklus „Die letzte Hand“ – ist ein poetisches Zeitdokument, das die politischen Vorstellungen und das Weltverständnis der 50er Jahre den Auffassungen der engagierten 68er-Generation entgegenstellt. Das gemeinsame Thema: die Angst vor dem Krieg, der, scheinbar einer Naturgewalt gleich, immer wieder über die Menschen hereinbricht. Lyrik, geschrieben nach Auschwitz und Hiroshima und zur Zeit des Vietnamkrieges.

Fischer Taschenbuch Verlag, Klappentext, 1984

 

Märchen und Gegensagen…

LOGOS

Das Wort ist mein Schwert
und das Wort beschwert mich

Das Wort ist mein Schild
und das Wort schilt mich

Das Wort ist fest
und das Wort ist lose

Das Wort ist mein Fest
und das Wort ist mein Los

1958 hatte Erich Fried eine erste eigenständige Gedichtsammlung in Deutschland herausgegeben, mit dem schlichten Titel Gedichte. Einige dieser Gedichte kamen später in den Band Reich der Steine und der Rest sollte 1968 in einer Neuauflage erscheinen. Fried, der bei der Durchsicht der Texte erstmals die fast schon radikale Änderung seines Gedankenguts und seines Stils erkannte, stimmte der Neuveröffentlichung nur unter einer Bedingung zu: Das er, zu jedem Gedicht, bei dem ihm dies möglich und nötig schien, ein „Gegengedicht“ schreiben könne, welches man dann unter dieses alte Gedicht setzten würde.
Fried, der seine frühen Texte oft als Flucht aus der Verantwortung sah, nannte den Band deshalb: Befreiung von der Flucht.
Wenn man von wenigen (Gegen-)Gedichten absieht, finden wir hier fast nur poetische Bilderrätsel und Märchengebilde, wunderschön, manchmal auch trüb, manchmal melancholisch, manchmal aufbäumend:

Reiten die Küsse vorüber auf Pferden des Herzens
herzhafte Rosse tragen die Schützen der Lippen
schön geschwungen die Bogen… und Pfeile züngeln…


Mein Glaube
ins Haar der Fische geflochten
Meine Liebe
in das Wasser der Wüste geschrieben
Meine Hoffnung
ans Ohr der Wunder gelegt


Schlange zu Ziegenhorn
Füllhorn zu halbem Apfel
Apfel zu Löwenkopf
Löwe zu rötlichem Stier

Doch natürlich blitzt auch hier, wenn auch anmutiger und zaghafter die Auflehnung gegen und die Schilderung unserer Verfehlungen und Katastrophen durch:

Die Schwalben zogen dahin
nun ziehen die Soldaten.
Winter und Krieg
wachsen am gleichen Tod
[…]
Dummheit und Stolz
schwanken in gleichen Schalen.
Wer wird bezahlen?
Die Schwalben zogen dahin

Nur sehr selten ist eines der Gegengedichte bemüht um überdeutliche Deutlichkeit:

Ich bin der Sieg
mein Vater war der Krieg
der Friede ist mein lieber Sohn
der gleicht meinem Vater schon

Insgesamt ist es ein eher freundliches, auf poetischer Ebene greifendes Konzept. Lesenswert für alle Freunde des Poetischen.

Timo Brandt, amazon.de, 26.3.2011

 

Ein Weg zum Engagement

– Wandlungen des Lyrikers Erich Fried. –

Vielleicht wird eines Tages jemand über Erich Fried zu dem Urteil gelangen, er habe einige der schlechtesten und einige der besten Gedichte seiner Zeit geschrieben; und vielleicht wird er differenzierend hinzufügen: einige der schlechtesten nichtpolitischen und einige der besten politischen (oder sagen wir mit Krolow: „öffentlichen“) Gedichte. Tatsächlich kann man auf der Suche nach den schlechtesten zeitgenössischen Gedichten kaum an dem Band vorübergehen. Es handelt sich um eine unveränderte Neuauflage der 1958 erschienenen Gedichte, erweitert um zwanzig Gegengedichte und den Zyklus „Mutter in Vietnam“, der in der Neuausgabe das frühere Schlußgedicht „Die letzte Hand“ ersetzt.
Fried ist sich darüber im klaren, daß die alten Gedichte höchstens dazu dienen können, seine Entwicklung zu dokumentieren. Deshalb hat er auch „keines der ‚versponnenen‘ oder ‚unengagierten‘ Gedichte unterschlagen. Aber dort“, schreibt er in seinem Vorwort weiter, „wo ich beim Wiederlesen fand, daß ich eine Aussage durch ein anderes Gedicht ergänzen, erweitern, vertiefen oder einem einseitigen Gedicht durch ein Gegengedicht widersprechen könnte, habe ich – wo mir etwas dazu einfiel – diese Gegengedichte geschrieben. Sie sind mitbestimmt von Form, und Inhalt der Gedichte, an die sie anknüpfen.“
Es ist ein fragwürdiges Verfahren. Die Gegengedichte, von vornherein als unselbständige Kommentare, Nachträge, Anmerkungen zu den alten Gedichten konzipiert, negieren deren Position und drängen auf ihre Anullierung. Ganz gleich, ob und wie diese jemals erreichbar wäre, Fried scheut vor ihr jedenfalls zurück. Der Grund dafür ist, daß er die Gedichte von einst als ästhetische Gebilde noch bejaht, wo er sie als gedankliche Argumente bereits verneint wissen möchte. Die ex post bezogene Gegenposition will „Zeichen einer Befreiung von jener Flucht (setzen), die in vielen der alten Verse den Ton angab“.
Das heißt: Die Gegengedichte (sofern sie nicht wie in einigen Fällen Anspruch auf Selbständigkeit erheben können) versehen die alten Texte lediglich mit einem Frage- und Negationszeichen. Zu dem Zweck aber hätte eine distanzierende Bemerkung im Vorwort genügt.
Die Gegengedichte können den alten nichts hinzufügen, nichts von ihnen wegnehmen. Ein außerhalb eines fest umrissenen Textes liegendes Ereignis vermag diesen nicht zu verändern. Auf der Suche nach den schlechtesten Gedichten der Zeit bleibt der Leser Gebilden konfrontiert wie „Siege“, „Der Tag“, „Landstreicher“, „Kirschweihe“, „Herbstlandschaft“ (um nur einige Titel herauszugreifen).
Hinter der neuromantischen Vagantenseligkeit der Strophe: „Im Gasthaus Zum Bruder Abel / da war ein Schankmädel schön / das nahm der Wirt mir übel / er hieß mich zahlen und gehn“ würde der zum Verfasser-Raten überlistete Leser kaum Erich Fried vermuten. Erst recht nicht hinter Alliterationsschwulst wie diesem:

Geweiht sind die Weiden und Weiden
geweiht ist der Weiher
und das Geweih des Rehs aus dem bunten Wald
geweiht sind die weiten Kreise der Gabelweihe
der Hauch auf dem letzten Wein am Südhang

Und noch ein drittes Beispiel:

…Liegend
im gräsernen Grale
im Munde
der Kinder gut
munter
beim Abendmahle
aus Furcht
wird Frucht Fleisch
und Blut
Glänzende Schale
aus blasser und dunkler Glut
Kleinod
an kleinen Ohren
von reinen Toren
nichts geht im Nippen
nichts im Genuß verloren
weil der Schöpfer
im Unerschöpflichen ruht.

Dergleichen Stab- und Endreimereien, belastet mit einem falschen, nicht selten kitschigen Märchenton und mit allen Klischees der Wald-Wiesen-Brunnen-Poesie, kam auch im Jahre 1958 keine Überzeugungskraft mehr zu (auch nicht, wenn man berücksichtigt, daß die Gedichte nach Frieds Angaben zwischen 1946 und 1957 entstanden sind). Das durchschnittliche Lyrikniveau lag damals wesentlich höher; man kann sich davon leicht durch ein paar Stichproben in Höllerers Transit-Anthologie überzeugen.
Nun wird man sagen, ich habe besonders krasse Beispiele herausgesucht. In gewisser Hinsicht ja. Doch der Band wimmelt von krassen Beispielen. Sie zeigen noch deutlicher als die wenigen einigermaßen geglückten Gedichte (etwa „Liebesmahl“ oder „Teichklatsch“) den Ausgangspunkt der Friedschen Lyrik: seine Anknüpfung an die Romantik (besonders an deren englische Variante). Auch da, wo er von der Moderne beeinflußt ist, vom Expressionismus und vom Surrealismus, nimmt er Formen auf, die in einer Fortsetzung der romantischen Tradition wurzeln. Dieser Ansatzpunkt wirkt bis in Frieds jüngste Produktion nach.
Am Ende seiner bisherigen Entwicklung gewinnt Fried einen Standpunkt, der Heines Mischung: Romantik plus rationalistische Aufklärung vergleichbar ist. Hinzugekommen ist ferner der Einfluß des späten Brecht (etwa der „Deutschen Marginalien“); er ist vor allem ablesbar an den metaphernscheuen politischen Faktengedichten. Neben diese treten als weitere Haupttypen der Lyrik Frieds das absurde Gedicht und das Sprachspiel- und Sprachmeditationsgedicht. Auch ihre „paradoxe Wörtlichkeit“ dient oft (wenn auch indirekt) der Entlarvung der gesellschaftlichen Realität. Anders als bei der konkreten Poesie, in deren Nähe Frieds Sprachspiele stehen, leiten sie sich unmittelbar aus seinen romantischen Anfängen ab. Er selber nannte ihr Verfahren einmal „Aussage durch Montage von Wortklangassoziationen“. Die häufigen Schwächen dieser Gedichte (sofern sie nicht permutationsmäßig vorgehen) weisen sich als Erbe kabbalistischer Romantik aus. Die leere Klangmutation, die in einem der oben zitierten Gedichte aus Furcht Frucht macht, verwandelt in einem der neuesten Scham in Schaum und Reue in Ruhe.
Es wird Zeit, sich auf die Suche nach den besten Gedichten des Erich Fried zu begeben. Um gleich eins zu nennen: „Fachausdrücke“, das Gedicht über das „böse Friba“ und das „sogenannte Frabi“, über Fribaner und Frabiner, Fribinisierung und Frabinisation; möglicherweise die brillanteste Zwei-Deutschland-Satire, die es gibt. Sie ist enthalten in der 1966 von Kurt Morawietz herausgegebenen Anthologie Deutsche Teilung. In Frieds neueste Gedichtsammlungen hat sie keine Aufnahme gefunden.
Zu seinen besten und inzwischen auch bekanntesten Gedichten gehören eine Anzahl der „Warngedichte“ von 1964, zum Beispiel „Auf freiem Markt“ oder die Epigramme „Umweg“, „Einblick“, „Unrecht“. Die Gedichte der letzten Jahre bestätigen erneut Frieds epigrammatische Stärke. Etwa „Beim Nachdenken über Vorbilder“:

Die uns
vorleben wollen
wie leicht
das Sterben ist
Wenn sie uns
vorsterben wollten
wie leicht
wäre das Leben.

Oder „Taktfrage“:

Im
Haus
des
Gehenkten
darf
man
vom
Strick nicht
reden
weil
jetzt
sein
Henker
dort
im
Ruhestand
lebt.

Bemerkenswert scheint mir die Schlüsselstellung, die dem Epigramm im Werk Frieds zukommt. Es scheint mir als Keimzelle einer didaktischen Poesie zu fungieren, mit der Fried den Anschluß an eine große und verhältnismäßig neue Strömung der modernen Literatur gewinnt. Hierbei kommt ihm zugute, was sich in anderer Hinsicht oft als Mangel erweist: seine Ausgangsbasis von traditionellen Formen. Sie verhilft ihm zu einer Klarheit vom Schlag Lichtenbergschen Aphoristik und bewahrt ihn vor dem ansteckenden Irrationalismus, von dem die Anfänge und auch heute noch weite Bereiche der modernen Poesie beherrscht sind.
Eine der bezeichnendsten Literaturkontroversen der letzten Jahre war die zwischen Fried und Grass. In Frieds konkret-Kritik des Gedichtbandes Ausgefragt von Günter Grass nannte er diesen „einen stellenweise entsetzlich selbstzufriedenen Verseschmied“ und wurde nicht müde, ihm Redseligkeit und Trivialität vorzuwerfen. Er riet ihm zu Kürzungen und Weglassungen und fand die Liste unwesentlicher Grass-Gedichte einfach zu lang. Fried sollte sich nicht zu schade sein, von seinen kollegialen Ratschlägen selber zu profitieren. Auch seine Liste unwesentlicher Gedichte wäre beträchtlich.
Auffällig in seiner Grass-Kritik, daß sie beinahe ausschließlich inhaltlich argumentiert. Dasselbe gilt für Rühmkorfs Spiegel-Kritik von Frieds und Vietnam und. Es muß aber auch bei politischer Poesie die Frage nach der ästhetischen Qualität der Texte erlaubt sein. Einmal, weil ein Gedicht primär und vor allen anderen Intentionen einen ästhetischen Zustand realisiert, und zum andern schon allein deshalb, weil man, wenn man die Frage nach den Gründen und Qualitäten eines Gedichts ausschaltet, gleichzeitig die Frage nach den Gründen des engagierten Gedichts unterdrückt.
Auch die Vietnam-Gedichte Frieds sind Beispiele didaktischer Poesie. Man hat von ihnen besonders oft gesagt, sie seien schlechte Gedichte. Abgesehen davon, daß die besten von ihnen (beispielsweise „Das Land“, „Was alles heißt“, „Einleuchtend“) auch ästhetischen Kategorien standhalten, wird man in der deutschen Literatur vergeblich nach einem solchen präzisen Engagement am konkreten Fall suchen. Denn selbst Brecht und Rühmkorf vertreten mehr ein Engagement der Richtung. Hier wird zum erstenmal versucht, das aktuelle politische Tagesgeschehen mit poetischen Mitteln zu kommentieren und zu kritisieren.
Zum Teil mit einer Genauigkeit, die ihresgleichen sucht:

17.–22. Mai 1966: Aus Da Nang
wurde fünf Tage hindurch
Täglich berichtet:
Gelegentlich einzelne Schüsse
Am sechsten Tag wurde berichtet:
In den Kämpfen der letzten fünf Tage
In Da Nang
bisher etwa tausend Opfer.

Frieds Agitationslyrik ist da am stärksten, wo sie das Verfahren der Rekapitulation von Fakten strikt anwendet. Sie wird vage, pathetisch oder sentimental, wo sie „poetisch“ reagiert. Aber bei den Maßstäben von Agitationslyrik und angesichts der brennenden politischen Situation, in der der anderen Seite jedes Mittel recht ist, muß sich auch der Dichter mit strategischen Entwürfen begnügen und, wie Max Bense sagt, den Vollkommenheitstrick den Theologen überlassen dürfen.
In seiner Grass-Kritik polemisiert Fried gegen Marcel Reich-Ranickis Bemerkung anläßlich von „Ausgefragt“: „Den Wert einer Lyriksammlung bestimmen immer nur die besten in ihr enthaltenen Stücke“ – und tut sie als „Anthologisieren“ ab. Indem er sich möglichst viele Grass-Gedichte einzeln vornimmt, steuert er auf den Idealfall einer Lyrik-Kritik hin, die jedes Gedicht einzeln kritisieren würde.
Konfrontiert mit etwa dreihundert Gedichten Frieds, kam es mir mehr auf einen Überblick an als auf Einzelheiten. Trotz mancher Einwände bleibt als Fazit einer der wichtigsten Gegenwartslyriker, der selbst bei einer anthologistischen Betrachtung nicht Gefahr läuft, daß seine sieben mageren von seinen sieben fetten Gedichten gefressen werden und nichts übrig bleibt.

Helmut Mader, Die Zeit, 4.10.1968

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Helmuth de Haas: Aus der Dürre des Hasses
Die Welt, 20. 6. 1968

Hans-Jürgen Heise: Gesinnung aus den Wäldern. Der Lyriker Erich Fried dichtet gegen sich selbst an
Christ und Welt, 5. 7. 1968

Karl Heinz Bohrer: Befreiung von der Flucht?
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. 7. 1968

Gottfried Just: Revision eines Dichters
Süddeutsche Zeitung, 27. 7. 1968

Thomas Silvin: Vom Genauen ins Allgemeine
Süddeutsche Zeitung, 28. 1. 1984

Cettina Rapisarda: Gedichte und Gegengedichte. Erich Frieds „Befreiung von der Flucht“
Günter Häntzschel / Sven Hanuschek / Ulrike Leuschner (Hg.): treibhaus 9, edition text + kritik, 2013

 

Lesung von Erich Fried am 25.9.1986 im Literarischen Colloquium Berlin

 

 

 

Klaus Wagenbach: Nachruf auf Erich Fried

Detlef Berentzen: Ein gebrauchter Dichter. Eine Textcollage zum 15. Todestag von Erich Fried

 

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + 1 + 2 + Archiv + KLG
Georg-Büchner-Preis
Porträtgalerie
Nachruf auf Erich Fried: Die Zeit

 

Bild von Juliane Duda mit den Texten von Fritz Schönborn aus seiner Deutschen Dichterflora. Hier „Knollenfried“.

 

Erich Fried Liebesgedichte vorgetragen von Frank Hoffmann mit dem Jazztrio mg3.

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