Ernst Jandl: Zu Felix Dörmanns Gedicht „Was ich liebe“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Felix Dörmanns Gedicht „Was ich liebe“ aus Gotthart Wunberg (Hrsg.): Die Wiener Moderne. –

 

 

 

 

FELIX DÖRMANN

Was ich liebe

Ich liebe die hektischen, schlanken
Narzissen mit blutrotem Mund;
Ich liebe die Qualengedanken,
Die Herzen zerstochen und wund;

Ich liebe die Fahlen und Bleichen,
Die Frauen mit müdem Gesicht,
Aus welchen in flammenden Zeichen,
Verzehrende Sinnenglut spricht;

Ich liebe die schillernden Schlangen,
So schmiegsam und biegsam und kühl:
Ich liebe die klagenden, bangen,
Die Lieder von Todesgefühl;

Ich liebe die herzlosen, grünen
Smaragde vor jedem Gestein;
Ich liebe die gelblichen Dünen
Im bläulichen Mondenschein;

Ich liebe die glutendurchtränkten,
Die Düfte, berauschend und schwer;
Die Wolken, die blitzedurchsengten,
Das graue wutschäumende Meer;

Ich liebe, was niemand erlesen,
Was keinem zu lieben gelang:
Mein eigenes, urinnerstes Wesen
Und alles, was seltsam und krank.

 

Ein Gedicht und ein Freund

Daß ein im Wien des Jahres 1870 geborener Felix Biedermann sich als Verfasser von Gedichten wie diesem seines Geschlechts nicht, wohl aber des Geruchs von Biederkeit entledigte, dabei Überdeutlichkeit vermeidend, nämlich auf die Verdoppelung des „r“ – „dürr“, „ausgedörrt“ – verzichtend, zeugt vom Instinkt des damals noch nicht Dreißigjährigen, der mit seinen Lyrikbänden Narcotica und Sensationen Aufsehen zu erregen verstand, es kaum vermutend, er würde gute zehn Jahre später zusammen mit einem zweiten für Oscar Straus das Libretto zur Operette Ein Walzertraum erstellen, worin insgesamt sich seine künstlerische Spannweite ebenso wie, vielleicht, eine gewisse Prädestiniertheit zur schließlich fast totalen Vergessenheit manifestieren mag.
Wenig Zweifel, daß der zu Hitlers Amtsantritt beinahe fünf Jahre bereits Verstorbene nach Ruhm und Lohn aus war, wovon er das erste mit Sicherheit erreicht hat. Was damals zog, dem überließ sich der ein Risiko nicht scheuende, seiner Mitwelt dienende, um die Nachwelt eher unbekümmerte Dichter Felix Dörmann mit Charme. Kein Black Friday mehr ließ ihn erzittern. Seine Biographie zeigt, inwieweit ihn der Erste Weltkrieg beschäftigte, und im Geburtsjahr seines gegenwärtigen Interpreten (1925) erschien Jazz, Dörmanns „Wiener Roman“.
Für den mit achtundfünfzig Jahren Gestorbenen hatte es nichts von dem gegeben, was unsere Jugend nach und nach unterminierte und in unsere der modernen Zivilisation sich gierig öffnenden Schnäbel die Jauche des Nationalsozialismus goß. Während der Zweite Weltkrieg bereits tobte, wurden Dietrich Burkhard und ich Freunde fürs Leben, unser künftiges Leben, von dem wir uns hinter der grotesken Fassade einer mit pseudoklassischen Ornamenten aufgeputzten Gymnasiastenzeit in der Isolation unserer juvenilen Beziehung aus glitzernden Bruchstücken ein Bild zusammenzusetzen versuchten, aufgefunden im Schutt unseres ringsum zusammenbrechenden großen europäischen Hauses.
„Atonalitat“, „Expressionismus“, „Schönberg“, „Psychoanalyse“, „Kubismus“, „Abstrakte Kunst“, „Nacktrevue“, „Jazz“, „August Stramm“, „Freie Liebe“, „Jonny spielt auf“, das waren Splitter dessen, was die Welt einst wieder sein würde, auch für uns. Ade, mein Freund Dietrich, 1945 zu Tode gekommen durch die Bestie Hitler und die Furie seines Kriegs. Ich dann allein; aber jede Zeile, die ich je schrieb, auch in Dietrichs Namen. – Felix Dörmanns Gedicht „Was ich liebe“, darauf pochte mit dem harten, treffsicheren Finger des Meisterpianisten, der zu werden er alles Talent besaß, mein Freund Dietrich.
„Zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl, flink wie Windhunde“, so waren wir geplant; daher konnte Dörmanns Bekenntnis für sechzehn- und siebzehnjährige Ungetäuschte, Undeutsche, nicht vom Bösen Getaufte zum Programm werden. Ach, wir fiebernden, denkend gequälten, zerstochenen Herzens, wir fahlen, bleichen, müden, uns nach Freiheit verzehrenden, nach Frauen glühenden, wir klagenden, bangenden, seltsamen, kranken Knaben von einst.
„Friede“ – das war keineswegs das erlösende Wort für uns, sondern vielmehr: die Niederlage Deutschlands, die Ausrottung des Nationalsozialismus, die Liquidierung Hitlers. Danach dann der neue, der glorreiche Kampf, geführt mit allen Waffen der modernen Kunst, die für uns gleich der Welt war. So war es.

Ernst Jandlaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Fünfzehnter Band, Insel Verlag, 1992

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