Ernst Jandl: Zu Friederike Mayröckers Gedicht „(„Winter-Nachtigall“)“

Im Kern

Im Kern

– Zu Friederike Mayröckers Gedicht „(„Winter-Nachtigall“)“ aus dem Band Friederike Mayröcker: Ausgewählte Gedichte 1944-1978. –

 

 

 

FRIEDERIKE MAYRÖCKER

(„Winter-Nachtigall“)

o! die ganze Herde; die Hufe; die Hilferufe; die Hingabe der Sterne;
aaadie ganze Verklärung der entkernten Kinder-Nüsse (Störche
aaaaaadie aufgehn in Zuckerwasser;
aaaaaaaaaRosen in weiszem Sirup;
aaaaaaaaaaaagrünende Zephire)

gebettet im verständlichen Hymnus; in den geschickten
aaaPolsterungen der Sinne;
aaaim Auto verschränkt (aujourd’hui Neuschnee Rose
aaaaaastein-blau nach unzerbrechlichen
aaaaaaaaaTheorien!)

ich erreiche dich nicht; nicht in schlanken Äonen; nicht im
aaaJägerlatein;
aaadeine Zeit ist verzehrt; dein Blut ist verwirkt;
aaaaaawir sind verloren; wir haben verspielt;
aaaaaaaaawir spielen auch nicht um den Preis
aaaaaaaaaaaaunsres Abschieds

(.. „eine Winter-Nachtigall in deinem Herzen..“
aaa.. „eine Rose in meiner Hand..“
aaaaaa.. „ein Stern in deiner Brust..“
aaaaaaaaa.. „ein Kind an meinen Augen..“
aaaaaaaaaaaa.. „was schön ist..“)

eine Dämmer-Schere; ein Schwan; eine Kälte;
aaaZwinger; Gerüstwerk; Freigebigkeit aus Verzweiflung;
aaaaaaKalkgeäder; Verkettung; verlorene Frost-Hunde am Halfter;
aaaaaaaaaversteinte Züge; Angstwalze; Dampf;
aaaaaaaaaaaaHände übers Gesicht geschlagen;
aaaaaaaaaaaaaaadarunter Lächeln in Sekunden verschneit

aaaaaa.. so hingestreckt in Trauer:

aaaaaaaaa(„blühende Asche –“)

 

Friederike Mayröcker: („Winternachtigall“)

Das Gedicht heißt: „(„Winter-Nachtigall“)“
Ich sage dazu:
Dieses Gedicht ist von Friederike Mayröcker [geb. 1924] und heißt „(„Winter-Nachtigall“). Jetzt weiß ich, wie ich es benennen kann:
(„Winter-Nachtigall“). Jetzt will ich es kennen.
Das Gedicht heißt: „(„Winter-Nachtigall“)“
Ich sage dazu:
Winter ist die Zeit, und die Region, des Frostes. Die Nachtigall ist ein Zugvogel, der für diese Zeit diese Region verläßt. Der Winter ist das Alter des Lebens. Die Nachtigall ist Sommer und süßer Gesang. Die Nachtigall ist ein romantischer Vogel. Die Winternachtigall singt nur: für dieses Gedicht.

Das Gedicht beginnt:

o! die ganze Herde; die Hufe; die Hilferufe;

Ich sage dazu:
Es beginnt wie ein erschreckender Traum.
Das Gedicht beginnt nochmals und sagt:

o! die ganze Herde; die Hufe; die Hilferufe; die Hingabe der Sterne;
aaadie ganze Verklärung der entkernten Kinder-Nüsse (Störche
aaaaaadie aufgehn in Zuckerwasser;
aaaaaaaaaRosen in weiszem Sirup;
aaaaaaaaaaaagrünende Zephire)

Ich sage dazu:
Es beginnt ein erschreckender Traum, aber dann wird alles ganz ruhig. Etwas ist in einem schrecklichen Abgrund versunken. Aber dann sehe ich den Himmel mit Sternen bedeckt, und die Sterne gehören mir. Solange ich ein Kind bin, gehören die Sterne mir. Es ist Nikolaustag, wir Kinder haben Nüsse bekommen. Ich habe einen kleinen Zuckerstorch in ein Glas Wasser getan, und er ist zergangen. Jetzt sind alle Nüsse leer. Ich bin schon lange kein Kind mehr. Aber ich träume davon. Es ist Winter. Aber ein milder Wind wird aufkommen und das Land wieder grün machen. Ich habe fast vergessen, wieviel schon im Abgrund versunken ist.

Das Gedicht hat gesagt:

o! die ganze Herde; die Hufe; die Hilferufe; die Hingabe der Sterne;
aaadie ganze Verklärung der entkernten Kinder-Nüsse (Störche
aaaaaadie aufgehn in Zuckerwasser.
aaaaaaaaaRosen in weiszem Sirup;
aaaaaaaaaaaagrünende Zephire)

Das Gedicht sagt:

gebettet im verständlichen Hymnus; in den geschickten
aaaPolsterungen der Sinne;
aaaim Auto verschränkt (aujourd’hui Neuschnee Rose
aaaaaastein-blau nach unzerbrechlichen
aaaaaaaaaTheorien!)

Ich sage dazu:
Ich kenne eine Hymne, einen Lobgesang. Ich habe einen Lobgesang gekannt. Und ich habe ihn verstanden. Alles war darin enthalten, Gott, die ganze Schöpfung, und ich. Ich war eingebettet darin, und es gab keinen Tod. Und noch etwas anderes gab mir vollkommene Sicherheit: ich konnte die Welt in mich aufnehmen, mit allen meinen Sinnen, schauend, hörend, riechend, schmeckend, tastend; ich konnte die Welt in mich aufnehmen mit allen meinen Sinnen, und jede Bangigkeit war wie weggewischt. Und ich konnte mich anvertrauen, wie dem guten Fahrer eines sicheren Wagens, ich mußte mich um nichts kümmern und würde das Ziel wohlbehalten erreichen. Und ich konnte mich den Wörtern anvertrauen, die mich nie im Stich lassen würden, schönen Wörtern wie „Neuschnee“, „Rose“, „stein-blau“, oder einem französischen, ich hatte die Sprache zu lernen begonnen, „aujourd’hui“ – ,heute‘, in dieser schönen Sprache; alles gab Sicherheit, alles war ausgedacht, „nach unzerbrechlichen Theorien“, und ich mußte mich an den Abgrund nicht erinnern. Das Gedicht aber sagt:

ich erreiche dich nicht; nicht in schlanken Äonen, nicht im
aaaJägerlatein;

Ich sage dazu:
Ich erreiche das Kind nicht, das ich einmal war; oder: ich erreiche dich nicht, wer immer du bist; oder: ich erreiche dich nicht, Geliebter; oder: ich erreiche dich nicht, Gott; alle Zeit reicht nicht aus, dich zu erreichen; alle Geschichten, die ich mir zurechtmachen kann, reichen nicht aus, dich zu erreichen.

Das Gedicht hat gesagt:

ich erreiche dich nicht; nicht in schlanken Äonen, nicht im
aaaJägerlatein;

Das Gedicht sagt:

deine Zeit ist verzehrt; dein Blut ist verwirkt;
aaawir sind verloren; wir haben verspielt;
aaaaaawir spielen auch nicht um den Preis
aaaaaaaaaunsres Abschieds

Ich sage dazu:
Ich habe mir das Leben ganz anders gedacht; ich bin in einen Zustand ohne Hoffnung geraten; aber ich bin nicht bereit, mich von dir zu trennen, wer immer du bist; und ich bin nicht bereit, mich von mir, wer immer ich bin, zu trennen.

Das Gedicht hat gesagt:

deine Zeit ist verzehrt; dein Blut ist verwirkt;
aaawir sind verloren; wir haben verspielt;
aaaaaawir spielen auch nicht um den Preis
aaaaaaaaaunsres Abschieds

Das Gedicht sagt:

(.. „eine Winter-Nachtigall in deinem Herzen..“
aaa.. „eine Rose in meiner Hand..“
aaaaaa.. „ein Stern in deiner Brust..“
aaaaaaaaa.. „ein Kind an meinen Augen..“
aaaaaaaaaaaa.. „was schön ist..“)

Ich sage dazu:
Ich spreche mit dir, wer immer du bist. Ich spreche mit mir, wer immer ich bin. Es ist Winter. Aber es gibt noch Gesang. Es gibt noch, was schön ist: das Herz, die Rose, die Hand, den Stern – in deiner, meiner, Brust. Es gibt noch, was schön ist, wir können es, noch, benennen, wer immer wir sind.

Das Gedicht hat gesagt:

(.. „eine Winter-Nachtigall in deinem Herzen..“
aaa.. „eine Rose in meiner Hand..“
aaaaaa.. „ein Stern in deiner Brust..“
aaaaaaaaa.. „ein Kind an meinen Augen..“
aaaaaaaaaaaa.. „was schön ist..“)

Das Gedicht sagt:

eine Dämmer-Schere; ein Schwan; eine Kälte;
aaaZwinger, Gerüstwerk, Freigebigkeit aus Verzweiflung;
aaaaaaKalkgeäder; Verkettung; verlorene Frost-Hunde am Halfter;
aaaaaaaaaversteinte Züge; Angstwalze; Dampf;

Ich sage dazu:
Das Licht wird abgeschnitten. Ein Schwan ist schön. Kälte bricht ein. Wir, wer immer wir sind, sind Gefangene. Jedem Bettler muß ich etwas geben; jeder könnte ich sein. Wir sind im Stein. Wir sind Stein. Wir werden zermahlen.
Das Gedicht hat gesagt:

Zwinger; Gerüstwerk; Freigebigkeit aus Verzweiflung;
aaaKalkgeäder; Verkettung; verlorene Frost-Hunde am Halfter;
aaaaaaversteinte Züge; Angstwalze; Dampf;

Das Gedicht sagt:

Hände übers Gesicht geschlagen;
aaadarunter Lächeln in Sekunden verschneit

Ich sage dazu:
Dazu ist nichts zu sagen.
Das Gedicht hat gesagt, sagt, und endet:

aaaaaaHände übers Gesicht geschlagen;
aaaaaaaaadarunter Lächeln in Sekunden verschneit

.. so hingestreckt in Trauer:
(„blühende Asche –“)

Ich sage dazu:
(„Winter-Nachtigall“)
……………………..

Und jetzt, Friederike, lies bitte dein Gedicht.

Ernst Jandl, 11.5.1975, aus Friederike Mayröcker: Das Jahr Schnee, Volk und Welt, 1985

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